Heimkehr nach Santorin

Nach dem Tod ihres Mannes fährt die berühmte Chansonsängerin und Tänzerin Marina Monfort auf die griechische Insel Santorin. Vor vielen Jahren, bevor sie sich für ihre Karriere entschieden hatte, lernte sie hier in den Armen eines jungen Fischers die Liebe kennen. Was wird sie diesmal vorfinden?

Claudia Siebold stand vorn auf dem Deck des Schiffes. Vor ihr tauchte das rotgefärbte Felsenrund der griechischen Kykladeninsel Santorin auf. Hoch oben auf den Klippen thronte Thira, die Hauptstadt. Weiss leuchteten die Häuser in der Sonne. Ihr Herz war von Freude, aber auch von Zweifeln und Bangigkeit erfüllt. Es war eine Reise in die Vergangenheit. Was würde sie hier erwarten?

Als Claudia am nächsten Tag durch die Gassen von Thira spazierte, folgen ihr viele bewundernde Männerblicke. Ihr Gang und ihre Bewegungen waren geschmeidig, die nackten Füsse mit dem hohen Spann einer Tänzerin streckten in roten Sandalen. Das blonde Haar trug sie jetzt kurz, und ihre ausdrucksstarken, graublauen Augen verbarg sie hinter einer dunklen Sonnenbrille. Sie war 43 Jahre alt, doch ihr Körper war so jungendlich und straff, dass manch ein junges Mädchen sie darum beneiden konnte.

Während sie die Szenerie um sich herum betrachtete - spielende Kinder; ein Kätzchen, das über die Gasse huschte; eine alte, schwarzgekleidete Frau, die ihren Einkaufskorb nach Hause trug - fragte sie sich wieder, ob sie das Recht hatte, nach so langer Zeit zurückzukommen. Dimitri war sicher verheiratet, hatte Kinder. Sie wollte nicht in sein Leben einbrechen, wollte nur sehen, wie es ihm ging. Wenn er glücklich war, würde sie wieder nach Frankreich zurückkehren. Vielleicht war er ja auch fortgezogen? Der Gedanke schmerzte.

Sie erreichte den kleinen Platz vor dem weissgetünchten Haus mit den blauen Fensterläden und dem schmiedeeisernen Balkon. Das handgemalte Schild "Taverna" hing immer noch über der Tür. Unter dem Schatten eines Feigenbaums standen zwei Tische mit Stühlen. Claudia setzte sich, nahm ihre Sonnenbrille ab und atmete ein paarmal tief ein, damit ihr Herzschlag sich beruhigte.

Ein junges Mädchen trat zu ihr, hiess sie freundlich willkommen - und platzte dann mit leuchtenden Augen heraus: "Sie sind … Sie sind Marina Monfort, nicht wahr?"

"Ach, ich bin es nicht mehr", gab Claudia lächelnd zurück.

"Sie … Sie sind wunderschön. Wie auf den Fotos. Schade, dass Sie Ihr Haar abgeschnitten haben. Und es tut mir so leid, dass Ihr Mann gestorben ist. Es ist so traurig. Darf ich wohl ein Autogramm haben?" Das Mädchen rannte ins Haus, kam mit einem Foto und einem Kugelschreiber zurück und legte beides auf den Tisch.

"Wie heisst du?" fragte Claudia.

"Helena. Helena Stavros." Als würde ihr plötzlich ihre Unhöflichkeit bewusst, wurde sie rot. "Papa wird böse sein mit mir, und er hat recht. Ich werde ihm sagen, dass Sie hier sind. Und bitte, was darf ich Ihnen als Erfrischung bringen?"

"Einen Ouzo würde ich gern trinken", lächelte Claudia und schob Dimitris Tochter das mit ihrem Autogramm versehene Foto hin. Sie folgte Helena, die in das dämmrige Innere zurückfloh, mit den Blicken. Das junge Mädchen mochte 16 oder 17 sein. Mit dem langen schwarzen Haar, den dunklen Augen und der geraden Nase könnte sie die Heldin einer griechischen Tragödie sein, aber sie war ein fröhlicher und lebhafter Teenager der heutigen Zeit.

Jetzt kam Dimitri heraus, gefolgt von Helena, die zwei Gläser Ouzo, einen Krug mit eisgekühltem Wasser und ein Schälchen mit schwarzen Oliven auf den Tisch stellte und leichtfüssig wieder verschwand.

Dimitri stand stumm da, ein gutaussehender Mann, ein wenig schwerer als damals, aber mit einem Körper, der immer noch kräftig war. Das Herz tat ihr weh vor Liebe, als sie ihn betrachtete.

"Hallo, Claudia", sagte er. Seine Stimme klang bewegt.

"Hallo, Dimitri. Ich hoffe, es stört dich nicht, dass ich hier bin? Ich wollte einfach nur sehen, wie es dir geht", erwiderte sie leise auf Griechisch.

"Du sprichst jetzt unsere Sprache?" fragte er und lächelte unwillkürlich.

"In über zwanzig Jahren hatte ich genug Zeit, um sie zu lernen."

Er setzte sich ihr gegenüber, goss Wasser auf das starke Anisgetränk und reichte ihr ein Glas.

"Du hast eine wunderschöne Tochter", sagte Claudia.

"Ihre Mutter war auch sehr schön." Er senkte den Kopf. "Maria ist bei Helenas Geburt gestorben. Ich habe sie und ihren älteren Bruder Nicholas allein aufgezogen."

Spontan legte Claudia ihre Hand auf die seine, und Dimitri zog sie nicht zurück. Als sei durch diese innige Berührung die Brücke zu damals wieder hergestellt, schwiegen sie und hingen ihren Gedanken nach.

Mitleid durchfloss Claudia, Mitleid für Dimitri, der seine Frau so früh verloren hatte. Mitleid für Helena, die ihre Mutter nie gekannt hatte. Aber wenigstens hatte Helena ihren Vater noch, während sie, Claudia, nach dem Unfalltod ihrer Eltern bei lieblosen Verwandten aufgewachsen war. Mit 16 hatte sie Obst und Gemüse auf dem Markt verkauft. Mit 18 war sie ausgerissen und hatte sich nach Paris durchgeschlagen. Sie sang und tanzte auf der Strasse, um etwas Geld zu verdienen.

Eines Tages sprach ein Mann sie an. Es war Jean Durand, ein erfolgreicher Komponist. Er lud sie zum Essen ein und versprach ihr eine grosse Karriere im Showgeschäft, wenn sie bereit war, hart dafür zu arbeiten.

Claudia sah an seinen Augen, dass er ein guter Mann war, und ergriff dankbar die Chance, die er ihr bot. Er kam jetzt für ihren Lebensunterhalt auf, liess sie bei den besten Tanz- und Gesangslehrern ausbilden. Sie war gelenkig, besass ein gutes Gehör und ein aussergewöhnliches Gefühl für Rhythmus, aber das beste an ihr war ihre Stimme: ein warmer, sinnlicher Mezzosopran, wie geschaffen für die Chansons, die Jean schrieb.

Er wollte nicht, dass sie zu früh auftrat, zügelte ihre Ungeduld, liess sie die Zeit nutzen, um perfekt Französisch und Englisch zu lernen, sich weiterzubilden und sich auf dem gesellschaftlichen Parkett sicher zu bewegen. Es waren harte Lehrjahre, und so manchen Abend weinte sich Claudia vor Erschöpfung in den Schlaf. Aber am nächsten Morgen biss sie die Zähne zusammen und machte weiter.

Als Claudia 21 war, gestand der 25 Jahre ältere Jean ihr seine Liebe und bat sie, seine Frau zu werden. Sie verehrte ihren Mentor, konnte sich keinen besseren Mann wünschen. Sie wusste, dass sie seinen Heiratsantrag annehmen würde. Trotzdem bat sie sich einen Monat Bedenkzeit aus. Einen Monat zum Atemholen …

Im Reisebüro sah sie ein Plakat von Santorin und buchte spontan eine Reise dorthin. Sie verliebte sich auf den ersten Blick in die Ferieninsel in der Ägäis. Jeden Morgen schwamm sie weit in die türkisblaue Bucht hinaus. Eines Morgens peitschte ein plötzlich aufkommender, heftiger Wind das Wasser zu hohen Wogen auf. Claudia war eine gute und ausdauernde Schwimmerin, aber als haarscharf ein schnelles Motorboot an ihr vorbeischoss, drückte der Sog sie unter Wasser. Sie geriet in Panik und glaubte schon, ertrinken zu müssen, als eine Hand sie packte und in ein schwankendes Fischerboot zog.

Ihr Lebensretter bettete sie auf den Boden seines Bootes und klopfte sanft ihren Rücken, während sie nach Atem rang und Wasser spuckte. Endlich konnte sie sich aufsetzen: "Danke", krächzte sie. "Ich war leichtsinnig, so weit hinauszuschwimmen."

Er verstand ihre Sprache nicht, aber er lächelte sie freundlich an. Er deutete auf sich, machte ungeschickte Schwimmbewegungen und schüttelte den Kopf. Claudia verstand, dass er nicht schwimmen konnte. Und dennoch hatte er sich selbst in Lebensgefahr gebracht, um sie zu retten …

Zwei Oktopusse, mehrere Tintenfische sowie einige andere Fische lagen im Boot. Der junge Grieche gab ihr in seiner beredten Zeichensprache zu verstehen, dass sein Vater, der eine Taverne in Thira besass, sich über diese Delikatessen freuen würde.

Als Dank, dass er ihr das Leben gerettet hatte, wollte Claudia ihm Schwimmunterricht geben. Am nächsten Nachmittag, bedeutete sie ihm, würde sie unten am Hafen von Skala auf ihn warten.

Er war da, wollte aber nicht, dass irgend jemand sah, wie eine Frau ihm das Schwimmen beibrachte. Also fuhren sie in seinem Boot zu einer verschwiegenen Bucht. Eine Woche später schwamm er bereits wie ein Fisch.

Irgendwann, als sie mit wasserglänzenden Körpern aus dem Meer kamen, war es Claudia plötzlich, als sähe sie Dimitri zum ersten Mal. Er hatte einen herrlichen Körper, kräftig und geschmeidig zugleich. Auch Dimitri starrte sie an. Unverhohlenes Begehren lag in seinem Blick.

Wie unter Zwang näherten sie sich einander, und als sich ihre Lippen berührten, war ihr Denken wie ausgelöscht. Engumschlungen glitten sie auf den Sand …

An diesem Abend kehrten sie nicht nach Thira zurück. In Dimitris Armen, am Strand unter dem sternenübersäten Himmel, lernte Claudia die Liebe kennen. Im Morgengrauen, als die aufgehende Sonne die Bucht mit goldenem Licht übergoss, standen sie da und hielten sich an den Händen.

Trotz des überwältigend schönen Naturschauspiels waren ihre Herzen schwer. Sie wussten, dass es keine Zukunft für ihre Liebe gab. Claudia hatte ihm in einer Pantomime von ihrer bevorstehenden Hochzeit mit Jean erzählt, von ihrem ersten Auftritt, der demnächst stattfinden sollte.

Am nächsten Tag flog sie nach Paris zurück. Im Herbst heiratete sie Jean, und ihre Karriere begann …

"Es tut mir leid, dass dein Mann gestorben ist", sagte Dimitri jetzt in ihre Gedanken hinein.

"Ja, ich war sehr traurig. Wir haben eine gute Ehe geführt. Jean war ein wundervoller Mann. Ich verdanke ihm alles." Sie brauchte Dimitri nicht zu sagen, dass sie Jean zumindest körperlich nie so lieben konnte, wie sie es gewollt und er es verdient hätte. Nicht, nachdem sie in Dimitris Armen erfahren hatte, wie Liebe sein konnte.

"Du bist eine grosse Künstlerin", fuhr Dimitri fort. "Wir alle kennen dich hier vom Fernsehen her."

"Ach, ich habe nie etwas anderes getan, als zu tanzen und Jeans Chansons zu singen. Es gibt keinen Grund, besonders stolz darauf zu sein", winkte Claudia ab. "Und ich musste viele Opfer bringen. Das grösste war, keine Kinder zu haben; aber ich hätte keine Zeit gehabt, mich um sie zu kümmern. Du hast Glück, Vater eines Sohnes und einer Tochter zu sein. Erzähl mir von ihnen, magst du?"

"Nicholas studiert in Athen. Der Junge hat sich strikt geweigert, in der Taverne zu arbeiten. Er möchte Arzt werden. Nur in den Semesterferien kommt er zurück, so wie jetzt. Morgens fischt er für die Taverne, wie ich es früher für meinen Vater getan habe. Mittags und abends arbeitet er in einem der Restaurants für Touristen, wo es gute Trinkgelder gibt. Er muss ein bisschen Geld zum Studium dazuverdienen. Zum Glück bleibt mir Helena. Eines Tages wird sie heiraten und mit ihrem Mann die Taverne weiterführen."

Er schwieg eine Weile und sagte dann: "Ich habe niemals aufgehört, an dich zu denken. Natürlich habe ich Maria geliebt, aber du warst mein Traum. Du wirst es immer sein. Denn du wirst nicht bleiben. Du hast Verpflichtungen, bist reich und berühmt …"

"Ich bin nicht so reich, wie die meisten Leute glauben. Das Leben, das Jean und ich geführt haben, hat viel Geld verschlungen. Aber ich werde nie Not leiden müssen, dafür hat Jean gesorgt. In all den Jahren meines oft hektischen Lebens habe ich immer wieder an den Frieden dieser Insel gedacht, an die Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen. Ja, auch ich konnte dich niemals vergessen."

Sie sah ihm in die Augen und wechselte das Thema: "Ist Helena eigentlich mit ihrem Leben hier zufrieden? Möchte sie nicht auch viel lieber studieren?"

"Sie hat eingesehen, dass ich nicht auch noch ihr Studium finanzieren kann. Ausserdem brauche ich jemanden in der Taverne. Sie hilft mir, und sie macht ihre Sache sehr gut. Er drehte sich um und rief: "Helena, bring uns bitte etwas zu essen!"

Claudia unterdrückte jegliche Kritik, aber sie nahm sich vor, so bald wie möglich mit Helena zu sprechen…

Das Mahl, das Helena zubereitet hatte, war köstlich. Vorweg gab es gefüllte Weinblätter, dann Tintenfisch, den Nicholas gefischt hatte, und anschliessend zartes Lammfleisch mit Reis. Zum Nachtisch brachte Helena einen Teller mit süssen Feigen.

Nach dem Essen, nachdem der letzte Gast gegangen war, half Claudia beim Aufräumen der Küche. Dimitri und seine Tochter wollten sie unbedingt daran hindern, aber Claudia liess keine Einwände gelten. "Es macht mir Spass", erklärte sie bündig. "Und du, Dimitri, hältst jetzt Siesta! Du bist bestimmt seit frühmorgens auf den Beinen."

Während sie Hand in Hand arbeiteten, fragte Claudia das junge Mädchen nach seinen Lebensplänen.

"Papa möchte, dass ich einmal die Taverne übernehme."

"Aber du, Helena", drängte Claudia, "was möchtest du?"

"Archäologie studieren", kam es wie aus der Pistole geschossen. Gleich darauf fügte das junge Mädchen erschrocken hinzu: "Aber Papa kann nicht ein zweites Studium bezahlen, und ich kann ihn auch nicht allein lassen."

In diesem Moment kam ein gutaussehender junger Mann in die Küche. Aufgeregt rief Helena ihm zu: "Nicholas, stell dir vor, das ist Marina Montford! Und sie hilft mir, die Küche aufzuräumen! Madame Monfort, das ist Nicholas, mein grosser Bruder."

"Helena, ich bin Claudia. Marina Monfort war nur mein Künstlername. Weil der schicker klang als Claudia Siebold." Sie wandte sich Nicholas zu. "Ich kenne euren Vater von früher her. Er hat mich vorm Ertrinken gerettet."

"Und Sie haben ihm das Schwimmen beigebracht", kicherte Helena. "Die Geschichte hat er uns schon tausendmal erzählt. Wir haben von ihm Schwimmen gelernt, noch bevor wir laufen konnten."

Nicholas betrachtete sie nachdenklich: "Warum sind Sie zurückgekommen?" fragte er.

"Weil ich diese Insel liebe", erwiderte Claudia ruhig. "Genügt das erst einmal als Antwort?"

Da lächelte Nicholas ihr zu, und sie hatte das Gefühl, dass er lesen konnte, was in ihr vorging.

Sie gab ihm sein Lächeln zurück und wandte sich dann an Helena: "Würdest du mir beibringen, wie du hier all diese köstlichen griechischen Gerichte zubereitest?"

"Gern, wenn Sie es möchten."

"Wenn du es möchtest", berichtigte Claudia sie. "Ich möchte es wirklich, du wirst schon sehen, warum."

Zur Freude von Helena und Nicholas, die den Nachmittag am Strand verbringen wollten, schloss Dimitri die Taverne für den Rest des Tages. Dann wandte er sich an Claudia: "Und wir? Was machen wir? Hast du Lust, zu unserer Bucht zu fahren?"

Sie nickte, und ihr Herz klopfte, als sei es ihr allererstes Rendezvous …

Die Bucht lag einsam da. Sie setzten sich in den warmen Sand, und Dimitri umarmte Claudia mit einer fast scheuen Zartheit. "Ich liebe dich", murmelte er an ihrem Hals. "Ich kann es immer noch nicht fassen, dass du da bist."

"Ich liebe dich auch, Dimitri", flüsterte sie und schmiegte sich an ihn …

Viel später, als sie ermattet, aber unendlich glücklich nebeneinander lagen, beschloss Claudia, das Thema Helena anzuschneiden. "Sei nicht böse, aber ich habe mich mit deiner Tochter unterhalten", begann sie. "Ich weiss, dass sie gern Archäologie studieren würde. Doch sie liebt dich und möchte gehorsam sein. Dimitri, ich möchte ihr Studium finanzieren. Bitte, lass es mich tun."

"Das kommt überhaupt nicht in Frage", brauste er auf.

"Sei nicht albern. Wenn deine Frau noch leben würde, hätte sie Helena unterstützt, da bin ich mir ganz sicher."

Nach einer kurzen Pause stöhnte er: "Wir sind noch nicht mal einen Tag zusammen, und schon soll alles anders werden?"

Sie küsste ihn. "Ich werde nicht lockerlassen, Dimitri; du wirst keine ruhige Minute mehr haben."

"Ich hätte es wissen müssen. Aber ich bin ja selbst schuld. Ich hätte nie zulassen dürfen, dass eine Frau mir das Schwimmen beibringt", grollte er und verdrehte die Augen so komisch, dass Claudia lachen musste.

Nun schmunzelte er selbst: "Nun gut, ein kluger Mann gibt nach. Wenn es Helenas grösster Wunsch ist, zu studieren, soll sie es tun. Welch ein Vater wäre ich denn, wenn ich sie nicht diese Chance ergreifen liesse? Aber wer wird mir dann in der Taverne helfen?"

"Ich", verkündete Claudia.

"Du?" Er schaute sie verblüfft an und fing schallend an zu lachen.

"Traust du mir das etwa nicht zu?" fragte sie ein wenig gekränkt. "Ich habe eine Menge in meinem Leben gelernt. Ich werde auch noch lernen, wie man griechische Gerichte kocht. Helena will es mir beibringen."

"Claudia! Du willst dir doch nicht etwa die Hände in der Küche einer Taverne schmutzig machen?" stiess Dimitri ungläubig hervor.

"Ich habe keineswegs die Absicht, sie in den Schoss zu legen", gab Claudia fest zurück.

Nachdenklich fügte sie hinzu: "Glaubst du, dass deine Kinder mich irgendwann akzeptieren werden?"

"Das tun sie doch schon", versicherte Dimitri und zog sie an sich. "Aber du bist berühmt, du lebst in Paris, hast deine Karriere!"

"Meine Karriere ist beendet, ohne Jean interessiert sie mich nicht mehr, ausserdem komme ich in die Jahre. Du wirst sehen, man wird mich schnell vergessen. Kein Grund, um traurig zu sein, aber ein Grund, um ein neues Leben anzufangen. Hier auf Santorin. Mit dir. Und sei nicht traurig wegen Helena und Nicholas. Sie werden immer wieder zu dir zurückkommen, zu uns zurückkommen, denn hier sind ihre Wurzeln." Lebhaft fuhr sie fort: " Ich habe auch schon Ideen für die Taverne, wir werden sie renovieren, sie freundlicher gestalten, ohne dass sie ihren Zauber verliert. Die Küche muss auch modernisiert werden, aber keine Bange, an die traditionellen Gerichte werden wir nicht rühren." Sie redete sich mehr und mehr in Begeisterung, fühlte eine seit Jeans Tod nicht mehr gekannte Energie in sich aufsteigen, aber plötzlich hielt sie ein und warf Dimitri einen raschen Seitenblick zu. Vielleicht war sie zu weit gegangen?

Dimitri runzelte tatsächlich die Stirn, aber dann sah auch er sie an - und hob komisch seufzend die Schultern: "Für mich brechen schwere Zeiten an", raunte er ihr ins Ohr, aber es klang so zärtlich, dass Claudia wusste: Sie war endlich heimgekommen …

ENDE