Inkas Puppenhaus

Mit grossem Engagement versucht Inka, den verschuldeten Familienbetrieb zu retten. Ihr Freund Lars zeigt dafür kein Verständnis ...

Inka Grothe stand in ihrem alten Parka am Küchentisch und zerteilte ein Hühnchen. Draussen fror es Stein und Bein, und im Haus war es fast genau so kalt gewesen, als sie vorhin aus der Werkstatt herübergekommen war. Die alte Zentralheizung hatte wieder einmal den Geist aufgegeben. Sie hoffte inständig, dass sie noch einmal repariert werden konnte. Woher sollte sie das Geld für eine neue nehmen? Im Grund gehörte das ganze Haus von Grund auf renoviert, aber davon durfte sie nicht einmal träumen ...

Wenn sie wenigstens eine Schulter zum Anlehnen gehabt hätte, aber da konnte sie auf Lars nicht zählen. Er wartete förmlich darauf, dass sie vor den Schwierigkeiten kapitulierte.

Sie hatte den Backofen angemacht, und allmählich wurde es warm, so dass sie den Parka ausziehen konnte. Endlich klappte die Eingangstür. Das musste Lars sein.

"Ich bin in der Küche", rief sie. "Hier ist es warm. Morgen kommt der Klempner, um die Heizung zu reparieren, oder es zumindest zu versuchen."

Er setzte sich an den Küchentisch: "Wieso bist du denn schon da?" fragte er.

"Es ist so lange her, dass wir richtig gemütlich zusammengesessen haben", erwiderte sie.

Weniger heftig als sonst fragte er: "Wann entschliesst du dich endlich, diese Bruchbude zu verkaufen? Und die Werkstatt gleich mit? Zumindest aus dem Grundstück könntest du eine nette Summe schlagen. Herrgott, du hast doch Betriebswirtschaft studiert, wie ich. Du könntest eine gutbezahlte Stelle haben!"

"Ja, auch wie du. Aber ich kann's nicht, Lars", verteidigte sie sich. "Meine Grosseltern haben diese Puppenwerkstatt gegründet und das Haus gebaut. Ich möchte die Familientradition fortsetzen. Und dann gibt es die Angestellten. Ich kann sie doch nicht im Stich lassen."

"Deine Grosseltern hatten genug Geld, um das Haus zu bauen, aber du hast nicht einmal die Mittel, um es instand zu halten!"

Sie reichte ihm eine Flasche Wein zum Entkorken. "Die Puppen wurden einst in ganz Europa verkauft, und ich möchte, dass es eines Tages wieder so wird."

"Wir leben im Zeitalter der Barbie-Puppen. Deine handgemachten Puppen sind zu teuer. Schon dein Vater kam nicht damit klar. Er hat dir vor zwei Jahren einen völlig verschuldeten Betrieb hinterlassen!"

"Das lag daran, dass er kein Kaufmann war, aber die Angestellten haben immer ihr Gehalt bekommen, und ich konnte studieren."

Nach dem Tod ihres Vaters hatte sie den Angestellten ehrlich gesagt, wie es um den Betrieb stand. Gemeinsam hatten sie beschlossen, weiterzumachen. Inzwischen hatte Inka sogar einen Teil der Schulden abbezahlen können, aber noch immer ging es den meisten ihrer Angestellten finanziell besser als ihr. In Lars' Augen eine absurde Situation.

Lars stocherte lustlos im liebevoll zubereiteten Essen herum. Eine Welle von Zärtlichkeit und Schuldgefühlen überflutete sie. Sie streckte ihm über den Tisch die Hand entgegen und sagte leise: "Ich weiss, du hast es nicht leicht mit mir. Möchtest du, dass wir endlich heiraten?"

Er zog seine Hand zurück, und dann platzte er heraus: "Wie stellst du dir denn diese Ehe vor? Wir sehen uns doch kaum noch. Du bist mit deinen Puppen verheiratet! Ich möchte Kinder haben, Inka. Und eine Frau, die Zeit hat, sich um sie zu kümmern."

"Wenn du noch ein klein bisschen warten könntest, vielleicht geht es ja bald besser?"

"Entschuldige, aber daran glaube ich nicht mehr."

Leiser fuhr er fort: "Ich hätte es dir längst sagen müssen, Inka, aber wir haben in letzter Zeit nie Gelegenheit zu einem solchen Gespäch gehabt. Ich - also, ich liebe eine andere Frau. Birgit erwartet ein Baby, und wir wollen so schnell wie möglich heiraten."

Inka starrte ihn fassungslos an. Das war also der Grund für seine häufigen Abwesenheiten in letzter Zeit. Und sie hatte ihm vertraut, hatte nicht das Geringste geahnt!

Lars dagegen wirkte erleichtert. Er hatte das Geständnis hinter sich gebracht und die Situation geklärt. Nach dem Essen fuhr er sofort zu Birgit, seine Sachen nahm er mit.

Als er gegangen war, lief Inka durch den Garten in die Werkstatt, machte Licht und sah sich das Puppenmuseum an. Dort wurde ein Exemplar jeder Puppe aufbewahrt. Inka kannte und liebte sie alle.

Sie nahm eine von ihren Lieblingspuppen in den Arm, und bald fühlte sie sich auf eine geheimnisvolle Weise getröstet. Wie damals als kleines Mädchen, wenn sie ihrer Puppe einen Kummer anvertraute ...

In den folgenden Monaten gönnte sie sich keine Pause. Sie arbeitete, um zu vergessen, um das Unternehmen zu retten. Das Wort Privatleben hatte sie aus ihrem Vokabular gestrichen.

Dann befand sie sich eines Tages in der Stadt, um dringende Einkäufe zu erledigen. Sie hatte es eilig, war mit ihren Gedanken woanders, hob kaum den Blick, während sie rasch die Strasse entlangging. Plötzlich hörte sie eilige Schritte hinter sich, eine junge Frau überholte sie, drehte sich um und musterte sie einen Augenblick, ehe sie ausrief: "Inka!"

"Christine!" Auch Inka hatte sie erkannt.

Jetzt lachten sie alle beide: "Ich war schon an dir vorbei, als mir plötzlich klar wurde, dass du das bist. Hast du ein bisschen Zeit? Wollen wir uns da ins Café setzen?"

Inka hatte keine Zeit, aber die Spannung, unter der sie gestanden hatte, fiel plötzlich von ihr ab. "Ja", lächelte sie, "gern."

Während sie darauf warteten, dass der Ober ihre Bestellung - Kaffee und Kuchen - brachte, liess Inka sich von der früheren Freundin erzählen, wie es ihr seit ihrer gemeinsamen Schulzeit ergangen war. Christine hatte Sprachen studiert, unterrichtete Deutsch und Englisch in einem Gymnasium. Eine ihrer älteren Schwestern war Zahnärztin, die andere Kindergärtnerin. Sie waren alle drei verheiratet.

"Und wie geht es Tobias? Ich erinnere mich, dass er so gern mit euren Puppen spielte, was euch ziemlich nervte."

"Er geht ihm gut, er ist Grafik-Designer geworden. So, und jetzt erzähl von dir."

Der Ober hatte das Gewünschte vor sie hingestellt, Inka trank einen Schluck Kaffee, seufzte ein bisschen und berichtete ihrer Freundin dann ehrlich von ihren Schwierigkeiten. Sie schloss: "Niemand versteht, dass ich mich derart abrackere, um unsere Puppenwerkstadt zu retten, und manchmal weiss ich selbst nicht weiter. Es müsste ein Wunder geschehen."

Christine ass nachdenklich ein Stück Kuchen. Ihr Blick schweifte in die Ferne, kehrte dann zu Inka zurück und ein spitzbübisches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht: "Mir kommt da eine Idee: Ich werde mit Tobias sprechen. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn er keine Lösung wüsste!"

Ein paar Tage später kam Tobias, um sich mit Inka zu unterhalten. Er war jetzt ein hochgewachsener Mann von etwa Mitte dreissig, blondes Wuschelhaar fiel ihm in die Stirn, und seine blauen Augen leuchteten auf, als sie ihm die Puppen zeigte. Aber beide waren sich einig, dass neue Modelle geschaffen werden mussten.

Ein Monat verging, dann klopfte es erneut an die Tür von Inkas Büro, die wie immer offen stand.

"Herein", rief sie.

Es war Tobias, der sich telefonisch angekündigt hatte. Jetzt legte er lächelnd eine dicke grüne Mappe vor sie auf den Schreibtisch: "Es war mir ein Vergnügen, diese Entwürfe anzufertigen. Ich hoffe, dass sie dir gefallen."

Sie bat ihn, sich zu setzen, dann öffnete sie die Mappe, blätterte langsam die Seiten um, und ihr stockte fast der Atem. Nie hatte sie etwas Besseres zu Gesicht bekommen, seit sie den Betrieb übernommen hatte. Es waren keine Puppen der alten Art, auch keine Barbie-Puppen, es war etwas völlig Neues. Sogar ein kleiner Teufel war dabei, der so zerknirscht aussah, dass man ihn am liebsten in den Arm genommen hätte, um ihn zu trösten.

"Du verstehst wirklich eine Menge von Puppen", meinte sie beeindruckt.

"Kein Wunder, so wie ich mit den Puppen meiner Schwestern gespielt habe - wenn sie mich liessen! Aber ich glaube, ich habe einen ganz passablen Puppenvater abgegeben." In seiner Bass-Stimme klang ein Lachen mit, und lauter sympathische Fältchen erschienen um seine Augenwinkel.

So trat der nun erwachsene Tobias Riese in Inkas Leben.

Gemeinsam setzten sie einen Vertrag auf, und alle machten sich begeistert an die Arbeit. Die Prototypen der neuen Puppen wurden gerade rechtzeitig zur nächsten Spielzeugmesse fertig. Inka selbst führte sie vor - und kam mit vollen Auftragsbüchern zurück. Inzwischen hatte sie von Christine erfahren, dass Tobias immer noch nicht verheiratet war - ganz einfach, weil er noch nicht der Richtigen begegnet sei, hätte er seinen besorgten Schwestern erklärt.

Jetzt rief sie sofort Tobias an: "Ich glaube, wir sind endgültig über den Berg! Darf ich dich zum Dank zum Essen einladen? Sagen wir Sonntag Mittag um eins bei mir?" Ihre Stimme klang so fröhlich, wie sie sich fühlte.

Er kam. Mit einem riesigen Blumenstrauss.

Sie sassen auf der Terrasse. Wilder Wein formte ein grünes Laubdach über ihnen, schützte sie vor der Sonne.

"Ein wunderschönes Haus", meinte Tobias jetzt bewundernd.

"Es ist das Haus meiner Grosseltern, aber sehr reparaturbedürftig und viel zu gross für mich allein."

"Wenn man die Ärmel hochkrempelt, lässt sich eine Menge daraus machen." Seine blauen Augen lachten, und auf einmal kam ihr die Gewissheit, dass sie nie mehr allein sein würde, dass das Haus wieder auferstehen und schon bald von Leben, Liebe und Kinderlachen erfüllt sein würde.

Schweigend sahen sie sich an. Tobias' Blick wurde weich und zärtlich, und als er schliesslich lächelte, wusste sie, dass auch er gerade eine ähnliche Zukunftsvision hatte ...

ENDE