Hallo,

so sehr viel fällt mir gerade als Vorwort nicht ein. Es wird ein wenig mystisch und irgendwann hoffentlich auch ein wenig romantisch und ach ja – es geht um zwei Jungs ;-)

Lest am besten selbst - vielleicht habt ihr ja ein wenig Spaß daran.

LG xxx


Sein Atem ging keuchend.

Seine Oberschenkel brannten.

Und trotzdem erlaubte sich Jakob keine Sekunde lang, auch nur einen Deut langsamer zu werden.

Denn hinter sich hörte er noch immer seine drei Verfolger, die ihm dicht, viel zu dicht, auf den Fersen waren.

Denn obwohl es mitten in der Nacht war, war es in dieser oftmals sternenklaren, nur ab und zu von Wolkenfeldern durchbrochenen vollmondbeschienenen Sommernacht problemlos möglich, seine Umgebung ohne größere Anstrengung ausmachen. Und seit er die Waldgrenze hinter sich gelassen hatte, fand er hinter den verkrüppelten Fichten und der Zwergstrauchheide auch keinen Schutz mehr.

Nicht zum ersten Mal auf seiner Flucht verfluchte er sich selbst und seine Unachtsamkeit, die ihn nun in ernsthafte Gefahr gebracht hatte.

Er hatte doch nur einen kleinen nächtlichen Ausritt machen wollen, hatte wieder einmal seinem Vater und den gesellschaftlichen Zwängen seines Lebens für einige Momente entkommen wollen, denen er als Sohn des Amtmanns von Wernigerode mehr als jeder andere junge Mann in der Grafschaft ausgesetzt war. Selbst von weitläufig adeligem Geblüt erwartete man von ihm seit seiner Kindheit stets tadelloses Verhalten, gebildete Konversation und den Damen gegenüber charmantes, zuvorkommendes Auftreten. Und sein gestrenger Vater hatte von Anfang an immer peinlich genau und wenig zimperlich darauf geachtet, dass er diese Erwartungen auch erfüllte.

Denn immerhin sollte er eines nicht mehr ganz so fernen Tages in die Position seines Vaters als Amtmann der Grafschaft Wernigerode nachrücken und mit ebenso eiserner, unnachgiebiger Hand die Besteuerung und die Eintreibung der Steuer in der Grafschaft im Namen des Grafen zu Stolberg-Wernigerode durchführen.

Und aus diesem Grund hatte sich sein Vater in den Kopf gesetzt, ihn zu verheiraten.

Denn, so predigte ihm sein Vater des Öfteren mit erhobenem Zeigefinger, sei er im Jahre des Herrn 1546 in dem inzwischen nicht mehr ganz so jungen Alter von 20 Jahren vor Gott und seinem zukünftigen Amt dazu verpflichtet, eine Familie zu gründen, für Nachkommen zu sorgen und sich ein von einem braven Weib geführtes Heim zu schaffen, das es ihm erlaube, unbehelligt von den schnöden Dingen des Alltags die wichtigen Geschäfte der Grafschaft zu führen.

Und zu allem Überfluss meinte sein Vater, auch noch ein passendes Weib gefunden zu haben.

Margaretha.

Ein hübsches junges Frauenzimmer mit langen dunkelbraunen, fast schwarzen Haaren und blauen Augen aus gutbürgerlichem Haus, deren Stiefvater ein angesehener Advocatus in Wernigerode war und der, nach dem Tod seiner ersten Ehefrau, die Mutter Margarethas geheiratet hatte, die von Haus aus sehr vermögend war.

Alles in allem also eine gute Partie.

Sein Vater und Margarethas Stiefvater waren sich auch schnell einig geworden, bedeutete das weitläufig adelige Blut in seinen Adern doch auch einen gesellschaftlichen Aufstieg für die Advokaten-Familie.

Die Hochzeit sollte in zwei Monaten stattfinden.

Und seitdem – waren Margaretha und ihre Familie fast jeden Tag Gast in ihrem Haus und von ihm wurde beständig erwartet, Margaretha kennen zu lernen und sie charmant zu umwerben.

Nur fiel ihm das alles andere als leicht, denn im Grunde – hatten er und Margaretha nicht allzu viel gemeinsam. Er interessierte sich nicht fürs Nähen, nicht für Stoffe und nicht für Mode. Sie interessierte sich nicht für die Kriegskunst, nicht für Politik, nicht für Pferde und nicht für die Jagd. Und wäre dies nicht schon ernüchternd genug, fand er Margaretha aus Gründen, die ihm nur selbst bekannt waren, nicht einmal attraktiv, obwohl diese – nach allgemeinen Standards – eine wahre Schönheit war.

Ihm war auch nicht verborgen geblieben, dass Margarethas Stiefbruder Caspar, Sohn aus erster Ehe des Advocatus, mehr als ein Auge auf Margaretha geworfen hatte und seine Eifersucht auf ihn und seine Verzweiflung angesichts der immer näher rückenden Hochzeit nur schwer verbergen konnte.

Aber auch Margaretha schien eher an ihrem Stiefbruder interessiert als an ihm, was die Situation nicht unbedingt einfacher machte.

Nur ihre Eltern merkten hiervon nichts oder hatten beschlossen, diese Situation einfach zu ignorieren. Und so waren die Vorbereitungen für die Hochzeit bereits im vollen Gang, der Ehevertrag beinahe ausgearbeitet und er nach wie vor nahezu jeden Abend gezwungen, neben Margaretha zu sitzen, ihr nicht ernst gemeinte Komplimente zu machen und ihr äußerlich interessiert aber innerlich mit wachsender Ungeduld zuzuhören, wenn sie über Schnittmuster und Ziernähte sprach, weil es von ihm erwartet wurde und er aus diesem Dilemma nicht heraus kam.

Und eben an diesem Abend hatte er die Situation einfach nicht mehr ertragen können, hatte, nachdem Margaretha und ihre Familie gegangen waren, noch abgewartet, bis sich sein Vater zurück gezogen hatte, hatte sich dann aus dem Haus und in die Ställe geschlichen, eines der Pferde gesattelt und gezäumt, das Pferd aus dem Stall geführt, hatte sich in den Sattel geschwungen und war davon geritten.

Die erste Strecke hatte er sein Pferd zu einem harten Galopp angetrieben, hatte sich den Wind um die Nase pfeifen lassen, hatte das Bedürfnis gehabt, sich wieder einmal frei und unbeschwert zu fühlen. Hatte das Gefühl gebraucht, als würde er auf dem Rücken des Pferdes dahin fliegen, ebenso frei und ungebunden wie ein Vogel.

Erst als er gemerkt hatte, dass die Anstrengung für das Pferd spürbar geworden war, hatte er das Pferd zunächst in einen Trab, dann in den Schritt gezügelt. Und erst in diesem Moment hatte er sich umgesehen. Und war erstaunt gewesen, dass ihn sein wilder Ritt offensichtlich zum Brokenberg, der höchsten Erhebung seiner Heimat geführt hatte.

Ohne sich weiter darum zu kümmern hatte er die Zügel locker gelassen und dem Pferd Freiraum gelassen, hatte das Pferd den Wald des Brokenbergs betreten lassen, hatte es im Schritt auf einem der Waldwege gehen lassen, hatte sich treiben lassen, dorthin, wohin das Pferd hatte gehen wollen und hatte hierbei seinen Gedanken freien Lauf gelassen.

Gedanken über die Ungerechtigkeiten der Welt.

Gedanken über eine unerwünschte Hochzeit mit einer Frau, die er nicht liebte und von der er sich nicht einmal sicher war, ob er sie mochte.

Gedanken über die Bürde als Amtmann, die auf ihn wartete und der er sich nicht gewachsen fühlte.

Gedanken an eine Gesellschaft voller Zwänge, die ihm die Luft zum Atmen nahm.

Gedanken an seinen gestrengen Vater, dem er es trotz allem recht machen wollte.

Tief in seinen Gedanken versunken hatte er nicht auf seine Umgebung geachtet.

Ein leichtsinniger Fehler, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte und ihm noch immer kosten konnte.

Denn ganz plötzlich wie aus dem Nichts waren mit lautem Gebrüll drei Gestalten aus dem Unterholz und auf ihn und sein Pferd zu gesprungen – drei schmutzige, abgerissene, bärtige, langhaarige Gestalten, die eine groß und schlank, die andere klein und dick und die dritte irgendwo dazwischen, die er sofort als Wegelagerer und Räuber erkannt hatte.

Sein Pferd hatte gescheut und ihn – in diesem ersten Moment der Überraschung – abgeworfen und war in heller Panik davon gerannt.

Er selbst hatte sich unsanft auf dem Waldboden wieder gefunden.

Doch noch bevor er sich hatte aufrappeln können, waren die drei Gestalten – bewaffnet mit Äxten und Holzknüppeln und einem bestialischen Gestank nach Rauch, Schweiß und menschlichen Ausscheidungen, der ihn beinahe in Ohnmacht hätte fallen lassen – über ihm gewesen und hatten versucht, auf ihn einzuschlagen.

Sein Glück war gewesen, dass sich die drei Banditen im ersten Moment gegenseitig behindert hatten und er – geschult durch die unzähligen Stunden, die er unter Anleitung eines kampferprobten Soldaten mit Schwert- und Nahkampftraining sowie mit Strategieschulung verbracht hatte – die Geistesgegenwart besessen hatte, sich mit einigen schnellen Bewegungen aus der unmittelbaren Schlagdistanz zu entziehen.

Schnell war er wieder auf den Beinen gewesen und hatte mit der rechten Hand nach dem Knauf seines Schwertes gesucht – und augenblicklich ins Leere gefasst.

Ungläubig hatte er auf seinen Gürtel gesehen und hatte zu seinem Entsetzen feststellen müssen, dass er sein Schwert zu Hause gelassen und nicht daran gedacht hatte es mitzunehmen.

Den drei Banditen, die sich inzwischen in einer halbwegs geordneten Reihe wieder auf ihn zu bewegten, waren seine suchenden Bewegungen und sein entsetzter Blick nicht entgangen. Ein siegessicheres Glitzern hatte sich zu der reinen Habgier und Mordlust in ihren Augen hinzu gesellt und er hatte nur noch einen Ausweg gesehen – sich umzudrehen, die Beine in die Hand zu nehmen und zu rennen, in der Hoffnung, die Räuber abzuhängen und mit dem nackten Leben davon zu kommen.

Und noch immer rannte er vor den Banditen davon, rannte den Berg hinauf, spürte die Wegelagerer in seinem Rücken, spürte das Brennen in seinen Lungen, die beginnende Erschöpfung in seinen Beinen.

Und trotzdem rannte er so schnell er konnte, rannte um sein Leben.

Immer weiter den Berg hinauf.

Über Felsen und die immer karger werdende Vegetation.

Und immer schwerer wurde es ihm, ein Bein vor das andere zu setzen.

Immer keuchender wurde sein Atem, während er die Räuber, die es gewohnt waren, sich in diesem felsigen, steilen Gelände zu bewegen, hinter sich immer näher kommen hörte.

Inzwischen hatte sich der Vollmond hinter einer Wolkenwand versteckt und spendete nur noch wenig Licht. Trotzdem war er sich sicher, dass er auf dem freien Feld noch immer gut auszumachen war.

Und er wusste plötzlich, dass er nur eine Chance hatte, wenn er seinen Häschern entkommen wollte.

Er schlug einen Haken und änderte die Richtung, zwang sich dazu, sein Tempo beizubehalten und nicht nach zu lassen und rannte weiter, so schnell er konnte, rannte und rannte, bis er sie schließlich vor sich sah.

Zwei Granitklippen von ungewöhnlicher Form – der Hexenaltar und die Teufelskanzel.

Und wie er gehofft hatte, hörte er, wie sich die Schritte der Banditen hinter ihm verlangsamten, je näher sie diesen Gesteinsformationen kamen, bis sie schließlich so langsam wurden, dass er es wagte, einen Blick über seine Schulter zurück zu werfen.

Und tatsächlich waren die drei rohen Männer in einen unentschlossenen Trab gefallen, und blieben schließlich gänzlich stehen, während er noch immer auf die Teufelskanzel und den Hexenaltar zuhielt und sich ein kleines, triumphierendes Grinsen nicht verkneifen konnte.

Denn der Aberglaube war in den ungebildeten Schichten der Bevölkerung weit verbreitet, ebenso die Angst vor Hexen, Zauberern und dem Teufel höchstpersönlich.

Und gerade über diesen Ort hier existierten unzählige Sagen und Mythen, Schreckensbilder und Gerüchte über Hexentänze, Flüche und Verzauberungen, Menschenopfer und dunkle Praktiken, die die Frauen, wenn sie unter vorgehaltener Hand erzählt wurden, der Ohnmacht nahe brachten, die Kinder erschreckten und die Männer ihre Furchtlosigkeit beteuern ließen.

Mehr als ein Mensch soll den Gerüchten nach den Brokenberg, insbesondere bei Vollmond, bestiegen haben und nie wieder zurückgekehrt sein.

Er selbst hatte die Erzählungen und Gerüchte immer nur für Ammenmärchen gehalten und sah sich in dem Moment, als er auf die gefürchtete Teufelskanzel zuhielt, darin nur bestätigt, da er dort nichts Unheimliches oder Außergewöhnliches erblicken konnte.

Noch einmal warf er einen Blick über seine Schulter zurück und sah, dass die drei Gestalten noch immer an Ort und Stelle standen und ihm – offensichtlich unschlüssig – hinterher starrten.

Sein triumphierendes Grinsen vertiefte sich, als er weiter rannte und noch immer auf die Gesteinssimse zuhielt.

Er hatte die Teufelskanzel fast erreicht, als über ihm plötzlich die Wolkendecke aufriss und er und seine unmittelbare Umgebung von den Strahlen des Vollmonds erhellt wurden.

Und ohne, dass er recht begreifen konnte, wie ihm geschah, überkam ihn das plötzliche Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren, durch die Luft gewirbelt zu werden und in einem um ihn herum explodierenden Meer aus tausend Farben völlig die Orientierung zu verlieren, bis ihm plötzlich schwarz vor Augen wurde und er schon im nächsten Moment das Bewusstsein verlor.


Genervt betrachtete Basti das bunte Treiben um sich herum.

Als Hexen verkleidete Einheimische und Touristen, Teufelsanbeter und Esotheriker oder einfach nur feierlustige Jugendliche hatten sich auf dem Brocken vor dem Hexenaltar und der Teufelskanzel auf dem weiten Platz versammelt, um dem Teufel zu huldigen, Übersinnliches zu suchen, zu feiern oder den Touristen noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen.

Und er war mitten drin.

Es war Walpurgisnacht und er konnte immer weniger begreifen, wie er sich von seiner Schwester Kim, Goth aus Überzeugung, hatte überreden lassen können, ein paar Tage mit ihr in den Harz und auf den Brocken zu fahren, um dem bunten Treiben hier einmal beizuwohnen.

Tatsächlich hatte sich Kim hier in ihren Goth-Klamotten relativ problemlos in das Gesamtbild eingefügt und hatte dem Treiben mit einiger Begeisterung zugesehen, bis sie sich sogar schließlich von ihm entfernt hatte, um, wie sie leicht vorwurfsvoll gemeint hatte, sich die Laune von ihrem miesepetrigen Bruder nicht verderben zu lassen.

Seitdem war sie irgendwo in der Menge verschwunden und er hatte sich bereits vor einiger Zeit unauffällig verkrochen – hinter die Gesteinsformationen des Hexenaltars, die dem bunten Treiben abgewandt war und hinter die sich höchstens noch ein paar wenige Pärchen zum Knutschen verirrt hatten, darum bemüht, dem hexisch-teuflischen Treiben möglichst unauffällig auszuweichen, bevor irgendeine dieser psychopathischen, als Hexen verkleideten Weiber möglicherweise auf die Idee kam, ihn am Arm zu packen und in das närrische Treiben hinein zu ziehen.

Und so versuchte er sich so unauffällig und verborgen wie möglich zu verhalten.

Gerade spielte er mit dem Gedanken, Kim eine SMS zu schreiben und sich diesem, wie er fand, nervtötenden und unsinnigen Treiben vollständig zu entziehen und zurück ins Hotel zu gehen, als er plötzlich ein Geräusch hörte, leiser als Donner aber laut genug, dass er es über das laute Treiben auf der anderen Seite der Steine gehört hatte.

Irritiert sah er in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

Und sah, dass das Geräusch nur eine kurze Distanz von ihm entfernt im Schatten der Granitfelsen von einem wilden Durcheinander von Lichtblitzen begleitet wurde, von dem er sich augenblicklich fragte, ob es sich um eine Art Wetterleuchten handeln könnte, als die Lichtblitze plötzlich immer heller wurden und – schließlich erloschen.

Stattdessen materialisierte sich wie aus dem Nichts ein menschlicher Körper, der schließlich reglos nahe der Felsen, nur wenige Schritte von ihm entfernt, liegen blieb.

Ungläubig rieb er sich die Augen.

Doch der Körper war immer noch da.

Mit wild klopfendem Herzen starrte er auf den reglosen Körper als wäre es ein Gespenst, versuchte zu begreifen, was er da gerade gesehen hatte.

Versuchte eine Erklärung zu finden, die wissenschaftlich haltbar war.

Fand keine.

Und trotzdem oder gerade deswegen zog ihn der noch immer reglos dort liegende Körper an.

Längst hörte er die Schreie und das lustige Treiben auf der anderen Seite der Gesteinsformation und auf dem davor liegenden Platz nicht mehr.

Stattdessen schob er sich hochkonzentriert, mit noch immer klopfendem Herzen und bis in die entlegensten Muskelpartien angespannt mit vorsichtigen Schritten, fast auf Zehenspitzen, näher und näher an den reglosen Körper heran.

Der Vollmond über ihm spendete ausreichend Licht, um bald schon Einzelheiten erkennen zu können.

Und was er sah, verwunderte und verunsicherte ihn nur noch mehr.

Denn vor ihm lag der Körper eines jungen Mannes in braunen Lederstiefeln, einer engen, weißen Hose, einen eng am Körper anliegenden blauen Wams aus gutem, weichem Stoff und einem breiten braunen Ledergürtel.

Die Kleidung war befremdlich anders als alles, was er kannte und auch anders als das, was die Hexen, Teufel und Touristen hier in der Walpurgisnacht bisher zur Schau gestellt hatten. Und trotzdem kam ihm die Kleidung nicht völlig fremd vor, sondern eher so, als habe er solche Kleidung schon des Öfteren gesehen.

In historischen Filmen oder im Theater.

Gänzlich verwirrt wagte er sich noch einige weitere vorsichtige Schritte näher an den Fremden heran, bis er einen Blick auf dessen Gesicht erhaschen konnte.

Ein fein geschnittenes, im Mondlicht etwas blass wirkendes Gesicht, umrandet von dunkelbraunem leicht gelocktem Haar, fein geschwungenen Augenbrauen, einer schmalen Nase und vollen Lippen.

Einen Moment lang betrachtete er einfach nur fasziniert das Gesicht des Fremden, bis er merkte, dass sich dessen Brust hob und senkte.

Der Fremde lebte!

Ohne weiter zu zögern ging er in die Knie und beugte sich über den Dunkelhaarigen, versuchte sich an irgendetwas zu erinnern, dass er in seinem letzten Erste-Hilfe-Kurs gelernt hatte, griff schließlich nach der Hand des Fremden, suchte dessen Puls, fand ihn nach mehrfachem Herumgetaste und stellte fest, dass sich der Puls des Fremden für ihn stark und regelmäßig anfühlte, was ihn in gewisser Hinsicht tatsächlich beruhigte.

Gerade wollte er die Hand ausstrecken, um die Stirn des Fremden zu berühren und nachzusehen, ob dieser möglicherweise Fieber hatte, als der Dunkelhaarige in den seltsamen Kleidern sich plötzlich bewegte.

Erschrocken wich er ein paar Zentimeter zurück, konnte seinen Blick aber nicht von dem Fremden lösen, der langsam und unter verhaltenem Stöhnen begann, sich aufzusetzen, starrte den Fremden immer noch an, mit großen Augen, unfähig sich zu bewegen, unfähig etwas zu tun, wartete, nicht sicher worauf, wartete, dass der Fremde ihn ansehen würde.

Und als der Fremde schließlich tatsächlich den Kopf hob und ihn ansah hätte ihn trotzdem nichts und niemand auf diesen Blick aus dunkelbraunen, verwirrten Augen vorbereiten können, der ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel direkt in den Magen traf und ihm für einen Moment alle Sinne raubte, so dass er erst im zweiten Moment mitbekam, dass der Fremde das Wort an ihn gerichtet hatte.

„Wa bin ich? Wer sint Ihr?"


Nachtrag:

In den folgenden Kapiteln wird Jakob immer mal wieder ein wenig Mittelhochdeutsch sprechen. Damit will ich niemanden verschrecken (es werden nur einzelne Sätze sein und nur ganz wenige und ich denke alle in sich verständlich) sondern das ganze ein wenig authentischer gestalten.

Trotzdem möchte ich hierzu noch zwei Dinge anmerken:

Zum einen habe ich keine Ahnung von Mittelhochdeutsch. Alles, was ihr lesen werdet, ist bestenfalls radegebrecht. Für Verbesserungsvorschläge bin ich jederzeit offen. Ansonsten hoffe ich, dass großzügig über die Fehler hinweg gelesen wird ;-)

Zum anderen ist mir sehr wohl bewusst, dass man 1546 im Grunde kein Mittelhochdeutsch mehr gesprochen hat, sondern Frühneuhochdeutsch. Allerdings kenn ich mich bei Frühneuhochdeutsch ebenso wenig aus, wie bei Mittelhochdeutsch. Für mein mittelhochdeutsches Radebrechen konnte ich den großartigen Walther von der Vogelweide bemühen, für Frühneuhochdeutsch fehlte mir jegliche Grundlage. Deshalb habe ich beschlossen, die Sprachgeschichte ein wenig zu biegen und zu beugen – wir könnten ja einfach annehmen, dass man dort, wo Jakob lebt, noch ein wenig länger Mittelhochdeutsch oder einen ähnlich klingenden Dialekt gesprochen hat ;-)

Und jetzt bleibt mir nur noch zu hoffen, dass ich nicht alle, die bis hierher gelesen haben, vollkommen abgeschreckt habe ;-)

LG eure xxx