Vertrau dem Schicksal

Mark steht vor den Ruinen seiner Existenz: Die Firma ist pleite, seine Frau verlässt ihn. Doch er reisst sich zusammen und beginnt ein neues Leben. Da begegnet er Heike, der Frau, die er vor 22 Jahren über alles geliebt hat ...

Mark Böttcher schloss die Haustür auf. Er fühlte sich leer und erschöpft. Heute war seine letzte Hoffnung gescheitert, seine Baufirma doch noch über die Runden zu bringen. Er hatte den grossen Sanierungsauftrag eines öffentlichen Gebäudes nicht bekommen.

Sein grösster Konkurrent, die Kohne-Bau, hatte seine scharf kalkulierten Preise noch unterboten. Für Mark Böttcher bedeutete es das Ende ...

Der Unternehmer goss sich ein Glas Whisky ein, als Isa ausgehfertig die Treppe herunterkam. Schon seit Jahren führten sie ein getrenntes Leben unter einem Dach. Er hatte zuviel gearbeitet, sie zuviel allein gelassen, warf er sich vor. Vielleicht war wenigstens ihre Ehe zu retten?

"Komm, setz dich zu mir", bat er seine Frau.

"Ich habe keine Zeit ..."

"Isa, ich muss den Konkurs anmelden", sagte er mit müder Stimme. "Wir werden alles verkaufen müssen, aber ich komme wieder auf die Beine, Liebes, ganz bestimmt ..." Er hatte ihr schon wiederholt von seinen Schwierigkeiten erzählt.

Ihr schönes Gesicht zeigte keine Gefühlsregung: "Lass uns ein anderes Mal darüber sprechen, ich muss jetzt weg!"

Mark sprang auf: "Aber wohin denn bloss?"

Schon fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Mark war allein in dem Haus, das er für Isa und sich gebaut hatte. Er hatte sich Kinder gewünscht, die Isa ihm nicht hatte schenken wollen. Dieses Haus war viel zu gross für nur zwei Menschen, kam es ihm wieder einmal in den Sinn.

"Du bist noch auf?" fragte Isa. Es war fast zwei Uhr früh, als sie nach Hause kam.

"Hast du jetzt Zeit für mich, für uns?" fragte er, doch es lag kein Vorwurf in seiner Stimme. Er wollte ihr sagen, wie leid es ihm tat, dass ihre Zweisamkeit in den letzten Jahren vor lauter Arbeit zu kurz gekommen war, aber sie kam ihm zuvor: "Mark, ich möchte dich um die Scheidung bitten."

Bitter lachte er auf. Er hätte wissen müssen, dass Isa nicht bereit war, auch die schlechten Zeiten mit ihm zu teilen.

"Wer ist es?" fragte er.

Es war Detlef Kohne, sein siegreicher Konkurrent. Auch das hätte er wissen müssen: Isa war eine Frau, die immer dem Sieger gehörte ...

Es wurde das schwerste Jahr in seinem Leben. Nichts blieb ihm, alles ging in die Konkursmasse ein. Dann fand der 42-jährige eine Stelle als Polier, zog in eine kleine Mietwohnung ein - und fühlte sich zu seinem Erstaunen viel wohler, als sich ein Mann fühlen müsste, dessen Lebenswerk zerstört war.

Nur das Alleinsein lastete auf ihm. Aber war er eigentlich nicht immer allein gewesen? Ausser einmal, ein paar Monate lang, vor zweiundzwanzig Jahren. Rasch schob er die Erinnerung beiseite. Sie tat zu weh ...

Als ihm zufällig ein historischer Roman in die Hände fiel, begann er zu lesen - und war gefesselt. In der Schule hatte er sich nie für Geschichte interessiert, jetzt tat sich eine andere Welt vor ihm auf. Er beschloss, ein Geschichtsbuch zu kaufen. Am nächsten Samstag stand er im Buchladen ratlos vor dem reichhaltigen Angebot.

Neben ihm griff sich eine Kundin zielsicher ein Buch heraus.

"Ist das ein gutes Buch, um sich allgemeine Geschichtskenntnisse anzueignen?" fragte er auf's Geradewohl.

Sie wandte ihm ihr Gesicht zu - und im selben Augenblick erkannte er sie. Nach zweiundzwanzig Jahren.

"Heike", sagte er leise.

"Mark!" Auch sie hatte ihn erkannt.

"Wie geht es dir? Du bist ... sicher verheiratet?" Er konnte nicht anders, er musste ihr diese Frage stellen.

"Ich bin verwitwet", erwiderte sie. "Seit langem."

"Das tut mir leid."

"Und du?" wollte sie jetzt wissen.

"Geschieden."

Ein Junge von elf oder zwölf Jahren lief mit einem Buch in der Hand auf sie zu: "Mami, darf ich das haben?"

"Ah, Jules Vernes. Ja, natürlich."

"Gehen wir zur Kasse?" drängte er.

"Einen Augenblickl noch, Jan. Ich möchte diesem Herrn helfen, ein Buch auszusuchen. Das ist übrigens Mark, ein ... Freund von früher. Mark, das ist Jan, mein Sohn."

Mark lächelte dem Jungen zu: "Ich freue mich, dich kennenzulernen, Jan." Er meinte es ehrlich. Der Junge hatte ein offenes Gesicht, dunkle, kurzgeschorene Haare und die blauen Augen seiner Mutter.

Heike fand im Handumdrehen das passende Buch: "Das empfehle ich immer meinen Schülern."

"Du bist Lehrerin?"

Sie nickte: "Für Deutsch und Geschichte."

Als sie ihre Einkäufe bezahlt hatten, lud Mark die beiden zu Hamburgern und Pommes ein: "Das heisst, wenn ihr nichts Besseres vorhabt."

Heike zögerte, aber in Jan hatte Mark schon einen Verbündeten gefunden: "Oh ja, super. Bitte, Mami!"

"Na gut", lächelte sie schliesslich.

Auf dem Weg zum Schnellrestaurant kamen sie an einer grossen Bank vorbei: "Das Gebäude haben wir restauriert", sagte Mark nicht ohne Stolz.

Jan war beeindruckt. "Was haben Sie noch gemacht?"

"Wir haben auch andere Häuser restauriert. Oder neu gebaut. Villen, eine Schule ..."

"Können Sie auch einen Kaninchenstall bauen?" unterbrach ihn Jan mit leuchtenden Augen.

"Natürlich kann ich das", lachte Mark, "möchtest du einen Kaninchenstall haben?"

"Ja, im Garten!"

"Ich hab dir schon gesagt, dass das nicht in Frage kommt", erwiderte Heike schroffer, als sie beabsichtigte: "Wer wird den Kaninchen zu fressen geben? Wer wird ihren Stall saubermachen?"

"Ich! Mannomann, hab ich dir doch schon gesagt!" Jan klang richtig verletzt.

Zu Heikes Erleichterung waren sie im Restaurant angekommen. Sie wusste immer noch nicht, was sie von dieser Begegnung halten sollte. Die drei fanden einen freien Tisch, und Jan bestellte glücklich einen doppelten Hamburger.

"Darf ich auch Pommes und ein Cola haben?"

Er durfte. Einen Salat gab es auch dazu, und als Nachtisch ein Eis.

Während des Essens sah Heike immer wieder Mark verstohlen an. Er war gross und kräftig, sah immer noch gut aus. Aber am meisten berührten sie einige graue Haare, die sie in seinem dunklen Haarschopf entdeckte. Vielleicht, weil sie ihn irgendwie verletzlich erscheinen liessen? Ihn, der damals so grausam war ...

"Und der Kaninchenstall?" kam Jan hartnäckig auf seine Pläne zurück, als sie das Restaurant verliessen.

"Wenn du es mir erlaubst, Heike, komme ich gern vorbei und sehe mir das mal an."

"Also gut", gab sie nach. "Sagen wir morgen Nachmittag?"

Heike bewohnte ein hübsches kleines Vorstadthaus. Im Erker des gemütlichen Wohnzimmers war der Kaffeetisch gedeckt.

"Nur für uns zwei?" Mark warf ihr einen fragenden Blick zu.

"Jan ist bei einem Freund nebenan. Weil ich finde, dass wir uns erst mal miteinander unterhalten müssen."

Sie schenkte Kaffee ein, dann schob sie ihm den selbstgebackenen Kuchen zu: "Nimm dir, Mark."

Kaffee und Kuchen schmeckten köstlich. Und sie hatte recht. Sie mussten miteinander sprechen. Über das, was vor zweiundzwanzig Jahren geschehen war ...

Heike war 18, er zwei Jahre älter, als sie sich auf eine etwas gewaltsame Weise begegneten. Er radelte damals zu einer Baustelle, als ein Auto ihn überholte, ohne zu blinken rechts einbog und eine Radfahrerin anfuhr, die schwer stürzte.

Der Fahrer beging Fahrerflucht. Doch Mark merkte sich geistesgegenwärtig die Nummer, dann kümmerte er sich um das verletzte junge Mädchen. Am nächsten Tag besuchte er Heike mit einem Blumenstrauss im Krankenhaus. Sie hatte sich das Schlüsselbein gebrochen, hatte Schürf- und Platzwunden erlitten. Es war nichts wirklich Ernstes, nur schmerzhaft.

Dank Marks Besonnenheit wurde der schuldige Autofahrer gefunden. Bei der Gerichtsverhandlung trat Mark als Zeuge auf. Heikes Eltern luden ihn zum Dank in ihre schöne Villa ein, und unversehens verliebten sich die beiden jungen Leute ineinander.

Er erinnerte sich noch so gut an die Heike von damals. Ihr langes dunkles Haar, die grossen dunkelblauen Augen, das feingeschnittene Gesicht. Ihr Vater war Rechtsanwalt, ihre Mutter Hausfrau. Heike lebte in einer heilen Welt, wie Mark sie nie kennengelernt hatte. Seine Mutter hatte ihn allein aufgezogen. Bei einem Onkel, der Maurer war, hatte er seinen Beruf gelernt.

Die Schule hatte ihn nie interessiert, er trieb sich lieber auf der Strasse herum. Der gutaussehende Maurergeselle hatte immer Erfolg bei den Mädchen gehabt, aber was es hiess, wirklich zu lieben, merkte er erst jetzt. Er wollte Heike ein ganzes Leben lang auf Händen tragen, sie beschützen, ihr Glück und Geborgenheit schenken, aber wie konnte er das? Der Unterschied zwischen ihnen schien ihm unüberbrückbar zu sein.

Er war es, der Schluss machte. Brutal. Unwiderruflich. Er sagte Heike, dass er ein anderes Mädchen liebte.

Er erinnerte sich noch an den ungläubigen Ausdruck ihrer Augen, das Begreifen, den Schmerz. Sie zweifelte nicht einen Augenblick daran, dass er die Wahrheit sagte.

Heikes Tränen zerrissen ihm fast das Herz, aber er glaubte, zu ihrem Besten zu handeln. Sie würde einen Mann aus ihrer Welt heiraten. Einen Mann, mit dem sie glücklich werden konnte ...

Jetzt lehnte sie sich vor und sah ihm fest in die Augen: "Mark, ich möchte verstehen, was damals passiert ist."

"Es war eine Lüge. Ich meine, als ich dir sagte, dass ich ein anderes Mädchen lieben würde."

"Aber warum? Du hast mir so weh getan!"

Sie trug ihr Haar heute kürzer, aber ihre Augen waren noch genauso klar und blau. Zarte Fältchen hatten sich um sie herum eingegraben. Spuren des Lebens. Er hätte sie am liebsten voll Zärtlichkeit geküsst.

Dumpf sagte er: "Heike, das konnte doch nicht gutgehen zwischen uns. Du warst gebildet, ich war dumm. Deine Eltern hätten nie einer Heirat zugestimmt."

"Wieso bist du da so sicher? War es nicht eher dein Stolz, der dir verbot, mich zu heiraten? Und dann, du warst doch nicht dumm, nur ungebildet. Man kann dazulernen. Ich hätte dir geholfen."

"Ich wollte es allein schaffen. Und ich habe es geschafft. Ich hatte mein eigenes Bauunternehmen. Aber letztes Jahr ist alles den Bach runtergegangen. Gleichzeitig hat meine Frau mich verlassen. Heute glaube ich, dass das ein Glück war. Meine Heirat war ein Irrtum. Von vornherein."

"Warum hast du sie dann überhaupt geheiratet?"

"Isa war schön und anspruchsvoll. Es beeindruckte mich, dass sie mich wollte. Ich habe zu spät begriffen, dass sie nicht mich wollte, sondern nur das Leben, das ich ihr bieten konnte."

"Hast du Kinder?" fragte sie weich.

"Nein, Isa wollte keine. Leider. Aber jetzt haben wir genug von mir geredet. Wie ist es dir ergangen?"

"Ich bin Lehrerin geworden, habe lange in Süddeutschland gelebt. Mit 27 Jahren lernte ich Martin kennen, einen Arzt, der für eine humanitäre Einrichtung tätig war. Ich habe ihn zutiefst bewundert und auch geliebt. Selbst wenn es nicht die leidenschaftliche Liebe war, die ich für dich empfunden hatte. Jan war drei, als Martin bei einem Attentat in einem Kriegsgebiet ums Leben kam ..."

"Das tut mir leid", sagte Mark betroffen.

"Letztes Jahr bin ich in meine Heimatstadt zurückgekommen. Mark, ich möchte dir etwas sagen ..."

"Ja?" Er sah sie an und hielt den Atem an.

"Ich liebe dich noch immer."

Eine unendliche Freude und gleich darauf ein tiefer Schmerz erfüllten seine Brust. "Ich dich auch, Heike. Auch ich habe dich niemals vergessen können, aber ..."

Jan stürzte ins Zimmer: "Ist der Kaninchenstall fertig?"

Mark lachte: "So schnell geht das nicht, junger Mann. Wir müssen planen, müssen den geeigneten Ort finden ..."

"Und guten Tag könntest du auch zuerst sagen", bemerkte Heike.

"Guten Tag, Mark."

"Guten Tag, Jan", lachte Mark ihn an und wandte sich Heike zu: "Wenn es dir recht ist, fangen Jan und ich gleich mit der Arbeit an!"

Zwei Wochen später war der Stall fertig, und zwei junge Kaninchen hatten ihn bezogen. Jan war begeistert: "Danke, Mark, und ich hab ihn mitgebaut, stimmt's?"

"Und ob. Du kannst stolz sein auf deine Arbeit."

Heike lächelte ihm zu: "Du bleibst doch zum Abendessen?"

Er blieb. Heike hatte einen schmackhaften Eintopf zubereitet, den Jan ohne sein gewohntes Murren ass, weil er sah, mit welcher Begeisterung Mark sich über seinen gut gefüllten Teller hermachte. Danach holte Heike eine Käseplatte aus der Küche, und als Nachtisch gab es rote Grütze mit Schlagsahne.

Es wurde ein richtiges kleines Fest.

"Zeit für's Bett", mahnte Heike schliesslich ihren Sohn. "Du musst morgen zur Schule."

"Kommt ihr, um mir gute Nacht zu sagen?"

Jan roch nach Seife und frisch geputzten Zähnen, als Heike und Mark in sein Zimmer kamen.

"Was willst du denn später werden?" fragte Mark und setzte sich zu Jans aufs Bett.

"Arzt, wie mein Vati", kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

"Das ist ein schöner Beruf."

"Ja, aber ich muss ein gutes Abi machen und dann lange studieren ..."

"Das schaffst du." Mark lächelte Jan zu und wuschelte kurz durch dessen Bürstenschnitt. Er mochte den Jungen. Sehr sogar.

Unten holte Heike eine Flasche Wein. Mark öffnete sie und schenkte ein.

"Weisst du, dass Jan ständig von dir redet?" lächelte Heike, als sie sich zuprosteten. "Er bewundert dich. Und wir ... es wird Zeit, dass wir unsere Unterhaltung fortsetzen, die Jan vor zwei Wochen unterbrochen hat."

Sein Gesicht wurde nachdenklich, dann verschloss es sich. Er stellte sein Glas auf den Tisch zurück und stand auf: "Es ist wohl besser, wenn ich jetzt gehe ..."

"Aber warum?" fragte sie fassungslos.

"Es geht nicht, Heike, begreif es doch!"

"Du hast doch nicht schon wieder ... eine andere Frau kennengelernt?" fragte sie mit dem schwachen Wunsch zu scherzen.

Unbeirrt fuhr er fort: "Du hast studiert. Du hast einen intelligenten Sohn, der einmal Arzt werden möchte. Es gibt keinen Platz für mich in deinem Leben. Schon damals irrte sich das Schicksal, als unsere Wege sich kreuzten, und daran hat sich auch diesmal nichts geändert."

Heike schnellte in die Höhe, baute sich vor ihm auf und funkelte ihn zornig an: "So einfach kommst du mir heute nicht davon. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen damals und heute. Wir sind beide erwachsen. Wir lieben uns, Mark. Und Jan liebt dich auch. Mehr noch, er braucht dich ..."

"Er wird bald merken, wie ungebildet ich bin."

"Mark, du hast etwas, was wichtiger ist als Wissen: Herzensbildung. Sie ist angeboren. Die andere Bildung kann man sich aneignen, du hast doch schon damit angefangen! Ausserdem solltest du Jan jetzt gut genug kennen, um zu wissen, dass er dir nie dumm kommen wird."

Wieder wehrte er ab: "Es kann Jahre dauern, bis ich wieder irgend etwas Eigenes aufgebaut habe ..."

"Dein dummer Stolz, nicht? Du hast alles verloren, na und? Wir begegnen uns immer, wenn du nichts hast. Das Schicksal irrt sich nicht, es gibt uns im Gegenteil eine zweite Chance. Wir werden gemeinsam etwas aufbauen. Eines sage ich dir nämlich, Mark Böttcher, diesmal wirst du mich nicht los. Ich möchte endlich wirklich glücklich sein, und das kann ich nur mit dir!"

Mit flammenden Augen und geröteten Wagen stand sie vor ihm. Wie schön sie war. Wie er diese Frau liebte! Und musste er nicht wirklich endlich lernen, zu vertrauen? Sich helfen zu lassen?

Seine Stimme klang rauh vor Liebe, als er fragte: "Heike, möchtest du meine Frau werden? Hast du wirklich genug Mut, um einen Versuch mit mir zu machen?"

Als Antwort schlang sie die Arme um seinen Hals, und sie versanken beide in einem Kuss, wie sie ihn so leidenschaftlich und innig nie gegeben noch je empfangen hatten ...

ENDE