Wellentänzerin

Die Bucht in der sie saß und sich die Wellen um die nackten Beine spülen ließ war menschenleer und verlassen. Diese Art von Wetter fanden die Menschen normalerweise zu kalt um nach draußen zu gehen.

Sie konnte das überhaupt nicht verstehen. Wenn man schon die Möglichkeit hatte, den freien Himmel und die frische Luft zu genießen, wann immer man wollte, warum sollte man sich dann auch nur eine Chance entgehen lassen, genau dies zu tun?

Wenn sie hier leben könnte, würde sie sich gar nicht erst die Mühe machen, in einem dieser Dinger zu leben, die die Menschen „Häuser" nannten. Sie würde ständig draußen sein, wo sie Gras, Sand oder Erde unter ihren Füßen spüren, und der Wind durch ihre Haare wehen konnte.

Dabei war diese Art von Wetter nur ihre zweitliebste. Sie mochte es zwar, wenn sie den Wind auf ihrem Gesicht spürte und zu seinem Lied tanzen konnte, aber noch lieber hatte sie es, wenn die Sonne schien.

Ja, die Sonne war einfach herrlich. Ihre Wärme und ihr Licht, wie sie alles in saftigere Farben zu tauchen schien, wie ihre Strahlen sie kitzelten, wenn sie auf ihre Haut trafen.

Im Moment war sie zwar hinter einer dichten Wolkendecke versteckt, aber das machte nichts. Sie wusste, dass sie letztendlich wieder auftauchen würde. Ja, die Sonne war ihr am liebsten hier oben geworden.

Obwohl...wenn die Sonne schien, waren auch mehr Menschen da, und sie konnte es nicht so frei genießen, an der Oberfläche zu sein, wie bei Wind und Regen. Sie musste sehr vorsichtig sein, damit sie nicht entdeckt wurde.

Sie setzte sich auf und schaute auf das Meer. Was würde sie nicht dafür geben, für immer hier bleiben zu können. Nie wieder hinunter zu müssen, in die Tiefen des Wassers, wo es dunkel war, wo kaum jemals ein Sonnenstrahl hindrang. Wo es nichts für sie gab, als Einsamkeit, Verzweiflung und Kummer.

Sie zog die Beine an und zupfte an den Schwimmhäuten zwischen ihren Zehen. Sie würde alles dafür geben, ein ganz normaler Mensch sein zu können.

Leider war das unmöglich. Sie würde austrocknen, wenn sie das Wasser zu lange verließ.

Seufzend ließ sie sich zurück in den Sand fallen und starrte in den wolkenverhangenen Himmel. Aber dieser erinnerte sie in diesem Moment zu sehr an das Meer an einem stürmischen Tag, also schloss sie lieber die Augen und stellte sich vor, ihre Freundin, die Sonne, lächle auf sie herab und decke sie mit ihrer Wärme zu. So lange sie nicht einschlief, war alles in Ordnung...

Sie schreckte auf. Es war dunkler als zuvor, es dämmerte schon und inzwischen hatte es angefangen, leicht zu regnen und die Luft war noch kälter geworden.

Sie wollte sich gerade aufrichten und schweren Herzens wieder unter den Wellen verschwinden, als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm.

Sie fuhr herum...und erstarrte, als sie einen Menschen nur wenige Schritt von ihr entfernt stehen sah. Er war männlich, das erkannte sie an der Kleidung und den kurzen Haaren.

Aber er schien für einen Menschen noch relativ jung. Sie wusste, dass ältere Menschen oft auch Haar, wie eine Art Fell, im Gesicht trugen. Dieser hier aber war frei von jeglichem Gesichtshaar. Er tat gar nichts, starrte sie nur weiterhin aus großen, blauen Augen an.

Sie wirbelte herum, bereit, sofort in die Wellen einzutauchen.

„Halt!", rief der Mensch und machte einen Satz vorwärts. Sie versuchte ihm auszuweichen, aber er bekam sie am Handgelenk zu fassen und hielt sie fest.

Es zischte, als würde Wasser auf heißen Stein treffen, und der Schmerz, der sie durchzuckte, raubte ihr für einen kurzen Moment die Sinne, bevor sie ihm ihre Hand entriss und sie schützend an ihrer Brust barg. Sie brachte ihren Körper in eine Verteidigungspositio, bleckte die Zähne und stieß ein bedrohliches Zischen aus. Der Mensch hob abwehrend die Hände und trat einige Schritte zurück. Seine Miene spiegelte eine Mischung aus Schrecken und Faszination wieder.

Sie wusste, was er da vor sich sah. Ein Wesen, das den weiblichen seiner Art entfernt ähnelte, aber mit grünlicher Haut, die teilweise von glänzenden Schuppen bedecht war, Schwimmhäuten zwischen Fingern und Zehen, fächerartigen Ohren und grünen, runden Augen. Die Haut an ihrem Handgelenk, dort wo er sie berührt hatte, hatte sich dunkel verfärbt und einzelne Schuppen lösten sich davon. Ihr Haar, in das Muscheln und Austerperlen eingeflochten waren, war türkisfarben und reichte ihr bis über die Hüfte. Und nun, da sie bedrohlich die Zähne fletschte, konnte er vermutlich auch ihre kleinen, spitzen Reißzähne erkennen.

„Verzeih.", sagte er. „Ich wollte dir nicht wehtun. Ich wusste nicht, dass dich meine Berührung schmerzen würde."

Seine Sprache klang grob, abgehackt und fremd, aber sie verstand die Worte und ihre Bedeutung. Das war einer der Vorteile ihrer Art: Sie alle waren multilingual, verstanden also alle Sprachen der Welt. Nur sprechen konnten sie sie erst, wenn sie die notwendigen Ausdrücke schon einmal gehört hatten.

Als er einen Schritt näher trat, wich sie zurück.

„Bitte bleib, ich will dir nichts tun. Ich möchte nur mit dir reden." Er zögerte kurz, dann fragte er: „Bist du eine Nixe?"

Nixe...so wurde sie also von den Menschen genannt. Aber sie war immer noch misstrauisch gegenüber diesem jungen Menschen. Sie spannte sich an, um einen erneuten Versuch zu wagen, sich in die Wellen zu stürzen.

„Warte!", rief er erneut und begann hektisch an seiner Kleidung herumzuzerren. Bevor sie es zum Wasser schaffte, hatte er etwas kleines, glänzendes hervorgezogen. Es war flach und rund und hing an einer langen Kette.

„Willst du dir das hier mal anschauen? Das ist eine Taschenuhr. Ich schenke sie dir."

Einerseits fühlte sie sich etwas gekränkt, weil er versuchte, sie wie ein Tier mit einem Köder anzulocken. Aber andererseits war sie auch sehr neugierig auf alles, was von den Menschen kam und hatte große Lust dieses...diese Taschenuhr genauer zu untersuchen.

Sie suchte in seinen Augen nach etwas wie Verrat oder Hinterlist, fand aber nur ehrliche Neugier und Faszination. Also gab sie ihre defensive Haltung auf und trat vorsichtig einen Schritt näher. Sie streckte ihren unverletzten Arm so weit sie konnte aus und riss ihm das Ding aus der Hand. Da es immer noch an der Kette hing und die Kette offenbar an ihm, zog sie ihn damit auch zwei gute Schritt näher an sich heran. Erschrocken ließ sie die Taschenuhr fallen und wich wieder zurück.

„Warte, warte!", sagte er beschwichtigend, nestelte an der Kette herum und löste diese von seiner Kleidung. Dann warf er ihr die Taschenuhr vor die Füße, die sie vorsichtig aufhob, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Sobald sie sich wieder aufgerichtet hatte, wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem fremden Objekt zu, ohne aber zu vergessen, den Menschen dabei aus den Augenwinkeln zu beobachten.

Sie drehte es in ihren Händen hin und her und betastete es. Als sie einen kleinen Knopf drückte und ein Deckel aufsprang, ließ sie die Taschenuhr vor Schreck beinahe fallen. Sie schaute auf und sah, dass er lächelte.

„Darf ich es dir zeigen?", fragte er und streckte langsam die Hand danach aus. Ganz vorsichtig, darauf bedacht, mit seinen Fingern nicht ihre Haut zu berühren, nahm er ihr die Taschenuhr ab und hielt sie so, dass sie hineinsehen konnte. Innen war sie weiß und in einem Kreis waren seltsame Symbole angeordnet. Von der Mitte her gingen drei lange glänzende...Spieße ab, die alle auf verschiedene Symbole zeigten. Einer von diesen bewegte sich, die anderen beiden schienen still zu stehen.

„Eine Uhr...", erklärte der Mensch. „...zeigt die Zeit an. Siehst du? Der schnelle Zeiger zeigt die Sekunden, dieser lange hier die Minuten und der kurze hier die Stunde." Er lachte, als er ihren Gesichtsausdruck sah. „Du versteht vermutlich überhaupt nicht, wovon ich spreche."

Das tat sie in der Tat nicht. Sie wusste, dass Zeit festlegte, wann genau etwas war und dass die Menschen sie einteilten. Aber unter dem Meer gab es so etwas nicht. Denn es gab nichts, woran man feststellen konnte, wie viel Zeit vergangen war. Die Sonne drang nicht bis dort hinunter durch.

Ihr Mensch musterte sie lächelnd mit diesen neugierigen Augen, aber irgendetwas lag auch in seinem Blick, dass ihr ein wohliges Gefühl gab.

„Möchtest du mir jetzt meine Frage beantworten?", fragte er. „Bist du eine Nixe?"

Sie überlegte, ob sie antworten sollte.

Im i'Aelin.", antwortete sie in der Sprache ihrer Art.

„Das klingt wunderschön.", sagte der Mensch. „Aber ich kann dich nicht verstehen."

Sie versuchte, sich vorzustellen, wie die Worte seiner Sprache in ihrem Mund zustande kämen und versuchte es schließlich.

„Ni-xe.", sagte sie und deutete auf ihre Brust. Sein Lächeln wurde breiter.

„Das ist unglaublich.", murmelte er. Dann schien ihm etwas einzufallen, er richtete sich auf und beugte den Oberkörper nach vorn. Sie hatte die Menschen dies viele Male tun sehen und wusste, dass es ihre Art war, sie zu begrüßen.

„Entschuldige. Mein Name ist William. William Penningworth. Ältester Sohn des Grafen von Glentwood. Aber wahrscheinlich sagt dir das auch nichts." Er lachte wieder. Sie mochte es wenn er lachte. Es war schön. „Hast du auch einen Namen?"

Sie wusste, dass er ihn nicht würde aussprechen können, verspürte aber trotzdem das Bedürfnis, ihm ihn zu nennen; sie wollte nicht nur eine „Nixe" für ihn sein. Also sagte sie ihm ihren Namen.

Er hob die Augenbrauen.

„Würdest du das noch einmal wiederholen?" Sie tat es, obwohl sie wusste, dass es keinen Sinn hatte. Er lachte wieder.

„Das ist wohl hoffnungslos. Deine Sprache ist einfach zu besonders, als dass ich sie meistern könnte."

Melin tirië ned i galar sílalë yá lalat.", gab sie schüchtern zu; sie wollte ihm sagen, wie sehr sie es mochte, wie seine Augen leuchteten, wenn er lachte.

„Ich verstehe zwar kein Wort von dem, was du sagst, aber bitte: Sprich doch weiter! Es klingt so schön."

Jetzt musste auch sie lächeln; eine Seltenheit bei ihr.

Istan i quetë in aníron, ar lá ú-cheniathagir." Denn sie konnte sagen, was sie wollte, er würde es ja doch nicht verstehen.

„Ich wünschte nur, ich könnte dich verstehen. Ich glaube, was du zu sagen hast wäre noch schöner, als wie du es sagst."

Sie überlegte, versuchte sich an die Worte zu erinnern, die er vorher benutzt hatte. Dann deutete sie auf die untergehende Sonne.

„Wun-der-schön." Er folgte ihrem Blick.

„Die Sonne? Ja, das ist sie."

Sie lächelte entzückt. Endlich wusste sie, wie ihr Liebstes an der Oberfläche auch in der Menschensprache genannt wurde.
Anar. Sonne. Wunderschön.", sagte sie und nickte eifrig.

„Du kannst also mich verstehen?", fragte der Mensch.

Naî", antwortete sie nickend.

„Erstaunlich.", murmelte er. „Möchtest du ein Stück mit mir gehen? Unser Haus liegt gleich dort oben auf den Klippen."

Als sie begriff, was er meinte, wich sie erschrocken zurück und schüttelte den Kopf. Sie konnte nicht mit ihm gehen. Dort würden viele andere Menschen sein und sie wusste, dass nicht alle so freundlich waren, wie dieser hier. Sie kannte genug Geschichten, um auf der Hut vor ihnen zu sein.

Ván. Ego! Ván!", rief sie und wich vor ihm zurück.
„Warte!", bat er und streckte die Hand nach ihr aus. Aber diesmal war er nicht schnell genug. Noch bevor er sie erreichen konnte, hatte sie sich schon in die Fluten gestürzt.

Sie schwamm bis zu einer Felsformation, die ein gutes Stück vom Ufer entfernt aus dem Meer ragte. Dort ging sie ihm Schatten eines Felsens in Deckung und beobachtete, wie der Mensch am Strand auf und ab lief und nach ihr rief. Schließlich gab er auf, stieß ein Wort hervor, dass sie nicht einordnen konnte und stapfte den Strand hinauf zu den Klippen.

Na lû e-govaned vîn.", flüsterte sie, denn sie wünschte sich von ganzem Herzen in wieder zu sehen. Dann drehte sie sich um und machte sich auf den Weg nach Hause.

Je näher sie ihrem Zuhause kam, desto dunkler wurde es, denn umso tiefer schwamm sie. Ihre Art besaß außergewöhnlich gute Augen, die auch im Dunklen gut sehen konnten.
Sie betete, dass niemand ihr Kommen bemerken würde und sie sich einfach schnell in eine der Nieschen im Korallenriff verstecken könnte. Je näher sie kam, desto vorsichtiger schwamm sie und versuchte, weniger Geräusche zu machen, immer Ausschau haltend nach einem ihrer Artgenossen.

Endlich entdeckte sie eine schmale Spalte im Riff und schwamm schneller darauf zu, dachte schon, sie hätte Glück und würde es schaffen...als sich eine Hand um ihr Fußgelenk schloss und sie zurückzerrte. Sie schrie auf und trat nach dem Angreifer, aber da griffen schon zwei weitere paar Hände nach ihr und jemand schlug sie ins Gesicht.

„Ist sie also wieder da, ja?", zischte eine Stimme. „Zurück von ihrem Ausflug zu den Frischluftatmern."

„Was sie da nur immer will.", sagte eine andere.

„Sie hat sie ja so ins Herz geschlossen, diese Armseligen."

Sie zogen sie auf und lachten sie aus, während sie an ihr zerrten und zogen, sie schlugen und misshandelten.

„Lasst mich los!", schrie sie. „Lasst mich in Ruhe!"

„Lasst mich in Ruhe!", äfften sie sie nach. „Aber wir vertreiben uns die Zeit doch so gern mit dir."

„Obwohl du das gar nicht verdient hast, su kleines Stück Dreck."

„Miststück!"

„Luder!"

„Missgeburt!"

So war es immer. Die Männlichen ihrer Art beschimpften sie, schlugen sie, misshandelten sie und vergingen sich dann an ihr. Sie nahmen sich immer, wen sie wollten, aber sie nahmen sie mit großer Vorliebe, weil sie wussten, wie sehr es ihr zuwider war. Weil sie so anders war. Die anderen Weiblichen fragten sie oft, warum sie es nicht genieße, so sehr begehrt zu werden; sie würden ja so viel dafür geben an ihrer Stelle zu sein.

Aber sie hasste es. Und sie konnte ihnen nicht entkommen. Denn sie brauchte die Mineralien, die das Riff produzierte zum Überleben. Deshalb musste sie immer wieder hierher zurückkommen. Wenn sie weinen könnte, hätten ihre Tränen den Meeresspiegel sicher schon ansteigen lassen.

Als sie mit ihr fertig waren, ließen sie sie allein und gebrochen zurück. Erschöpft und mit letzter Kraft zog sie sich in die kleine Spalte, rollte sich zusammen und glitt in einen unruhigen Schlaf hinüber.

Als sie das nächste Mal zur Oberfläche hinauf schwamm, wusste sie nicht, wie viel Zeit vergangen war, da sie ja im Riff keine Möglichkeit hatte, Zeit zu messen.

Noch bevor sie den Kopf aus dem Wasser herausreckte, wusste sie, dass die Sonne schien. Was sie einerseits freute, andererseits aber auch ein wenig enttäuschte. Denn das bedeutete, dass mehr Menschen da sein würden und sie nicht an den Strand konnte.

Sie verbrachte also einige Zeit auf dem Felsen, zu dem sie beim letzten Mal geflohen war. Sie hatte sich auf der dem Ufer abgewandten Seite auf dem von der Sonne erhitzten Gestein ausgestreckt und döste vor sich hin.

Sie erwachte, als etwas kaltes auf ihre Nasenspitze traf. Als sie die Augen öffnete, stellte sie erfreut fest, dass sich einige Wolken vor die Sonne geschoben und es angefangen hatte zu regnen.

Sie blickte zum Strand und sah, wie die Menschen davoneilten, um den kalten Tropfen zu entkommen.

Freudig sprang sie in die Wellen und schwamm in Richtung Ufer. Als sie vorsichtig den Kopf aus dem Wasser streckte, konnte sie niemanden entdecken. Sie überlegte, ob sie sich wieder in den Sand setzen und warten solle, um zu sehen ob ihr Mensch kam, entschied sich aber, dass sie diesmal diejenige sein wollte, die ihn überraschte. Also blieb sie, wo sie war und wartete.

Sie war sehr ungeduldig und verlor schon bald die Hoffnung, dass er kommen würde. Gerade, aber als sie sich umdrehen und wieder zu ihrem Felsen zurückschwimmen wollte, erkannte sie eine Gestalt, die über einen steilen Weg nahe der Felswand die Klippen hinunter stieg.

Aufgeregt wartete sie, bis sie sicher war, dass es ihr Mensch war. Er trug dunkle Kleidung an diesem Tag, genauso dunkel wie sein Haar. Durch den Regen nahm sie ihn nur verschwommen wahr, aber sie erkannte ihn trotzdem schon von Weitem.

Den Blick auf die wilde See gerichtet lief er den Strand entlang und hielt offenbar nach etwas Ausschau. Sie hoffte, dass er nach ihr suchte. Sie stieg aus dem Wasser und folgte ihm, ohne dass er sie bemerkte. Irgendwann ließ er sich seufzend auf einen alten Baumstamm sinken, der am Ufer lag und stützte das Kinn in den Händen ab.

„Was hab ich denn auch erwartet.", sagte er, offenbar zu sich selbst. „Ich habe sie erschreckt. Sie wird nicht wiederkommen."

Sie trat hinter ihn und versuchte sich an den Namen zu erinnern, mit dem er sich ihr vorgestellt hatte.

„Will-ee-am.", sagte sie und vor Schreck rutschte er in den feuchten Sand. Als er herumfuhr und sie erkannte, stieß er einen Freudensschrei aus.

„Du bist hier! Du bist wirklich zurückgekommen!" Dann nahm sein Gesicht einen panischen Ausdruck an. „Bitte, lauf...ähm...schwimm nicht wieder weg. Ich will dir wirklich nichts tun. Du musst mich nirgendwohin begleiten, wenn du nicht willst. Wir können einfach hier reden, ja?"

Sie lächelte und nickte. Ihr Mensch stand auf und klopfte sich den Sand von der Kleidung.

„Möchtest du dich...ähm...setzen?", fragte er und deutete auf den Baumstamm. Sie ließ sich darauf nieder-das Holz fühlte sich rau an unter ihrer nackten Haut-und er setzte sich in angemessenem Abstand zu ihr ebenfalls wieder.

„Du hast das hier das letzte Mal fallen lassen.", sagte er und reichte ihr die Taschenuhr. „Es ist ein Geschenk. Du darfst es behalten."

Sie griff danach und strich über die glatte Oberfläche. Sie mochte das Gefühl an ihren Fingerspitzen. Es fühlte sich so ähnlich an, wie die Innenseite von Muscheln und doch irgendwie anders. Bedächtig hielt sie den ungewohnten Gegenstand in den Händen.

Dann fiel ihr ein, dass er vielleicht etwas für sein Geschenk erwartete. Sie überlegte, was sie ihm geben konnte und löste schließlich eine Perle aus ihrem dichten Haar.

Als sie sie ihm anbot, nahm er sie ihr vorsichtig aus den Fingern und betrachtete sie.

„Wundervoll. Ich habe noch nie eine so schöne und große Perle gesehen." Er lächelte sie an. „Vielen Dank."

Sie erwiderte sein Lächeln. Dann deutete sie auf die Taschenuhr und brachte ein stockendes „Vielen...Dank" heraus.

„Weißt du, ich habe versucht, mehr über deine Art herauszufinden und viel gelesen und dabei bin ich auf einen alten griechischen Mythos gestoßen, demzufolge sogenannte Nereiden in Höhlen am Grund des Meeres wohnen. Sie sind Begleiterinnen des Gottes Poseidon und Nymphen, die Schiffbrüchige beschützen und Seeleute mit Spielen unterhalten."

Sie wusste nicht was „griechisch", „Gott", „Poseidon" oder „Nymphen" bedeutete, aber ihr gefiel, was ihr Mensch da erzählte.

„Und das hat mich an dich erinnert. Und deswegen dachte ich, weil ich deinen Namen nicht aussprechen kann, könnte ich dich doch einfach „Neri" nennen. Wie fändest du das?"

Sie wusste, dass diese... „Nereiden" überhaupt nicht wie ihre Art waren, aber es gefiel ihr, dass er solche Wesen mit in Verbindung brachte. Also nickte sie lächelnd.

„Will-am", sagte sie, während sie auf ihn zeigte und deutete dann auf ihre eigene Brust. „Neri"

Lächelnd streckte er ihr seine Hand hin. „Es ist mir eine Ehre, deine Bekanntschaft zu machen, Neri.", sagte er feierlich. Misstrauisch beäugte sie seine Hand. Sie konnte sich noch gut an den Schmerz erinnern, den sie bei ihrer letzten Berührung verspürt hatte, aber diesmal hatte er etwas Schwarzes über seine Finger gestreift, sodass sie seine Haut dort nicht sehen konnte.

„Es ist in Ordnung.", sagte er sanft. „Ich werde dir nicht wehtun. Das sind Handschuhe."

Langsam streckte die den Arm aus und ergriff vorsichtig und nur mit den Fingerspitzen seine Hand. Es tat wirklich nicht weh und das Schwarze, das seine Hand bedeckte, fühlte sich ein wenig an, wie die Haut von Delfinen.

„Es ist...mir eine Ehre...deine...Bekannt...sch-schaft...zu...machen. ", wiederholte sie sein Worte.

Als sie an diesem Tag zum Strand kam, wartete er schon auf sie. Sie hatten sich schon so oft gesehen, dass die Luft inzwischen kälter geworden war und einmal hatte es sogar weiße, weiche Kugeln vom Himmel geregnet, die er „Schneeflocken" nannte. Sie wollte sie mit den Händen fangen, aber immer wenn sie ihre Haut berührten, verwandelten sie sich in Wassertropfen. Er hatte dann eine besonders große mit seinem Handschuh aufgefangen und sie war einige Momente so geblieben wie sie war und sie ihr gezeigt.

Da hatte sie erkannt, dass es gar keine Kugeln waren, sondern wunderschöne Muster. William hatte ihr erklärt, dass jede Schneeflocke einzigartig war, und keine so genauso aussah wie eine zweite.

Er war davon fasziniert, dass ihr ohne „Kleidung" überhaupt nicht kalt war, während er sich in in viel davon anziehen musste, um nicht zu frieren.

Er hatte ihr erklärt, dass sie wahrscheinlich „wechselwarm" sei, so wie Fische.

„Das überrascht mich eigentlich nicht", hatte er gesagt. „Da du ja auch aus dem Ozean kommst."

Er hatte ihr auch immer wieder „Bücher" mitgebracht und ihr Bilder gezeigt. Das erste Mal eine Abbildung der Nereiden, von denen er ihr erzählt hatte. Die Frauen in dem Bild waren sehr schön und anmutig, aber sie sahen ganz anders aus als sie, eher wie Menschen.

Und er hatte ihr Bilder gezeigt, die er selber gemalt hatte. Oft waren es Bilder von Landschaften, die sie sehnsüchtig in sich aufsog. Da waren grüne Wiesen, weite Felder und Wälder, manchmal Städte und Dörfer. Hin und wieder waren es auch Bilder von Menschen. Die Bilder von Mädchen mochte sie nicht so gern, konnte aber nicht sagen, weshalb.

Er hatte auch versucht, ihr das Lesen von Worten beizubringen, aber sie war nicht wirklich gut darin, deshalb las er ihr meistens aus seinen Büchern vor. Sie war sehr wissbegierig und viele seiner Bücher handelten von „Wissenschaft". Aber am liebsten mochte sie Geschichten.

Ihre liebste war „Die kleine Meerjungfrau". Er hatte ihr erklärt, dass ein Mann namens Hans Christian Andersen sie vor einigen Jahren geschrieben hatte, der viele solcher „Märchen" erfunden hatte, von denen er ihr viele vorlas. Meistens war es aber „Die kleine Meerjungfrau", die sie sich wünschte.

Darin ging es um eine Nixe mit einem Fischschwanz, die sich in einen Menschen verliebt und sich deshalb von einer Hexe in einen Menschen verwandeln lässt.

Sie mochte diese Geschichte so sehr, weil sie angefangen hatte, das gleiche zu fühlen, wie die kleine Meerjungfrau. Sie wollte auch ein Mensch sein, damit sie immer mit William zusammen sein konnte.

Inzwischen beherrschte sie seine Sprache fast fließend und auch sie konnte ihm von ihrem Zuhause erzählen.

Er wollte ihr anfangs nicht glauben, dass es dunkel und einsam und grausam war.

„In den Mythen und Geschichten ist es immer so wunderschön unter dem Meer.", hatte er gesagt und sie hatte traurig den Kopf geschüttelt.

An jenem Tag hatte er sie das erste Mal in den Arm genommen.

Als sie ihn an diesem Abend erblickte, sah er nervös und aufgeregt aus. Es war inzwischen wieder etwas wärmer geworden. Er hatte es „Frühling" genannt, als er ihr von Jahreszeiten erzählte.

Als sie ihn fragte, ob etwas nicht stimmte, trat er von einem Bein auf das andere, bevor er sagte:
„Ich möchte dich etwas fragen."

„Was denn?", fragte sie.

„Würdest du mit zu meinem Haus kommen? Ich möchte dich so gern malen. Und wir haben einen wunderschönen Gartenteich mit Seerosen und Blüten. Das sähe wunderschön aus mit dir darin."

Er nahm ihre Hände in seine behandschuhten und sah sie flehentlich an.

„Bitte."

Sie zögerte. Dann dachte sie daran, wie gern sie sehen wollte, wo und wie er lebte. Sie nickte lächelnd.

„Oh, danke! Danke, danke!", rief er und umarmte sie. Sie liebte dieses Gefühl von Geborgenheit und schloss glücklich die Augen.

Dann nahm er sie an der Hand und zog sie mit sich. Die Steine, die den Weg die Klippen hinauf übersähten, schmerzten etwas unter ihren nackten Füßen, aber als den oberen Rand erreicht hatten und sie das erste Mal in ihrem Leben Gras spürte, ließ sie sich zu Boden fallen und vergrub ihre Hände darin. Es war kühl und etwas feucht, aber sie liebte das Gefühl, den Geruch, die Farbe, einfach alles daran.

Sie vergrub das Gesicht darin und atmete tief ein. Als sie aufblickte, sah sie William lächeln.

„Das beantwortet wohl meine Frage, ob dir das Gras gefällt."
Sie lachte und nickte.

Als er sie auf einen kleinen Hügel hinaufführte, erblickte sie in einiger Entfernung ein Haus. Sie wusste nicht viel über Häuser, aber ihrer Meinung nach war es ziemlich groß. Als sie näher kamen, erkannte sie verschnörkelte Verzierungen und Muster.

„Gefällt es dir?", fragte William. Sie konnte nur nicken, so fasziniert war sie davon.

„Wir gehen aber durch die Seitentür, damit dich keiner sieht."

Er führte sie um das Haus herum auf eine kleine Tür zu. Während sie an dem Haus entlanggingen, strich sie mit ihren Fingern über die weiße Fassade. Sie war rau, und schnell zog sie ihre Hand zurück.

Als William die Tür vorsichtig aufdrückte knarrte sie ein wenig.

„Alles in Ordnung. Niemand zu sehen.", sagte er und zog sie mit sich inden dunklen Gang. Sobald sie durch die Tür getreten war, berührten ihre Füße kalten Stein.

William führte sie durch das ganze Haus, ohne jemandem zu begegnen. Sie stiegen „Treppen" hinauf, lange Flure entlang, über weiche „Teppiche" und durch schmale und breite Türen.

Plötzlich waren Schritte zu hören, die näher kamen und William schob sie schnell durch eine Türe hindurch und schloss diese hinter ihr.

Während sie auf der anderen Seite gedämpfte Stimmen hörte, blickte sie sich in dem Zimmer um.

All dies war ihr so fremd und ungewohnt.

Aus Bildern wusste sie, dass das große Etwas ein Bett war und in einer Ecke stand eine Truhe. An einer Wand befand sich ein Kamin, aber darin brannte kein Feuer; dabei hätte sie so gern einmal Feuer gesehen. Außerdem befanden sich in dem Zimmer ein Tisch und Stühle und der hölzerne Boden wurde von einem dicken, gemusterten Teppich bedeckt.

Sie ginge auf das Bett zu und berührte vorsichtig das Tuch, das darauf lag. Es war weich und als sie ihre Hand hineindrückte, versank sie darin.

Vorsichtig wollte sie sich darauf niederlassen, aber es war so hoch, dass sie daraufspringen musste. So weich hatte sie noch nie gelegen. Sie rollte sich herum und verfing sich in der Decke.

Es war so angenehm und gemütlich, dass sie einfach genauso liegen blieb.

„Neri? Neri, wo bist du?", hörte sie William leise fragen und si hob den Kopf aus ihrem Lager. Als er sie erblickte, lachte er.

„Du versinkst ja in meinem Bett.", sagte er. Sie grinste.

„Ich komme nicht mehr raus.", klagte sie und hob ihre Arme, die in einem Wirrwarr aus Stoff gefangen waren. Lachend kam er herüber und zog den Stoff von ihr.

„Das ist wohl alles sehr ungewohnt für dich.", sagte er, als sie wieder mit beiden Füßen auf dem Boden stand.

„Sehr", gab sie zu und öffnete neugierig eine der Truhen, um hineinzuspähen. Darin waren Stoffe vorzufinden, die sie als Kleider identifizieren konnte.

Als nächstes nahm sie den Kamin in Augenschein. Sie ging auf die Knie, steckte neugierig den Kopf hinein und lugte nach oben. Es war pechschwarz und roch auch nicht besonders angenehm. Naserümpfend zog sie ihren Kopf wieder heraus und wandte sich William zu, um ihn zu fragen, wo dieser Gestank herkam. Bei ihrem Anblick brach er allerdings in lautes Gelächter aus.

„Du siehst aus wie ein Schornsteinfeger.", sagte er. „Ein sehr hübscher, das muss ich zugeben."
Sie blickte ihn fragend an.

„Was meinst du?"

„Sie mal an die herab."

Sie senkte den Blick und erkannte, dass ihre Hände und Beine schwarz waren.

„Und genauso sieht dein Gesicht aus.", erlärte William, immer noch lachend. „Komm her."

Er zog sie auf einen Stuhl zu und forderte sie auf, sich hinzusetzen. Dann ging er zu einem kleineren Holztisch, der an der Wand stand. Darauf befand sich eine flache Schüssel, in die er ein Tuch tauchte. An dem Plätschern erkannte sie, dass sie Wasser darin befand.

William kam wieder zu ihr zurück, kniete sich vor sie und wischte ihr erst über Beine und Hände und als er das Tuch ein weiteres Mal angefeuchtet hatte, wandte er sich ihrem Gesicht zu.

Sanft strich er ihr damit über Wangen und Stirn. Dabei viel ihr auf, wie konzentriert er aussah. Selbst nachdem er das Tuch gesenkt hatte, sah er sie weiterhin an.

„Du bist ein Wunder, weißt du das?", flüsterte er. Sie antwortete nicht. Mit seinen immer noch behandschuhten Händen strich er über ihr Gesicht.

„Ich würde dich so gern anfassen."

„Das tust du doch." Auch ihre Stimme war nur ein Flüstern.

„Nein, nicht so."

„Ich weiß.", antwortete sie traurig. Ohne den Blick von Williams Augen zu lösen, bemerkte sie aus den Augenwinkeln, wie er einen Handschuh abstreifte und die Hand zu ihrem Gesicht hob. Sie rührte sich nicht.

Langsam, mit zitternden Fingern, brachte William seine Finger näher an ihre Haut heran, und ohne sie tatsächlich zu berühren, fuhr er ihre Konturen nach.

„Ich würde so gern deine Tränen abwischen."

Plötzlich räusperte er sich, erhob sich und zog den Handschuh wieder an.

„Wir müssen noch eine Weile hierbleiben bis alle zu Bett gegangen sind. Dann bringe ich dich in den Garten." Er lächelte. „Es wird dir gefallen. Glaub mir."

In dem Moment fiel ihr Blick auf das Bild hinter ihm and er Wand. Es zeigte eine junge Frau. Sie war sehr schön und trug ein langes, weißes Kleid. Es war mit Stickereien verziert und in ihr dunkels, fließendes Haar waren Perlen eingeflochten. Sie hatte freundliche Augen und ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen und sie weckte in ihr ein Gefühl des Vertrauens, so als könne sie dieser Frau alles erzählen und sie würde es verstehen.

Aus irgendeinem Grund, empfand sie für diese Frau nicht denselben Groll, wie den anderen Mädchen in Williams Bildern gegenüber.

William bemerkte ihren faszinierten Blick und wandte sich ebenfalls dem Bild zu.

„Gefällt es dir?", fragte er und sie nickte. „Das ist meine Mutter. Sie ist gestorben, als ich noch sehr klein war. Das Bild wurde gemalt noch bevor ich geboren wurde."

Während er ihr dies erklärt hatte, war er aufgestanden und vor das Bild getreten. Jetzt streckte er die Hand aus und strich sanft über die Farben.

„Sie ist sehr hübsch.", sagte sie.

„Ja, das ist sie.", stimmte er ihr zu und sie hörte das Lächeln in seiner Stimme. Langsam trat sie neben ihn und schaute zu der Frau mit den freundlichen Augen hinauf.

Jetzt, wo sie sie näher betrachtete, konnte sie gewisse Ähnlichkeiten zwischen William und der Frau erkennen. Ihr Haar hatte die gleiche Farbe und sie hatte dieselben Fältchen um die Augen herum, vom vielen Lachen. Ihre Augenbrauen folgten demselben Schwung, wie Williams und sie hatte die gleichen hohen Wangenknochen.

In der unteren, rechten Ecke des Bildes war ein Wort geschrieben. Sie strengte sich an, konnte die Schrift aber nicht entziffern.

„Was steht da?", fragte sie und deutete darauf.

Glentwood Manor, 1843.", antwortete er. „Das ist der Name unseres Hauses. Hier wurde das Portrait im Jahre 1843 gemalt."

„Wie war ihr Name`", fragte sie.

„Rebecca Jessamine Hamilton. Sie war die Tochter eines Unternehmers und wegen ihres niedrigen gesellschaftlichen Standes eigentlich keine potentielle Ehepartnerin für meinen Vater, einen angehenden Grafen. Aber die beiden trafen sich in London auf einer Messe und verliebten sich. Und trotz aller Proteste heiratete mein Vater sie schließlich. Leider starb sie einige Jahre danach. Ich war gerade acht Jahre alt. Das hier ist sie in ihrem Hochzeitskleid."

Plötzlich schien sich Williams Gesicht aufzuhellen, als hätte er eine plötzliche Idee.

„Warte hier!", forderte er sie auf und huschte aus dem Zimmer.

Während seiner Abwesenheit nahm sie einige seiner Bücher näher in Augenschein, die auf einem kleinen Tisch neben seinem Bett aufgereiht waren. Einige Titel konnte sie lesen-Eine Geschichte aus Zwei Städten, Die Elenden, Die Frau in Weiß-die meisten Wörter aber kannte sie nicht.

Als sich die Tür schließlich wieder öffnete, blätterte sie gerade in einem der Bücher, obwohl es in dem Zimmer schon zu dunkel war, um etwas zu erkennen.

Sie blickte auf und erkannte William, der eine große Schachtel in den Händen hielt. Diese stellte er auf einer Truhe ab, um die Tür hinter sich zu schließen.

„Etwas dunkel hier, meinst du nicht auch? Lass uns ein hübsches Feuer machen."
„Feuer?", fragte sie aufgeregt und sprang auf. William lachte, während er sich zum Kamin hinunterbeugte.
„Ja, Feuer. Normalerweise würden das die Hausmädchen machen, aber ich habe allen gesagt, dass ich heute nicht mehr gestört werden will. Also, mal sehen."

Es dauerte eine ganze Weile, während der William mit verschiedenen Dingen herumhantierte und sie ihn fasziniert beobachtete, aber schließlich hatte er es geschafft ein Feuer zu enzünden, dass nun wild flackerte und unheimliche Schatten im Zimmer tanzen ließ.

Doch sie saß nur glücklich und sprachlos davor und starrte in die Flammen, während William noch einige zusätzlich Kerzen entzündete. Immer wieder streckte sie die Hand nach den Flammen aus, nur um sie schnell wieder zurückzuziehen, wenn es zu heiß wurde. Sie wusste, dass Feuer wehtun konnte, aber es war einfach zu wunderschön und einzigartig, um nicht in seinen Bann gezogen zu werden.

Nach einiger Zeit hob sie das Gesicht und sah, wie Williams sie lächelnd beobachtete. Als sie seinem Blick begegnete, wurde er rot und wandte schnell seine Augen ab. Sie schaute sich suchend im Zimmer nach etwas um, das die peinliche Stille überbrücken könnte. Dabei fiel ihr Blick auf die Schachtel, die er vorher mit herein gebracht hatte.

„Was ist da drin?", fragte sie und deutete darauf. William, offenbar dankbar für den Themenwechsel, eilte darauf zu und hob den Deckel der Schachtel.
„Komm und sieh es dir an.", forderte er sie auf und winkte sie herbei. Sie trat an seine Seite und spähte in die offene Schachtel. Darin befand sich ein weißer, glänzender Stoff mit derselben Art Stickerei darauf, die sie vor Kurzem noch auf einem ganz bestimmten Gemälde bewundert hatte.

William nahm das Kleid und zog es aus der Schachtel heraus; der fließende Stoff glitt über die Truhe auf den Boden.

Sie trat näher und strich mit ihren Fingern über die Stickereien.

„Möchtest du es anprobieren?"

Sie schaute William fragend an, der lächelte. Sie schluckte und nickte schließlich.

William half ihr das Kleid anzuziehen und schloss die Häkchen an der Rückseite.

„Es passt perfekt...", hörte sie ihn hinter sich murmeln, dann trat er um sie herum, nahm sie an der Hand und zog sie vor einen großen Spiegel.

Sie sah sich selbst darin, nur dass sie ganz anders aussah als sonst. Zumindest schien es ihr so.

Der Stoff um ihren Körper war steifer als er aussah und fühlte sich unangenehm an, aber sie konnte den Blick nicht von ihrem Ebenbild im Spiegel abwenden.

Wenn sie ihre Haut- und Haarfarbe und Ohren ignorierte und ihre Nixenhände in den Falten des Kleides versteckte...dann konnte sie sich fast einbilden, wie ein Menschenmädchen auszusehen.

„Perfekt!", flüsterte William.

Sie wandte sich ihm zu, doch er wandte den Blick ab.

„Ich weiß, dass mein Vater sich wünscht, dass das Mädchen, das ich einmal heiraten werde es bei unserer Hochzeit trägt." Er lachte freudlos. „Er wurmt mich immer öfter mit dem Thema. Ich sei doch schon alt und reif genug, mich endlich um jemanden zu bemühen und ich solle doch mehr Zeit in unserem Stadthaus in London verbringen, damit ich Bällen und Soireen beiwohnen kann und mich nach heiratsfähigen Mädchen umsehen kann." Er seufzte und ließ sich auf dem Bett nieder.

Sie drehte sich ganz von ihrem Spiegelbild weg und trat zwei Schritte auf ihn zu, blieb dann aber stehen.

Sie stellte sich vor, wie William, ihr Mensch, ein Menschenmädchen heiratete. Sie hatte Bilder von Hochzeiten gesehen und er hatte ihr genug davon erzählt. Sie stellte sich vor, wie sie zusammenleben und viele Kinder haben würden. Und wie er sie schließlich vergessen würde.

Tränen, die sie eigentlich nicht in der Lage zu weinen hätte sein dürfen, tropften auf den kostbaren Stoff. Fassungslos, fing sie eine einzelne mit ihrer Fingerspitze auf und betrachtete sie. Sie glänzte in dem schwachen Licht, dass die Flammen warfen, und alle Farben des Regenbogens und mehr schienen sich darin zu brechen.

„Ich will nicht, dass du heiratest.", flüsterte sie.
William hob den Blick.

„Ich auch nicht."

Der Garten war wirklich wunderschön. Da waren Hecken, Bäume, Blumen, ein Brunnen, verzierte Torbögen, verschlungene Wege und kunstvolle Statuen und Büsten.

Nachdem William ihr wieder aus dem Kleid herausgeholfen und es weggeräumt hatte, hatten er einige Zeit damit verbracht, ihr aus seinen Büchern vorzulesen, dann hatte versucht, ihr ein Spiel namens „Schach" beizubringen und später, viel später, hatte er sie schließlich wieder durch das Haus in den Garten hinaus geführt, seine Zeichenmappe und Farben unter dem Arm.

Der Teich befand sich im hinteren Teil des großen Gartens und maß etwa zehn Schritt im war an einigen Stellen von Schilf und Seerosen bedeckt und mit ihren scharfen Augen konnte sie unter der Wasseroberfläche einige Fische, Frösche und sogar Schildkröten erkennen.

Während sie sich an den Rand des Gewässers kniete und ihre Hand über die Oberfläche gleiten ließ entzündete William mehrere Öllampen, die er mitgebracht hatte und verteilte sie um sie beide herum.

„Na gut, lass mal sehen...", überlegte her und studierte sie neben dem Teich. Es dauerte eine Weile aber nachdem er ihre Position ein gutes Dutzend Mal geändert hatte, war er schließlich zufrieden so wie sie saß.

Er hatte sie angewiesen, sich auf den Bauch zu legen, die Beine bis zu den Oberschenkeln im Wasser, ein Bein angewinkelt. Ihren Oberkörper stützte sie auf ihren Ellenbogen ab und eine ihrer Hände hatte sie an ihr Gesicht gehoben und William hatte eine weiße Seerose hineingelegt, während sie die andere entspannt auf dem feuchten Moos abgelegt hatte.

Es war keine angenehme Position, schon nach wenigen Minuten, während William noch seine Zeichenutensilien vorbereitete, begannen ihre Muskeln zu protestieren und kleine Steinchen drückten in ihre Fleisch. Aber für William würde sie geduldig in dieser Position verharren so lange es nötig war.

Er hatte ihr erklärt, dass er mit „Kohle" arbeitete und sie einige Male versuchen lassen, selbst etwas zu malen, aber dabei war sie leider genau so wenig talentiert, wie mit dem Lesen und Schreiben.

Manchmal schämte sie sich dafür, dass sie offenbar keines der Talente besaß, die in der Menschenwelt gepriesen wurden und angesehen waren. Falls es William störte, ließ er sich zumindest nichts anmerken, doch das Blut schoss ihr trotzdem jedes Mal wieder in die Wangen, wenn sie bei etwas versagte.

Jetzt, unter seinem forschenden, intensiven Blick, wurde ihr heiß und ihre Herzschlag, von dem sie wusste, dass er ohnehin viel schneller war, als der eines Menschen, beschleunigte sich.

Während seine Augen zwischen dem Papier und ihrem Körper hin und herflackerten, konnte sie ihn in Ruhe mustern. Nicht, dass sie das nicht schon zur Genüge getan hatte, all die Male, die sie sich getroffen hatten. Doch jetzt konnte sie es tun, ohne beschämt die Augen abzuwenden, wenn sich ihre Blicke trafen.

Sie hatte in ihrem Leben zwar noch nicht viele Menschen gesehen, und immer nur aus der Ferne, doch sie konnte sich trotzdem vorstellen, dass William als gutaussehend unter ihnen galt. Für sie war er einzigartig.
Er war den Männlichen ihrer Art so ähnlich und doch ganz anders. Während man ihnen ihre Wildheit und Grausamkeit ansah, ließen sowohl Williams sanfte Charakterzüge, als auch sein Aussehen, ihn freundlich und vertrauenswürdig erscheinen.

Am Liebsten mochte sie die vielen kleinen Fältchen um seine Augen, von denen sie inzwischen wusste, dass sie davon kamen, dass er viel lachte.

Melin tarë genya sílalë sô anar navon.", hatte sie ihm einmal gesagt, ohne es ihm danach zu übersetzen. Dein Lachen ist wie die Sonne für mich.

Er bat sie oft, in ihrer Sprache zu sprechen. Nicht, weil er sie lernen wollte; er wusste, dass er das nicht können würde. Aber er sagte ihr immer wie wunderschön ihre Stimme sei, und wenn sie mit ihr in ihrer Sprache sprach, sei sie lieblicher als die zarteste Ballade.

Damals hatte sie lachen müssen und ihn gefragt, ob er das in einem seiner Bücher gelesen habe. Lächelnd hatte er geantwortet, dass er das in sein eigenes Buch geschrieben habe.

Es dauerte eine lange Zeit, bis William schließlich die Kohle beiseite legte, ein letztes Mal über das Blatt Papier bließ und dann lächelte.

„Du kannst jetzt aufstehen.", sagte er und erhob sich ebenfalls.

Ächzend streckte sie ihre steifen Glieder und richtete sich schließlich auf.

„Darf ich es sehen?", fragte sie aufgeregt und voller nickte und hielt ihr das Bild so hin, dass sie es sehen konnte.
Es hatte keine Farben, war nur in schwarz gemalt, doch es nahm ihr den Atem. Das Mädchen in dem Bild sah genauso aus wie sie. Ein bisschen hatte er verändert, ihre Haare so hingelegt, dass sie gerade so ihre Brüste verdeckten und in dem Bild sahen ihre Augen die Seerose an, obwohl sie sie in Wahrheit keine Sekunde von ihm abgewendet hatte.

„Gefällt es dir?", fragte er, offenbar nervös. Sie strich mit ihren Fingerspitzen vorsichtig darüber und flüsterte: „Es ist perfekt."

Erleichtert stieß William die restliche Luft in seinen Lungen aus.

„Na, dann ist es ja gut. Ich betrachte das hier nämlich jetzt als mein Meisterwerk. Und ich verspreche dir, dass ich es immer in Ehren halten werde."

Nachdem er das Bild wieder in seiner Mappe verstaut hatte, sah er sie fragend an.

„Möchtest du nochmal mit auf mein Zimmer kommen oder musst du wieder gehen? Ich könnte dir noch ein bisschen vorlesen."

Hoffnung lag in seinem Blick und es tat ihr weh, sein Angebot ausschlagen zu müssen. Sie schüttelte den Kopf.
„Ich muss gehen."

Sie hatte es schon vor einer Weile gemerkt: Wie ihr Körper ohne das Meerwasser und vor allem die Mineralien des Riffs schwächer wurde. Schon jetzt kam ihr Atem flacher als sonst und sie hatte das Gefühl müde zu sein.

William verstand und lächelte traurig.

„In Ordnung. Dann bringe ich dich zum Strand."

Der Weg hinunter schien ihr viel kürzer als hinauf zum Haus und allzu bald trafen ihre Füße auf weichen Sand und es war Zeit, sich zu verabschieden. Sie drehte sich zu William um.

„Vielen Dank, dass du mich mit in dein Haus genommen hast.", sagte sie. „Das war wirklich der schönste Tag meines Lebens."

„Gern geschehen.", erwiderte er lächelnd. „Obwohl es genau gesehen ja hauptsächlich Nacht war. Ich habe noch etwas für dich."

Er griff in seine Tasche und holte etwas hervor. Als er es ihr zeigte, sah sie, dass es ein Armband war. Es war silbern und an der Kette hingen kleine Imitate von verschiedenen Blumenarten.

„Ich weiß, wie gerne du Blumen magst. Ich dachte, dass hier könnte dir gefallen. Es ist echtes Silber, also sollte es im Wasser eigentlich nicht rosten."

Er nahm ihre Hand und legte ihr das Armband an. Es passte perfekt um ihr schmales Gelenk.

Sie sah sich genau jede einzelne Blüte an.

„Das nächste Mal, wenn wir uns sehen, werde ich dir mehr über diese Blumen erzählen, einverstanden?"

Sie nickte begeistert und fiel ihm um den Hals, darauf bedacht, nicht aus Versehen, sein Gesicht zu berühren.

„Danke, danke, danke. Es ist wunderbar!", rief sie.

William lachte und als sie sich von ihm löste, legte er ihr lächelnd eine Hand an die Wange.

„Bis zum nächsten Mal, meine kleine Nixe."

Laren níniatha n'i lû a-morgvenitham.", antwortete sie, wie jedes Mal. Mein Herz wird weinen, bis wir uns wieder sehen.

Und damit tauchte sie in die Wellen und machte sich auf den Weh zum Riff.
Den ganzen Weg über betrachtete und spielte sie verzückt mit dem Armband. Sie glaubte zwei der Blumen daran erkennen zu können, eine Rose und eine Sonnenblume, von denen William ihr schon einmal erzählt hatte. Damals hatte er ihr auch eine Geschichte erzählt-er hatte es eine Legende genannt-von einem Mädchen, das sich in den Sohn der Sonne verliebt und ihn heiratet aber dann von seiner Mutter in eine Blume verwandelt wird, weil sie ihr nicht gehorcht: Eine Sonnenblume.

Sie konnte es nicht erwarten mehr darüber und über die anderen Blumen zu hören.

„Na, sieh mal einer an, wer da nach Hause geplätschert kommt.", hörte sie in diesem Moment eine schneidende Stimme. Sie erschrak.

Ohne es zu merken, war sie den ganzen Weg bis zum Riff geschwommen. Und jetzt hatten sie sie entdeckt.

Sie kamen aus dem Dunkel um sie herum, tauchten aus dem trüben Tiefen so plötzlich auf, dass es schien, als kämen sie aus dem Nichts. Es waren mindestens fünf, die sich jetzt um sie scharten.

„Lange war sie schon nicht mehr hier."

„Hat sich die Zeit wohl mit ihrem Menschenjungen vertrieben."

Offenbar konnten sie den Schock in ihrem Gesicht ablesen, denn sie sagten:

„Ja,ja. Wir kenen dein Geheimnis. Ein hübsches Bürschchen hast du dir ausgesucht. Sprichst mit ihm, spielst mit ihm, nimmst seine Geschenke."

Sie versuchte, die Hand mit dem Armband schnell an ihrer Brust zu bergen, doch da wurde sie schon gepackt un gestgehalten.
„Hübsches, funkelndes Ding hast du hier. Wo hast du die anderen Sachen?"

Sie sagte nichts. Kein Wort würde sie sagen. Niemals würde sie ihnen verraten, dass sie Williams Geschenke in einer Höhle bei den Felsen am Strand versteckt hatte.

„Sag schon! Wo hast du sie?"

Einer riss an dem Armband, sodass die Kette brach.

„Nein!", schrie sie und versuchte, es ihm zu entreißen, doch die anderen hielten sie fest.

„Nein?", lachten sie. „Oh, doch! Lasst uns damit spielen. Es zerreißen und zerstören! Vielleicht merkt sie dann, dass sie dort nicht hingehört."

Der, der ihr das Armband weggenommen hatte, brachte sein Gesicht ganz nah an ihres heran, sodass sie das grausame Vergnügen, das er diesem entsetzlichen Spiel fand, in seinen Augen sehen konnte.

„Sie gehört nämlich uns."

Und dann fielen sie über sie her.

William war voller Vorfreude, als er sich auf den Weg zum Strand machte.

Während der letzten zwei Tage hatte die Sonne wärmeres Wetter gebracht, als jemals zuvor zu dieser Jahreszeit, soweit er sich erinnern konnte, und während seine jüngere Schwester Jessamine, so wie alle anderen Bewohner des Hauses, das zu ihrem vollen Vergnügen ausgenutzt hatten, hatte er trübselig in seinem Zimmer gesessen und den sonst so vorherrschenden Regen sehnsüchtig erwartet.

Mit Jessamine hatte er tatsächlich ein ernsthaftes Wort sprechen müssen. Als er nach jener Nacht, in der er Neri gemalt hatte, nämlich zurückgekommen war und sich in sein Zimmer geschlichen hatte, hatte sie sich, als er gerade dabei war, in sein gemütlich warmes Bett zu steigen, durch die Tür gestohlen und ihn fassungslos angestarrt.

„Ich hab dich gesehen. Von meinem Balkon aus. Im Garten. Mit..." Anscheinend wusste sie nicht, womit sie ihn gesehen hatte, denn mehr als das brachte sie nicht heraus. Offenbar fand sie, das sei genug, um im verständlich zu machen, dass sie eine Erklärung verlangte, denn sie stemmte die Hände in die Hüften und sah ihn erwartungsvoll an. Für ihre elf Jahre konnte sie unglaublich dominant sein.

Stöhnend hatte er sich mit den Händen über sein Gesicht gerieben und nach den richtigen Worten gesucht.

„Also gut, Jess. Ich werde dir alles erzählen. Aber du musst versprechen, nein, schwören, dass du es niemals niemandem erzählen wirst. Verstanden? Niemals."

Jessamine schluckte und nickte und hüpfte dann in sein Bett, als sei er im Begriff ihr eine Gute-Nacht-Geschichte zu erzählen.

„Also, Neri-das ist ihr Name-Neri...ist eine Nixe."

Schweigen. Dann: „Sie war nackt."

Müde lächelte er.

„Ja. Das ist sie immer."

Und dann hatte er ihr die ganze Geschichte erzählt, nach der Jessamine ihm das Versprechen abgenommen hatte, sie eines Tages einmal mitzunehmen und der „Meerjungfrau" vorzustellen.

Und nun konnte er nur hoffen, dass sie ihr Versprechen-und ihren Mund-hielt. Doch selbst im Zweifelsfall stand das Wort seiner Schwester, die immer noch an Feen und Elfen glaubte, gegen das seine.

Bevor er sich heute durch den leichten Nieselregen auf den Weg zum Meer gemacht hatte, hatte er verschiedene Blumen gepflückt, denn wie versprochen wollte er Neri mehr darüber erzählen.

Er dachte an jene Nacht zurück. Er war in seinem ganzen Leben noch nie so nervös gewesen und noch nie zuvor, war er sich ihrer Nacktheit so bewusst gewesen.

Der sanfte Schwung ihrer Hüften, das Tal, zu das sie ihren Rücken gebogen hatte, und die weiche Form ihrer Brüste hatten seine Arbeit alles andere als erleichtert.

Es war ohne Zweifel das erotischste gewesen, dass er in seinem ganzen bisherigen Leben erlebt hatte, ohne sie auch nur zu berühren.
Wie gerne er ihre Form mit seinen Händen, seinen nackten Händen, nachgefahren wäre.
Wann immer er sich bei solchen Gedanken ertappte, schämte er sich in Grund und Boden, wissend, dass Neri, seine kleine, unschuldige Nixe, niemals solch schamlose Bilder im Kopf hätte. Aber trotz allem war er dennoch auch nur ein Mann und Sklave seiner natürlichen Instinkte.

Und doch wusste er, dass es mehr als das war.

Auch wenn er vorher schon Mädchen hübsch gefunden und mit einigen geflirtet hatte-sehr zum Ärgernis seines Vaters, der das für einen jungen Mann seines Standes äußerst unziemlich befand-hatte ihn nie etwas in demselben Maße zu ihnen hingezogen gefühlt, wie es bei Neri der Fall war.

Sie war trotz ihrer Anderartigkeit-oder vielleicht gerade deswegen-wunderschön, sanftmütig, neugierig, bescheiden und wissbegierig. Er liebte es, ihr Dinge beizubringen oder ihr vorzulesen, ihre wunderbare Stimme zu hören und einfach bei ihr zu sein.

Langsam wurde ihm klar, dass seine Weigerung, sich zu verloben, nicht daran lag, dass er sich nicht binden wollte. Es lag auch nicht daran, dass er dann weniger Zeit mit Neri verbringen konnte.

Er wollte ganz einfach keine andere außer ihr.

Was würde er nicht geben, sie der ganzen Welt zeigen zu können. Nicht, weil sie mytisches Wesen war, dass eigentlich nur in kindlicher Vorstellung existieren sollte, sondern um ihretwillen.

Weil sie unglaublich war. Wie sehr er sich wünschte, sie seinem Vater, all den verzogenen Gören, die sich jedes Mal wenn er eine Veranstaltung besuchte, anbiedernd um ihn scharten, ihren hochmütigen Müttern, und all den reichen Schnöseln der Gesellschaft zu zeigen und verkünden zu können, dass sie ganz allein ihm gehörte, dass sie sein Mädchen war.

Sie in dem Brautkleid seiner Mutter zu sehen hatte ihn schmerzlich daran erinnert, dass sie es nie aus dem Grund anziehen konnte, für den es eigentlich vorgesehen war. Damals in seinem Zimmer, war die Versuchung, sie zu küssen, fast unwiderstehlich gewesen.

Er hatte es ihr nicht erzählt, doch auch das Armband hatte seine Mutter ihm auf ihrem Sterbebett geschenkt, wo sie ihm das Versprechen abgenommen, es, wenn er einmal groß war, dem Mädchen zu schenken, dass ihm am Wichtigsten war.

Es war gut, dass Neri seine Gefühle nicht kannte, wo diese ganze Situation ohnehin aussichtslos war.

Doch in einem war er sich voll und ganz sicher: Ohne Neri, würde seine Sonne nicht mehr aufgehen.

Der Strand war wie erwartet leer und William setzte sich auf den Baumstamm, wo sie sich für gewöhnlich immer trafen, und plante in seinen Gedanken schon, worüber sie diesmal sprechen und was sie unternehmen konnte, in Erwartung, dass Neri bald auftauchen würde; sie ließ nie lange auf sich warten. Tatsächlich war sie meistens schon da, wenn er kam.

Diesmal allerdings wartete er vergeblich.

Immer wieder sah er auf seine Uhr- die er bei einem vorzüglichen Uhrenmacher in London bestellt hatte, nachdem seine alte in den Tiefen des Meeres verschwunden war-und beobachtete wie Stunde um Stunde verging.

Nachdem es anfing, dunkler zu werden begann er am Strand auf und ab zu gehen, die Wellen beobachtend. Er kam nicht umhin, sich Sorgen zu machen. Er hatte nie vergessen, was Neri ihm über ihr Zuhause und ihre Artgenossen erzählt hatte. Würden sie ihr etwas antun? Ihr wehtun?

Als er schließlich um einen Felsen bog, sah er etwas im Sand liegen, dass offenbar von den Wellen angespät worden war, konnte aber nicht erkennen, was es war.

Als er näher trat, erkannte er einen Körper und schließlich...

„Neri!", keuchte er erschrocken und rannte auf sie zu.

Er warf sich neben sie in den Sand und zog ihren leblosen Körper in seine Arme.

Während seiner langen Warterei, hatten seine Hände in den Handschuhen zu schwitzen begonnen und er hatte sie abgstreift, was ihm erst in dem Augenblick, da er Neris nackte Haut berührte klar wurde. Erschrocken wollte er sich schon zurückziehen, als ihm klar wurde, dass ihre Haut bei ihrer Berührung keinen Schaden nahm, was ihm im ersten Moment in ekstatische Freude versetzte, im zweiten aber in unglaublich große Angst versetzte.

Erst jetzt besah er sie sich genauer und erkannte, dass ihre Haut von Prellungen und Schnitten und Kratzern übersäht war.

„Neri!", rief er verzweifelt und schüttelte sie. „Neri, bitte sag doch was! Wach auf!"

Doch sie blieb still.

Tränen stiegen in Williams Augen. Er konnte sie nicht verlieren. Das durfte nicht war sein.

Er tastete nach ihrer Hand und hob sie an seine Wange. Als er spürte, wie etwas glitschiges, nasses sein Kinn streifte, öffnete er die Augen und blickte hinab auf den Seetang, der um ihr Handgelenk gewickelt und festgeknotet war. Das Handgelenk, an dem sie sein Armband getragen hatte.

Im ersten Moment wusste er nicht, was das zu bedeuten hatte, doch dann wurde es ihm klar: Sie verspotteten ihn. Sie beide.

Wütender, als je zuvor in seinem Leben wandte er das Gesicht den Wellen zu, die sich in der Dunkelheit aufbäumten und schrie: „Ihr Mistkerle! Was hat sie euch denn getan? Was hat sie euch jemals getan? Habt ihr ihr das nur angetan, um mir wehzutun? Ist es das, was ihr wollt?"
William glaubte, von irgendwoher ein Lachen zu hören, aber in seinem derzeitigen Zustand, konnte er sich das genau so gut eingebildet haben.

„Wenn ja, dann herzlichen Glückwunsch.", fügte er leise hinzu und hatte Mühe, überhaupt zu sprechen, mit dem Kloß, der in seinem Hals saß.

„Ohne sie...geht doch meine Sonne nicht mehr auf!", flüsterte er verzweifelt und vergrub sein Gesicht in Neris Haaren. Sie roch nach Meer und Tiefe und Unendlichkeit und William wünschte sich, in seinem ganzen Leben nichts anderes mehr riechen zu müssen, diesen Duft niemals zu verlieren.

Und dann legte er zum ersten und einzigen Mal seine Lippen in einem sanften Kuss auf die seiner kleiner Nixe und ließ sie wissen, dass er sie liebte...

Mama, noch eine Geschichte bitte!"

Sie lächelte und trat zurück an das Bett, wo ihre kleine Tochter mit ihrem Kuschelhasen im Arm lag und sie flehentltlich aus großen Augen anstarrte. Heute durfte sie ausnahmsweise einmal im Bett ihrer Eltern schlafen, weil ihr Vater auf einer Geschäftsreise war.

Also gut, aber nur eine.", erlaubte sie und ließ sich auf der Bettkannte nieder. „Welche möchtest du denn hören."

Mmh...die da!", verkündete sie und deutete auf das eingerahmte Bild an der Wand.

Oh, du meinst du Geschichte über die Nixe."

Nixe? Was ist das?"
„Eine Nixe ist so was wie eine Meerjungfrau mit Beinen."

Ihre Tochter schien scharf nachzudenken.
„Aber wenn sie Beine hat, wie kann sie denn dann so gut schwimmen?"
„Sie hat Schwimmhäute zwischen den Händen und Zehen."
„So wie Freddie?"

Sie lachte bei dem Vergleich, war aber auch stolz, dass ihre Tochter gleich die Verbindung zu dem Frosch, der ihren Gartenteich bewohnte, hergestellt hatte.

Ja, genau wie Freddie."

Was ist mit der Nixe auf dem Bild passiert?"
„Also, die Geschichte ist vor langer Zeit passiert. Vor ungefähr 150 Jahren. Damals lebte dein Ur-ur-ur-ur-urgroßonkel William Pennigworth. Er war der Bruder der Urgroßmutter deiner Urgroßmutter."
„Das sind aber viele Urs."
„Ja, das sind sie. William war der Sohn eines Grafen und sehr wichtig. Eines Tages sollte er den Titel seines Vaters erben und über eine Grafschaft herrschen. Deshalb wollte sein Vater, dass William sich ein nettes Mädchen suchte, dass er heiraten konnte.

Eines Tages aber, als William am Strand spazieren ging, traf er eine Nixe und freundete sich mit ihr an."
„War sie wunderschön? Wie eine Prinzessin?"
„Noch viel schöner als eine Prinzessin. Sie verbrachten viel Zeit zusammen. Er brachte ihr die Sprache der Menschen bei, zeigte ihr Bücher und menschliche Gegenstände und schließlich verliebten sie sich. Deshalb malte er auch das Bild von ihr."
Sie zeigte auf das Porträt. Ihre Tochter folgte ihrem Blick und musterte das Bild.

Ja, sie ist wirklich wunderschön.", befand sie.

Williams Vater, der nichts von seinem Geheimnis wusste, bemerkte, dass sein Sohn oft weg war und wurde wütend. Er sagte ihm, wenn er in einem Monat kein Mädchen gefunden hätte, dass er heiraten würde, würde sein Vater eines für ihn aussuchen."

Das ist aber nicht nett!", erklärte ihre Tochter schmollens. „Tante Molly im Kindergarten hat gesagt, dass man später mal den heiratet, in den man verliebt ist."
Sie nickte.

Genau. Das fand William auch. Am liebsten wollte er seine Nixe heiraten, aber das ging ja leider nicht. In dieser Nacht schlich er sich wieder an den Strand, um sie zu sehen. Und seitdem wurde er nie wieder gesehen."
Große Kinderaugen starrten sie an.

Aber warum? Was ist denn passiert?"

Sie lächelte. Sie wusste, dass ihre kleine Tochter Geheimnisse liebte, deshalb beugte sie sich näher vor und flüsterte verschwöhrerisch: „Na gut, aber das darfst du niemandem erzählen, ja? Das ist ein Familiengeheimnis."
Erwartungsvolles Nicken.

Man sagt, dass William seine Familie verlassen hat, um mit seiner Nixe unter dem Meer zu leben."

Aber wie geht denn das? Er kann doch unter Wasser gar nicht atmen!", hauchte ihre Tochter.

Das ist Nixenmagie. Und wenn du ganz leise bist, kannst du nachts im Rauschen der Wellen manchmal sogar ihre wunderschöne Stimme singen hören von all den Abenteuern die sie mit ihrem William dort unten am Meeresgrund erlebt."

Die kleinen roten Lippen formten sich zu einem lautlosen „oh". Als sie sich wieder gefasst hatte, fragte sie: „Mama, können wir heute Abend das Fenster aufmachen? Ich möchte so gern die Nixe hören wenn sie singt."

Sie lächelte.

Ja, das können wir."

Und sie stand auf und öffnete das Fenster, damit der Gesang der Wellen ihrer kleinen Tochter Träume vom Meeresgrund und Nixen und Prinzen bringen konnte.

Guren *níniatha n'i lû n'i a-govenitham