In den Hügeln der Provence

Elisabeth macht allein Urlaub in der Provence. Dort lernt sie Marius kennen - und mit ihm die Liebe. Aber das einfache Leben, das er führt, schreckt sie ab. Sie kehrt zurück in ihre Welt, doch vergessen kann sie ihn nicht ...

Die schmale Strasse wandt sich durch die grünen Hügel der Provence. Durch das offene Fenster des Wagens nahm Elisabeth den Duft von Thymian, Rosmarin und Lavendel wahr. Je näher sie ihrem Ziel kam, desto sehnsüchtiger und schmerzvoller klopfte ihr Herz. Fünf Jahre hatte sie gebraucht, um zu wissen, dass ihr Glück sich hier und nirgendwo anders befand. Aber vielleicht war es zu spät? Alles stand so lebendig vor ihrem inneren Auge, als sei es gestern geschehen ...

Damals wollte sie mit ihrem Freund Ferien in der Provence machen, aber Detlef konnte im letzten Augenblick nicht mitkommen.

Elisabeth war allein gefahren, hatte sich in einem kleinen Hotel in Aix en Provence einquartiert und erkundete von dort aus mit ihrem kleinen Wagen die Umgebung. Eines Morgens folgte sie aufs Geradewohl der Landstrasse. Gegen Mittag suchte sie ein Restaurant, fand aber keins. Schliesslich hielt sie an, um auf der Karte nachzuschauen, wo sie sich befand. Sie war allein inmitten des schrillen, monotonen Zirpens der Grillen und dem Duft eines blühenden Lavendelfeldes, das in der heissen Julisonne lag.

Nein, doch nicht allein. Ein Mann schritt das Feld ab, rupfte hier und da ein Unkraut aus. Als er näher kam, sah sie, dass er kaum älter war als sie selbst. Er trug ein offenes, kariertes Hemd über halblangen, leichten Hosen, und ein Strohhut schützte ihn gegen die sengende Sonne. Sie stieg aus und ging ihm entgegen.

"Pardon, könnten Sie mir wohl sagen, ob sich ein Restaurant in der Nähe befindet?" fragte sie ihn in tadellosem Französisch.

"Un restaurant?" Er sprach es "restaurang" aus, im provenzalischen Dialekt. "Tut mir leid, das gibt es hier nicht." Er lachte sie mit blitzenden Zähnen an, seine dunklen Augen strahlten im gebräunten Gesicht. Unter seiner nackten Brust spielten geschmeidig die Muskeln. Elisabeth konnte ihren Blick nicht von ihm lösen. Nie hatte sie einen attraktiveren Mann gesehen.

Und als er sagte: "Ich habe mir den Lavendel angesehen. In einer Woche können wir ihn ernten", hörte es sich an wie eine Liebeserklärung. Verträumt fuhr er fort: "Ihre Augen haben die Farbe des Himmels der Provence, Mademoiselle, und in Ihrem Haar hat sich die Sonne verfangen."

Er sah nicht nur aus wie ein junger Gott, er war ein Poet!

"Ich habe mein Mittagsbrot mitgebracht", fuhr er fort. "Meine Mutter hat es mir eingepackt, weil unsere Lavendelfelder in einiger Entfernung von unserem Haus liegen. Möchten Sie es mit mir teilen?"

"Danke, gern", lächelte sie ihm zu.

Er führte sie zu einer weit ausladenden Schirmpinie, unter der ein, mit einem rot-weiss karierten Tuch bedeckter, Korb stand. Er breitete das Tuch auf dem Boden aus und ordnete darauf ein Bauernbrot, zwei runde Ziegenkäse, zwei sonnenreife Tomaten, eine Flasche Wasser, eine Flasche Rotwein und vier duftende Pfirsiche an.

Dann lud er Elisabeth ein, sich zu setzen. Als er bedächtig, mit einer fast liebevollen Geste, zwei dicke Scheiben Brot abschnitt und ihr eine hinüberreichte, berührten sich kurz ihre Hände. Elisabeth durchfuhr es wie ein Stromstoss.

"Ich heisse Marius", sagte er.

"Und ich Elisabeth."

Nie hatte eine Mahlzeit so köstlich geschmeckt. Zwischen zwei Bissen erzählte sie ihm, dass sie aus Deutschland kam, aus Hamburg, dass sie Biologie studierte und ihre Ferien hier verbrachte.

"Ganz allein?" fragte er erstaunt.

"Ich wollte mit meinem Freund kommen, aber das hat dann nicht geklappt."

"Lieben Sie sich denn?" Er klang verwundert.

Liebte sie Detlef? Zum ersten Mal stellte sie sich diese Frage. Sie waren stolz auf ihre vernünftige, "zivilisierte" Beziehung, auf den Freiraum, den sie sich gegenseitig liessen. Aber war es Liebe?

"Wenn Sie allein verreisen, und wenn er sie fortlässt, dann ist es keine Liebe", entschied Marius.

Er erzählte ihr, dass er zusammen mit seiner Mutter ein kleines Gehöft betrieb: "Wir bauen Lavendel an und haben Ziegen. Meine Mutter macht den besten Ziegenkäse der Gegend. Wir verkaufen ihn auf dem Markt."

Nach dem Essen pflückte er ihr einen Strauss Lavendel. Als sie vor ihrem Auto standen, fragte er: "Kommen Sie wieder, Elisabeth? Morgen? Da bin ich wieder hier."

"Ja", sagte sie ohne zu überlegen. "Ich werde da sein. Um dieselbe Zeit."

...

Er hatte wieder das Essen mitgebracht. "Ich habe meiner Mutter gesagt, dass ich sehr hungrig bin. Sie hat mir heute mehr mitgegeben", erklärte er verschmitzt.

Als sie den letzten Pfirsich aufgegessen hatten, wischte er ihr wie einem Kind den süssen Saft vom Kinn. Sie mussten beide lachen, und dann lachten sie nicht mehr. Ihre Gesichter waren sich ganz nah. Ihr Herz schmerzte vor Liebe, aber es war ein unglaublich süsser Schmerz. So süss, wie sie ihn nie zuvor gekannt hatte, auch nicht mit Detlef. Marius breitete sein Hemd auf der roten Erde aus und bettete sie unendlich sanft auf das improvisierte Lager. Sie sah, wie hoch oben am strahlend blauen Himmel ein Bussard kreiste. Sein gleitender Flug kam ihr vor wie der Inbegriff der Freiheit, des Glücks. Sie nahm das Bild mit sich, als sie die Augen schloss, weil Marius sie küsste.

An diesem Nachmittag erfuhr sie, was Liebe war. Eine Liebe, die alles beiseite fegte, die keinen Platz liess für Überlegungen, für kokettes Versteckspiel, für höfliches Zaudern. Eine Liebe, die ihrer beider Leben verändern sollte, aber das wussten sie noch nicht ...

Er strich ihr das lange Haar aus dem Gesicht, umschloss es mit beiden Händen und betrachtete es mit schmerzlicher Intensität: "Ich liebe dich, Elisabeth. Ich liebe deine Augen, dein Haar, deinen Mund, aber am meisten liebe ich deine Seele."

"Ich liebe dich auch, Marius", flüsterte sie glücklich.

Nach einer Weile sprang er auf und zog sie hoch: "Ich möchte dir meine Heimat zeigen", sagte er mit leuchtenden Augen. "Kennst du den Berg Sainte-Victoire?"

Elisabeth hatte ihn schon von ihrem Hotelzimmer aus bewundert. Sie war auch an ihm vorbeigefahren, aber mit Marius zusammen wurde er in den nächsten Tagen zu einem Zauberberg, der von jeder Seite ein anderes Gesicht bot: Hellgrauer, schroffer Felsen von Aix aus betrachtet; grüne Vegetation und rote Erde, wenn sie sich ihm von Süden her näherten.

Auf ihren Streifzügen durch das Massiv, bei denen sich auch immer ein verschwiegenes Liebeslager fand, überraschte Marius die junge Frau mit seiner Bildung. Gleich beim ersten Mal erzählte er ihr, dass hier der römische Feldherr Marius in einer blutigen Schlacht die Teutonen vernichtend schlug.

"Bist du nach ihm benannt?" fragte sie.

"Der Name ist in der Provence nie ausgestorben."

Marius wusste jeden Baum, jedes Gewächs auf Provenzalisch, Französisch und Lateinisch zu benennen, kannte ihre Eigenarten und Lebensbedingungen.

"Woher weisst du das alles?" staunte Elisabeth.

"Mein Vater hat es mir beigebracht", erklärte er ihr stolz. "Er interessierte sich sehr für Botanik, aber natürlich konnte er nicht studieren."

Einen Augenblick glaubte sie, dass Marius studierte, dass er nur in den Semesterferien heimgekommen war. Als erriet er ihre Gedanken, schüttelte er den Kopf. "Nein, ich konnte auch nicht studieren. Ich habe in Aix mein Abitur gemacht, weil ich dort bei meiner Tante wohnen konnte, aber dann starb mein Vater, und meine Mutter brauchte mich." Er fügte hinzu: "Die Erde, die wir seit Generationen hier besitzen, ist sehr wichtig für uns. Sie macht uns zu freien Menschen."

"Auch Wissen macht frei", rutschte es ihr heraus.

"Man ist nicht frei, wenn man für einen Chef, einen Patron arbeitet", kam es scharf zurück.

"Ich möchte später in der Forschung arbeiten. Helfen, Pflanzenarten zu entwickeln, die unter extremen Bedingungen gedeihen. Damit die Menschen keinen Hunger mehr zu leiden brauchen."

"Das ist bestimmt nützlich, aber für mich wäre das nichts." Er reckte sich.

"Marius, wenn man so intelligent ist wie du, muss man studieren. Es ist eine Pflicht sich selbst und den anderen gegenüber."

Er lachte ihr ins Gesicht: "Als wenn die Wissenschaftler nicht auch zu grossem Blödsinn fähig wären. Ausserdem brauche ich nicht zu studieren, um glücklich zu sein." Plötzlich sah er auf die Uhr, meinte erschrocken: "Wir müssen zurückfahren, ich muss die Ziegen melken. Komm, ich zeige dir mein Haus und stelle dich meiner Mutter vor."

Das letzte Stück des Weges war so steil und steinig, dass sie den Wagen stehen lassen und zu Fuss gehen mussten. Dann standen sie vor einem einfachen, von Pinien beschatten Steinhaus. Eine schlanke Frau in blauer Kittelschürze kam mit einem Eimer voll Milch aus dem Stall. Elisabeth dachte, dass sie sehr schön gewesen sein musste, es immer noch war, aber die harte Arbeit und die Sonne hatten ihr Gesicht gezeichnet.

"Maman, hast du die Ziegen etwa schon gemolken?"

"Was bleibt mir anderes übrig? Mein Sohn treibt sich nur noch herum. Ist das das Mädchen, von dem du mir erzählt hast? Die Studentin aus Deutschland?"

"Ja, das ist Elisabeth. Sie spricht sehr gut Französisch. Elisabeth, das ist meine Mutter."

"Bonjour, Madame", sagte Elisabeth höflich.

Marius' Mutter sah sie verärgert an und ging grusslos an ihr vorbei. Dann wandte sie sich wieder ihrem Sohn zu: "Und was ist mit Mireille? Sie ist schon zweimal vorbeigekommen, und du warst nicht da."

"Mireille ist eine gute Freundin,. Wir kennen uns, seit wir Kinder sind, aber ich liebe sie nicht."

"Sie liebt dich aber. Sie ist mit der Arbeit hier vertraut und würde eine gute Frau für dich sein."

"Schlag dir das aus dem Kopf, Maman. Ich werde sie nie heiraten!"

Jetzt wurde seine Mutter zornig: "Morgen ernten wir den Lavendel, die Nachbarn kommen, um zu helfen, und du hast die Handsicheln noch nicht geschärft!"

"Das mache ich nachher, ich bringe nur noch Elisabeth zu ihrem Wagen zurück."

Marius' Mutter drehte sich um und ging ins Haus, ohne Elisabeth noch eines Blickes zu würdigen.

Marius legte den Arm um die Schultern der jungen Frau: "Sie ist nicht immer so", entschuldigte er seine Mutter, während sie langsam den Weg zurückgingen. "Sie ist nur böse, weil ich ihr in den letzten Tagen nicht viel geholfen habe, und auch wegen Mireille, die sie sich als Schwiegertochter wünscht."

Sie standen jetzt vor Elisabeths Wagen, und Marius sah sie voll Liebe und Bewunderung an: "Du bist es, die ich liebe, Elisabeth. Fahr nicht nach Deutschland zurück! Wir werden heiraten und hier wohnen. Wenn meine Mutter merkt, dass es uns beiden ernst ist, wird sie dich mit offenen Armen aufnehmen und lieben wie eine Tochter. Ich kenne sie."

Die ganze Zeit hatte Elisabeth jeden Gedanken an eine Zukunft verdrängt, jetzt konnte sie es nicht mehr.

Sie hatte das Steinhaus gesehen, den feindseligen Blick seiner Mutter. Selbst ihre leidenschaftliche Liebe konnte sie nicht mehr darüber hinwegtäuschen, dass Marius und sie nicht das gleiche Lebensziel hatten. Sie gehörten zwei verschiedenen Welten an. Mit einer fast unmenschlichen Anstrengung sagte sie: "Marius, ich liebe dich auch, aber ... wir können nicht zusammen glücklich werden. Nicht, wenn wir mit deiner Mutter zusammenleben. Ich möchte mein Studium beenden, möchte arbeiten und der Gemeinschaft nützlich sein. Deine Mutter wird mich nicht lieben. Sie kann nur ein Mädchen als Schwiegertochter akzeptieren, das sich einfügen kann in euer Leben. Ich könnte es nicht. Und wenn ich es versuchte, würde ich unglücklich und frustriert sein. Und dich auf diese Weise ebenfalls unglücklich machen ..."

Er hatte die Zähne so fest zusammengebissen, dass es knirschte. Dann sagte er mit einer Stimme, die rauh war vor Enttäuschung und verletztem Stolz: "Wenn du so denkst, dann liebst du mich nicht. Dann ist es wohl tatsächlich besser, wir sehen uns nicht wieder. Viel Glück, Elisabeth!"

Er ging fort, ohne sich noch einmal umzuwenden, wie vorhin seine Mutter ...

...

Elisabeth erzählte Detlef ehrlich von Marius. Er verzieh ihr so leicht, dass sie sich wieder fragte, ob sie sich wirklich liebten. Aber als er anfing, sich über ihren "Bauernsohn" lustig zu machen, wies sie ihn scharf zurecht. Niemand, auch Detlef nicht, sollte über Marius lachen. Detlef zog sich beleidigt zurück, "tröstete" sich schon eine Woche später mit einer anderen. Jetzt wusste sie, dass sie sich nie wirklich geliebt hatten.

Andere Männer bemühten sich in den folgenden Jahren um sie. Sie waren klug und studiert, aber mit keinem empfand sie, was sie in Marius' Armen empfunden hatte. Verzweifelt verwandte sie schliesslich ihre ganze Kraft und Zeit nur noch auf ihr Studium. Anschliessend arbeitete sie engagiert in der Forschung. Ihr Kopf funktionierte hervorragend, aber ihr Herz war tot ...

Und nun war sie wieder in Aix, wo morgen ein wissenschaftlicher Kongress begann. Übermorgen sollte sie einen Vortrag halten über eine neuentwickelte Getreidesorte, die resistent war gegen die üblichen Krankheiten.

Sie war etwas eher angereist, und nun befand sie sich auf dem Weg zum Steinhaus.

Wenn Marius sie noch wollte, dann war sie bereit, dort mit ihm zu leben. Es gab keinen anderen Weg für sie, denn mit diesem toten Herzen konnte sie nicht weiterleben. Vielleicht gab es ja auch eine Möglichkeit für sie, hier zu arbeiten. Marius könnte sich weiter um seine Lavendelfelder und seine Ziegen kümmern. Vielleicht konnte sie ihm ab und zu sogar helfen bei der Arbeit mit den Tieren und auf den Feldern. Und auch mit seiner Mutter würde sie, wenn sie sich ehrlich bemühte, sicher auskommen. Aber vielleicht hatte er inzwischen geheiratet. Bei dem Gedanken spürte sie einen Schmerz, wie sie ihn nie für möglich gehalten hätte.

Sie parkte den Wagen unten am Weg, ging den Rest, wie damals mit Marius, zu Fuss. Und dann lag das Steinhaus vor ihr. Immer noch wurde es von den hohen Pinien beschattet, aber die Tür und die Fensterläden waren geschlossen, Unkraut wucherte überall. Was war geschehen? Wo waren Marius und seine Mutter?

Verzweifelt klopfte sie an die Tür, rüttelte an den Fensterläden: Nichts. Nur das durchdringende Zirpen der Grillen und das Rauschen des Mistrals waren zu hören ...

Am nächsten Morgen sass sie blass im Konferenzsaal. Mit Marius hatte sie auch sich selbst verloren. Alles kam ihr nur noch sinnlos vor.

Ein Mann trat ans Podium. Bevor er anfing zu sprechen, schweiften seine Augen über den Saal, ruhten kurz auf jeder anwesenden Person.

Sein Blick, seine ganze Haltung kamen Elisabeth unendlich vertraut vor. Plötzlich stockte ihr Atem, alles Blut strömte zu ihrem Herzen. Es war Marius!

Sie wollte aufspringen, seinen Namen rufen, aber sie konnte sich nicht rühren, kein Laut kam über ihre Lippen. Es war auch nicht nötig, er hatte sie ebenfalls erkannt. Ein Lächeln ging über sein Gesicht, und endlich begann er zu sprechen. Er sah nicht ein einziges Mal auf die Blätter, die vor ihm lagen. Er sah Elisabeth an. Und er sprach mit einem inneren Feuer, einer Begeisterung, die den ganzen Saal mitriss. Es ging um die Aufforstung nach Waldbränden, um den Versuch, die ursprüngliche Vielfalt des provenzalischen Waldes wieder herzustellen, die dem Feuer mehr Widerstand bot als die leicht entzündbaren Pinien.

Später, während Applaus den Konferenzsaal erfüllte, kam er den Gang entlang zu ihr. Auch sie war aufgestanden. Ohne auf die Umstehenden zu achten, nahm er sie in die Arme. Dann reichte er ihr die Hand, und zusammen verliessen sie den Saal.

Auf einer Caféterrasse erzählte er ihr, was sich in der Zwischenzeit ereignet hatte: "Maman und ich haben nach vielen Diskussionen das einfache Leben aufgegeben und sind nach Aix gezogen. Die Felder sind verpachtet, die Ziegen hat ein anderer Nachbar übernommen. Hier habe ich studiert. Du weisst ja, mein Vater hatte es sich so sehr gewünscht. Er hätte es selbst so gern getan. Maman lebt bei ihrer Schwester, ist glücklich wie eine Schwalbe und sagt, dass sie den Komfort ihres neuen Lebens nie wieder missen möchte. Ich arbeite jetzt in einem wissenschaftlichen Institut in Aix und bin in letzter Minute für einen kranken Kollegen eingesprungen. Deswegen ist mein Name nicht auf der Kongressliste aufgeführt. Aber als ich deinen Namen entdeckte, kam es mir vor wie ein Wunder. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Und jetzt sitzen wir hier zusammen ..."

"Marius, ich möchte bei dir bleiben. Ich liebe dich. Das wurde mir erst klar, als ich dich verloren hatte. Meine Heimat ist dort, wo du bist."

Er ergriff ihre Hände. "Ich war so dumm damals. Wenn du mich heiratest, könnte ich auch in Deutschland leben."

"Nein, Marius. Es gefällt mir hier. Auch das Steinhaus gefällt mir. Gehört es immer noch euch?"

"Ja, davon werden wir uns nie trennen."

"Dann können wir später mit unseren Kindern die Ferien dort verbringen. Kinder brauchen Wurzeln."

Er lächelte glücklich. "Und wir werden ihnen die Namen aller Pflanzen beibringen, die im Sainte-Victoire Massiv wachsen."

Sie dachte daran, dass sie ihren Vortrag erst morgen halten würde und fragte: "Können wir den Rest des Tages schwänzen?"

"Wir können", entschied er.

Dann standen sie auf der Terrasse seiner kleinen Wohnung in Aix, von der aus man einen wunderbaren Blick auf den Mont Sainte-Victoire hatte. Der Himmel war so blau wie einst, und Elisabeth glaubte sogar, den Bussard zu entdecken, ehe sie die Augen schloss, weil Marius sie so leidenschaftlich küsste, als hätte es nie eine Trennung gegeben ...

ENDE