Vielleicht hätte sie unter anderen Umständen die Stadt wunderschön gefunden, doch so war ihr ziemlich egal wie Wien war. Einzig der Gedanke an ihn beschäftigte sie. Mit jedem Tag der verstrich, ging es ihm besser. Sie wagte es nicht mehr ihn zu besuchen. Die Polizei hielt Tag und Nacht Wache vor seinem Zimmer.

Sobald er gesund genug dafür war, würde er sich ihren Fragen stellen müssen. Irgendwie musste es ihr gelingen genau das zu verhindern. Sie hatte bereits einen Plan, aber den konnte sie erst in die Tat umsetzten, wenn sie sich sicher war, dass er ihr folgen konnte. Dieser Bastard, Oliver, sein Name stand in der Zeitung, hatte Nicholas fast das Leben gekostet. Immer noch sah sie in ihren Träumen das viele Blut. Sein Blut wie es den schmutzigen Boden des verstaubten Büros bedeckte. Und mehr als einmal erwachte sie aus solchen Träumen schweißgebadet.

Die Furcht ihn zu verlieren hatte ihren Schrecken noch nicht verloren. Ihr gemeinsames Ziel war nach wie vor Budapest. Sie hatte im Krankenhaus einen Job gefunden. Putzen. So war es ihr möglich das Gebäude von innen bestens kennen zu lernen. Schon bald wusste sie wo sich jeder Ausgang befand, kannte jeden Raum und fast das gesamte Personal. Sie war gut.

Niemand stellte ihr unnötige Fragen. Wenn sie flohen, so führte ihr schnellster Weg über den Verbindungsgang zum einem der Nebengebäude, über die Treppe hinab in die Tiefgarage und diesmal mit dem Auto ab in die Freiheit. Von Wien aus war es nicht mehr weit nach Ungarn. Sobald sie dort waren, konnte ihnen nichts mehr passieren. Träumerisch streckte sie ihr Gesicht dem Himmel entgegen. Es war möglich. Sie konnte ihr Leben ändern und sie hatte die Möglichkeit es mit ihm zu verbringen.

Langsam schlug er die Augen auf. Er konnte sich an kaum an das was passiert war erinnern. Er hatte gekämpft und dann war da ein Schuss. Offensichtlich wurde er getroffen. Jedenfalls fühlte es sich an als wäre er von einem Panzer überrollt worden. Jeder verdammte Knochen im Leib tat ihm weh. Nur mühsam schaffte er es wach zu bleiben, aber irgendetwas tief in ihm zwang ihn dazu. Es gab da etwas wichtiges, an das er sich erinnern sollte. Es war etwas, was ihm am Herzen lag.

Chris! Sie war hier gewesen. Hier an seiner Seite. Selbst jetzt, wo er sie nicht sehen konnte, war er sich ziemlich sicher, dass sie nicht weit von ihm war. Kurz verzog sich sein Mund zu einem Grinsen, dass er sogleich bitter bereute. Löste diese kleine Bewegung große Schmerzen in ihm aus und brachte eine Krankenschwester an sein Bett. Schnell schloss er die Augen. Er war angeschossen worden, vermutlich war daher die Polizei auch nicht weit.

Besser wenn sie nicht wussten, dass er wach war. Er hatte keine Lust sich mit ihren lästigen Fragen herum schlagen zu müssen. Außerdem konnte er ihnen keine Antworten geben. Jedenfalls keine Antworten die sie hören wollten. Hier ging es auch um die Sicherheit seines Lands. Auch wenn vieles in seinem Land falsch lief, immerhin brauchten sie jemanden wie ihn, so hatte er nicht vor Verrat begehen.

Aber wenn er schwieg, ging er wegen Mordes für eine sehr lange Zeit ins Gefängnis. Nicht, dass er dieses Urteil nicht verdient hätte, er war ein Mörder, aber er hatte für sein Land getötet. Und für eine lange Zeit hatte er diesen Schwachsinn auch wirklich geglaubt. Aber dann trat sie in sein Leben und alles wurde anders. Er hatte sich Hals über Kopf in sie verliebt. Die Schwester verschwand wieder und er sank, ohne das er es länger verhindern konnte, zurück in einen tiefen Schlaf.

Der lang ersehnte Tag kam endlich. Heute würde sie es wagen und wenn alles gut lief, waren sie schon bald in Freiheit. Sie war in einem der unteren Stockwerke unterwegs. Der Brandalarm war eine todsichere Sache. Sobald die Menschen dachten in Gefahr zu sein, verloren sie die Nerven und das war ihre Chance. Der durchdringende Alarmton war auf sämtlichen Etagen zu hören. Besucher, wie Patienten verließen panikartig das Krankenhaus.

Das war der Moment, auf den sie gewartet hatte. Rasch rannte sie die Treppe hoch bis zur Intensivstation. Die Polizisten standen immer noch vor der Tür und bewachten sie. Sie würde sich noch etwas gedulden müssen, ehe sie ihn endlich in die Arme schließen konnte. Die Tür zur Intensivstation öffnete sich und eine Schwester kam heraus. Kurz sprach sie mit den beiden Polizisten. Offensichtlich forderte sie die beiden auf ihr zu folgen, denn sie betraten mit ihr die Intensivstation.

Chris hatte eigentlich gehofft sie würden mit den anderen Menschen das Krankenhaus verlassen, doch stattdessen waren sie genau dort wo sie sie nicht haben wollte. Ihr Plan drohte zu scheitern. In diesen Moment ging erneut die Tür auf und die beiden Polizisten verließen mit einem Patienten, den sie stützten, die Station. Zum Glück war es nicht Nicholas. Sobald sie außer Sichtweite waren, betrat sie die Intensivstation. Niemand beachtete sie. Alle waren mit der Evakuierung beschäftigt. Chris trat an sein Bett heran. Immer noch lag er viel zu blass zwischen den Lacken.

„Wach auf! Wir müssen gehen!", beschwor sie ihn, dabei tippte sie ihm vorsichtig auf die Schulter.

„Wurde auch Zeit, dass du kommst.", erwiderte er frech, schlug die Augen auf und schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln.

Schwerfällig erhob er sich. Er konnte gehen, aber er würde es nicht laufen können. Ihre Flucht ging so nur langsam voran, aber das war egal, solange sie überhaupt von hier wegkamen. Was in der allgemeinen Hektik kein Problem war.

„Wie sieht dein Plan aus?", fragte er sie. Chris hatte ihre Arme um ihn gelegt um ihn zu stützen und lotste ihn so zielsicher über die Gänge des Krankenhauses. Wenn sie es nicht schafften, würde auch sie im Gefängnis landen. Sie riskierte für ihn alles, wie er auch an ihrer Bekleidung erkennen konnte. Sie trug die typische Krankenhauspersonaltracht. Sie hatte sich offensichtlich, um in seiner Nähe bleiben zu können, hier einen Job gesucht.

„Wir müssen in die Tiefgarage. Dort werden wir uns einen Wagen leihen und nach Ungarn fahren!"

Sie erreichten, ohne Probleme, die Tiefgarage. Ihre Freiheit war endlich zum greifen nahe. Chris wählte für ihre weitere Flucht einen nachtschwarzen BMW.

„Findest du ihn nicht etwas zu auffällig?" Diese Frage war rein rhetorisch. Nicholas kannte sie. Sie hatte keine Angst davor.

„Keiner wird danach suchen und bis sie es tun, sind wir längst in Sicherheit!" Voller Liebe sah sie ihn an und bevor er einsteigen konnte, legte sie ihm beide Hände um sein Gesicht um ihn endlich wieder küssen zu können.

Ihr erster Halt war in Mosonmagyarovar. Eine moderne kleine Stadt und Anlaufort für alle jene die sich die Zähne richten lassen wollten. Jedenfalls versprachen das genug Plakate und Hinweisschilder. Für Chris bedeuteten sie, dass sie endlich in Sicherheit waren. In Ungarn konnte ihnen nichts mehr passieren. Man hatte sie gehen lassen.

„Wir sollten für eine Nacht hierbleiben!", schlug sie Nicholas vor.

Er würde überleben, aber er war noch lange nicht gesund. Von Minute zu Minute war er immer blasser geworden. Aus einer Nacht wurden drei, aber danach ging es Nicholas soweit wieder gut, dass sie die Reise fortsetzten konnten. Sie nahmen wieder die Bahn. Sie erreichten Budapest am späten Vormittag. Die Sonne warf einen gleißendes Licht über die alten und auch modernen Dächer der Stadt und ließ sie so beinahe golden wirken.

Für Chris bedeutete sie Freiheit und die Möglichkeit mit dem Mann den sie liebte zusammen bleiben zu können. Sie suchte eine kleine Pension und zwang Nicholas sich auszuruhen. Sie selbst durchstreifte die Stadt und nahm viele Bilder, Töne und Gerüche mit auf ihrer Erkundung. Insgesamt 12 Brücken überspannten die Donau hier und auf einer dieser Brücken blieb sie stehen um in die Tiefe zu blicken.

Vor einer sehr langer Zeit stand sie auf einer anderen Brücke. Das war der Anfang für ein neues Leben gewesen, nur wusste sie es damals noch nicht. Langsam kehrte sie in die Pension zurück. Nicholas war wach und zum ersten Mal seit seiner schrecklichen Verletzung, sah beinahe schon gesund aus.

„Wie geht es dir?", fragte sie ihn sanft.

„Ich bin am Leben und nicht im Gefängnis – also geht es mir gut!", erwiderte lächelnd, dann wurde er wieder ernst. Er hatte sie so sehr vermisst und jetzt mussten sie sich keine Sorgen mehr machen. Sie waren in Sicherheit.

Er deutete ihr sich neben ihn aufs Bett zu setzen. Sie nahm in sicherer Entfernung Platz. Hier mit ihm alleine und zum Greifen nahe, das brachte sie auf gefährliche Gedanken und er war dafür noch nicht soweit wieder hergestellt. Sie fühlte seine Hand auf ihrer und vorsichtig zog er sie zu sich heran.

„Du bist so weit weg.", flüsterte er in ihr Haar.

„Wir sollten das nicht tun!", beschwor sie ihn und versuchte sich ihm zu entziehen. Es war solange her, dass sie einander so nahe gewesen waren. Zärtlich strich er ihr über das Haar.

„Warum nicht?", fragte er sie, ohne eine Antwort zu erwarten. Sie machte sich Sorgen um ihn und nur deshalb wollte sie nicht das er sie anfasste.

„Ich liebe es dich zu berühren!" Seine Worte brachten ihren Widerstand zum Schmelzen.

Langsam sank sie zurück auf das Bett und ließ zu das er sie liebte. Nicholas erkundete ihren Körper ganz so, als wäre es das erste Mal, das sie einander so nahe waren. In einer gewissen Weise waren sie das sogar. Der Tod hätte sie fast auseinandergerissen, vielleicht ließ sie gerade dieses Wissen sie jede seiner Berührung umso vieles intensive spüren.

Der Morgen brach genauso sonnig an, wie der Tag zuvor und doch war dieser Morgen tausendmal schöner. Schlaftrunken öffnete sie ihre Augen und entdeckte ihn. Nackt, bis auf den Verband um seine Schultern, stand er beim Fenster und blickte über die Stadt.

„Es ist schön hier!", sagte er leise. Wie immer wusste er, dass sie wach war, ohne sich dafür vorher umsehen zu müssen. Chris streifte die Decke von sich. Sie wollte bei ihm sein. Sanft lehnte sie sich an ihn und verschränkte ihre Finger mit seinen.

„Es ist vorbei. Wir sind frei. Niemand wird uns mehr verfolgen!"

Stumm nickte er. So etwas hatte er sich schon gedacht.

„Hast du sie angerufen? Unsere Freunde in London?"

„Natürlich! Ich denke, ich konnte sie überzeugen, das es besser für sie wäre uns in Ruhe zu lassen!" Der Ernst in ihrer Stimme, sagte ihm, dass sie ihnen vermutlich damit gedroht hatte, wenn sie sie nicht gehen lassen würden, würde sie zurückkommen.

„Ich liebe dich!", sagte er und küsste sie sanft auf den Mund.

„Ich liebe dich auch!", erwiderte sie fest. Ihr altes Leben lag hinter ihnen und gemeinsam konnten sie jetzt ein neues beginnen. Glücklich schloss sie die Augen.

„Sieh mich an!", Sachte hob er ihr Kinn an.

„Ich bin froh, dass du mich damals nicht getötet hast.", sagte er und küsste sie.

„Ich hätte es niemals tun können, denn dafür liebe ich dich viel zu sehr!" Er war ihr Herz und ihr Leben und nun konnte sie niemand mehr trennen. Niemals mehr.