Gewitter

Eine kurze Erzählung, die ich diese Woche geschrieben habe

Die Nacht breitet ihre Rabenflügel aus, am Himmel türmen sich drohend die Wolken.

Das Kind schläft...

Ein Blitz zuckt vom Himmel, gefolgt von fernem Grollen. Ohne aufzuwachen dreht das Kind sich auf die andere Seite.

Plötzlich zwei Blitze, gefolgt von krachenden Donnerschlägen. Jetzt liegt das Kind mit panisch geöffneten Augen da, kein Laut kommt über seine Lippen.

Aber schon betritt sein Vater das Zimmer, ruft fröhlich das Kind bei seinem Namen. Es belebt sich, setzt sich auf, streckt die Arme nach dem Vater aus. Der Vater hebt es aus dem Bett, drückt es kurz an sich, stellt es auf die Füsse, nimmt es bei der Hand.

Zusammen gehen sie zum Fenster.

Draussen entfaltet sich das grandiose Schauspiel der entfesselten Natur. Blitz auf Blitz, Tageshelle, Sturmböen, unaufhörliches Grollen, punktiert von heftigen Donnerschlägen. Sintflutartiger Regen, der gegen die Scheiben peitscht, in Strömen an ihnen hinunterläuft...

"Es ist die Natur", sagt jetzt ruhig der Vater. "Sie ist stärker als wir."

"Die Löwen sind auch stärker als wir", lispelt das Kind, das die Sprache wiedergefunden hat. Zum Vater gewandt fährt es eifrig fort: "Und die Elefanten, und die Tiger, und... und..."

"Und?"

Das Kind geht in die Knie, schnellt hoch, hebt triumphierend den Arm und kräht: "Die Wal... Walrosse!"

Der Vater lächelt: "Ja, und noch viele andere mehr. Und trotzdem leben wir. Es ist unser Verstand, wir müssen klug sein, müssen verstehen." Seine Hand liegt leicht auf der schmalen Schulter des Kindes, das sich wieder dem Naturschauspiel zugewandt hat. Langsam entfernen sich Gewitter und Sturm. Nur noch ab und zu ein Blitz, ein schwaches Grollen nach immer länger werdenden Pausen. Dann ist nur noch das sanfte Rauschen des Regens zu hören...

Das Kind gähnt herzhaft, geht ganz allein zu seinem Bett zurück und legt sich wieder hin. Der Vater deckt es zu, lauscht noch einen Augenblick den ruhigen Atemzügen des Kleinen, ehe er zurückgeht zu seiner Frau.

Sie hat die Decke von ihrem Kopf gezogen und fragt besorgt: "Wie geht es ihm?"

"Gut, mein Schatz. Wir haben uns zusammen das Gewitter angesehen, jetzt liegt er wieder im Bett und schläft. Und wie geht es dir?"

"Ich hoffe so sehr, dass ich ihm nicht meine Angst vor Gewittern vererbt habe. Ich bin froh, dass du zu ihm gehst. Meine Eltern haben mich allein gelassen mit meiner Angst, als ich klein war."

"Du bist eine wundervolle Mutter. Dass du mich zu ihm gehen lässt, statt an dich selbst zu denken..."

"Aber natürlich denke ich dabei auch an mich. An mich, als ich klein war!" Sie lächelt, streckt die Arme nach ihm aus und verlangt in gespielt kindlichem Ton: "Ein bisschen Trost brauche ich jetzt aber auch..."

Er lacht, beugt sich über sie, streicht ihr sanft das Haar aus dem Gesicht. Lange sehen sie sich an. Dann schlingt sie ihre Arme um seinen Hals, und seine Augen werden dunkel vor Liebe und Verlangen...

ENDE