Ein gutes Herz und ganz viel Charme

Jana hat sich ihre Hochzeit immer ganz anders vorgestellt. Mit schöner Feier und Flitterwochen. Doch für Roland ist der Gang zum Standesamt nichts weiter als eine Formalität. Zu allem Übel ...

Jana Menckens war noch dabei, nach dem Abendessen die Küche aufzuräumen, als Robert Helbert, der nach oben gegangen war, um sich umzuziehen, wieder vor ihr stand und sich zufrieden die Hände rieb: "Ich gehe dann. Bis später, Schatz."

Sie legte die Arme um seinen Hals: "Amüsier dich gut", flüsterte sie ihm ins Ohr, was sie allerdings ein bisschen Überwindung kostete, "und trink nicht zuviel!"

"Keine Bange", lachte er. "Ich finde schon wieder nach Hause. Warum bist du noch in der Küche? Musst du nicht auch los?"

"Gleich." Sie begleitete ihn zur Tür und bekam noch einen flüchtigen Kuss. Dann war er fort.

Während sie sich ebenfalls umzog, dachte sie an den morgigen Tag. Um elf Uhr Standesamt, um halb eins ein Essen nur für einige gute Freunde. Ende der Fahnenstange. Kein Tanz am Abend, keine Hochzeitsreise. Nach zwei Jahren Zusammenleben, fand Roland, sei die Trauung doch nur eine Formalität. Er hatte ja recht. Aber verdammt noch mal, warum träumte sie dann ständig irgendwelche Jungmädchenträume von einem wunderschönen Brautkleid, einer fröhlichen Hochzeitsfeier und Flitterwochen an einem romantischen Ort? Sie seufzte. Na gut. Das beige Kostüm, das sie sich extra für die standesamtliche Trauung gekauft hatte, konnte sie wenigstens später problemlos weitertragen.

Sie seufzte erneut, diesmal etwas lauter. Wenigstens diesen Abend hätte sie gern mit Roland verbracht. Aber er wollte ja unbedingt mit seinen beiden besten Freunden Abschied vom Junggesellenleben nehmen. Ausgerechnet mit Hans-Joachim, dem überzeugten Single, und mit Uwe, der es nicht lassen konnte, jeder halbwegs attraktiven Frau hinterherzustarren, obwohl er verheiratet war. Schöne Beispiele für eine glückliche Ehe, dachte Jana frustriert.

Sie hatte auf Roland gehört und sich ebenfalls mit ihren Freundinnen in einem Weinlokal verabredet. Sie dachte daran, wie sehr Rita und Melanie sie um Roland beneideten. Er sah gut aus, war intelligent, verantwortungsbewusst und in seinem Beruf als Rechtsanwalt ausserordentlich erfolgreich. Da fielen die paar Minuspunkte doch wohl kaum ins Gewicht? Es störte Jana nämlich manchmal, dass ihr zukünftiger Ehemann so phantasielos war, dass er es nicht mochte, wenn sie ihn vor anderen Leuten küsste und dass er, gelinde gesagt, sein Geld mächtig zusammenhielt. Nun, letzteres konnte sie ihm schlecht vorwerfen, er dachte eben an ihre gemeinsame Zukunft. Vielleicht war er auch reichlich autoritär? Alles musste immer nach seinen Wünschen gehen. Aber das konnte natürlich auch am Altersunterschied liegen. Sie war 26 Jahre alt, Roland schon 35.

Jana war jetzt ausgehfertig, dazu war sie spät dran. Doch mit einem Mal hatte sie das Gefühl, es ginge über ihre Kraft, sich wieder von Rita und Melanie anhören zu müssen, was für einen tollen Mann sie sich geangelt hatte. Dabei war es Roland gewesen, der ihr so zielstrebig und ausdauernd den Hof gemacht und sie förmlich bedrängt hatte, mit ihm zusammenzuziehen.

Nach kurzem Zögern rief Jana im Weinlokal an und bat, ihren beiden Freundinnen auszurichten, dass sie leider nicht kommen könne, weil sie verhindert sei. Dann griff sie sich die Schlüssel und ihre Tasche und zog die Tür hinter sich zu.

In den Strassen der Innenstadt von Hamburg herrschte viel Betrieb. Jana verharrte auf einer Brücke und schaute verträumt auf das Wasser der Alster, das golden in der letzten Abendsonne leuchtete. Ein Mann blieb neben ihr stehen. "Es ist wirklich atemberaubend schön", sagte er und strahlte sie an. "Haben Sie Lust, etwas mit mir zu feiern?"

Jana musste lachen: "Was denn?" fragte sie.

"Also, ich habe heute Nachmittag den Vertrag für mein erstes Buch unterzeichnet."

"Herzlichen Glückwunsch", sagte sie. "Aber haben Sie denn keine Freunde, mit denen Sie Ihren Erfolg feiern können?"

"Die sind in München, und ich fahre erst morgen zurück."

"Hm, verstehe." Kurzentschlossen sagte sie: "Also gut, ich bin einverstanden."

Florian Rösing, wie er sich vorgestellt hatte, führte Jana in ein Lokal in der Nähe. Er bestellte eine Flasche Champagner, und sie stiessen miteinander an: "Auf Ihr Buch", sagte Jana.

"Auf Ihr Glück", erwiderte er.

"Das ist nett", lächelte Jana nachdenklich. "Ich heirate nämlich morgen."

"Sie ... Sie heiraten morgen?" Er verschluckte sich fast. "Und wo steckt Ihr Bräutigam?"

"Er nimmt mit Freunden Abschied vom Junggesellenleben."

"Das finde ich reichlich seltsam", meinte Florian. "Ich würde meine Braut nicht am Vorabend unserer Hochzeit allein lassen. Bei uns würde es einen zünftigen Polterabend geben."

"Das hätte ich auch viel schöner gefunden", gab Jana zu und wechselte dann schnell das Thema: "Sie sind also Schriftsteller?"

"Ich hoffe, einer zu werden. Eigentlich bin ich Lehrer. Für Deutsch und Geschichte. Und Sie?"

"Ich bin Köchin und habe mich vor zwei Jahren mit einem Partyservice selbstständig gemacht."

"Toll!" Florian war begeistert, und Jana musste unwillkürlich an Roland denken, der den Beruf, den sie liebte, nie ernst genommen hatte. Für ihn war es wünschenswert, dass sie zu Hause blieb, sobald sie ein Baby haben würden.

Florian fand, dass die junge Frau viel zu traurig aussah für jemanden, der am nächsten Tag heiraten wollte und tat alles, um sie aufzuheitern. Allerdings nicht ganz ohne Hintergedanken. Er hatte sich nämlich Hals über Kopf in Jana verliebt. Immer wieder sah er sie an. Ihr ebenmässiges Gesicht mit dem zarten Teint, das dunkelbraune Haar, die grünen Augen.

Am liebsten hätte er sie beschworen, diesem Kerl, der sie am Vorabend ihrer Hochzeit allein liess, nicht das Ja-Wort zu geben, doch dazu hatte er natürlich kein Recht. Aber jetzt wollte er zumindest, dass sie einen schönen Abend verbrachte - an den sie sich gern erinnern würde.

"Ihr zukünftiger Mann hat Glück, eine Frau wie Sie zu bekommen", machte er dennoch seinem Herzen Luft.

Janas Lächeln wirkte etwas verkrampft. Florian hatte das Gegenteil von dem ausgesprochen, wovon anscheinend alle anderen, Roland inbegriffen, überzeugt waren - dass nämlich sie es war, die das grosse Los gezogen hatte.

"Wenn ich nicht wüsste, dass Sie morgen vor den Traualtar treten, würde ich Ihnen jetzt gestehen, dass Sie die Frau meines Lebens sind", rutsche es ihm trotz aller guten Vorsätze heraus.

"Bitte, sagen Sie doch so etwas nicht", wehrte Jana verlegen ab. "Wir kennen uns doch kaum."

"Vielleicht kenne ich Sie schon sehr viel besser als Ihr Roland", beharrte er und fügte leise hinzu: "Ich wünsche Ihnen alles Glück dieser Erde, Jana. Und - dürfte ich Sie küssen? So ganz brüderlich? Ohne Hintergedanken?"

Sie blickte ihm in die Augen und wünschte im selben Moment, sie hätte es nicht getan. Es war, als würde ein Funke zwischen ihnen überspringen. Als er sanft nach ihrer Hand griff, schloss Jana die Augen. Dann spürte sie seine Lippen auf den ihren. Es war in der Tat nur eine sanfte Berührung, aber so zart und innig, dass sie ihr Herz lichterloh in Flammen setzte.

Erschrocken stellte sie ihr Glas ab und verkündete fest: "Es ist besser, wenn ich jetzt heimgehe."

"Ist Ihr Roland denn schon da?"

"Das hat damit nichts zu tun", erwiderte sie schroff.

Während sie draussen vor dem Lokal auf Janas Taxi warteten, fragte sie in einem versöhnlichen Ton: "Gibt es eigentlich keine Frau in Ihrem Leben, Florian?"

"Tja, das ist so", begann er verlegen. "Früher wollte mich kein Mädchen zum Freund, weil ich so linkisch und schüchtern war. Später wollten mich dann immer nur die Frauen, an denen mir nichts lag. Und jetzt liebe ich eine Frau, die morgen heiratet. Wenn das kein Pech ist ..."

Florian als schüchterner Halbwüchsiger, Jana musste schmunzeln. Er war doch ein verdammt gutaussehender Mann. Natürlich nicht so umwerfend attraktiv wie Roland, aber dafür hatte er ein gutes Herz. Das spürte sie. Ein gutes Herz und ganz viel Charme.

"Jana, wenn es ein Problem gibt, ich meine, du musst doch nicht heiraten. Überleg es dir gut. Und ausserdem möchte ich dir sagen, dass mein Zug morgen früh um sieben fährt. Ich würde dir so gern München zeigen - und dich davon überzeugen, dass ich der Mann deines Lebens bin ..."

"Ach Florian", seufzte sie nur.

In diesem Moment kam das Taxi. Jana stieg rasch ein und winkte Florian im Davonfahren noch einmal zu. Als seine Gestalt am Strassenrand immer kleiner wurde, verspürte sie ein eigenartig wehmütiges Gefühl ...

...

Roland kam erst gegen vier Uhr morgens nach Hause. Er polterte so laut im Schlafzimmer herum, dass Jana aufwachte. Ächzend liess er sich aufs Bett fallen und schlief sofort ein. Seine Alkoholfahne waberte zu Jana hinüber. Er ist ja voll wie eine Haubbitze, stellte sie angewidert fest. Sie lauschte auf sein Schnarchen und dachte an Florian. Seine blauen Augen, sein Lächeln ...

Um halb sechs stand Jana auf, zog sich an und packte ein paar Sachen in eine Reisetasche. Dann bestellte sie ein Taxi.

Nachdenklich trat sie zu Roland ans Bett und betrachtete ihn. Wusste dieser Mann, der da mit offenem Mund schnarchte, überhaupt, was Liebe war? Liebe, die das Herz wärmte? Liebe, die den Wunsch erweckte, sich niemals zu trennen, Hand in Hand durchs Leben zu gehen?

Sie rüttelte erst zaghaft, dann fester an seiner Schulter. Endlich öffnete Roland seine Augen und nuschelte unwirsch: "Verdammt, ist es denn schon soweit?"

"Du kannst gleich weiterschlafen, es ist noch sehr früh. Ich möchte dir nur etwas sagen."

"Hat das nicht Zeit?" knurrte er. "Aua, mein Kopf!"

"Ich mache es ganz kurz", sagte Jana und holte tief Luft: "Es tut mir leid, Roland, aber ich kann dich nicht heiraten."

Es klingelte. Das Taxi war da. Jana ging zur Haustür und öffnete sie. Aus dem Schlafzimmer rief Roland jetzt aufgeregt: "He, was hast du da gesagt?"

Doch Jana antwortete nicht. Sie fuhr zum Bahnhof.

Florian wollte gerade in den Zug steigen, als Jana ihn entdeckte. Sie tippte ihm auf die Schulter und fragte: "Möchtest du mir immer noch München zeigen?"

Überrascht drehte er sich um. Seine Augen begannen zu strahlen. "München und noch viel mehr. Ach, Jana, dass du gekommen bist ... " Dann verstummte er, nahm sie in die Arme und küsste sie.

"Florian", prustete sie atemlos, als er sie endlich losliess, "woher kannst du so gut küssen, wenn du angeblich bis jetzt nur Pech in der Liebe hattest?"

"Ach, manches lernt man dann doch mit der Zeit", grinste er verschmitzt und küsste sie noch einmal ...

ENDE