Die letzte Szene

Eine Erzählung

Simon Heidrig wusste, dass sein neues Theaterstück gut war. Er war bekannt, war Autor, Schauspieler und manchmal auch Produzent und hatte es im Laufe der Jahre zu einem netten kleinen Vermögen gebracht. Die Schwierigkeit lag diesmal woanders. Seine bevorzugte Schauspielerin, Sabrina Anders, erwartete ein Kind und hatte ihn wissen lassen, dass sie nicht vor ein oder zwei Jahren wieder auf der Bühne stehen würde. Nun war ihm die Idee mit Belinda gekommen. Belinda war schön, kapriziös, begabt und berühmt. So berühmt, dass sie keinen Nachnamen mehr brauchte. Er war überzeugt davon, dass sie die Franziska seines Stückes würde spielen können. Natürlich wusste er auch, dass Belinda nie Theater gespielt hatte und dass ihr die Filmrollen gewöhnlich auf den Leib geschrieben wurden. Er wusste auch, dass er ihr nur den Bruchteil ihrer gewohnten Gagen bieten konnte. Er wusste eigentlich überhaupt nicht recht, warum er ausgerechnet auf sie gekommen war, aber jetzt schob er alle Gedanken an Schwierigkeiten beiseite und schickte ihr das Stück.

Nach zwei langen Monaten erhielt er ihre lakonische Antwort, dass sie sich gern mit ihm über das Stück unterhalten würde. Er war leicht verstimmt über ihre mangelnde Begeisterung, antwortete ihr aber, dass er glücklich sei, sie an einem ihr genehmen Tag besuchen zu dürfen.

Belinda öffnete Simon selbst die Tür. Sie trug einen alten, flauschigen Bademantel und hatte ihr üppiges, kastanienbraunes Haar aufgesteckt. Sie war etwas blass und viel zierlicher, als sie auf der Leinwand wirkte. Sie entschuldigte sich: "Ich komme gerade aus dem Bad, aber in ein paar Minuten bin ich fertig. Würden Sie so lange auf mich warten?"

"Natürlich, gern", erwiderte er. Sie öffnete die Tür zu einem recht grossen Raum und bat ihn, einzutreten. "Machen Sie es sich bequem, ich bin gleich wieder da."

Er sah sich etwas ratlos um. Die Sonne schien durch ein gardinenloses, grosses Fenster, das die ganze Südwand einnahm, und er fand, um es sich bequem zu machen, nur zwei algerische Lederpuffs auf einem anscheinend neu verlegten Teppichboden vor. Sein Manuskript lag auf der Erde. Er ging zum Fenster und sah hinaus auf einen parkähnlicher Garten.

"Hübsch ist es hier, nicht wahr?" hörte er Belindas Stimme hinter sich. Er wandte sich um. Sie trug nun Jeans und ein einfaches T-Shirt, und sie war immer noch barfuss. "Ich bin erst vor kurzem hier eingezogen und hatte noch keine Zeit, alles einzuräumen", entschuldigte sie sich und zeigte mit einer ungefähren Handbewegung auf die nicht vorhandenen Möbel. Dann setzte sie sich auf einen Puff und bat ihn, auf dem anderen Platz zu nehmen.

Sie war ungeschminkt, und er bemerkte ein paar feine Falten um ihren Mund. Unbekümmert setzte sie sich dem hellen Licht aus, und trotzdem war sie so schön, dass er nicht den Blick von ihr wenden konnte. Gleichzeitig kam ihm zu Bewusstsein, dass er selbst erst vor kurzem seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte.

Sie hatte das Manuskript aufgenommen und blätterte darin: "Sie wissen, dass ich nie Theater gespielt habe."

Bestätigend nickte er und fühlte gleichzeitig einen seltsamen Pygmalionehrgeiz in sich aufsteigen. Die Rolle des Anton hatte er für sich reserviert. Er erwiderte: "Sie werden es lernen, Sie sind begabt."

"Wenn Sie möchten, dass ich die Franziska spiele, müssen Sie einige Szenen umschreiben. Sie gefallen mir nicht recht."

Seit mindestens zehn Jahren hatte ihn niemand mehr gebeten, eine Szene umzuschreiben. Seine erste Überlegung war, das Manuskript zurückzunehmen, aber statt dessen sah er sie noch immer an und fragte schliesslich: "Und wie haben Sie sich das vorgestellt?"

Sie hatte sich Notizen gemacht und zeigte sie ihm: "So wäre es besser."

"Gut", sagte er und stand auf. "Ich werde darüber nachdenken."

...

Zwei Wochen später sass er gerade missmutig über einer Szene, die er zum dritten Mal umschrieb, als das Telefon läutete. Es war Sabrina: "Ich hab's in der Zeitung gelesen. Sag mir, dass es nicht wahr ist. Du denkst doch nicht im Ernst daran, dieser Belinda die Rolle der Franziska zu geben? Sie hat keine Ahnung vom Theaterspielen. Du wirst einen Reinfall mit ihr erleben!"

"Das glaube ich nicht", erwiderte er sofort, obwohl er fünf Minuten früher genau dasselbe gedacht hatte. "Ich hatte immer Glück mit meinen Interpretinnen."

"Danke", lachte Sabrina, "aber die Ausnahme bestätigt die Regel."

...

Er sah Belinda jetzt oft. Ihre Wohnung war immer noch fast leer, aber es schien sie nicht weiter zu stören. Einmal sagte sie: "Wozu soll ich eine Wohnung fertig einrichten? Ich lebe doch die meiste Zeit in Hotels. Ausserdem habe ich einfach keine Ader für Häuslichkeit." Einen Mann schien es nicht in ihrem Leben zu geben, zumindest nicht im Augenblick. Sie sagte, es sei auch besser so, sie hätte nun endlich genug Zeit zum Arbeiten.

Simon selbst wusste zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, was mit ihm los war. Er schrieb wider sein besseres Wissen fast das ganze Theaterstück um. Franziska wurde langsam zu Belinda. Manchmal stritten sie sich, und er lehnte sich auf: "Ich bin verrückt, das kann ja nicht gut gehen!" Belinda stellte sich dann vor ihn hin und fauchte wie eine Katze.

Dann kam der Tag, an dem sie ein rotes Seidenkleid trug. Er wusste nicht, warum. Er hatte sie bisher nur in Jeans oder ihrem alten, flauschigen Bademantel gesehen. Sie war, wie immer, ungeschminkt, und die Haut ihres Gesichts und des Dekolletés war hell und weich. Er hätte gern woanders hingesehen, konnte aber nicht den Blick von ihr abwenden. Und jetzt merkte er, was geschehen war. Er hatte sich in Belinda verliebt, er, der stolz darauf war, den Frauen in den letzten Jahren nur einen genau abgegrenzten Platz in seinem Leben eingeräumt zu haben. Um den Zauber abzuschütteln, sagte er in bestimmten Ton: "Schluss mit der Umschreiberei! Das Stück wird in seiner ursprünglichen Fassung aufgeführt. Bitte denken Sie daran, dass ich auch der Produzent bin. Wenn das Stück ein Fiasko wird, bin ich pleite."

"Ist es das, was Ihnen Sorgen macht?" gab sie spöttisch zurück. "Beruhigen Sie sich, ich werde das Stück mitfinanzieren, an Geld fehlt es mir nicht." Sie fing an, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen und blieb plötzlich vor ihm stehen. "Seit wann sind Sie kein Risiko mehr eingegangen? Seit Jahren wissen Sie doch, dass jedes Stück, das Sie schreiben, ein Erfolg wird. Alle Schauspieler, bis zu Sabrina Anders hinauf, suchen Sie so sorgfältig aus, dass auch von dieser Seite nie ein Misston zu erwarten ist. Kein Misston, aber auch keine Überraschung." Ihre Augen funkelten. Standen auch ein paar Tränen in ihnen?

Gott, ist sie schön, dachte Simon, und sie hat ja recht. "Gut", sagte er, "nehmen wir uns die letzte Szene vor. Franziska kommt zur Tür hinein und steht plötzlich Anton gegenüber." Er unterbrach sich und sah sie an: "Sie werden übrigens genau das Kleid tragen, das Sie heute anhaben!"

Belinda lächelte, ging auf ihn zu, blieb wie erschrocken stehen und rief: " Anton ... Sie!"

"Ich komme, um mich von Ihnen zu verabschieden", erwiderte Anton-Simon. Sein Herz schlug heftig, und sein Hals war merkwürdig trocken.

Belinda-Franziska stiess einen kleinen Schrei aus und stürzte ihm entgegen. "Anton", flüsterte sie leidenschaftlich, "Sie können nicht fortgehen. Ich liebe Sie. Haben Sie denn nicht gemerkt, dass ich Sie liebe?"

Simon hielt Belinda jetzt in seinen Armen. Aus ihren Haaren stieg der verwirrende Duft eines kostbaren Parfüms auf. Sie hob das Gesicht zu ihm auf, und er küsste sie. Einen Augenblick liess sie es geschehen, dann stiess sie ihn zurück und sagte leise: "Das war kein Bühnenkuss."

"Nein, das war es nicht", sagte er. "Belinda, ich liebe dich!"

Er küsste sie noch einmal, und sie schlang sanft die Arme um seinen Hals. Er fühlte sich auf einmal sehr jung, die Zukunft war wieder voller Geheimnisse und Überraschungen ...

ENDE