Barbiepuppen küsst man nicht

Der charmante Anwalt Mathias Heindorf hat Erfolg bei den Frauen. Aber er glaubt schon lange nicht mehr an Liebe auf den ersten Blick. Und schon gar nicht bei einem vielbeschäftigten Model ...

Mathias Heindorf, 32 Jahre alt, sportliche 1,90 gross, gutgeschnittenes Gesicht mit braunen Augen, sah nervös auf die Uhr. Es war zu früh, um schon loszufahren. Er nutzte die Zeit, um sich noch einmal kritisch im Spiegel zu betrachten. Möglichst mit Irina Kretschmers Augen. Würden ihr das dezent gestreifte Hemd und die phantasievolle Krawatte gefallen? Aber vor allem stellte er sich eine Frage: Würde er sich weniger dämlich anstellen als bei ihrer ersten Begegnung? Die Erinnerung daran liess ihn peinlich berührt zusammenzucken.

Vor gut einem Monat hatte er einen Mandaten in Berlin getroffen. Auf dem Rückflug nach Hamburg war sie ihm sofort aufgefallen: Gross und schlank, blond und blauäugig sass sie neben ihm am Fensterplatz. Eine Schönheit. Er hatte schon seine Akten vor sich ausgebreitet, entschied dann aber, dass ein Flirt den Flug angenehm verkürzen würde.

Er verliess sich auf das Timbre seiner Stimme, das selten seine Wirkung auf Frauen verfehlte, und fragte: "Mögen Sie Berlin auch so gern?"

Sie wandte ihm ihr schönes Gesicht zu und sah aus, als käme sie von weit her zurück: "Wie bitte?" fragte sie höflich.

Er musste seine Frage wiederholen und ihm wurde bewusst, wie wenig geistreich sie klang. Verlegen fügte er hinzu: "Ich bin Anwalt und war geschäftlich dort. Und Sie?"

Gleich darauf hätte er sich am liebsten die Zunge abgebissen. Jetzt war er dazu noch indiskret. Und gleichzeitig war er ärgerlich auf sich selbst. Warum liess er sich von dieser Frau, von ihrem Blick, derart aus der Fassung bringen?

"Ich habe als Model auf einer Modeschau gearbeitet", beantwortete sie seine Frage. Sie senkte den Kopf, suchte in ihrer Tasche und beförderte eine Sonnenbrille zutage, die sie hastig aufsetzte.

Abgeblitzt! schoss es ihm durch den Kopf. Er war ärgerlich auf sich selbst - und auch auf sie. Gut, er hatte sich wie ein Trampel benommen, aber hatte er eine solche Abfuhr verdient? Schliesslich war sie nur ein Model. Ein Kleidergestell, das Mode vorführte. Aber als er wieder zu ihr hinübersah, merkte er zu seiner Bestürzung, dass Tränen ihre Wangen hinunterliefen. Wieder suchte sie in ihrer Tasche. Er erriet, dass sie kein Taschentuch bei sich hatte und reichte ihr wortlos sein Einstecktuch hinüber. Dabei berührten sich ihre Hände. Die ihre war kalt.

"Danke", nickte sie kurz.

Ihm fiel nichts ein, womit er sie trösten könnte, ausserdem hatte er keine Lust, sich eine neue Abfuhr einzuhandeln. Von da an beschäftigte er sich mit seinen Akten.

Als das Flugzeug in Fuhlsbüttel gelandet war, fragte sie ihn nach seiner Adresse. "Ich möchte wissen, wohin ich das Taschentuch schicken muss", erläuterte sie. Sie hatte sich wieder in der Gewalt, aber ihre Augen konnte er hinter der Sonnenbrille nicht sehen, worüber er insgeheim irgendwie erleichtert war.

Er hatte ihr seine Karte gegeben, aber galant hinzugefügt, dass er ihr das Taschentuch schenken würde. Zehn Tage später hatte er es gewaschen und gebügelt in einem in Düsseldorf abgestempelten Umschlag zurückerhalten. Eine Karte war hinzugefügt, auf der sie sich bedankte. Sie war mit Irina Kretschmer unterzeichnet, aber eine Adresse war nicht angegeben.

Vielleicht hätte er alles rasch vergessen, wenn er nicht einige Tage später bei seiner Schwester Kerstin zufällig einen Blick in ein aufgeschlagenes Frauenmagazin geworfen hätte. Es handelte sich um eine Modereportage, und er erkannte seine Nachbarin aus dem Flugzeug sofort wieder.

Es war wie eine zweite Begegnung. Mathias glaubte nicht mehr an Liebe auf den ersten Blick, nicht einmal auf den zweiten. Aber sein Jagdinstinkt war erwacht. Ausserdem wollte er das wenig schmeichelhafte Bild redivieren, das er bei Irina Kretschmer hinterlassen haben musste.

Zu Kerstins Erstaunen lieh er sich die Zeitschrift aus und schrieb Irina ein paar Zeilen via die Redaktion, in denen er sich für das Taschentuch bedankte und sie zu einem Abendessen einlud. Er war bereit, dafür nach Paris, Rom oder Mailand zu fliegen. Nach drei langen Wochen rief sie ihn an. Man hatte ihr den Brief zugeschickt, sie sei gerade in Hamburg und würde gern mit ihm essen gehen.

Er schlug ihr ein Gourmet-Restaurant vor, das gerade in war und fragte sie, ob ihr 20 Uhr recht sei.

"Ein nicht so bekanntes Restaurant wäre mir lieber", erwiderte sie.

"Kein Problem, ich kenne eins. Sagen Sie mir, wo ich Sie abholen kann?"

"Nicht nötig, geben Sie mir nur die Adresse des Restaurants."

Er teilte sie ihr mit. Und nun war es soweit, er konnte fahren. Plötzlich klingelte es.

Ausgerechnet jetzt! Genervt drückte er auf den Knopf der Sprechanlage.

"Gott sei Dank, du bist da!" Es war die atemlose Stimme seiner Schwester.

"Kerstin, was ist los?"

"Mach' auf, ich erzähl's dir oben!"

Er zählte die Sekunden, bis der Fahrstuhl hielt. Kerstin trug eine Kleidertasche über der Schulter und hielt den zweijährigen Dennis an der Hand. Sie warf Mathias einen gehetzten, bittenden Blick zu.

"Könntest du deinen Patensohn über Nacht dabehalten? Damit würdest du mir einen grossen Gefallen tun. Ich muss sofort ins Krankenhaus, Hannes ist mit einer akuten Blinddarmentzündung dort eingeliefert worden, sie operieren ihn gerade."

Ohne seine Antwort abzuwarten, drückte sie ihm die Tasche in den Arm und schob ihm Dennis zu. "In der Tasche findest du alles Nötige", erklärte sie rasch. Sie gab Dennis und ihm einen Kuss und stürzte zum Fahrstuhl zurück.

"Du bist ein Engel", rief sie Mathias noch zu, ehe die Tür zuglitt.

Mathias stand noch ganz verdattert da, als Dennis in Tränen ausbrach. Ergeben hob Mathias ihn auf den Arm, streichelte seinen Rücken. "Na, na, wir werden schon zurechtkommen, wir beiden, glaubst du nicht?" Und dann konnte er nicht anders. Er seufzte: "Mann, wenn du wüsstest, was du mir da vermasselst!"

Aber er schämte sich gleich. Der kleine Kerl tat ihm leid. Kerstin und Hannes auch. Er hoffte, dass die Operation gut verlaufen würde. "Komm, wir sehen mal in der Tasche nach, was deine Mammi für dich eingepackt hat", schlug er vor.

Als Dennis endlich zufrieden auf dem Teppich seine Bauklötze hin- und herschob, griff er zum Telefon und rief das Restaurant an …

...

Irina Kretschmer überlegte, was sie anziehen sollte und schalt sich dabei selbst. Warum, um Himmels Willen, hatte sie diese Einladung angenommen? Hatte sie nicht genug Enttäuschungen mit Männern erlebt, die einmal in ihrem Leben mit einem Model ausgehen wollten - um sich vor ihren Freunden damit zu brüsten? Sobald sie merkten, dass sie keine Barbiepuppe war, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, mit einem Herzen und darüber hinaus gut funktionnierendem Verstand, bekamen sie es mit der Angst, liessen sie fallen wie eine heisse Kartoffel. Ohne Rücksicht auf ihre Gefühle. Nur ein Mann war anders gewesen. Rolf. Ihr bester Freund, dem sie rückhaltslos hatte vertrauen können. Von Liebe war zwischen ihnen nie die Rede gewesen, hätte er sie jedoch gefragt, wäre sie gern seine Frau geworden. Aber Rolf starb an einem plötzlichen Herztod. Einen Tag nach seinem Begräbnis, das sie wie versteinert durchgestanden hatte, stand sie in Berlin auf dem Laufsteg. Es waren die schwersten, die grausamsten Stunden ihres Lebens gewesen. Erst auf dem Rückflug nach Hamburg hatte sie ihren Tränen freien Lauf lassen können. Sie erinnerte sich an die Art, wie ihr Nachbar ihr das Taschentuch gereicht hatte. An die flüchtige Berührung seiner warmen, kräftigen Hand, die sie nach seiner etwas dummen Anmache als überraschend sympathisch und tröstlich empfunden hatte. Er liess sie danach in Ruhe, und es war genau diese Ruhe gewesen, die sie gebraucht hatte.

Als sie später die kurzen Zeilen von ihm bekam, in denen er sich für das zurückgegebene Taschentuch bedankte und sie zum Abendessen einlud, hatte sie zugesagt. Aber sie beschloss, schon jetzt ihr Herz zu wappnen. Nach kurzer Überlegung schlüpfte sie in ein bequemes Shirt und Jeans. Sie band ihr schulterlanges Haar im Nacken zusammen, legte nur leichtes Make-up auf. Sie wollte ehrlich sein, nicht nur ihm, sondern auch sich selbst gegenüber. Wollte sich so geben, wie sie war - und wie sie sich fühlte. Wenn er enttäuscht war, war das nicht ihr Problem. Sie würden sich ohne Bedauern nie wiedersehen.

Sie fuhr im Taxi zum Restaurant. Statt sie jedoch an den reservierten Tisch zu führen, teilte der nette Restaurantbesitzer ihr mit, dass es Herrn Heindorf leider unmöglich sei zu kommen, er aber glücklich sein würde, sie bei sich empfangen zu dürfen. Hier sei seine Adresse, für den Fall, dass sie seine Karte nicht bei sich habe.

Sie bedankte sich und beschloss, ins Hotel zurückzufahren. Mathias Heindorf konnte doch nicht im Ernst annehmen, dass sie in diese Falle tappen würde? Sie bat den Restaurantbesitzer, ihr ein neues Taxi zu rufen.

...

"Schlaf schön, Dennis." Mathias deckte den kleinen Knirps, der den Daumen schon in den Mund gesteckt hatte und schläfrig blinzelte, liebevoll zu und ging auf Zehenspitzen aus dem Zimmer. Das Licht liess er brennen, weil er sich an seine eigene Kindheit erinnerte, und dass er im Dunkeln Angst gehabt hatte. Die Tür lehnte er nur an.

Jetzt half nur ein Stossgebet, dass alles gut gehen möge - und Irina Kretschmer kommen würde. Ach Quatsch, natürlich würde sie nicht kommen. Sie würde an einen billigen Trick denken, mit dem er sie in seine Wohnung locken wollte. Was hatte er gesagt, als er das Restaurant angerufen hatte? Dass er verhindert sei, das war alles. Denn Dennis hatte sich gerade den Kopf am niedrigen Tisch gestossen und heulte, nachdem er ein paar Sekunden lang verdutzt geguckt hatte, leidvoll auf. Trotzdem stellte er eine Flasche Champagner in den Kühlschrank und rief im nahen chinesischen Restaurant an, um eine Mahlzeit für zwei Personen liefern zu lassen.

Dann wartete er.

Als es klingelte, stürzte er zur Diele und betätigte den Summer. Die Bestellung, dachte er, aber es war Irina, die ihn jetzt unschlüssig ansah: "Eigentlich wollte ich nicht kommen", sagte sie.

"Ich bin froh, dass Sie es doch getan haben." Er schloss die Tür hinter ihr und führte sie ins Wohnzimmer: "Sie sehen bezaubernd aus. Darf ich Ihnen einen Aperitif anbieten?"

Als sie anstiessen und er ihr gerade die Sache mit Dennis erklären wollte, klingelte es erneut.

"Entschuldigen Sie bitte, Irina, das ist sicher das chinesische Restaurant."

Er nahm die grosse Schachtel entgegen, bezahlte und machte die Tür wieder zu. Als er sich umdrehte, stand Dennis hinter ihm.

"He", flüsterte Mathias, "was machst du denn da? Marsch, zurück ins Bett mit dir!"

"Mathias, kann ich Ihnen helfen?" Irina kam in den Flur und staunte: "Oh, Sie haben ein Kind?"

Dennis drückte sich an Mathias, liess Irina aber nicht aus den Augen.

"Es ist mein Neffe", erwiderte Mathias etwas hilflos. "Der Grund, warum ich nicht ins Restaurant kommen konnte. Mein Schwager wurde mit einer akuten Blinddarmentzündung ins Krankenhaus eingeliefert, und meine Schwester wollte bei ihm sein, also hat sie Dennis hierher gebracht. Er soll über Nacht bleiben."

"Das mit Ihrem Schwager tut mir leid, hoffentlich geht alles gut. Und jetzt verstehe ich natürlich, warum ich hierher kommen sollte."

...

Dennis sass auf Irinas Schoss. Sie steckte mit ihren Stäbchen ein kleines Stück Entenfleisch in seinen erwartungsvoll geöffneten Schnabel. Dennis schluckte und sperrte gleich darauf erwartungsvoll den Mund wieder auf.

"Dabei hat der Bursche schon gegessen", brummte Mathias nachtragend. Nach all den grosszügigen Geschenken, die er diesem Schlingel zu Weihnachten und zum Geburtstag und auch noch zwischendurch machte, fand er es reichlich undankbar von ihm, mit fliegenden Fahnen zu Irina überzuwechseln. War selbst Dennis, so klein er war, schon empfänglich für die Reize einer schönen Frau? Nein, eher für ihre Wärme, ihre liebevolle Zuwendung, dachte er gleich darauf.

"Woher können Sie so gut mit Kindern umgehen?" fragte er.

"Meine Schwester hat drei, und ich beneide sie", lächelte sie.

"Aber Sie …"

Irina sah ihn etwas spöttisch an. "Ach, Sie denken natürlich auch, dass ein Model keine eigenen Kinder will? Dass es ein egoistisches Wesen ist, das nur an seine Linie, an Erfolg und überflüssigen Luxus denkt?"

"Ich weiss nicht mehr, was ich denke", seufzte er ehrlich. Tatsächlich fühlte er sich ziemlich verloren. Es war wie verhext, auch diesmal verlief nichts nach Plan …

Später brachten sie zusammen Dennis, der auf dem Sofa eingeschlafen war, zurück ins Bett. Kaum waren sie im Wohnzimmer zurück, trillerte das Telefon. Kerstin berichtete, dass die Operation gut verlaufen sei. Sie würde jetzt nach Hause fahren, um ein wenig zu schlafen. Ob sie Dennis abholen solle?"

"Einen Augenblick." Mathias wandte sich um und fragte Irina. Diese schüttelte den Kopf: "Er schläft doch gerade tief und fest."

"Bist du nicht allein?" fragte Kerstin überrascht.

"Das ist eine lange Geschichte. Ich werde dir morgen alles erzählen. Ich bin froh, dass es Hannes gut geht."

Irina lächelte warm, als Mathias aufgelegt hatte. "Ich bin auch glücklich darüber." Dann fuhr sie energisch fort: "So, jetzt räumen wir die Küche auf."

"Kommt nicht in Frage", blockte er noch energischer ab, "das mache ich morgen. Es ist ja auch gar nicht so viel. Jetzt trinken wir den Champagner!"

Irina hatte beim Spielen mit Dennis ihre Schuhe ausgezogen und kuschelte sich jetzt in die Sofaecke. Als Mathias ihr das Glas reichte, sah sie ihn nachdenklich an: "Es war viel schöner hier als in jedem Restaurant. Dort hätte ich Sie wohl nie von dieser Seite kennengelernt, hab ich recht?"

Er war beschämt: "Ich hätte doch nie vermutet, das Sie so … herzlich und mütterlich sein könnten, Irina."

"Das können die meisten Männer nicht."

"Warum haben Sie im Flugzeug geweint?" fragte er nun behutsam.

"Ich hatte gerade meinen besten Freund verloren." Sie erzählte ihm die traurige Geschichte.

Plötzlich erinnerte er sich wieder an Sabine, seine erste Liebe. Er hatte ihr alles gegeben - und merkte erst, als sie mit einem anderen ausging, dass sie mit seinen Gefühlen gespielt hatte. Er war 22, und es hatte einem Weltuntergang geglichen.

Frauen erobern wurde danach für ihn zu einem Sport, in dem das Herz nichts verloren hatte. Jetzt merkte er, dass es wieder schlug. Aus Liebe zu dieser ungewöhnlichen Frau. Er hatte Lust, Irina in die Arme zu nehmen, sie ein ganzes Leben lang zu lieben und zu beschützen.

Irina öffnete warnend die Augen, als Mathias' Lippen sich den ihren näherten, obwohl sie sich diesen Kuss mehr als alles andere auf der Welt wünschte: "Dennis", flüsterte sie, "was ist, wenn er aufwacht?"

Er hat bestimmt nichts dagegen, dass sein Onkel seine zukünftige Lieblingstante küsst", lächelte Mathias, und das war ein unschlagbares Argument …

ENDE