Ein unmöglicher Mann, oder?

Lisa liebt Stefan schon seit einer Ewigkeit, doch für ihn ist sie nicht mehr als eine kleine Schwester. Sie will ihn endlich vergessen - aber er taucht immer dann auf, wenn sie einen neuen Freund hat …

Lisa sass nach dem Stadtbummel, den sie sich gegen ihre Traurigkeit verordnet hatte, auf der Terrasse eines Cafés. Aber selbst der strahlende Sonnenschein konnte ihr Herz nicht wärmen. Während sie an ihrem Kaffee nippte, dachte sie daran, dass sie neunundzwanzig Jahre alt war und immer noch - oder vielmehr wieder einmal - solo. Gut, sie hatte einen Beruf, den sie liebte: Buchhändlerin. Aber das konnte doch nicht alles sein. Sie sehnte sich nach Liebe. Und da lag der Hase im Pfeffer, denn ihre Sehnsucht galt Stefan Leitner, der als Geologe in der Weltgeschichte herumschwirrte und nicht ahnte, dass sie sich nach ihm verzehrte. Wenn sie wieder einmal beschlossen hatte, ihn zu vergessen, kam er bei ihr hereingeschneit und machte ihr durch sein Auftauchen alle anderen Beziehungen zu Männern kaputt. Das letzte Mal war es ihr so vor drei Monaten ergangen - und sie war immer noch nicht darüber hinweg.

Am Sonntag regnete es in Strömen. Lisa versuchte vergeblich, sich auf ein Buch zu konzentrieren, als es klingelte. Froh über die Unterbrechung lief sie in die Diele und fragte durch die Sprechanlage: "Wer ist da, bitte?"

"Stefan", kam es gutgelaunt. "Machst du mir bitte auf?"

Stefan! Er war doch für zwei Jahre in Brasilien! Ihre Traurigkeit war schlagartig verflogen. Sie drückte auf den Summer.

Gewöhnlich stürmte Stefan die drei Etagen hoch. Diesmal dauerte es eine Spur länger, aber seine Augen strahlten wie eh und je, als er sie in die Arme schloss und liebevoll bat: "Lisa, ich hoffe, du hast in den nächsten Tagen ein bisschen Zeit für mich?"

Als ob er nicht wüsste, dass sie immer Zeit für ihn hatte. Selbst wenn er wie jetzt unangemeldet bei ihr aufkreuzte.

"Gut schaust du aus, Lisa", lächelte er sie an.

"Und du hast abgenommen", stellte sie besorgt fest.

"Kein Wunder", grinste er. "Ich hatte eine Blinddarmentzündung mit Perforation. Bin buchstäblich in letzter Sekunde in Rio operiert worden. Und jetzt erhole ich mich hier. Ich war drei Wochen bei meinen Eltern, die mich wieder aufgepäppelt haben. Guck nicht so, ich fühle mich schon wieder prima! Und für diese Woche habe ich Hunger auf Grossstadtleben. Theater, Konzerte, Ausgehen. Die Kosten übernehme selbstverständlich ich."

So war es immer. Er kam und riss sie mit sich. Und wie gut er aussah! Er hatte das gewisse Etwas, auf das die Frauen flogen. Sie wusste es leider nur allzu gut - obwohl er gentlemanlike über seine Eroberungen schwieg.

Aber irgendwann würde er wieder fortfahren, und sie würde einmal mehr ein Wechselbad der Gefühle erleben. Nein, wusste sie plötzlich, das wollte sie nicht mehr. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück.

"Lisa, was ist denn los?" fragte er verwundert.

"Komm", erklärte sie entschieden und ging ihm ins Wohnzimmer voraus. "Setz' dich. Ich muss dir etwas sagen." Es würde ungeheuer weh tun, alles zu zerstören, aber es musste sein. Mit fester Stimme fuhr sie fort: "Sag mal: Ist dir eigentlich klar, was du mir ständig antust?"

"Ich?" Ungläubig zeigte er auf seine Brust. "Wie meinst du das?"

"Du kommst und gehst, wie es dir gerade passt. Ohne Rücksicht auf meine Gefühle. Erinnerst du dich noch an das letzte Mal? Mein Freund war gerade da."

"Ich weiss. Hiess er nicht Christian? Wie geht es ihm?"

"Christian war der vorletzte", erwiderte sie bitter. "Der letzte hiess Max. Ich habe ihn seitdem nicht wiedergesehen."

"Er hat dich doch nicht etwa verlassen?" meinte er empört. "Soll ich ihm die Leviten lesen?"

Lisa lächelte müde: "Nein. Er hat mir sogar einen Heiratsantrag gemacht. Ich war es, die nicht wollte." Sie berichtigte sich: "Die nicht konnte!"

"Er war ja ganz nett, aber du hast etwas Besseres verdient."

So begriffsstutzig konnte doch wohl kein Mann sein! Merkte er denn nichts? "Stefan, wir kennen uns seit unserer Kindheit. Ich war sechs und du neun, als meine Eltern zum ersten Mal mit mir auf euren Hof kamen. Weisst du noch, dass wir Hochzeit spielten? Du hast mir einen Kranz aus Gänseblümchen geflochten und mir einen Gardinenring an den Finger gesteckt. Ich habe diesen Ring noch immer."

"Tatsächlich?" Sein Gesicht war plötzlich undurchdringlich.

Sie atmete tief ein: "Möchtest du wissen, warum? Ich liebe dich, Stefan. Schön blöd, nicht? Ich weiss, dass ich für dich nur so etwas wie eine kleine Schwester bin und immer sein werde. Aber diese Liebe zu dir macht mein Leben kaputt. Vorhin sagte ich, dass ich Max nicht heiraten konnte. Das stimmt. Und zwar deinetwegen!"

Stefan war sichtlich betroffen. "Lisa, das tut mir aufrichtig leid. Ich wusste nicht …"

"Jetzt weisst du es. Also: es ist besser, du gehst und kommst nie wieder. Du wirst mir fehlen, aber ich möchte endlich zur Ruhe kommen. Ich möchte einen Mann kennenlernen, den ich heiraten kann. Ohne dass du mir wieder einmal dazwischenfunkst!"

Er erhob sich langsam: "Ich werde ins Hotel zurückfahren, okay. Lass mich nur schnell ein Taxi bestellen."

...

Im Hotelzimmer ging Stefan Leitner auf und ab. Er dachte an die Enthüllung, die Lisa ihm gemacht hatte. Er war meilenweit davon entfernt gewesen, zu wissen, dass sie ihn liebte.

Oder doch nicht? Er erinnerte sich ebenfalls an die "Hochzeit". Damals hatte er das kindliche Spiel sehr ernst genommen. Später hatte er die Welt bereist und sein Leben genossen. Aber immer wieder hatte es ihn zu Lisa zurückgetrieben. Aus alter Freundschaft, versuchte er sich einzureden. Doch in Wahrheit, dämmerte es ihm endlich, wachte er über sie wie über seinen Besitz. Er vergewisserte sich, dass sie noch da war. Lisas jeweiliger Freund hatte wohl schnell gemerkt, dass er, Stefan, ihr wichtiger war. Und so hatte er beruhigt wieder fortfahren können.

Die Erkenntnis, dass er ein Egoist der schlimmsten Sorte war, traf ihn wie ein Keulenschlag. Er hatte sein abwechslungsreiches Leben und im Hintergrund Lisa, die auf ihn wartete. Wenn sie sich sahen, verwöhnte er sie nach Strich und Faden. Er redete sich ein, dass das genügte, um sie glücklich zu machen. Doch in Wahrheit hielt er sie hin. Tief in seinem Inneren hatte er immer gewusst, dass von allen Frauen, die er gekannt hatte, Lisa ihm die wichtigste war. Er sah sie vor sich: ihr zart gebräuntes Gesicht mit den dunklen Augen, die so warm und zärtlich blickten. Ja, er war gern mit ihr zusammen, ohne sie konnte er sich sein Leben nicht vorstellen, und der Gedanke, sie zu verlieren war ihm auf einmal unerträglich. Wie hatte er nur so blind, so grausam sein können?

...

Lisa schenkte sich das dritte Glas Whisky ein. Sie hatte keine Eiswürfel mehr und zog eine Grimasse, als das starke Getränk ihr Kehle hinunterlief. Sie behielt das Glas in der Hand, als sie sich wieder in den Sessel kuschelte. Dabei schwappte ein bisschen auf ihr in zarten Rosatönen gepunktetes Kleid. Lisa kicherte. Alkohol war sie nicht gewöhnt, aber es war das einzige Mittel, das ihren Schmerz betäubte. Immerhin würde es das letzte Mal sein, dass sie sich wegen dieses Mistkerls so elend fühlte!

Wie von weit her hörte sie das Summen einer Klingel. Erst allmählich dämmerte ihr, dass jemand an ihrer Haustür läutete. Wer wollte denn so spät noch etwas von ihr? Sie hatte einige Mühe, aus dem Sessel hochzukommen, aber dann wankte sie in die Diele und tastete nach dem Kopf der Sprechanlage.

"Lisa, bitte lass mich rein!" hörte sie eine bekannte Stimme.

Sie brauchte einige Sekunden, um sich zu erinnern, wem sie gehörte. Dann erwiderte sie giftig und mit einem Schluckauf: "Der Teufel soll dich holen!"

"Was hast du? Bist du krank? Mach sofort auf, Lisa!" Stefan klang ernsthaft besorgt.

"Was willst du denn schon wieder? Es ist zu spät, Stefan!"

"Es ist aber wichtig."

"Hmmm."

"Ich liebe dich, Lisa!"

Er erhielt keine Antwort. Aber dann öffnete sich wie von Geisterhand endlich die Tür.

Stefan stürmte die Stufen hoch und stand schliesslich keuchend vor ihr. Blass, mit nackten Füssen und geschlossenen Augen hielt Lisa sich am Türrahmen fest.

"Wiederhol das noch einmal?" nuschelte sie.

"Verdammt, ich liebe dich, Lisa. Du bist die Frau meines Lebens. Du warst es immer. Aber ich Hornochse habe das zu spät begriffen. Lisa, willst du mich heiraten?"

Sie schwankte wie ein Schilfrohr im Wind. Gerade rechtzeitig fing er sie auf. "Lisa, Liebling, was ist denn mit dir?"

Sie flüsterte etwas, das er nicht verstehen konnte und unterdrückte krampfhaft einen weiteren Schluckauf. Stefan schnupperte und grinste schliesslich. Sieh an, Lisa hatte getrunken! Er hob sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer, wo er sie vorsichtig aufs Bett legte. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen schlief sie schnarchend ein.

"Eigentlich habe ich mir unsere erste Nacht etwas anders vorgestellt", murmelte er, bevor er sie liebevoll zudeckte. Das Licht liess er vorsichtshalber brennen. Eine nie gekannte Zärtlichkeit durchflutete ihn, als er sie betrachtete. Mein Gott, ich liebe sie, dachte er. Wenn ihr etwas zugestossen wäre, wäre auch sein Leben zu Ende gewesen. Das wusste er jetzt mit aller Deutlichkeit.

Im Wohnzimmer fand er die Whiskyflasche und das leere Glas. Er brachte das Glas in die Küche und stellte die fast leere Flasche in die Minibar zurück. Nachdem er sich im Badezimmer vergewissert hatte, dass Kopfschmerztabletten im Arzneischränkchen vorhanden waren, streckte er sich neben Lisa aus und legte sanft die Arme um sie. Sollte sie ruhig ihren Rausch ausschlafen und dabei einen ganzen Wald absägen: Morgen war auch noch ein Tag - und der Beginn eines neuen Lebens …

ENDE