Unfall mit Nebenschäden

Eine Geschichte über den Prinzen meines Gedichtes "Die Ruhe des Kriegers", der 15 Jahre lang mein Lebensgefährte war. Ich habe sie vor 5 Jahren geschrieben.

Wir essen zu Abend, ich habe eine CD mit fröhlicher, ruhiger Musik aufgelegt. Wir hören immer Musik zum Abendessen, aber ich stelle sie leise, damit wir uns dabei unterhalten können. Irgendwie haben wir uns auch immer etwas zu sagen. Es gibt allerdings ein Thema, das ich nicht beim Essen mag, das ist die Politik. Wenn B. anfängt, sich über irgendwelche Politiker aufzuregen, lenke ich ihn schnell ab. Beim Essen, finde ich, sollte man sich entspannen. Aber diesmal fällt mir so schnell kein anderes Thema ein. Ich überlege noch, da greift er nach seinem Knie, woraus ich folgere, das es wieder einmal schmerzt. Aber plötzlich grinst er über das ganze Gesicht und sagt: "Also, woanders gibt es ja auch blöde Leute."

"Ach ja, Aubagne", sage ich.

Also gut, ich kenne die Geschichte, aber diese Geschichte mag ich lieber als sein Schimpfen auf die Politiker, am Schluss muss ich sogar immer lachen, obwohl ... also gut, hören wir jetzt einfach B. zu.

"Ich habe dir die Geschichte bestimmt schon mal erzählt ..."

"Hast du, aber ich höre sie gern noch einmal."

Er reckt sich zufrieden. Er mag so gern seine Geschichten erzählen: "Also, das war, als ich noch in der Fremdenlegion war. Nach dem Algerienkrieg mussten wir Sidi-Bel-Abbès verlassen, ab da waren wir in Frankreich stationniert, in Aubagne. Eines Tages begleitete ich einen Beamten, der zur Inspektion bei uns war, in einem Jeep nach Marseille zurück, aber der Fahrer - auch ein Legionär - machte zuviel Unsinn. Ich befahl ihm, auf dem Sicherheitsstreifen anzuhalten und auf den Beifahrerplatz zu wechseln. Ich wollte mich selbst ans Steuer setzen.

Ich war gerade ausgestiegen und wollte um den Jeep herumgehen, als ein Auto angerast kam, einen Schlenker machte und mich umriss. Die Stossstange brach mir das linke Knie, anschliessend machte ich ein Salto übers Dach und prallte auf der anderen Seite heftig auf dem Boden auf, was meinem Schädel nicht gerade gut bekam, und einen gebrochenen Arm, inklusive Handgelenk, hatte ich auch. Der Raser beging Fahrerflucht. Zufällig befand sich gleich hinter uns ein Polizeiwagen, der die Jagd aufnahm und 50 Meter später den Verkehrsrowdy zum Halten brachte. Der Kerl war betrunken. Anschliessend hielt die Polizei einen vorüberfahrenden Krankenwagen an, der mich nach Aubagne in die Kaserne zurück fuhr. Von dort wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Das alles habe ich erst später erfahren, denn ich war nicht bei Bewusstsein. Aber plötzlich hörte ich, wie einer der Sanitäter zu dem anderen sagte: 'Eh bien, ce n'est pas la peine, il est cuit.' (Ist doch nicht der Mühe wert, der ist hops.)

Ich habe mich sofort energisch gemeldet: 'Hé, ça ne va pas ? Je ne suis pas mort !' (Hallo, euch geht's wohl nicht gut? Ich bin nicht tot!)

Die beiden Sanitäter haben vor Schreck die Tragbahre fallen lassen."

An der Stelle muss ich tatsächlich immer lachen, es ist die Situationskomik. Aber danach ging es B. natürlich noch viel schlechter. Sechs Monate Krankenhaus! Die Ärzte glaubten, dass er nie mehr würde laufen können, aber sie kannten ihn schlecht. Ein Legionär, gekoppelt mit B., lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Auch heute, mit über 80 Jahren, braucht er immer noch keinen Stock zum Gehen, selbst wenn er sich langsamer fortbewegt.

"Das war", sinniert B. zum Schluss, "die schwerste Verletzung meiner 20 Jahre in der Fremdenlegion. Eine einfache Fahrt auf der Autobahn!"

ENDE