Auf dem Markt

Mein Prinz - geschrieben vor fünf Jahren

Jede Woche gibt es in unserem französischen Dorf einen sehr schönen Markt. Natürlich kaufen B. und ich dort ein.

Da gibt es zum Beispiel den "Ahmed Marché", für Obst und Gemüse. Wir packen unsere Einkäufe in Tüten und gehen damit zur Kasse. An der Kasse steht Madame Ahmed. Es nervt B., wenn ich Madame Ahmed sage. Ahmed, belehrt er mich, sei ein sehr verbreiteter arabischer männlicher Vorname.

"Kennst du etwa den Vornamen oder den Nachnamen von Madame Ahmed?" frage ich zurück. "Ausserdem wird sie hier von allen Madame Ahmed genannt."

Also, Madame Ahmed fragt mich: "Aus welcher Kiste haben Sie die Clementinen genommen?" Ich zeige auf die erste Kiste in der Reihe. "Die da, zu 2.80 Euro das Kilo."

Sie strahlt mich an: "Also, was ich an Ihnen so gern mag, das ist, dass Sie nie schummeln. Also wirklich, es gibt da Kunden ..." Und so geht es eine ganze Weile weiter. Madame Ahmed unterhält sich für ihr Leben gern mit den Kunden. Sie kann reden und gleichzeitig abwiegen und in die Kasse eintippen. Im übrigen nehme ich an, dass es die teuerste Sorte der Clementinen war. Ich habe nicht die Preise verglichen, ich habe die genommen, die am besten aussahen.

"Nein", sage ich, als sie mich endlich zu Worte kommen lässt, "schummeln tue ich nicht. Nicht bewusst, jedenfalls. Es kann passieren, dass ich mich irre ..."

"Sich irren ist nicht dasselbe. Sich irren, das kann jedem passieren, das ist nicht schlimm", meint sie entschieden.

Dann nennt sie mir die Summe: "Das macht 17 Euro 40".

Ich öffne mein Portemonnaie und lege einen Schein neben die Kasse.

Madame Ahmed wartet.

"Ich habe leider kein Kleingeld."

"Das macht nichts." Sie wartet weiter.

Schliesslich hält sie den Schein hoch. "Da fehlt nur noch was!"

Es ist ein 5-Euro-Schein!

"Oh, entschuldigen Sie bitte", sage ich und hole schnell einen 20-Euroschein aus dem Portemonnaie. "Es war ein Irrtum, ich wollte wirklich nicht schummeln."

"Das habe ich auch nie im Leben angenommen, Sie sind der ehrlichste Mensch, denn ich kenne. Wirklich, der ehrlichste Mensch, glauben Sie mir. Ein Irrtum, das kann jedem passieren. Und natürlich sind Sie entschuldigt."

So ist das mit Madame Ahmed. Sie redet ununterbrochen, und ich antworte. Ich liebe es, mich mit anderen zu unterhalten. Aber man lässt sich dadurch ablenken, und dann passieren halt solche Irtümer.

Ich habe B. mehrmals seufzen gehört, und weggucken tut er auch. Als wir weitergehen, schüttelt er den Kopf: "Was seid ihr bloss für Klatschbasen!" Klatschbasen heisst übrigens "pipelettes" auf Französisch.

Danach gehen wir zu Jacques, der Meeresfrüchte verkauft. Das ist B.s Sache. Wenn ihr die Witze und Wortspiele hören würdet, die die beiden machen! Sehr an der Grenze des guten Geschmacks. Manch eine Kundin guckt etwas pikiert. Und dann bin ich es, die so tue, als würde ich B. nicht kennen...

ENDE