Eine Bahnfahrt

Du sitzt am Fenster, blickst hinaus in das kalte Grau. Ferne Augen und eingesunken im Sitz, du bist wie jeder andere hier und doch anders. Ich stehe hier an der Tür, gelehnt an die Abtrennung. Mir ist unbewusst, wie es kommt, dass ich zuerst nur dich gesehen habe, und doch erstarrt alles andere um uns herum, wird belangloser als eine volle Bahn an einem Montagmorgen es so oder so schon ist. Es zählt nur noch ein Gesicht, kurz verdeckt durch deine Haare, als ein Windstoß sich gerade so noch durch die sich schließende Tür zwängt. Dunkelbraun mit mattem Glanz, etwas zwischen Kastanie und Baumrinde, so passend zu den unzähligen Blättern, die schon seit Tagen fallen. Ehrlich gesagt beneide ich dich, wie du einfach still und regungslos da sitzen kannst, dich treiben lassen kannst, eintauchst und untergehst in diesem Menschenmeer. Nervös verschränke ich die Arme und löse sie wieder. Du schaust nicht auf, starrst weiter auf einen dir eigenen Ort, wo dich keiner verletzen kann. Es zischt als die nächste Station erreicht wird und mehr Leute drängen sich hinein. Ich verliere dich aus den Augen, ärgere mich und suche deinen Blick. Ohne Erfolg.

Der Wagen rattert weiter und ich schließe die Augen, müde oder resigniert, ich weiß es nicht. Leute steigen ein und wieder aus, langsam lichtet sich der Nebel draußen und gibt den Blick frei auf eine weitere unbekannte Stadt, so trist und stumpf wie jede zuvor. Warum ich immer noch hoffe? Eine Frage die ich nicht beantworten kann, vielleicht kann es niemand. Ich schaue aus dem Fenster, sehe wie die Straßenzüge vorbeiziehen, matt erhellt von den Laternen. Eine blecherne Durchsage unterbricht meinen Tagtraum und zerrt mich zurück in den nun fast leeren Wagen.

„…Ausstieg in Fahrtrichtung links." Und da finde ich dich plötzlich wieder, sehe wie du aufstehst und zur Tür läufst. Ich suche deinen Blick, finde ihn und kurz, für nur den Bruchteil eines Moments kreuzen sich unsere Augen, dunkelbraun zu blaugrau, dann bist du fort.

Ich drehe mich nicht um, schaue dir nicht nach, während der Zug langsam Fahrt aufnimmt und die Station hinter sich lässt. Warum sollte es auch anders sein? Was sollte ich schon tun? Letztendlich ist es eben so. Du bist nur ein Reisender in der Bahn und ich bloß ein Suchender auf Reisen.