Mit Unterbrechnungen

Mein Prinz, geschrieben vor vier Jahren.

Ich lebe seit 45 Jahren in Frankreich und spreche gut Französisch. Ich will nicht sagen perfekt, wer beherrscht schon eine Sprache perfekt? Selbst Sprachwissenschaftler schlagen oft etwas nach, oder etwa nicht? Aber B. spricht Französisch noch besser als ich. B. ist ein Sprachgenie. Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Ungarisch ... er ist mit all diesen Sprachen aufgewachsen. Ich will nicht sagen, dass er perfekt Hochdeutsch kann, er spricht eher Köllsch und macht auch Fehler. Aber Französisch kann er besser als ich, und er hat ein geradezu enzyclopedisches Wissen.

Und das geht dann so: Beim Abendessen erzähle ich ihm etwas. Was ich an diesem Tag erlebt habe, was der oder die gesagt haben, wie ich dies oder das finde ... Klar, auf Französisch. Etwas, das mich interessiert - und ihn eigentlich gar nicht. Das weiss ich, aber ich muss diese Geschichten einfach loswerden. Und er hört gespannt zu - und unterbricht mich, um mich auf einen Fehler aufmerksam zu machen und mich zu verbessern. Ich stimme ihm zu. Ich habe tatsächlich einen Fehler gemacht. Ich erzähle weiter - etwas schneller. Er passt wieder höllisch auf und berichtigt mich nach einigen Sätzen erneut. Er täte es nicht, um mich zu ärgern, behauptet er pedantisch, er täte es, um mich zu instruieren. Kann ja sein, aber es ist jedes Mal ein Stolperstein. Nun gut, er hat wieder recht. Ich wiederhole es richtig. Etwas später weist er mich erneut auf einen Fehler hin. Diesmal bin ich nicht einverstanden, wir diskutieren - und er hat es geschafft: Ich habe den Faden verloren ...

Jetzt kann er erzählen. Meistens sind es seine Erinnerungen. An sich sind sie sehr interessant, früher haben sie mich fasziniert. Und er erzählt gut, aber ich kenne sie längst auswendig. Gähn. Wenn ich Glück habe, spricht er Deutsch - und ich kann ihn verbessern. Pure Rache. Aber schlau wie er ist, redet er dann auf Französisch weiter. Aber auch er muss diese Geschichten seines jetzt schon sehr langen Lebens loswerden, nur sind es immer dieselben. Gähn. Ich sage ihm, dass er das alles aufschreiben und ein Buch daraus machen sollte, aber das will er nicht.

Und dann lachen wir uns an. Wir kennen uns schon so lange. Wir kennen den anderen besser als uns selbst. Am Anfang hat es fürchterliche Turbulenzen gegeben, aber jetzt verstehen wir uns auch ohne Worte, ohne grosse Erklärungen und Auseinandersetzungen...

ENDE