Mein Akzent

Mein Prinz - vor vier Jahren geschrieben

Wie gesagt lebe ich nun schon seit 45 Jahren in Frankreich und spreche wirklich gut Französisch - aber mit einem Akzent, der von den Franzosen eher als englisch und nicht als deutsch empfunden wird. Also bin ich für die meisten Franzosen eine Engländerin. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass die Franzosen Engländerinnen mögen.

Zum Beispiel im Supermarkt. Gewöhnlich bin ich da eine Kundin wie andere. Packe brav an der Kasse meine Einkäufe selbst in meinen Beutel - oder früher die Tüten.

Im Sommer ändert sich das. Da bin ich eine englische Touristin. Während die Franzosen weiterhin selbst ihre Einkäufe in ihre Beutel packen müssen, lächelt die Kassiererin mich freundlich an und ist mir beim Einpacken behilflich. Wahrscheinlich hat sie auch Sorge, dass eine englische Touristin ihre Einkäufe nicht schnell genug einpackt, nun ja.

Oder wenn ich jemanden um eine Auskunft bitte, wo sich die und die Strasse befindet, zum Beispiel. Besonders, wenn es ein Mann in meinem Alter ist. Mit angegrauten oder weissen Haaren. Dann geht sofort ein Lächeln über sein Gesicht, sicher denkt er an Jane Birkin, an all die kleinen Engländerinnen seiner Zeit, denen er so galant und mit so viel Fantasie den Hof machte - oder zumindest davon träumte. Meistens begleitet er mich bis zur Strasse. Und, wenn ich in meinem kleinen Toyota Starlet bin, erklärt er mir den Weg mindestens vier Mal, bis er annehmen kann, dass ich ihn verstanden habe. Und zum Abschied lächelt er mich noch einmal an, worauf ich mich mit meinem schönsten englischen Akzent bei ihm bedanke.

Einmal stellte ich einer Verkäuferin in einem Herrenbekleidungsgeschäft eine Frage (ich suchte ein Hemd für B.). "Oh, vous êtes anglaise?" fragte sie erfreut zurück.

Warum soll ich immer antworten, dass ich deutscher Abstammung bin? Zur Abwechslung sagte ich mal: "Oui."

Darauf fing sie an, Englisch mit mir zu sprechen. Sie sagte mir, dass sie entzückt sei, mit einer Engländerin zu sprechen. Sie sei selbst Engländerin. Also gut, ich hatte vor langer Zeit Englisch in der Schule, habe es aber seitdem nie mehr wirklich gesprochen. Ich verstand nicht alles, was sie sagte und konnte ihr noch weniger in gutem Englisch antworten. Ich zog mich so gut es ging aus der Affäre, indem ich ihr auf Französisch erklärte, dass ich schon so lange in Frankreich lebte, dass ich mein Englisch so ziemlich vergessen hätte.

O weia, ich habe mich nie wieder in dieses Geschäft getraut!

Aber manchmal fragt ein Franzose oder eine Französin auch: "Excusez-moi, vous êtes Allemande?" Darauf folgt oft eine lange Unterhaltung. Sie kennen Deutschland, mögen die Deutschen. Neulich war es in der Warteschlange vor der Kasse eines Supermarktes. Da erklärte mir ein Herr, der hinter mir stand, dass während der deutschen Besetzung wenigstens Ordnung in Frankreich herrschte, und dass er die Ordnung in Deutschland bewundere. Ich habe ihm geantwortet, dass Ordnung allein doch aber auch nicht unbedingt glücklich machte, oder? Und so ordentlich ist es doch auch gar nicht mehr in Deutschland? Nun ja, er selbst sah sehr ordentlich aus.

Dann war ich dran, und als ich meine Einkäufe in meinen Beutel gepackt hatte, haben der Franzose und ich uns sehr höflich voneinander verabschiedet.

Und beim Abendessen hatte ich wieder eine Geschichte für B.!

ENDE