Spiegelbilder

Eine Erzählung

Es musste wohl einmal so kommen. Jahrelang war Gerald davon überzeugt gewesen, keine Zeit zum Ausspannen zu haben, und jetzt war die Zeit da, sogar sehr viel Zeit.

Mit einer schlecht gepflegten Grippe hatte es angefangen, auch den darauf folgenden Husten hatte er noch nicht ernst genommen. Er würde schon von selbst wieder weggehen. Was nicht beachtet wurde, existierte auch nicht. Gerald hatte es immer so gehalten, wenn er einmal, was selten genug vorkam, krank wurde.

Erst das hohe Fieber brachte ihn zur Strecke. Er fühlte sich auf einmal ausgelaugt, schwach wie ein neugeborenes Kind, unfähig, auch nur einen Schritt zu tun. Rudolf, dem er noch, am ganzen Körper zitternd, vom Bett aus telefoniert hatte, war entsetzt gewesen. Er hatte Gerald sofort in seine Klinik transportieren lassen, und er war formell gewesen: Er würde Gerald nicht eher entlassen, als bis er ganz wieder hergestellt wäre.

In der ersten Zeit hatte Gerald kaum etwas wahrgenommen. Es war ihm ganz egal, was mit ihm geschah. Er hatte sogar ernstlich angenommen, dass es zuende mit ihm ging, und sogar das war ihm egal gewesen.

Man hatte ihn an den Tropf angeschlossen. Die Schwester, die sich um ihn kümmerte, war freundlich und sanft. Manchmal blieb sie ein wenig an seinem Bett stehen, und wenn er die Augen aufschlug, lächelte sie ihm zu. Sie hiess Anja.

Als es ihm besser ging, bestellte er seinen Prokuristen zu sich. Herr Petersmann kam und berichtete. Es schien auch ohne Gerald zu laufen in der Firma. "Organisation ist Alles", sagte Herr Petersmann. Vielleicht log er, es war jedenfalls durchaus vorstellbar, dass es die eine oder andere Schwierigkeit in der Firma gab, aber sollte es der Fall sein, war Gerald Herrn Petersmann dankbar für die schonende Art. Gerald wollte nicht beunruhigt werden, er fühlte sich jetzt wohl in der Klinik.

Er hatte Rudolf gebeten, nicht Christine zu benachrichtigen. Sie war bei einer Freundin in den Vereinigten Staaten. Er hatte wenig Zeit für seine Frau gehabt in den letzten Jahren und hatte es begrüsst, dass sie diese Reise unternahm. Es bestand auch kein Grund, sie zu benachrichtigen, Rudolf hatte Gerald versichert, dass diese Lungenentzündung, verbunden mit Kreislaufschwäche, zwar ernstzunehmen sei, aber keinen Anlass zu wirklicher Sorge bot.

Dann kam der Tag, an dem Gerald aufstehen konnte. Ihm war schwindelig, aber er ging bis zum Fenster. Es war Frühling geworden, und er sah auf den Garten der Klinik. Ein paar Patienten gingen dort langsam spazieren, andere blieben vor dem Tulpenbeet stehen oder sassen auf den Bänken in der Sonne.

Als es klopfte, sagte er: "Herein." Schwester Anja kam mit dem Mittagessen. Es war das erste Mal, dass sie ihm das Essen brachte, gewöhnlich besorgte das eine der Putzfrauen. Sie stellte das Tablett auf dem Rolltisch ab und sagte: "Wie fühlen Sie sich? Bleiben Sie nicht zu lange auf!"

Vorsichtig ging er zum Bett zurück. Sie half ihm, sich wieder hinzulegen, deckte ihn zu und schob den Rolltisch über sein Bett. Er sah plötzlich, dass sie hübsch war, von einer durchsichtigen, zarten Blondheit, die Frauen, selbst wenn sie stark sind, schutzbedürftig erscheinen lassen.

Jetzt lächelte sie ihm zu: "Ruhen Sie sich einen Augenblick aus, und vergessen Sie nicht, Ihre Medikamente zu nehmen."

"Keine Bange, das werde ich nicht." Er hatte Lust, beinahe das Bedürfnis, ihr etwas Nettes zu sagen. "Danke für Ihre Pflege, und das Essen wird mir heute doppelt so gut schmecken, weil Sie es gebracht haben!"

Sie errötete ein wenig: "Wenn die Putzfrauen zuviel zu tun haben, helfe ich ihnen beim Essenaustragen." Sie wünschte ihm guten Appetit und wandte sich zum Gehen.

Von nun an brachte sie ihm öfter das Essen, und er fing an, auf die Uhr zu sehen und auf den Augenblick zu warten, in dem sie mit dem Tablett zu ihm kam. Eines Tages, als sie schon wieder gehen wollte, bat er: "Bleiben Sie doch noch einen Augenblick." Er fügte hinzu: "Natürlich nur, wenn Sie Zeit haben."

Bereitwillig kam sie zurück. Er wünschte, sie würde sich setzen, mochte sie aber nicht darum bitten. Lange sah er sie an, schliesslich sagte er: "Ich... ich glaube, ich bin verliebt."

"Ich auch", antwortete sie. Rasch fügte sie hinzu: "Entschuldigen Sie, es ist mir so herausgerutscht, aber wenn man verliebt ist, möchte man so gern darüber sprechen."

Gerald fühlte sich auf seltsame Weise wohl, seine Schwäche gab ihm ein Gefühl der Verantwortungslosigkeit. Er sagte: "Ich bin in Sie verliebt."

Jetzt setzte sie sich zu ihm auf's Bett. Ihre Hände lagen in ihrem Schoss, und er sah auf die runde Linie ihres Rückens und ihres gesenkten Kopfes. Es war, als beugte sie sich über ihr Glück, als schlösse sie es in ihren Körper ein. Leise sagte sie: "Ich liebe einen Arzt. Er ist im Augenblick in Thailand, in einem Flüchtlingslager."

Er war nicht einmal enttäuscht. Hatte er überhaupt angenommen, dass es sich um ihn handelte? Er sagte: "Es tut gut, jemanden zu lieben" und wunderte sich über sich selbst. Er hatte sonst nie viel Worte um die Liebe gemacht.

"Wie ist er?" fragte er.

"Oh", antwortete sie, "er ist gross, er hat braune Augen und ein wunderschönes Lächeln. Ich glaube, ich habe mich zuerst in sein Lächeln verliebt."

"Sie haben auch ein sehr schönes Lächeln. Ich habe mich auch zuerst in Ihr Lächeln verliebt."

Sie schwiegen eine Weile, dann meinte er: "Sie sehen ihn sicher nicht sehr oft?"

Sie schüttelte den Kopf, sah aber nicht traurig aus. "Das macht nichts", sagte sie fast fröhlich und stand auf: "Ich muss weiter. Vielleicht komme ich nachher noch einmal vorbei."

Er sah ihr nach, wie sie schmal und aufrecht auf die Tür zuging. "Sie haben einen Gang wie eine Prinzessin", sagte er. Sie wandte sich noch einmal um, machte ein kleines, freundschaftliches Zeichen, ehe sie die Tür hinter sich zuzog.

In der folgenden Zeit kam sie oft, setzte sich an sein Bett. Er sprach von ihr, von seiner Liebe zu ihr, und sie erzählte ihm von dem Mann, den sie liebte. Es war wie ein Spiel. Einmal legte er seine Hand auf die ihre, und sie duldete die Berührung, schien sogar Freude an ihr zu haben. Sie hatte kleine, feste Hände, kühle Hände, die warm wurden in seiner Hand. Er war froh, ihr diese Wärme schenken zu können.

Er sagte ihr, dass sie Augen habe wie Porzellan, nein, eher wie etwas Tiefes, Lebendiges. Er hätte so gern ein einmaliges, unverwechselbares Wort dafür gefunden. Er fühlte sich nicht lächerlich, nach diesem Wort zu suchen und auf diese Weise ihren ganzen Körper zu beschreiben.

Sie erzählte ihm währenddessen von ihrer Liebe, ihre Ohrläppchen wurden ganz rosig dabei. Er wurde nie müde, ihre rosigen Ohrläppchen anzusehen.

Schon lange zählte er nicht mehr die Tage. Waren drei Wochen, vier Wochen seit seiner Einlieferung vergangen? Eines Morgens erzählte ihm Anja, dass der Mann, den sie liebte, für ein paar Tage kommen würde. Gerald hatte sie noch nie so glücklich gesehen. Er sagte: "Das Glück steht Ihnen, Anja. Ich glaube, ich habe nie eine Frau so geliebt wie Sie."

"Ich werde ihm nach Thailand folgen. Wir werden zusammen dort arbeiten", sagte sie.

Fassungslos sah er sie an. Bis jetzt hatte er sie nicht wirklich begehrt, hatte sie nicht besitzen wollen, ihre Nähe hatte ihm genügt. Jetzt verschlugen ihm Angst und ein plötzliches Verlangen den Atem: "Anja, ich liebe Sie! Lassen Sie diesen Mann. Er kann Sie doch gar nicht lieben, wenn er Sie so lange alleingelassen hat!"

"Ich weiss nicht, ob er mich liebt", erwiderte sie einfach. "Ich hoffe es, aber ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass ich ihn liebe."

Er machte eine heftige Bewegung zu ihr hin, aber sie stand schon auf, strich sich die Haare aus der Stirn und entschuldigte sich: "Ich muss gehen. Bitte, seien Sie mir nicht böse!"

"Anja...", flehte er, aber sie war schon hinausgegangen.

...

Nachmittags stand Christine in der Tür, mit einem Frühlingsstrauss. Sie war blond, von dieser Blondheit, die Frauen, selbst wenn sie stark sind, schutzbedürftig erscheinen lassen. Sie kam mit ihrem geraden, zierlichen Gang auf ihn zu, warf sich in seine Arme und flüsterte atemlos: "Sag mir, wie geht es dir? Ich konnte nicht eher kommen, die Flugzeuge waren alle ausgebucht. Rudolf hat mich letzte Woche benachrichtigt, er hat mir versichert, dass keine wirkliche Gefahr bestanden hätte, aber ich habe mir so viel Sorgen gemacht!" Sie rückte ein wenig von ihm ab, sah ihm ins Gesicht: "Wie mager du geworden bist." Und nach einer Weile: "Warum siehst du mich so an?"

Er strich ihr über das Haar und murmelte: "Ach, nichts." Er lachte sogar ein wenig: "Du siehst doch, dass es mir gut geht. Ich hatte Rudolf gebeten, dich nicht zu benachrichtigen, du hattest dich so auf die Reise gefreut."

Sie schüttelte den Kopf: "Ich habe mich nicht wirklich gefreut. Aber ich ... ich hatte das Gefühl, dir in letzter Zeit im Weg zu sein."

Er sah die Tränen in ihren Augen und nahm ihre Hand in die seine. Sie war kühl und fest.

Jetzt lächelte sie ihm zu und sagte leise: "Ich glaube, dass man nicht vor der Liebe flüchten kann."

Er hatte auf einmal eine unsinnige Angst, sie könne einen anderen Mann lieben, wie Anja, und hielt den Atem an: "Und wen ... liebst du?"

Sie lachte zärtlich: "Ja, weisst du das denn immer noch nicht? All die letzte Zeit... ich habe mich manchmal so allein gefühlt!"

Ihre Hand war jetzt warm. Er zog sie an sich und sagte in ihr Haar hinein: "Ich bin doch bei dir. Fühlst du denn nicht, dass ich bei dir bin?"

ENDE