Hühner und Bananen

Meine Enkel, geschrieben vor drei Jahren

Neulich habe ich meine Tochter besucht. Sie bewohnt mit ihrem Mann und ihren beiden kleinen Söhnen ein schönes Haus mitten auf dem Land. Ein Holperweg führt von der Landstrasse aus zu diesem Haus. Neben ihnen gibt es einen ehemaligen Bauernhof. Das Haus steht immer noch da, aber das meiste Land ist verkauft. Nur ein Schwein und eine ganze Menge Hühner gibt es noch dort.

Wir haben schön zu Mittag gegessen. Danach haben meine Tochter und ich einträchtig die Küche aufgeräumt, aber meine Tochter war müde und darüber hinaus etwas erkältet. Sie fragte mich, ob es mir nichts ausmachen würde, wenn sie sich ein halbes Stündchen hinlegen würde. Natürlich machte es mir nichts aus. Meine Tochter und mein Schwiegersohn sind beide berufstätig, sie haben ein interessantes, aber auch anstrengendes Leben.

Ich schlug den beiden Jungs einen kleinen Spaziergang vor. Der 4-jährige Cyril stimmte sofort freudig zu, sein 7-jähriger grosser Bruder Arthur lehnte höflich ab, er wollte sein neues elektronisches Spiel ausprobieren. Also zogen Cyril und ich allein los. Wir waren vielleicht zehn Meter auf dem Holperweg vorwärtsgekommen, als Cyril wie angewurzelt stehen blieb und mit weit geöffneten Augen nach vorn zeigte: "Regarde, Mamie, ces poules, ces poules, elles sont gagas, il va leur arriver quelque chose sur la route! Il faut le dire à Maman!" (Sieh doch, Grossmutti, diese Hühner, diese Hühner, also, die sind ja plemplem, ihnen kann doch was passieren auf der Strasse! Wir müssen das sofort Mutti sagen!)

Also, ich habe die Hühner angesehen, es waren mindestens zwanzig, die da friedlich auf dem Weg pickten und keine Anstalten machten, zur Strasse weiterzulaufen, um sich überfahren zu lassen. Ich wollte gerade Cyril in dieser Hinsicht beruhigen, aber er rannte schon zum Haus zurück. Zu spät, um ihn zurückzuhalten, aber ich habe an meine Tochter gedacht, die so gern ein halbes Stündchen geschlafen hätte. Da kam Cyril aber auch schon wieder aus dem Haus und langsam auf mich zu. Ich weiss nicht, was meine Tochter zu ihm gesagt hat, aber nun sah er mich an und fragte mit einem besorgten Blick auf die Hühner: "Kratzen die?" Das war es also, er hatte in Wirklichkeit nicht Angst um die Hühner, sondern Angst vor ihnen! Natürlich, ein Huhn ist im Verhältnis zu einem kleinen Jungen ganz schön gross.

"Aber nein", beruhigte ich ihn. "Hühner sind sehr friedlich. Du riskierst höchstens einen Schnabelhieb, wenn du sie zu sehr ärgerst." Ich weiss, in Wirklichkeit würden die Hühner eher weglaufen, aber es ist ja besser, die Kleinen gleich daran zu hindern, die Hühner zu ärgern.

Die Hühner setzten sich nun auch ganz gemächlich in Gang, um sich wieder zum Bauernhof zurückzubegeben. Der Holperweg war frei für uns...

Nachher, als wir bei meiner nun ausgeruhten Tochter zurück waren, haben Arthur und ich mit seinem elektronischen Spiel gespielt. Es war ein Autorennen. Er hat mir ganz lieb alles erklärt und natürlich trotzdem haushoch gewonnen. Ich musste aber nachfragen, wer denn nun gewonnen hätte, damit er es mir schonend beibrachte. Richtig rührend. Vielleicht wollte er mich auch nicht entmutigen, weiter mit ihm zu spielen.

Cyril hat in der Zeit gemalt. Als er fertig war, zeigte er mir das Bild.

"Sind das Hühner?" fragte ich etwas ratlos.

"Nee, Bananen", war seine Antwort. Klar, wenn man's weiss, sieht man das ja auch.

Es war ein schöner Tag, aber als ich dann wieder zu Hause war, war ich es, die mich ein bisschen ausruhen musste.

ENDE