Die Dinge des Lebens

Meine Enkel - geschrieben vor drei Jahren

Mittwochs ist in Frankreich keine Schule, das ist schwierig für berufstätige Eltern. Gewöhnlich sind Arthur und Cyril dann bei ihren anderen Grosseltern, die ganz in der Nähe wohnen, aber diesmal ging das nicht, also habe ich eingehütet.

Besonders Cyril (4 Jahre jung) liebt Bücher über alles, er trägt auch gleich einige herbei und reicht mir eins: "Voilà", sagt er in bestimmtem Ton, ehe er noch schnell zwei niedrige Kinderstühle anschleppt, sich setzt und mich erwartungsvoll anschaut. Ich setze mich - etwas ächzend - auf den anderen kleinen Stuhl und sehe mir das Büchlein an. Es ist ein kleines Kinder-Lexikon: "Les Animaux", die Tiere.

"Ah", sage ich. "Les Animaux".

Nun kommt auch Arthur (gerade 8 geworden) mit seinem Stuhl an: "Oh ja, das ist gut", sagt er und setzt sich. Beide sehen mich nun erwartungsvoll an.

Der Anfang handelt von der Geburt der Tiere. "Also", lese ich vor (ich erzähle das jetzt aus dem Gedächtnis), "der Hengst begegnet der Stute. Elf Monate später liegt ein kleines Fohlen im Stroh. Aber nach ein bis zwei Stunden steht es schon auf seinen Beinen und trinkt Milch bei seiner Mama."

Danach kommen der Hahn und die Henne. "Der Hahn und die Henne begegnen sich. Etwas später liegt ein Ei im Nest, das die Henne ausbrütet. Und eines Tages ist es soweit, ein Kücken kommt aus dem Ei."

So geht es weiter. Die Fische, die Frösche, die Känguruhs (sehr interessant!)...

Und irgendwo steht dann auch, dass die Tiermutter und der Tiervater sich paaren.

"Sich paaren?" fragt Cyril sofort gespannt.

"Oui", sagt Arthur, "c'est là que le papa met les grains dans le trou de la maman." (Da tut der Vater die Samenkörner in das Loch der Mutter.)

"In welches Loch? Da, wo auch das Pipi rauskommt?" fragt Cyril aufgeregt weiter.

"Nein", sagte ich. "Es ist nicht dassselbe Loch. Jedenfalls nicht bei den Frauen."

"Wieviel Löcher habt ihr denn?"

"Nun ja, drei. Eins für's Pipi, eins für die Babys und eins für - hm, das grosse Geschäft."

"Kaka", sagt Cyril.

"Richtig."

"Haben wir auch drei Löcher", fragt er weiter.

"Nein, ihr habt nur zwei. Eins in eurem Zizi (Pimmel auf deutsch) und das andere ..."

"Für Kaka!"

"Genau."

"Und für die Babys?"

Arthur lacht nachsichtig: "Wir bekommen keine Babys, Cyril."

"Ach ja. Aber die... die Samenkörner. Wo ist das Loch für die Samenkörner, Mamie?"

"Es ist dasselbe Loch wie für das Pipi", antworte ich. "Aber mit den Samenkörnern müsst ihr noch etwas warten, Kinder haben noch keine Samenkörner." Und ich füge hinzu: "Und das Pipi und die Samenkörner kommen nie gleichzeitig heraus." Das hat mich nämlich selbst einmal sehr beschäftigt, als ich noch ein sehr junges Mädchen war. Ich fand diese Möglichkeit einfach ekelhaft. Und es gingen so viele Gerüchte über diese geheimnisvollen Dinge im Schulhof herum.

Arthur nickt zustimmend. Er scheint eine ganze Menge zu wissen.

"Also", resümiert Cyril, "ihr habt drei Löcher. Erklärst du mir das noch einmal?"

Ich wiederhole alles.

"Und wir nur zwei?"

"Richtig."

"Und wofür sind sie da?"

Und so geht es weiter. Nachdem ich sicher viermal alles wiederholt habe, sage ich: "Voilà, c'est fini. Jetzt ist aber Schluss. Sag mir nicht, dass du es immer noch nicht verstanden hast?"

Ich glaube, selbst Cyril wusste schon ziemlich genau Bescheid, aber er möchte diese faszinierenden Dinge immer wieder hören.

Später habe ich unsere Unterhaltung meiner Tochter erzählt. Sie hat gelacht. Nachher zu Hause habe ich sie auch B. erzählt. Er hatte wieder seinen pedantischen Tag und fand, dass meine Auskünfte nicht vollständig waren: "Wie bitte? Wir haben doch nicht nur zwei oder drei Löcher, in Wirklichkeit sind es viel mehr!"

Aber selbstverständlich! Die Ohren, die Nase, der Mund und was weiss ich noch, aber diese Löcher interessierten den kleinen Cyril doch nicht im Geringsten!

Das phantasievolle Bild hat Arthur gemalt, ein sehr bewegtes Meer, das alles fröhlich davonträgt.

ENDE