Haare

Mein Prinz - geschrieben vor fünf Jahren

Meine Mutter hatte lange Haare, sie trug einen Knoten. Als sie ein junges Mädchen war (so um 1930) hätte sie gern eine modische Kurzhaarfrisur gehabt, aber das erlaubten ihr die Eltern nicht.

Mir hat sie als kleines Mädchen die Haare immer ganz kurz geschnitten. Als ich etwa neun war, wollte ich sie wachsen lassen, wollte Zöpfe haben. Meine Mutter liess mich gleich wissen, dass sie mir nie die Zöpfe flechten würde. Ich muss dazu sagen, dass wir vier Geschwister waren, unsere Mutter hatte viel zu tun. Trotz der Warnung liess ich mein Haar wachsen und flocht mir stolz selbst die Zöpfe. Zu Anfang allerdings falsch herum.

Als ich so sechzehn war, trug ich das Haar schulterlang, mit einem Pony, das mir bis an die Augen reichte. Das war damals Mode. Meine Mutter schüttelte schliesslich den Kopf: "Geh zum Frisör und lass dir eine Dauerwelle machen, Gisela."

Mit der Dauerwelle mochte ich mich selbst nicht mehr leiden. Und das Haarewaschen war viel komplizierter, man musste mit den blöden Lockenwicklern schlafen ... Ich liess die Dauerwelle herauswachsen und bin nie wieder zum Frisör gegangen.

Ich schneide mir meine Haare selbst. Das geht sogar viel schneller als beim Frisör, und ich finde, dass ich es richtig gut kann.

Vor etwa zwei Jahren sagte B. : "Könntest du mir bitte auch die Haare schneiden? Ich habe es satt, immer so lange beim Frisör warten zu müssen."

"Aber klar doch", habe ich geantwortet. Ich war sogar ganz stolz, dass er mich darum bat.

Ohne mich zu fragen, kaufte er sofort so einen elektrischen "Mäher", auf dem man die Haarlänge einstellen konnte. Ich habe ihn schnell beiseite gelegt. Ich brauche nur eine gute Schere, meine Finger und für B. noch zusätzlich einen einfachen Handrasierer.

Ich legte ihm also ein Handtuch auf die Schultern und schnitt ihm seine Haare. Rund um den Kopf ungefährt drei Zentimeter lang. Ich war wirklich zufrieden, als ich mir das Resultat ansah. Die neue Frisur - vorher trug er sie halblang - stand ihm ausgesprochen gut, das fand ich wenigstens.

"Danke," sagte er höflich und ging die Treppe hinauf, um sich im Spiegel zu betrachten.

Danach wankte er die Treppe wieder hinunter: "Was... was hast du mit meinen Haaren gemacht?" Wenn es noch ginge, hätte er sie sich gerauft.

"Steht dir aber viel besser", erklärte ich ihm.

Er stöhnte nur leidvoll auf. Nach seiner Zeit in der Fremdenlegion und dem kurzen Miltär-Haarschnitt liess er seine etwas gelockten Haare schulterlang wachsen und genoss in vollen Zügen die Hippiezeit. Als ich ihn kennenlernte, trug er seine Haare schon etwas kürzer, aber sie verdeckten immer noch seine Ohren.

Als er sich endlich auf die Strasse traute, kam gerade unser Nachbar Jacques vorbei. Ihm hatte einmal seine Tochter die Haare geschnitten. Es sah aus, als hätte sie ihm einen Topf übergestülpt und die Haare rundherum abgeschnitten. Er ist eiligst wieder zum Frisör gegangen.

Jetzt sah Jacques B. an und sagte: "He, deine neue Frisur steht dir richtig gut."

Zuerst dachte B., dass Jacques sich über ihn lustig machte, aber unsere anderen Nachbarn machten ihm ebenfalls Komplimente.

Seitdem kommt B., kaum sind seine Haare um einen Zentimeter gewachsen, bei mir an: "Chérie, du müsstest mir mal bitte wieder die Haare schneiden, ja?"

Inzwischen sind sie nur noch zwei Zentimeter kurz, ich schneide sie ihm viel öfter als mir selbst und beneide schon manchmal Jacques' Tochter, die um das Haareschneiden herumgekommen ist ...

ENDE