Brüder

Meine Enkel, geschrieben vor drei Jahren

Meine Enkel Arthur und Cyril sind jetzt respektive acht und viereinhalb Jahre alt. Arthur hat helle Haare, er denkt gern über alles nach und handelt immer sehr überlegt. Er hat aber auch viel Phantasie, wie es das Bild, das er gemalt und mir geschenkt hatte, erkennen lässt. Cyril ist seinerseits dunkelhaarig, spontan, und körperlich sehr robust. Ich stelle ihn mir manchmal als zukünftigen Rugbyspieler vor. Und er ist ein hervorrragender Schauspieler (un comédien). Natürlich bewundert er seinen älteren Bruder, der soviel mehr weiss als er, und gleichzeitig rivalisiert er mit ihm. So hat er vor einiger Zeit angefangen, mit tiefer Stimme zu sprechen. Ich habe gleich daran gedacht, dass er das tat, um älter zu erscheinen, denn er warf sich dabei wichtigtuerisch in die Brust, aber meine Tochter sagte besorgt: "Er hustet so viel im Augenblick, und seine Stimme ist rauh."

Weil er drei Monate später immer noch mit tiefer Stimme spricht - wenn er daran denkt - scheine ich wohl recht zu haben.

Er ist auch sehr gewitzt, wie nicht nur die Geschichte mit den Hühnern oder den "Löchern" zeigt. Das letzte Mal, als ich bei meiner Tochter war, haben wir mit einem Formenspiel gespielt. Es waren Rechtecke, Quadrate, Dreiecke und Rauten in dreifacher Ausführung. In gross, mittelgross und klein. Und es gab Vorlagen, zu welchen Formen man sie zusammenlegen musste. Arthur nahm sich die grossen Formen, mir schob er die mittleren zu und Cyril die kleinen. Und dann ging's los. Cyril merkte rasch, dass er passen musste, aber das zuzugeben kam natürlich nicht in Frage. Statt dessen nahm er diskret die Vorlage-Karten an sich, und als Arthur und ich endlich die richtige Form zusammengelegt hatten, wählte er das nächste Muster für uns aus. Arthur war's recht, er machte sich gleich an die Arbeit, beschäftigt wie er war, gegen mich zu gewinnen, was ihm auch meistens gelang. Was dann Cyril, der seine Position als Vorgeber und Schiedsrichter sichtlich genoss, dazu veranlasste, den Sieger auszurufen. Er genoss seine Position immer mehr, fing sogar an, uns Ratschläge zu erteilen. Bis ich schliesslich sagte: "So, Cyril, jetzt bist du an der Reihe. Hier, ich geb' dir mal eine Vorlage."

Da fiel dem kleinen Schlitzohr plötzlich ein, dass er auf's Klo musste.

Nein, ich langweile mich nie mit den beiden. Sie können sich streiten, dass die Fetzen fliegen, sie können sich sogar prügeln, aber wenn die Eltern sie trennen und jeden in ihr Zimmer schicken, sind sie unglücklich. Wenn sie dann wieder zusammen sein dürfen, fallen sie sich in die Arme.

ENDE