Noch einmal Clementinen

Mein Prinz, geschrieben vor fünf Jahren

B. und ich sind wieder auf dem Markt, wieder bei den Ahmeds. Und wieder geht es um die Clementinen. Ich reiche sie Madame Ahmed als letzte Ware zum Wiegen hinüber. Sie nimmt die Tüte in die Hand, sieht hinein und legt sie auf die Waage. Aber sie wiegt nicht, sie sieht mich an, schüttelt ein paarmal den Kopf und sagt: "Also, diese Clementinen würde ich nicht nehmen, ma chérie. Ich fühle mich verpflichtet, es Ihnen zu sagen, ich bin nun mal ehrlich, und Sie sind eine so gute, so eine besonders liebenswürdige Kundin. Also sage ich es Ihnen, um Ihnen einen Gefallen zu erweisen. Diese Clementinen, die Sie da ausgesucht haben, die sind... sauer. Fürchterlich sauer!" Tatsächlich zieht sich ihr ganzes, rundes Gesicht zusammen, ihre Schultern heben sich, sie schüttelt sich.

"Hm", sage ich etwas ratlos.

"Wir haben da viel bessere Clementinen, sie sind süss, saftig, gross, einfach wunderbar." Übergangslos brüllt sie zu ihrem Mann hinüber, der etwas weiter mit den Obstkisten beschäftigt ist: "Ahmed, zeige dieser Dame doch mal diese wunderbaren Clementinen!" Madame Ahmed hat eine ausserordentlich kräftige Stimme, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran und schreckt nicht mehr zusammen.

Monsieur Ahmed lächelt mir freundlich zu und zeigt auf den Kasten vor sich.

"Sorgen Sie sich nicht um ihre Einkäufe, ich passe auf sie auf, gehen Sie schnell hin", fast schubst mich Madame Ahmed.

Monsieur Ahmed reicht mir auch sofort eine Tüte, die ich folgsam fülle. Allerdings kommen mir diese Clementinen nicht ganz so frisch vor wie die, für die ich mich zuerst entschieden hatte.

Zurück zur Kasse. Madame Ahmed hat die sauren Clementinen schon barmherzigerweise beiseite getan. Sie sieht sie noch einmal voll Abscheu an, warnt auch die anderen Kunden. Dann strahlt sie mich an: "Es war das Beste, was Sie tun konnten, ma douce, wirklich, Sie werden mir dankbar sein." Dann sagt sie mir, was ich ihr schulde. Während ich die Tüten in meinem Einkaufswagen verstaue und mein Portemonnaie hervorhole (B. hat sich längst abgesetzt zu seinem Meeresfrüchte-Händler), öffnet sie eine meiner sauren Clementinen und hält sie einer Kundin zum Kosten hin: "Sie werden sehen, wie entsetzlich sauer sie sind." Die Kundin kostet, es dauert einen Augenblick, bis sie ihr Gesicht ein wenig verzieht: "Tatsächlich, sehr süss sind sie nicht."

"Sauer, ich sag's ja. Entsetzlich sauer! Hier, kosten Sie auch!" Jetzt hält sie mir die halb geschälte Clementine hin. Auch ich nehme folgsam ein Stück und probiere es.

"Nun? Sauer, nicht?"

Wer mag Madame Ahmed schon enttäuschen? Sie kümmert sich wie eine Mutter um mich, um uns alle, selbst wenn viele von uns, ich inbegriffen, ihre Mutter sein könnten. "Ja, ziemlich sauer", bestätige ich der hoch erfreuten Madame Ahmed, die meine Meinung sofort an die anderen Kunden weitergibt.

Als ich weitergehe, in der Hoffnung, dass B. und sein Händler fertig sind mit ihren blöden Witzen, komme ich an der Kiste mit den von Madame Ahmed derart gerühmten Clementinen vorüber. Hmmm, sie kosten gut das Doppelte meiner zuerst gewählten Clementinen ! Monsieur Ahmed wünscht mir einen schönen Tag und sieht lieber schnell fort.

Aber ist es Madame Ahmeds Schuld, wenn sie hier alles allein machen muss, damit der Laden läuft?

Monsieur Ahmed ist ein freundlicher Mann, von dem wir "chéries" nur Schimpfe bekommen, wenn wir es wagen, drei Bananen von einem Strauch von neun Bananen abzutrennen, weil wir nur drei Bananen brauchen, oder vier Tomaten von einer Traube von sieben Tomaten. Wir würden damit zu viel kaputt machen, behauptet er. Aber promt bekommt er dann Schimpfe von Madame Ahmed, er solle gefälligst liebenswürdig sein zu den Kunden. Dann seufzt er und verdreht die Augen.

Ja, warum kaufe ich überhaupt bei ihnen ein? B. verdreht auch immer die Augen. Wenn B.s und Monsieur Ahmeds Blicke sich begegnen, verdrehen sie beide die Augen. Na gut, manchmal kaufen wir dann woanders ein, die Ahmeds sind ja nicht die einzigen Obst-und Gemüsehändler auf dem Markt. Die anderen Händler sind viel netter, viel höflicher, viel "französischer". Aber dann fehlen mir die Ahmeds. Und wenn ich wieder bei ihnen zurück bin, werde ich empfangen wie eine Königin. Es ist einfach - amüsanter bei ihnen. Manchmal kommt mir allerdings ein schrecklicher Gedanke. Bin ich etwa masoschistisch veranlagt ?

Die Clementinen habe ich bemalt, als wir wieder zu Hause waren, und das Bäumchen ist eins meiner Pappmaché-Arbeiten.

ENDE