Wespenstiche

geschrieben vor vier Jahren

Vor vier Tagen fing mein Unglück im Garten an. Ich bin ein Frühaufsteher, um 6 Uhr bin ich auf den Beinen, und als erstes, noch vor dem Frühstück, wollte ich den mittleren Teil unseres kleinen Gartens begiessen. Dazu musste ich den Sprenger an den Gartenschlauch anschliessen. Mit dem Gartenschlauch hatte B. abends seine Gemüsebeete begossen und den Schlauch dort abgelegt. Ich war noch dabei, den Schlauch zum Sprenger zu ziehen, als ich einen schmerzhaften Stich im Nacken erhielt. Ich trug noch mein Nachthemd und begnügte mich damit, meine Schultern zu schütteln. Dachte hoffnungsvoll, dass es vielleicht ein kleiner Zweig war, der sich da unter mein Nachthemd verirrt hatte und nun herunterfallen würde. Bei einer solchen Gelegenheit stürzen ja eine Menge Gedanken auf einen ein. Mit der Hand nachfühlen mochte ich nicht, für den Fall, dass es etwas Lebendiges war, das ich ja nicht einmal sehen konnte; das war mir unheimlich. Und mitten im Garten mein Nachthemd ausziehen, das ging auch nicht. Unsere Nachbarn könnten mich von ihrer Etage aus sehen und für verrückt halten. Zuerst herrschte auch Ruhe in meinem Rücken, aber als ich mich bückte, um den Schlauch an den Sprenger anzuschliessen, stach es mich ein zweites Mal. Autsch! Vielleicht wieder der Zweig, der sich durch meine Bewegungen womöglich quergestellt hatte? Wenn ich gleich im Haus zurück war, würde ich nachsehen, was es mit den Pieksern auf sich hatte, aber zuerst wollte ich noch schnell den Wasserhahn aufdrehen. Bei der Gelegenheit erhielt ich noch zwei weitere, immerhin schon erheblich schwächere Stiche. Ich beeilte mich, den Wasserhahn aufzudrehen und lief ins Haus. Dort zog ich rasch mein Nachthemd über den Kopf, und etwas fiel auf den Boden, blieb zuerst bewegunglos liegen und kroch dann langsam vorwärts. Eine kleine Wespe, der es schon ziemlich schlecht ging. Bei meinen Bewegungen hatte mein Nachthemd wohl an ihr gerubbelt. Ich drückte rasch mit der Gartenschere auf ihren Kopf, um ihr noch kurzes Leben zu beenden. Désolée, kleine Wespe, tut mir leid, aber so geht es hier auf der Erde zu: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nun besah ich mir meinen Rücken im Spiegel. Tatsächlich, er war an vier Stellen rot und etwas angeschwollen, die beiden letzten Stiche hatten am wenigsten Unheil angerichtet, und zu meiner Erleichterung und freudigen Überraschung war mein Rücken nachmittags schon wieder ganz in Ordnung. Kein Grund, eine ganze Geschichte daraus zu machen.

Am Spätnachmittag war ich wieder im Garten. Die Hitze hatte nachgelassen, und es gab so viel zu tun. Wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. Die Zitronenmelisse, der Fenchel und der Majoran breiteten sich mächtig aus. Ich achte also darauf, die Büsche rechtzeitig zurückzuschneiden, ehe sie sich per Samen noch mehr multiplizieren können. Ausserdem sieht der Garten dann auch wieder ordentlicher aus. Ich schnitt also fröhlich vor mich hin (vier Behälter für das Kompostloch) und landete schliesslich beim Majoran. Gerade hatte ich dort meine Arbeit angefangen, als mich schon wieder etwas heftig stach, diesmal am linken inneren Handgelenk. Eine Wespe (erheblich grösser als die vom Morgen!) schwirrte davon, und gleichzeitig sah ich, dass es im Majoran nur so wimmelte von Wespen. Der Stich war wie ein kleiner roter Fleck, ein Biss, aber bald schwoll die Innenseite meines Unterarm bis zum Ellbogen an, fing an zu schmerzen und vor allem zu jucken. Ich zeigte ihn B.; statt mich zu bemitleiden, erklärte er: "Also, weisst du etwa nicht, dass man gut daran tut, diese Büsche vor dem Schneiden mit einer langstieligen Harke zu schütteln?"

"Damit alle Wespen auf mich losgehen?"

"Patate", lachte er nachsichtig, "eine langstielige Harke habe ich gesagt. Natürlich musst du auf Abstand gehen." Patate ist ein französisches Dialektwort für Kartoffel, das auch im Sinn von Depp benutzt wird.

Nun ja, im Prinzip weiss ich Depp das, vergesse es aber regelmässig in der Eile. Und bis dahin war ja auch alles gutgegangen. Wo kamen nur plötzlich all die Wespen her? So viele hatten wir noch nie im Garten. Also gut, B., in Zukunft werde ich an die Harke denken! Denn ich habe die ganze Nacht schlecht geschlafen, so sehr juckte mein dicker, roter Arm. Ausserdem war ich jetzt auch ziemlich beunruhigt. Es war ja der fünfte Stich, den ich erhalten hatte, selbst wenn der ersten, kleinen Wespe sicher noch nicht sehr viel Gift zur Verfügung stand.

Am nächsten Morgen fuhr ich zur Apotheke. Dort gab man mir ein Antihystaminikum gegen Allergien und eine Cortison-Salbe gegen das Jucken. Beides erwies sich als sehr hilfreich. Zwei Tage später war schon fast nichts mehr vom Stich zu sehen.

In den beiden Tagen las ich jedoch lieber in Ruhe ein Buch im Liegestuhl und überliess B. die Arbeit im Garten. Und siehe da, er schnitt auch einige Zweige von einem Strauch ab, ohne ihn vorher mit einer langen Harke geschüttelt zu haben. Nur hat ihn keine Wespe gestochen. Nein, nein, natürlich habe ich es ihm nicht gewünscht, obwohl noch reichlich Salbe und auch ein paar Antihystaminikum-Tabletten vorhanden waren, denn Wespenstiche können wirklich gefährlich sein, vor allem, wenn man allergisch ist.

Nachtrag:

Nachts hatte es schön geregnet, eine gute Gelegenheit, Vormittags mit meinem geheilten Arm etwas Unkraut auszureissen. Und ihr werdet es nicht glauben, DABEI HAT MICH WIEDER EINE WESPE GESTOCHEN! Ja, ja, ich weiss, die Harke! Inzwischen hatte ich mich aber schlau gemacht und wusste, was zu tun war. Ab in die Küche, um die Stichstelle und die nähere Umgebung mit einem Eiswürfel zu kühlen, bis dieser geschmolzen war. Dreimal habe ich die Operation wiederholt. Und danach habe ich noch eine halbe Zwiebel gegen die Stichstelle gedrückt. Das hat gut geholfen, es gab nur eine geringe, etwas gerötete Schwellung, die jetzt schon so gut wie verschwunden ist! Ich brauchte nicht einmal die Cortison-Salbe, gegen das Jucken genügte es, ab und zu die Stelle mit der halben Zwiebel einzureiben, wobei man gut daran tut, die schon benutzte Oberfläche abzuschneiden.

ENDE