Mit der Haustür knallen

Mein Prinz - geschrieben vor vier Jahren

B. ist der Mann meines Lebens, der Mann, mit dem ich mich nie langweile. Aber manchmal wird es etwas zu viel. So hatte er es sich in letzter Zeit angewöhnt, die Haustür zuzuknallen. Manchmal ging das fünf- oder sechsmal hintereinander. Er ging hinaus, mit der Absicht, den Vordergarten zu begiessen. Wumm! Gleich darauf kam er wieder herein, weil er etwas vergessen hatte. Wumm! Dann wieder raus, Wumm! Und so ging es weiter. Wumm! Wumm! Zuerst war ich nur etwas erstaunt. Das hatte er doch vorher nicht getan. Nun, es würde schon vorbeigehen, dachte ich - und sagte nichts.

Aber es ging den ganzen Tag so weiter. Und auch noch den nächsten Tag. Nur stand ich nie neben ihm, um zu protestieren. Ich sass oben an meinem Computer, um meine Geschichten zu schreiben. Und wenn ich unten war, benutzte er gerade nicht die Haustür, und ich dachte nicht mehr an das Problem. Erst am dritten oder vierten Tag bat ich ihn, doch bitte die Tür vorsichtig zuzumachen.

Er schien gar nicht zu wissen, was ich meinte. "Quelle porte?" Welche Tür? fragte er erstaunt.

"Die Haustür. Du knallst sie jedesmal zu!"

"Ich?" Er tippte sich auf die Brust und sah mich mit grossen Augen an.

Jetzt kam ich in Fahrt: "Ja, du! Also bitte, pass in Zukunft auf."

Zehn Minuten später knallte die Tür schon wieder. Diesmal sprang ich genervt auf, lief die Treppe hinunter und wurde laut: "Du hast gerade wieder die Tür zugeknallt! Ich habe dir doch gesagt, dass du bitte aufpassen sollst."

"Tür zugeknallt? Das war ich nicht."

"Wer soll es denn sonst gewesen sein? Du warst doch draussen? Bitte, pass endlich auf!" Und etwas sanfter, als hätte ich ein begriffsstutziges Gör vor mir, fuhr ich fort: "Komm, ich zeige dir, wie man die Tür leise zumacht. Vorher war das doch auch kein Problem für dich."

Ich öffnete die Tür und schloss sie wieder, indem ich nur zum Schluss sanft dagegendrückte, bis sie leise einschnappte. Und da behauptete der Kerl auch noch, dass er doch genau das täte!

In den folgenden Tagen herrschte Krieg. "Du hast wieder die Tür zugeknallt!" fuhr ich ihn nun jedesmal an. Um zur Antwort zu bekommen, dass es der Wind war, oder dass er die Hände voll hatte.

"Aber vorher, wie hast du das denn vorher gemacht?" rang ich die Hände.

Wenn er hereinkam oder hinausging, lief ich jetzt jedesmal hinzu, um an seiner Stelle die Tür zuzumachen. Er merkte nicht einmal, dass ich es nicht ihm, sondern mir zu Gefallen tat. Und wenn ich ihm wieder einmal zeigte, wie man die Tür leise zumachte, sah er mich mit einem seltsamen Blick an, so, als würde es mir nicht gutgehen. Was auch stimmte, verdammt noch mal!

Während B. weiterhin gutgelaunt seinen Beschäftigungen nachging und mit der Tür knallte, wurde ich zu einem Nervenbündel. Natürlich sagte ich mir, dass auch ich manchen Krach machte. Mit dem Geschirr oder den Kochtöpfen schepperte, einen Nagel in die Wand schlug oder sonst etwas. Der eigene Krach erschreckt einen ja nicht, man ist darauf vorbereitet. Es ist auch nichts dagegen einzuwenden, wenn die Haustür einmal von Zeit zu Zeit zuknallt. Es sind die Wiederholungen, die zermürben.

Als mein Bruder anrief, erzählte ich ihm vom türeknallenden B., und wie mich das nervte. Er schwieg einen Moment und meinte dann: "Also, ich habe ein gewisses Verständnis für ihn. Unsere Haustür geht an manchen Tagen nicht normal zu, was vielleicht am Wetter liegt, dann muss man auch etwas knallen, worüber Marlies sich dann aufregt."

"Unsere Haustür geht aber tadellos zu. Das Problem, dass sie schwer zugeht, haben wir nur manchmal im Winter. Aber selbst da braucht man nicht zu knallen. Es genügt, am Schluss etwas kräftiger dagegenzudrücken, bis sie einschnappt."

Jetzt ereiferte er sich: "Also, manchmal macht man irgendwelche Sachen jahrelang, ohne dass es euch stört, und plötzlich regt ihr euch darüber auf!"

Also gut, bei meinem Bruder war ich an der falschen Adresse. Ich hätte es wissen müssen: Männer halten zusammen. Im Hintergrund hörte ich die Stimme meiner Schwägerin, verstand aber nicht, was sie sagte. Als mein Bruder und ich das Gespräch beendet hatten, weil er noch zum Baumarkt musste, beschloss ich, einen Augenblick zu warten und dann Marlies anzurufen, um mit ihr über das Problem zu sprechen. Ich wusste, wir würden uns total einig sein. Und so war es dann auch. Wir haben mindestens eine Stunde über die Probleme mit unseren Männern gesprochen.

Noch ein paar Tage später war mir klar, dass ich richtig Terror machen musste, damit das Türeknallen aufhörte. Ich zog sogar ernsthaft eine Trennung in Erwägung. Wieviel ruhiger würde mein Leben ohne das Türeknallen sein!

In B.s Leben hatte es viele Frauen gegeben, und es waren immer die Frauen, die ihn vor die Tür setzten. Einmal hatte er mir das erklärt: "Ich mag Frauen nicht weh tun. Immer, wenn ich - nun ja, genug von einer Frau hatte und meine Freiheit wiedererhalten wollte, richtete ich es so ein, dass sie genug von mir bekam - und mich rausschmiss."

Zwar kann man dem, was B. erzählt, nie ganz trauen, aber jetzt passte es in meinen Kram. B. war an seinem Schreibtisch beschäftigt, und ich steuerte ihn entschlossen an: "Sag, machst du das absichtlich, B.?"

Er runzelte die Stirn: "Was soll ich absichtlich machen?"

"Das Türeknallen!" Und ich fuhr fort: "Hast du genug von mir? Du hast vielleicht eine andere Frau kennengelernt, oder möchtest ein friedliches Leben ohne mich führen?"

"Wie kommst du denn darauf?" Er schien ehrlich erstaunt zu sein.

Aber jetzt war ich in Fahrt: "Wie lange bitte ich dich nun schon, nicht mehr mit der Haustür zu knallen? Also, wenn du frei sein möchtest, nur zu, ich bin einverstanden."

"Patate", sagte er, und es klang richtig etwas erschüttert (Patate ist wie gesagt ein französisches Dialektwort für Kartoffel, wird aber auch mit einem nachsichtigen Lächeln im Sinn von Depp benutzt). Er sah auch irgendwie ratlos aus, was mich nun doch berührte.

Aber streng fuhr ich fort: "Wie du möchtest, mon cher, aber dann hör auch bitte mit dem Türeknallen auf!"

Und das hat nun endlich, endlich gewirkt! Das Leben ist wieder schön geworden.

ENDE