Wenn man die Nachbarskinder nicht wiedererkennt

Mein Prinz - geschrieben vor vier Jahren

Letzte Woche bereitete ich in der Küche das Mittagessen zu, und wie immer sah ich dabei auch nach draussen, was ich immer sehr unterhaltsam finde. Dafür brauche ich nur den Blick etwas zu heben, das Fenster befindet sich direkt über der Arbeitsfläche. Gerade hielt ein Auto vor dem Haus gegenüber. Ein junges Mädchen stieg aus, ging zum Kofferraum, hob zwei offensichtlich schwere Gepäckstücke heraus und warf die Klappe wieder zu. Das Auto fuhr sofort wieder an. Das junge Mädchen nahm jetzt die beiden Gepäckstücke auf, eins in jede Hand, und ging derart beladen mit schleppenden Schritten auf das Haus zu, in dem es verschwand.

Nachmittags war ich erneut kurz in der Küche beschäftigt, und natürlich sah ich wieder aus dem Fenster. Auf der Strasse, es ist ja eine Sackgasse, standen gerade Marie, unsere Nachbarin von gegenüber, eine etwa gleichaltrige Frau, die mir unbekannt war, und drei Jugendliche, ein Junge und zwei Mädchen, die alle zusammen redeten und lachten. Das eine Mädchen war dasselbe, das ich vor dem Mittagessen gesehen hatte. In denselben halblangen roten Hosen, dem schwarzen Top und einem schicken Gürtel um die Taille. Es war etwas pummelig, sah aber hübsch und sexy aus, und ab und zu schüttelte es kokett das halblange dunkle Haar zurecht. Es wirkte jetzt lebhaft und total erholt und paradierte ein wenig vor dem jungen Mann.

Ich drehte mich nach B. um, der am Küchentisch mit einem Kreuzworträtsel beschäftigt war, und sagte: "Ist das nun Julie, die ich da draussen sehe ? Wenn ja, hat sie sich aber mächtig verändert. Wie alt mag sie jetzt sein? Fünfzehn oder sechzehn?" Tatsächlich war Julie, Maries und Bernards Tochter, vor noch gar nicht langer Zeit ein scheues, mageres Kind gewesen, was sie nicht daran hinderte, mit ausgefahrenen Krallen auf ihre beiden älteren Brüder loszugehen, wenn diese sie ärgerten.

B. sah mich mit einem etwas leeren Blick an, ein Zeichen, dass meine Überlegungen ihn nicht sonderlich interessierten.

"Eins spricht dafür", fuhr ich trotzdem fort: "Kurz vor dem Mittagessen stieg sie aus einem Auto und schleppte zwei Koffer bis zum Haus. Der Fahrer war sicher ihr Bruder, der es natürlich nicht für nötig hielt, seiner kleinen Schwester beim Tragen behilflich zu sein. Er fuhr auch gleich wieder fort." Hier muss ich dazusagen, dass es mir nie gelingt, die Autos der Nachbarn auseinanderzuhalten, besonders, wenn dann später noch die Autos der Kinder dazukommen, und die Autos der Freunde der Kinder, kaum haben sie ihren Führerschein gemacht.

"Sicher ist schon mal, dass dieser junge Mann da draussen nicht ihr Bruder ist", kicherte ich.

"Hmm", meinte B.

Ich sah noch einmal genauer hin: "Da steht noch ein anderes junges Mädchen. Ist sie vielleicht Julie? Sie sieht Julie irgendwie ähnlicher, ich meine, so wie ich sie in Erinnerung habe. Das Haar ist heller, sie ist schlanker ..."

Jetzt stand B. auf und ging zum Fenster. "Es gibt nur eins, um sich Klarheit zu verschaffen."

"Und das wäre?" fragte ich etwas beunruhigt.

Er öffnete rasch das Fenster und rief: "Julie!"

Worauf sich tatsächlich das Mädchen in den halblangen roten Hosen umwandte und antwortete: "Oui? Ah, c'est toi, B., bonjour !" (Ja? Ach, du bist es, B., guten Tag!)

"Ich wollte dir nur sagen, wie hübsch du bist!" Jetzt lachten alle fröhlich, worauf B. das Fenster wieder schloss und mich angrinste: "Na, ist deine Frage jetzt beantwortet?"

Ich gab zu, dass sie es war, worauf B. sich erleichtert wieder seinem Kreuzworträtsel zuwandte.

Und ich hing meinen Gedanken nach, die ich jetzt aber lieber für mich behielt. Wann hatte ich Julie zum letzten Mal gesehen? So lange kann das doch gar nicht her gewesen sein. Also gut, sicher geht sie noch zur Schule. Offensichtlich hatte sie die langen, französischen Sommerferien woanders verbracht (die Rückkehr mit dem Gepäck!). Aber in den zwei Monaten, die die Ferien dauerten, konnte sie sich doch nicht derart verändert haben? Wann hatte ich mich da ausgeklinkt? Wie oft hatte ich Julie schon vorher gesehen ohne sie wiederzuerkennen? Der Gedanke war mir richtig unangenehm.

Mir fiel eine frühere Nachbarin ein, als ich noch mit meinem ersten Mann verheiratet war. Unsere beiden Töchter wuchsen heran. Eines Tages sagte mir diese ältere Nachbarin : "Ne m'en veux pas, si je ne reconnais pas tes filles ..." Bitte nimm es mir nicht übel, wenn ich mal deine Töchter nicht erkenne oder sie verwechsel, aber sie werden so schnell grösser, und jedes Mal haben sie sich verändert.

Natürlich beruhigte ich sie, aber so richtig verstehe ich sie erst heute, wo ich selbst diese Erfahrung mache. Mädchen verändern sich darüber hinaus viel mehr als Jungen, bei ihnen hatte ich jedenfalls (bis jetzt) noch nicht dieses Problem!

ENDE