Verloren auf dem Markt

Mein Prinz - geschrieben vor vier Jahren

Gestern waren wir wieder auf dem Markt. Diesmal kauften wir als erstes Eier bei der netten, resoluten Eierfrau, die jedem aufmerksam zuhört, der ihr etwas zu erzählen hat. Zumindest, wenn gerade keine anderen Kunden anstehen, oder nur solche, die sich ebenfalls für die Geschichte interessieren und nachher einen Kommentar abgeben, so dass plötzlich alle miteinander sprechen. Nun ja, meistens sind es nur wir Frauen, auch B. interessiert sich nicht die Bohne für unsere Gedankenaustäusche. Aber heute ist er geduldig. Er bezahlt, ich packe die Eier in den Einkaufswagen, und nun geht's zum Vietnamesen. B. und ich essen für unser Leben gern Vietnamesisch. Vor allem Banh Cuons, das sind Nudeltaschen aus Reis- und Tapioka-Mehl, mit einer leichten, schmackhaften Füllung, die hauptsächlich aus Schweinefleisch und schwarzen Pilzen besteht. Auch hier gibt es immer etwas zu erzählen, aber plötzlich sagt B.: "Also, ich besorge schon mal meine Austern." Auch ich habe früher liebend gern Austern gegessen, aber vor ein paar Jahren habe ich eine Jod-Allergie entwickelt. Wenn ich Austern ass, wurde mir schlecht danach. Auch meine Mutter hatte diese Allergie. B. entfernt sich schon, und weil ich mich gerade so gut mit einer anderen Kundin unterhielt, vergesse ich, ihn zu fragen, wo wir uns wiedertreffen. Nun, wenn unsere Wege sich nicht mehr kreuzen sollten, warten wir halt am oder im Auto aufeinander.

Beim Vietnamesen musste ich eine Weile anstehen, und als ich endlich meinen Einkauf erledigt hatte, ist B. schon nicht mehr bei seinem Freund, dem Meeresfrüchtehändler. Dieser zeigt nach rechts: "Ihr Mann ist in diese Richtung weitergegangen", und er lacht. Sie müssen sich wieder ganz gut Witze erzählt haben. Wir brauchen Fisch, dafür es ist die richtige Richtung. Aber dort ist er auch nicht. Nicht mehr. Das Fischhändler-Ehepaar ruft mir gleich zu: "Ihr Mann ist vorbeigekommen. Er hat Sie gesucht."

"Und wohin ist er weitergegangen?"

"Zum Tabakladen."

Tabakladen, das kann nicht sein. Er hat sich am letzten Samstag seine Zigaretten für den ganzen Monat geholt - die er übrigens draussen rauchen muss, was er auch ohne Widerworte tut, da ich mir nicht meine Lungen ruinieren lassen möchte - und weil ich hoffe, dass er, besonders im Winter, wenn es kalt ist, das Rauchen auch in seinem Interesse aufgeben wird, was allerdings - immer noch nicht - der Fall ist. Ich tippe also eher auf die Apotheke, die sich neben dem Tabakladen befindet, gehe das Stück bis dorthin und öffne die Tür: "Ihr Mann ist nicht vorbeigekommen, noch nicht", klingt es mir gleich gutgelaunt entgegen.

Nun gut, ich gehe zum Fischstand zurück und kaufe unseren Fisch für die ganze Woche (wir frieren ihn ein) - bis mir einfällt, dass ich nicht genug Geld eingesteckt habe. Für den Fisch reicht es nicht mehr. Macht nichts, sie legen ihn zurück.

Ich kann auch die anderen Besorgungen nicht mehr machen, und jetzt komme ich wieder bei den Vietnamesen vorbei: "Ihr Mann sucht Sie", rufen sie mir zu. "Er ist in diese Richtung weitergegangen." Sie zeigen nach links.

Ich komme wieder an der netten Eierfrau vorbei: "Ich habe Ihren Mann vorbeigehen sehen", lacht sie. "Ein Stück weiter sind ihm seine Austern hingefallen."

"Da hat er bestimmt kräftig geflucht." Bei solchen Gelegenheiten gibt er nämlich ein tönendes "Bordel de merde!" von sich.

"Und ob!" lacht sie wieder.

Nun, er ist sicher zum Auto gegangen. Ich sehe ihn schon von weitem, laufe, um ihn einzuholen. Mir wird verdammt warm dabei. Endlich habe ich es geschafft. Und was passiert nun? Er sieht mich streng and und sagt: "Wo warst du denn bloss? Ich habe dich überall, aber wirklich überall gesucht!"

Für B., der in der Fremdenlegion so viele Kriege mitgemacht hat, ist der Angriff die beste Verteidigung.

Aber darauf falle ich längst nicht mehr rein. Bissig gebe ich zurück: "Und wo warst du? Ich habe dich auch überall gesucht. Ich brauche dein Portemonnaie, hab nicht genug Geld bei mir."

"Typisch Frau, euch interessiert ja nur unser Geld!" Aber er holt schon sein gut gefülltes Portemonnaie aus der Tasche und überreicht es mir galant. B. kann sehr galant sein. "Erlauben Sie mir, Madame, dass ich schon im Wagen Platz nehme? Ich bin müde." Er hat ja sein kaputtes Bein. Natürlich darf er im Auto auf mich warten. Ich schliesse es für ihn auf.

Dann laufe ich zurück. Überall, wo ich vorbeikomme, tönt es: "Und? Haben Sie ihn gefunden?" Ich winke ihnen zu: "Tout va bien, alles in Ordnung!" B. und ich, wir sind hier hyperbekannt, selbst wenn wir nicht die einzigen sind, denen solche Geschichten passieren.

Ich kaufe den Rest ein, hole meinen Fisch ab, gehe zum Auto und setzte mich ziemlich ausser Atem hinter das Steuer. Dann muss ich lachen: "Du hast also deine Austern hinfallen lassen?"

"Ist das jetzt etwa auch schon auf dem ganzen Markt herum?" fragt er irritiert. Es sind natürlich nicht diese Art von Geschichten, die er gern über sich im Umlauf haben möchte.

"Aber sicher doch!" Ich kann es mir einfach nicht verkneifen.

ENDE