Die nackte Maja

Eine etwas verrückte Erzählung von mir, die vor langen Jahren in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde und die ich ein wenig überarbeitet habe.

Die Rothaarige erhob sich. Sie hatte schwarzumrandete Augen und trug ein Kleid, das ihre üppigen Formen betonte.

"Ich höre also von Ihnen?" fragte sie mit einem betörenden Augenaufschlag.

"Auf jeden Fall", antwortete Frank Velden. "Vielen Dank für Ihren Besuch."

Er entliess sie nett lächelnd durch die Tür und ging dann kopfschüttelnd zum Schreibtisch. Das war nun die Achtzehnte! Achtzehn junge Frauen und nicht eine darunter, mit der er die Fotos für seinen neuen Bildband hätte wagen können.

Er drückte auf den Sprechknopf: "Ist da noch jemand? Ja? Schicken Sie sie bitte herein."

Die junge Frau, die eintrat, war gross, hellblond und überhaupt nicht geschminkt.

Na, wenigstens ein Gesicht! dachte Frank Velden. Ihm gefiel auch die Art, wie sie seinen Gruss erwiderte. Er zeigte auf den Sessel gegenüber: "Bitte, nehmen Sie doch Platz. Sie ... kommen auf meine Anzeige hin?"

"Ja."

"Dann wissen Sie also, dass ich ein Modell für Aktfotos suche. Haben Sie so etwas schon einmal gemacht?"

"Nein." Sie sagte es so, dass man ihr unbedingt glauben musste.

"Aber... Sie würden es sich zutrauen?"

"Durchaus." Sie sah ihn fast trotzig mit erhobenem Kopf an. "Ausserdem gelten Sie als seriös, schliesslich sind Sie ein bekannter Fotograf."

Es klang ein wenig, als wollte sie sich selbst Mut zureden, und das rührte ihn irgendwie: "Machen wir uns nichts vor, es wird immer Leute geben, die in der Aktmalerei oder -fotografie etwas Anrüchiges sehen. Und man braucht ja wahrhaftig nicht prüde zu sein, um heutzutage von vielem, was sich auf diesem Gebiet tut, angewidert zu sein. Trotzdem wäre es um die Kunst ärmlich bestellt, wenn sich nicht Frauen bereitgefunden hätten, Modell zu stehen. Rubens hätte kein 'Venusfest' malen können, Renoir keine 'Badende' und Goya keine 'Nackte Maja'.

Sie lachte, und er sah sie erstaunt an: "Amüsieren Sie sich über die weisen Reden, die ich führe?"

"O nein, verzeihen Sie, Es ist nur so: Ich heisse nämlich Maja."

Jetzt lachte er mit: "Wie verheissungsvoll! Schade nur, dass ich kein Genie bin wie Goya, sondern nur ein Fotograf."

"Aber ein grossartiger Fotograf, Sie haben ausgezeichnete Kritiken!"

Er krauste die Nase: "Manche halten mich eher für so etwas wie einen besseren Dekorateur. Und ich selbst weiss nur, dass ich ein Mensch bin, der sich Mühe gibt mit dem, was er tut. Aber eine andere Frage: Weshalb wollen Sie als Modell arbeiten?"

"Weil ich Geld brauche", antwortete sie mit wieder trotzig erhobenem Kopf. "In der Anzeige stand, dass Sie gut bezahlen."

"Ein vernünftiger Grund. Ich denke, dass wie gut zusammen arbeiten können. Hätten Sie Einwände, wenn ich gleich ein paar Probeaufnahmen von Ihnen mache?"

"Natürlich nicht", erwiderte sie schnell, aber er sah, dass sie eine weisse Nasenspitze bekam.

"Gut", fuhr er in sachlichem Ton fort. "Bitte, ziehen Sie sich hinter dem Wandschirm aus, ich treffe inzwischen die Vorbereitungen."

Hinter dem Wandschirm hörte sie, wie er Lampen einschaltete und den Vorhang des Studiofensters hin und her zog. Als er sich schliesslich umwandte, stand sie nackt vor dem Wandschirm.

Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück und betrachtete sie. Sie stand ohne jede Pose da, weder verklemmt noch herausfordernd, absolut natürlich, aber er sah ein kaum merkbares Beben, das sie von Kopf bis Fuss durchfuhr.

Er lächelte ihr zu: "Wenn ich Ihnen jetzt sage, wie schön Sie sind, werden Sie mir zu teuer... Bitte, machen Sie ein paar Schritte und drehen Sie sich dann ... ja, so, ganz zwanglos." Er hatte schon begonnen, sie zu fotografieren, schnell hintereinander, fast pausenlos.

"Gut", und jetzt legen Sie sich bitte vor die Dekoration da drüben. Keine Angst, das Badetuch ist frisch. Ja, gut. Stellen Sie sich bitte vor, dass Sie mutterseelenallein am Strand liegen und sich sonnen. Nein, nicht als lebendes Denkmal, entspannen Sie sich, drehen Sie sich ein bisschen hin und her. Ja, so!"

Er schaltete noch zwei Lampen ein und begann wieder zu fotografieren.

Während er arbeitete, beobachtete sie ihn verstohlen. Er war gross und kräftig, sah eher wie ein netter Boxer als ein Künstler aus. In seinem dichten dunklen Haar gab es schon ein paar graue Strähnen, er musste gut vierzig sein. Sie merkte, wie ihre Nervosität nachliess. Sie hatte sich das Ganze peinlicher und sogar gefährlicher vorgestellt, aber dieser Mann fotografierte sie völlig unbefangen.

"Dauert's noch lange?" fragte sie schliesslich, "ich muss nämlich zur Arbeit."

"Nein, vorläufig ist's genug, Sie können sich anziehen."

Ohne sie weiter anzusehen, fragte er: "Wo arbeiten Sie denn?"

"An verschiedenen Orten. Als Putzfrau."

Er sah erstaunt hoch, aber sie war schon hinter dem Wandschirm verschwunden.

"Ich werde mir jetzt die Aufnahmen ansehen und melde mich bald. Meine Sekretärin wird Sie anrufen. Auf Wiedersehen!" rief er ihr noch zu.

...

Er war es selbst, der anrief. "Hier Frank Velden. Ich kann nur sagen: Sie sind ein Klassemodell, und das war ja erst der Anfang. Das müssen Sie einfach sehen! Können Sie gleich kommen?"

"Herr Velden, rechnen Sie nicht vor Mittag mit mir!"

"Und warum geht es nicht jetzt?"

Sie gähnte so laut, dass er es hören musste: "Es ist drei Uhr nachts!"

Stille, dann kam ein betretenes: "Oh, entschuldigen Sie, das habe ich gar nicht mitbekommen... Um zwölf also, ja?"

Keine Antwort, sie hatte schon aufgelegt.

...

Als sie kurz vor zwölf mit ihm das Studio betrat, nahm es ihr fast den Atem. Dutzendweise und gewaltig vergrössert hing sie ringsum an der Wand: Ein (Alp)traum von nackten Majas.

"Na, was habe ich Ihnen gesagt?" Strahlend breitete er die Arme aus: "Ist das nicht grossartig? Dieser Rückenakt, das könnte der Buchumschlag werden. Und die grosse Liegende hier stelle ich mir mitten im Buch vor, quer über zwei Seiten... was meinen Sie?"

Maja meinte nichts, ihr Hals war wie zugeschnürt.

Er sah sie besorgt an: "Gefällt es Ihnen nicht?"

"Doch... schon...", schluckte sie.

"Ich verstehe. Sie sind noch etwas durchgerüttelt, aber das wird sich geben, wenn wir länger zusammenarbeiten... Damit ich's nicht vergesse: Brauchen Sie Geld?"

"Ich brauche immer Geld", erklärte sie nüchtern.

Er setzte sich an seinen Schreibtisch: "Ich stelle Ihnen schon mal einen Scheck aus. Übrigens, war es nur ein Scherz, oder arbeiten Sie wirklich als - Raumpflegerin?"

"Es war kein Scherz."

"Keinen anderen Beruf gelernt?"

"Leider nein. Nach dem Abitur habe ich nur zwei Jahre studiert, ehe ich heiratete. Aber seit ich verwitwet bin, muss ich auf Biegen und Brechen Geld verdienen - ehe ich hoffentlich mein Studium fortführen kann."

"Oh", sagte er und war nun wirklich sehr erstaunt. Diese junge Frau - und schon Witwe? Aber er wollte nicht neugieriger sein als nötig war und zog sein Scheckheft heran: "Sie heissen Maja ..."

"Karsky. Maja Karsky - mit Ypsilon."

Er buchstabierte halblaut den Namen und setzte einen höheren Betrag ein, als er vorgesehen hatte.

"Darf ich Sie einfach Maja nennen?" fragte er, als er ihr den Scheck überreichte.

"Gern, Frank", lächelte sie ihm zu und wedelte mit dem Scheck. "Danke, ich kann ihn so gut gebrauchen. Und wann soll ich morgen kommen?"

"Passt es Ihnen gegen elf? Übrigens würde ich jetzt gern mit Ihnen essen gehen."

Sie sah ihn plötzlich sehr ernst an: "Tut mir leid, aber ich werde noch in zwei Häusern zum Putzen erwartet."

Er wunderte sich, wie schnell sie aus der Tür war.

In den folgenden zwei Wochen gab sie ihm jedesmal einen Korb, wenn er sie nach der Arbeit zum Essen einladen wollte. Was es mit dieser Verweigerung für eine Bewandnis auf sich hatte, sollte er aber erst später erfahren.

...

Eines Nachts wurde sie wieder durch seinen Anruf aus dem Schlaf gerissen: "Verfluchen Sie mich, Maja", rief er aufgeregt, "aber ich muss mich vergewissern: Stimmt es, dass Sie mit dem Rennfahrer Karsky verheiratet waren?"

"Ja", es klang ziemlich beklommen.

"Mit dem berühmten Karel Karsky, der sich vor zwei Jahren in Monza auf der Piste überschlug...?"

"Das passierte am Tag nach unserer Hochzeit."

"Grosser Gott!" Es wurde eine Weile still in der Leitung, dann sagte er: "Als ich vorhin in einer alten Illustrierten blätterte, sah ich Sie auf dem Bild im Hintergrund."

"Es war eine verrückt kurze Sache", sagte sie heiser. "Wir sahen uns in Riva auf der Promenade, er lud mich zum Essen ein und machte mir gleich danach einen Heiratsantrag."

"Das kann ich ihm nachfühlen", sagte er. Eigentlich hatte er noch mehr Fragen stellen wollen, aber er konnte sich die weitere Geschichte schon denken. Karsky hatte viel Geld verdient, aber noch mehr ausgegeben und dann seiner Witwe die Schulden überlassen. Er besass eine Prachtvilla, die sie sicher hatte verkaufen müssen.

"Es ist verdammt komisch", sagte Maja, aber es klang, als ob sie weinte. "Denken Sie mal: Der Freund, den ich vorher hatte, war auch so ein toller Typ - ein Testpilot. Er lud mich zum Essen ein und wollte mich auf der Stelle heiraten. Am nächsten Tag stürzte er ab ... Verstehen Sie jetzt, dass ich abergläubisch bin? Ich lasse mich von keinem netten Mann mehr zum Essen einladen."

Frank hörte jetzt deutlich, dass sie weinte. Wenn er bei ihr gewesen wäre, hätte er sie in die Arme genommen, so leid tat sie ihm.

"Maja", sagte er und räusperte sich. "Wenn Sie mit Karel Karsky verheiratet waren, habe ich für unser Vorhaben gewisse Befürchtungen. Sie sind dann kein namenloses Modell mehr. Der Bildband wird Reaktionen auslösen."

"Meinen Sie, es könnte Ihrem Ruf als Fotografen schaden?"

"Das glaube ich nicht, aber über Sie wird man herfallen." Er räusperte sich wieder: "Die taktvollste von ihnen wird lauten: 'Bildschöne Rennfahrerwitwe - hüllenlos'. Das gefällt mir nicht, Maja, das gefällt mir überhaupt nicht! Hören Sie, wir müssen morgen darüber sprechen."

"Heute darüber sprechen", berichtigte sie ihn.

"Natürlich, Sie haben recht, wir sind ja schon heute. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Gute Nacht."

...

Sie wollte wie immer hinter den Wandschirm treten, um sich auszuziehen, aber Frank hielt sie zurück: "Warten Sie ..."

Er deutete auf die Fotos ringsherum und murmelte in verklärtem Ton: "Die nackte Maja, wunderschön. Aber Sie wissen doch, dass der begnadete Goya sein Modell auch bekleidet gemalt hat? Schauen Sie auf diesen Farbdruck auf dem Tisch - das ist es: 'Die bekleidete Maja'! Ist sie nicht herrlich?"

Maja sah auf den aufgeschlagenen Gemäldeband.

"Grüner Samt für Sie", murmelte er, "ein sattes Grün, das gegen Ihr helles Haar und die braune Haut kontrastiert; das Kleid hauteng geschnitten, mit einem tiefen Rückenausschnitt - wie finden Sie das?"

Maja antwortete nicht. Sie sah ihn nur gross an.

"Wenn ich mir das so vorstelle", sprach er verträumt weiter. "Sie in Samt und Grün, auf dem Buchumschlag - und all die anderen Fotos, in vielleicht anderen Gewändern - etwas Schöneres und Eleganteres kann es nicht geben!"

"Und die Aktfotos?" fragte sie.

"Die vergessen wir."

Um Majas Mund bildete sich ein kleines Lächeln. Frank fragte sich, ob nicht auch ein wenig Spott darin lag. "Warum sagen Sie nichts?" fragte er ein wenig ernüchtert.

Da wurde ihr Lächeln warm. Sie trat ganz dicht an ihn heran und küsste ihn auf den Mund. "Wenn ich nicht soviel Angst um Sie hätte, würde ich Sie jetzt bitten, mich zum Essen einzuladen."

ENDE