Askarians Haus

Eine Erzählung aus fernen Tagen

Als Claudia den berühmten Pianisten Paul Askarian zum ersten Mal sah, ahnte sie noch nicht, dass sie seinetwegen Herbert verlassen würde. Dabei hatte ausgerechnet Herbert ihr den Auftrag vermittelt. Er hatte gehört, dass Askarian - oder vielmehr seine Frau Marianne - einen Innenarchitekten suchte.

Das weisse Haus mit dem ockerfarbenen Ziegeldach und den dunkel gebeizten Fensterläden lag etwas ausserhalb der Stadt auf einem mit Kiefern bewachsenen Hügel. Es gefiel ihr sofort. Sie war erleichtert, dass es keine grossen, aggressiv glänzenden Fensterfronten hatte, die die Natur in den Wohnbereit einziehen sollten. Wenn die Natur vor der Haustür liegt, sollte man, fand sie, sich auch die Mühe machen, zu ihr hinauszugehen.

Marianne öffnete ihr die Tür. Claudia stellte sich vor, und Marianne führte sie ins Wohnzimmer. Askarian, der am Fenster stand, drehte sich um, und Marianne sagte: "Das ist Fräulein Rohler, die Innenarchitektin."

Askarian schüttelte ihr die Hand und zeigte einladend auf einen Sessel: "Bitte, nehmen Sie Platz." Er hatte eine dunkle Stimme, die Claudia an russische Volkslieder erinnerte. Überhaupt hatte er etwas Russisches an sich. Er war hochgewachsen und kräftig, hatte ein breites, ruhiges Gesicht und helle Augen, mit denen er die Dinge und Menschen auf eine ganz eigene Art zu betrachten schien. Er wirkte geheimnisvoll, wehrlos und dennoch unverletztlich.

Claudia setzte sich, und weder Askarian noch Marianne fragten nach irgendwelchen Referenzen. Marianne erklärte ihr, wie das Haus eingerichtet werden sollte, und Askarian bat sie nur, das Musikzimmer so einfach wie möglich zu halten. Ausser einem Bücherschrank und einem Schreibtisch sollte nur der Flügel darin stehen.

Claudia fragte, ob sie nicht einige der schon vorhandenen, zum Teil sehr hübschen Möbel übernehmen wollten, aber Marianne schüttelte den Kopf. Sie hätten jetzt genug Geld, um alles ganz neu und passend zueinander einzurichten. Askarian sagte nichts, sah aber zu einem alten Lehnstuhl hinüber, der neben dem Fenster stand. Claudia war seinem Blick gefolgt und schlug vor, den Sessel in das Musikzimmer zu stellen.

"Aber er ist ganz abgewetzt", wandte Marianne ein.

"Wir lassen ihn neu herrichten", lächelte Claudia ihr zu.

Als Marianne in die Küche gegangen war, um Tee zu kochen, war Claudia allein mit Askarian. Die plötzlich eingetretene Stille lastete auf ihr, machte sie befangen. Zwei- oder dreimal setzte sie ungeschickt zu einem Gespräch an, aber Askarian sah nur einmal kurz auf, nicht unfreundlich, aber ohne zu antworten. Da schwieg sie, zwang sich, ganz ruhig zu atmen, und hörte auf einmal wieder die Vögel draussen und den Wind.

Marianne kam bald darauf mit einem Tablett zurück, stellte es auf dem niedrigen Couchtisch ab und schenkte den Tee ein. Dabei erklärte sie Claudia, wie sie sich den neuen Couchtisch vorstellte. Nicht ganz so niedrig, mit einer dicken Mattglasscheibe, sie hätte genau das Passende neulich in einem Geschäft gesehen.

Sie schob Claudia den Zucker und die Sahne hinüber, auch die Schale mit dem Gebäck und setzte sich dann mit ihrer Tasse zu Askarian auf die Sessellehne. Wäre Claudia jünger gewesen, hätte Marianne sie mit ihrer blonden Schönheit und Grazie erheblich verunsichert. Sie selbst war gross. Es störte sie nicht, aber sie fand es doch in gewisser Weise ärgerlich, dass die wirklich grossen Männer sich immer sehr kleine Frauen aussuchten.

Während sie den Tee tranken, nahm Marianne wieder gewandt die Konversation in die Hand. Schliesslich einigten sie sich darauf, dass Claudia mit den genauen Plänen und dem Kostenvoranschlag wiederkommen sollte. Sie stand auf, um sich zu verabschieden, und Marianne brachte sie an die Tür.

Claudia war kaum einige Schritte den steilen Hang hinuntergegangen, als hinter ihr im Musikzimmer ein Walzer erklang. Die Melodie war so melancholisch und zärtlich, dass sie unwillkürlich langsamer ging, um Askarian länger spielen zu hören.

Dann war sie bei ihrem Wagen angelangt, aber als sie etwas später durch die belebten Strassen der Stadt fuhr, fürchtete sie, dass die Melodie in ihrem Kopf zugeschüttet werden könnte von all den Geräuschen. Sie hielt vor einem Schallplattenladen, stürzte in das Geschäft und summte dem Verkäufer die Melodie vor. Er schnippte mit dem Finger und wurde ganz aufgeregt: "Gleich hab ich's, das ist ein ganz bekannter Walzer von Chopin, na, so was aber auch ..."

Sie hörten sich fast die ganze Platte an, bis zum h-moll-Walzer, und der war es dann. Claudia verliess das Geschäft mit der Platte und entdeckte erst zu Hause, dass sie von Askarian bespielt war. Herbert erzählte sie nichts von der ganzen Geschichte, sie wusste wirklich nicht, wie sie ihm das alles hätte erklären sollen.

...

Nie hatte Claudia auf eine Wohnungseinrichtung mehr Zeit und Mühe verwandt. Nie hatte sie auch einen gleichen Einklang zwischen einem Haus und sich selbst verspürt. Marianne bekam ihren Couchtisch mit der dicken Mattglasscheibe, und für Askarian liess sie den alten Sessel aufarbeiten. Heute tut es ihr übrigens leid. Er steht, noch immer ein wenig fremd, im Musikzimmer. Glücklich schien Askarian nur in seinem alten, abgewetzten Sessel gewesen zu sein.

Während der Arbeiten und den Lieferungen der Möbel und Beleuchtungskörper spielte Askarian Klavier. Er übte lange Stunden jeden Tag. Marianne hielt sich oft die Ohren zu und rief theatralisch aus, das Klavier nicht eine Minute länger ertragen zu können. Sie holte dann den Wagen aus der Garage und fuhr in die Stadt.

So kam es, dass Askarian und Claudia oft allein waren im Haus und auch in der schon fertigen Küche zu Mittag assen. Sie assen, was auch immer Marianne für sie zubereitet und warmgestellt hatte. Marianne kam meistens gegen fünf Uhr frisch und gutgelaunt aus der Stadt zurück, hatte sich manchmal ein neues Kleid gekauft, oder Schuhe, oder sonst etwas Hübsches für Askarian, Claudia, das Haus oder sich selbst. Sie nannte die beiden lachend ihre Galeerensträflinge und kochte ihnen Tee. Dann erzählte sie, auf Askarians Sessellehne sitzend, lustige kleine Begebenheiten aus der Stadt, und Askarian streichelte ihren Arm und dachte an seine Musik. Claudia fühlte sich wohl bei ihnen, sie fühlte sich beiden verbunden.

Herbert dagegen ertrug sie schlechter als vorher. Er redete ihr zuviel, und das ohne Mariannes Grazie. Überdies ging ihr sein Hang zur Rechthaberei mehr denn je auf die Nerven. Sie war dreissig gewesen, als sie Herbert vor fünf Jahren kennenlernte. Vorher hatte sie sich wundgestossen an der Liebe und dachte, mit einem treuen und zuverlässigen Mann wie Herbert endlich zur Ruhe zu kommen. Sie konnte nicht wissen, dass andere Dinge für sie schwerer wiegen würden. Ihr Verhältnis zueinander war oft angespannt. Kein grosser Streit, ebensowenig wie grosse Freuden, aber ärgerlicher, kleinlicher Hickhack, Alltagskram. Ein paarmal hatten sie sich schon trennen wollen, waren aber aus Gewohnheit mehr noch als aus echter Zuneigung zusammengeblieben.

...

Sommer und Herbst verstrichen, Askarians Haus war fertig eingerichtet, und Marianne und Claudia waren zu Freundinnen geworden. Manchmal verabredeten sie sich in der Stadt.

Eines Tages, es war im Februar, vertraute Marianne ihr an, dass sie einen Geliebten habe. Um sich zu rechtfertigen, beklagte sie sich über das langweilige Leben mit Askarian, der weder Gesellschaften besuchen noch in den Ferien an die Adria oder die Côte d'Azur oder sonst einen amüsanten Ort fahren wolle. Ihr Liebhaber - ein bekannter Advokat - sei dagegen geistreich, ein schöner Mann, der ihr jeden Wunsch von den Augen ablas und mit dem man wundervoll sprechen könne.

Während sie erzählte, dachte Claudia an Askarian. Sie bemitleidete ihn nicht, Askarian war nicht jemand, den man bemitleiden musste. Wahrscheinlich war wirklich Marianne die Bemitleidenswertere mit ihrer Fröhlichkeit und ihrem Lebenshunger. Askarian brauchte nur seine Musik, um glücklich zu sein...

Eine Zeitlang hörte sie dann nichts mehr von Marianne, aber eines Tages rief sie an um ihr mitzuteilen, dass sie Askarian verlassen hätte und um sie zu bitten, ihn einmal zu besuchen, um nach dem Rechten zu sehen. Er käme so gar nicht mit den praktischen Dingen des Lebens zurecht.

Es dauerte eine ganze Woche, ehe Claudia zu ihm fuhr. Askarian schien sich über ihren Besuch zu freuen und bat sie gleich ins Wohnzimmer. Er war etwas gesprächiger als sonst, aber über Marianne erzählte er nichts. Nach einer halben Stunde, als er selbst keine Anstalten dazu machte, ging sie in die Küche, um Tee zu kochen. Sie tranken ihn wie zu Mariannes Zeiten, aber jetzt kam er ihr etwas unglücklich vor in seinem Sessel, als ob es ihn fröre, ohne Marianne neben sich auf der Lehne.

Sie tranken etwas schweigsam den Tee, und sie wusch noch rasch die Tassen ab und was sonst noch an Geschirr im Becken stand, dann verabschiedete sie sich von ihm.

Als sie die Auffahrt bis zu ihrem Wagen hinunterging, spielte er wieder Chopins h-moll-Walzer, und ihr stiegen die Tränen in die Augen, weil die zärtliche Melancholie der Musik so schwer schien vor Einsamkeit...

Sie rief Marianne noch am gleichen Abend an und erzählte ihr von der Unordnung im Haus. Marianne bat sie, eine Putzfrau zu suchen. Sie solle Askarian gar nicht erst fragen, sondern einfach jemanden engagieren. Und das tat Claudia dann auch.

Askarian sah sie erst einmal nicht wieder, aber sie dachte viel an ihn, eigentlich schon zu viel. Sie wollte sich nicht in ihn verlieben, und doch liebte sie ihn schon.

Und dann, im August, gab Askarian einen Klavierabend im Barockpavillon des Schlossparks. Herbert machte sich nichts aus klassischer Musik, so kaufte Claudia nur eine Karte für sich. Es war das erste Mal, dass sie Askarian öffentlich spielen sah. Fremd und sehr gross sass er in seinem dunklen Anzug vor dem Flügel, der unter seinen behutsamen Händen zu singen begann.

Askarian spielte Mozart und Schumann, und am Schluss stand der ganze Saal auf, es wurde geklatscht, getrampelt, Bravo-Rufe erschallten. Askarian verbeugte sich, und ein kaum merkbares Lächeln ging über sein Gesicht, als er Claudia in der ersten Reihe entdeckte. Nachdem er sie lange angesehen hatte, setzte er sich wieder an den Flügel, worauf es sofort totenstill wurde im Saal, und dann erklang Chopins h-moll Walzer. In diesem Augenblick wusste Claudia, dass sie ihm bis ans Ende der Welt folgen würde...

...

Es dauerte sehr lange, bis er endlich kam, und er schien sich auch gar nicht zu wundern, dass Claudia neben seinem Mercedes stand und auf ihn wartete. Er verabschiedete sich rasch von den Persönlichkeiten, die ihn begleiteten, kam auf sie zu und öffnete ihr die Wagentür.

Das Wohnzimmer war sauber und aufgeräumt. Askarian ging in die Küche und kam mit einer Weinflasche und zwei Gläsern zurück. Claudia fror und hatte kalte Hände, obwohl August war, aber vom Wein wurde ihr warm und leicht. Die letzten Jahre, dieser langer, durstiger Irrweg durch die trockene Wüste der Gefühle, waren ohne Bedeutung, schon ausgelöscht.

Nachts war dann Askarians Gesicht über ihr wie eine dunkle, warme Sonne, die ihr das Leben wiederschenkte...

ENDE