Der krähende Hahn

Mein Prinz - geschrieben vor vier Jahren

Dies ist eine Geschichte aus dem letzten Sommer. B. und ich lebten glücklich in unserer ruhigen kleinen Siedlung, bis wir eines Nachts von einem Hahn geweckt wurden, der aus Leibeskräften krähte.

Nun muss ich ein bisschen die Geschichte unserer Siedlung erzählen. Unser Dorf entstand, wie alle alten Dörfer der Provence, aus Sicherheitsgründen auf einem Hügel. Man sah eventuelle Feinde oder Banditen von weitem, konnte sich innerhalb der Mauern in Sicherheit bringen und von der Festung aus, wenn es sie gab, den Ort verteidigen. Jeden Morgen begaben sich die Bauern mit Eseln und Pferden hinunter zu ihren Feldern und Weingärten, jeden Abend stiegen sie wieder zum Dorf hinauf. Für die Tiere gab es dort einen kleinen Stall, für die Menschen engbrüstige Häuser in engen Gassen, aber sie waren in Sicherheit.

Nach dem letzten Krieg wurde alles anders. Es gab keine feindlichen Invasionen mehr (und überhaupt, was nützt schon eine Dorf- oder Stadtmauer gegen Bomben?). Die Bevölkerungszahl wuchs, die junge Generation wollte Häuser, in denen es mehr Platz gab, sie wurden ausserhalb der Mauern gebaut und immer mehr auch in der Ebene.

Unsere Siedlung entstand auf einem ehemaligen Weingarten, den die Eigentümer verkauft hatten. Deren Haus auf seinem immer noch recht grossen Grundstück befindet sich gleich neben unserer Siedlung. Es gibt dort auch einige Tiere: Kaninchen, Hühner, einen Esel, ein paar Ziegen, zwei Hunde und sicher auch Katzen. Bei den Katzen, die überall frei herumlaufen, weiss man ja nur selten, wem sie gehören.

Nun war also ein Hahn dazugekommen! Er krähte nachts, früh morgens, mehrere Male im Laufe des Tages, spät abends noch. Neu, wie er war, musste er natürlich erst einmal sein Revier akustisch markieren, das war verständlich. Wir hofften, dass er sich mit der Zeit etwas beruhigen würde, aber im Augenblick war es extrem störend, besonders nachts und im Sommer, weil wir da gewöhnlich mit offenen Fenstern schlafen, um von der kühlen Nachtluft erfrischt zu werden. Das konnten wir nun kaum noch.

Am fünften oder sechsten Tag erlebten wir dann jedoch eine freudige Überraschung: Der Hahn brachte nur noch heisere Krächzlaute heraus, bevor er einen Stimmausfall bekam. Wir genossen die Ruhe, die ein paar Tage andauerte. Dann erscholl leider wieder stolz das weittragende Kikeriki.

Wir hofften, dass die Eigentümer des Hahns ebenfalls nicht schlafen konnten, aber natürlich sind diejenigen, die auf dem Land grossgeworden sind, von jung auf an das Schreien der Hähne gewöhnt. Deswegen wollten wir uns auch nicht beschweren, sie hätten sich womöglich über uns "Stadtmenschen" lustig gemacht. Wir hofften feige, dass die anderen Siedlungsbewohner einschreiten würden. Ausserdem hatten B. und ich bei weitem auch nicht immer in Grossstädten gelebt. Ich dachte an meine beiden ersten Jahre in Deutschland, nach unserer Rückkehr aus Japan. Ich war acht Jahre alt, und in diesen beiden Jahren lebten wir Kinder mit unserer Mutter bei meinen Grosseltern in ihrem Landhaus in einem Dorf in der Lüneburger Heide, während mein Vater in der nicht allzu weit entfernten Stadt, wo er ein möbliertes Zimmer gefunden hatte, arbeitete. Unsere Nachbarn waren Bauern, und selbstverständlich gab es dort einen Hahn, dessen Krähen mich nicht im Geringsten störte. In Japan war ich an das Quaken der Frösche in den Reisfeldern hinter unserem Haus gewöhnt, es hinderte mich ebenso wenig am Schlafen wie gegen Ende des Krieges das Heulen der herrenlosen, hungrigen Hunde, die sich in den dicht bewaldeten Hügeln zu Rudeln zusammengetan hatten. Ich denke, dass ein Kind sich nicht betroffen fühlt von den Geräuschen, es nimmt sie hin, regt sich auf alle Fälle nicht darüber auf. Aber seitdem ist soviel Zeit vergangen, Zeit, in denen ich oft in Grossstädten gelebt habe - wo es andere störende Geräusche gibt.

Oben im Dorf gab es zu Anfang auch noch einen Hahn, den man weit in der Runde hörte - aber zum Glück nicht bis zu uns. Wenn B. und ich Brot beim Dorfbäcker holten, hörten wir ihn sogar gern krähen. Es waren kurze Erinnerungen an glückliche, sorglose Momente der Kindheit.

Ausserdem tat mir "unser" Hahn auch irgendwie leid. Er musste hypernervös sein, sich dauernd bedroht fühlen, um sich Tag und Nacht derart die Lunge aus dem Hals zu krähen. Aber immer, wenn B. und ich Pläne schmiedeten, wie wir diesem hysterischen Hahn zu Leibe gehen könnten, bekam er wieder einen Stimmausfall, der ihn rettete.

Und eines Tages fragte ich dann B. "Man hört ja den Hahn gar nicht mehr."

"Fang bloss nicht davon an, das bringt Unglück." Er klopfte auf Holz.

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Wir haben ihn nie wieder gehört. Vielleicht haben sich tatsächlich andere Leute beschwert - oder konnten die Besitzer dieses überforderten Hahns womöglich auch nicht schlafen? Wahrscheinlich ist er in einem Kochtopf gelandet ...

ENDE