Von der Kindheit bis zum Alter

geschrieben vor drei Jahren

Wenn man jung ist, hat man so viele Träume. Meine Mutter spielte sehr gut Klavier. Jede Woche gab es einen Hausmusikabend bei uns zu Hause. Als kleines Mädchen sass ich dann, statt ins Bett zu gehen, oben auf der Treppe und hörte zu. Mit 11 oder 12 Jahren wollte ich genau so gut Klavier spielen können wie sie und bat meine Eltern stürmisch um Klavierunterricht. Ich bekam ihn - und war nach kurzer Zeit sehr enttäuscht. Tonleitern üben, einfache kleine Stücke spielen - nein, das hatte ich mir ganz anders vorgestellt. Ich wollte mit dem Klavierunterricht aufhören, aber meine Mutter blieb fest. "Du hast damit angefangen, jetzt machst du weiter. Du bist begabt, das hat mir deine Klavierlehrerin schon gesagt. Ein bisschen Ausdauer braucht man schon, um etwas zu erreichen. Du wirst sehen, später wirst du froh sein, nicht aufgegeben zu haben."

Ich machte also weiter, übte aber jeden Tag nie mehr als eine halbe Stunde, oft sogar überhaupt nicht (worüber mein Vater und meine Geschwister und auch die Nachbarn, nehme ich an, sehr erfreut waren). Aber tatsächlich kam die Zeit, in der ich Bach, Mozart , Beethoven, Schumann und noch viele andere Komponisten spielte. Natürlich nicht die ganz schwierigen Stücke, aber beim jährlichen Vorspiel-Abend bei der Klavierlehrerin, der im Beisein der Eltern stattfand, war ich immer die Beste, was natürlich sehr motivierend war.

In der Zwischenzeit träumte ich davon, Ballerina zu werden und bat meine Eltern um Ballettunterricht. Diesmal war es ein "Nein" (meine Klavierstunden und die Flötenstunden meiner jüngeren Schwester kamen sicher schon teuer genug), aber meine Mutter nähte mir ein kleines Tüllröckchen, mit dem ich begeistert vor dem Spiegel übte. Spagat, Brücke, Bewegungen, die ich für graziös hielt. Mein jüngerer Bruder lachte sich kaputt, was mich natürlich wütend machte. Ich beneidete unsere noch jüngere Schwester, die hinter ihm her rannte und mit der Flöte auf ihn einschlug, wenn er sie ärgerte, während sie übte. Zum Glück war es da noch nicht die teure Querflöte, sondern eine F-Blockflöte aus Holz.

Ich habe auch immer leidenschaftlich gern gemalt und gezeichnet. Und bewunderte die Bilder meines Grossvaters, der so gerne Maler geworden wäre statt Architekt. Aber um eine Familie zu ernähren, was damals fast aussschliesslich die Aufgabe des Ehemanns war, wählte er als Brotarbeit den dafür geeigneteren Beruf.

Und sobald ich als Kind ein paar Buchstaben aneinanderreihen konnte (zur Not habe ich sie erfunden), habe ich geschrieben. Zuerst waren es Kritzeleien, die ich meinen überforderten Eltern vorlesen musste, später waren es Briefe, mein Tagebuch. Und es war ein Festtag für mich, wenn wir in der Schule einen Aufsatz schreiben mussten.

Und natürlich träumte ich. Ich sah mich als berühmte Pianistin, Ballerina, Malerin, Schriftstellerin. Und genauso natürlich wurde mir nach und nach klar, dass nur ganz, ganz wenige, geniale Menschen dieses Ziel erreichen. Das Klavierspielen habe ich, nachdem ich schon mit den Stunden aufgehört hatte, eines Tages ganz aufgegeben. Niemals bin ich imstande gewesen, mehrere Stunden am Tag zu üben, wie wirkliche Pianisten es tun. Ausserdem war es unmöglich, ein Klavier in den möblierten Zimmern zu haben, die ich damals in Deutschland und dann in Paris bewohnte. Mein erster Mann wollte dann aber unbedingt, dass ich wieder Klavier spielte. Er hat ein altes Klavier für mich gefunden, und auf sein Betreiben nahm ich auch wieder Unterricht. Bei der besten Klavierlehrerin von Toulouse, bitteschön, die mich als Schülerin akzeptierte, aber von mir mindestens eine Stunde Üben pro Tag forderte. Und das neben meinem damaligen Beruf als Chemotechnikerin. Zwei Jahre habe ich noch durchgehalten, aber dann war definitif Schluss. Zuviel Arbeit für ein in meinen Augen unbefriedigendes Resultat.

Das Tanzen im Tüllröckchen vor dem Spiegel habe ich natürlich viel, viel früher aufgegeben. Aber ich war noch lange danach zu Spagat und anderen Gelenkigkeitsübungen fähig, was ja nichts schadet.

Gemalt habe ich immer periodisch. Es muss sich etwas in mir ansammeln, damit ich Lust auf's Malen bekomme. Einige Wochen oder Monate später ist das Angesammelte aufgebraucht, dann mache ich eine Pause, die ein paar Jahre dauern kann. Ausserdem hat man viele Materialkosten. Und schnell wird auch eine Platzfrage daraus. Wohin mit all den Bildern? Die Wände bei uns sind schon voll - bei weitem nicht nur von meinen Bildern. Manche kann man verschenken, aber für so exzellent halte ich meine Bilder nicht, dass ich nicht fürchten müsste, dass ich den Beschenkten damit in Verlegenheit bringen könnte. Er muss sie ja nun aufhängen, wenn er mich nicht beleidigen will. Also tue ich es nur ganz selten, wenn ich wirklich sicher bin, dass ich eine Freude damit mache. An Pappmaché habe ich mich auch mit viel Begeisterung ein paar Jahre lang versucht.

Als mein Enkel Arthur sechs Jahre alt war, hat er lange vor zwei Bildern gestanden, die in unserem Wohnzimmer hingen. Das eine war ein Aquarell von einem in der Provence recht bekannten Maler, einem Freund von B., das untere ein kleines Ölbild von mir. Schliesslich gab Arthur sehr diplomatisch seine Meinung kund: "Mamie, j'aime beaucoup ton tableau des roses, mais je trouve celui d'en haut encore plus beau." (Oma, ich liebe dein Rosenbild sehr, aber das darüber finde ich noch schöner). Er sagte es so lieb, dass ich ihm einen Kuss gegeben habe.

Geschrieben habe ich jedoch mein ganzes Leben lang. Natürlich habe ich auch da eines Tages eingesehen, dass ich es niemals zu Berühmtheit bringen würde, aber es reichte, um eines Tages meinen Beruf daraus zu machen, einen Beruf, der wie gemacht war für mich, indem ich Liebesgeschichten für die deutsche Presse schrieb. Ich war schon längst im Ruhestand, als meine älteste Tochter, die sich früher genau wie ihre Schwester nicht die Bohne für diese Geschichten interessierte, zufällig ein paar von ihnen las und - in aller Bescheidenheit gesagt - sehr beeindruckt war. Sie setzte kurzerhand zwei meiner Geschichten auf FictionPress (der Titel "GiselaRomance" stammt von ihr). Sicher spielte dabei auch der Wunsch mit, ihre alte Mutter noch etwas zu beschäftigen. Gut ein Jahr habe ich gebraucht, um mich zur Weiterführung zu entschliessen, aber sie hatte recht, ich bin jetzt richtig glücklich damit!

ENDE

P.S. Oben seht ihr statt des Rosenbildes, das ich nicht wiederfinde (verschenkt?), ein Bild, das ich von unserem Garten gemalt habe. Das heisst, ihr sehr hier nur den Mittelteil, bei Fotos im Breitformat verschwinden ja die linken und rechten Seiten.