Erdbeben, Tsunami, Gewitter und Dämonen

Geschrieben vor drei Jahren

Am 11 März, meinem 72. Geburtstag, haben das heftigste Erdbeben, das je gemessen wurde, und ein nachfolgender Tsunami den Nord-Osten Japans verwüstet. Das tut mir so weh für die Japaner, die ihr Unglück so stoisch ertragen. Das letzte schwere Erdbeben fand 1995 in Kobe statt. Meine ältere Tochter, die in San Franzisco lebt, war zwei Jahre davor in Kobe. Es handelte sich um einen Aufenthalt, der von der Pariser Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs für die Studenten organisiert wurde. Sie besuchte dort auch die japanische Familie T. Herr T. und mein Vater arbeiteten von 1937 bis 1945 in Osaka gemeinsam an einem Projekt. Die Familie T. verlor viel bei diesem Erdbeben - und zog sich von Freunden und Bekannten zurück. Für die Zeit, die nötig war, um ihr Leben wieder in Ordnung zu bringen.

Damit kamen aber auch meine Erinnerungen an andere Erdbeben, die ich in meiner Kindheit in Japan erlebte, zurück. Es waren zum Glück schwächere Erdbeben, aber jedesmal erfolgte das schwer zu beschreibende Grummeln, das von nirgendher (oder überall) zu kommen scheint, die Schaukelbewegungen im Haus, das Zittern und Scheppern der Möbel und Gegenstände, das Wackeln der Lampen und das Klirren des Geschirrs, das manchmal vom Tisch fiel und zerbrach. Mein jüngerer Bruder war damals immer in Bewegung. Beim Essen schaukelte er mit den Beinen, stiess an den Tisch. "Nun zappel doch nicht so", wurde er dann von unseren Eltern zurechtgewiesen.

Eines Tages, als der Tisch sich wieder einmal bewegte und das Geschirr schepperte, rief er sofort: "Das war ich aber nicht!" Er war es tatsächlich nicht, es war ein Erdbeben.

Aber es gab nicht nur häufig Erdbeben, es gab auch spektakuläre Gewitter. Wenn sie nachts stattfanden, war unser Kinderzimmer von den Blitzen hell erleuchtet, und ununterbrochenes Grollen und heftige Donnerschläge rissen uns aus dem Schlaf. Natürlich hatten wir Kinder Angst. Aber schon kam unser Vater, nahm uns mit zum Fenster, um uns das beeindruckende Schauspiel zu zeigen. Immer neue Blitze zuckten vom Himmel herunter, viele entstanden gleichzeitig, und mein Bruder und ich sahen fasziniert zu - und hielten uns die Ohren zu.

Später hat uns unsere Mutter erzählt, dass sie selbst schon als Kind eine panische Angst vor Gewittern hatte, aber gutgeheissen hätte, dass mein Vater zu uns Kindern kam, damit wir nicht diese Phobie entwickelten. Nichts ist schlimmer für Kinder, als in solchen Situationen allein gelassen zu werden. Und nichts ist wirksamer, als mit dem Vater zusammen, in dessen Gegenwart man sich völlig in Sicherheit fühlt, dem beeindruckenden Schauspiel der entfesselten Natur zuzusehen. Wenn das Gewitter abklang, ging mein Vater zu unserer armen Mutter zurück, die sich die Decke über den Kopf gezogen hatte, und wir Kinder schliefen friedlich wieder ein.

Japan ist aber auch ein Land von unglaublicher Schönheit. Einer Schönheit, an der die Menschen mitarbeiten. Der Lebensraum der Menschen verschmilzt mit der Natur, den geistigen Wesen. Japanische Gärten sind Wunderwerke. Die Berge, Felsen und Bäume Ehrfurcht gebietende Naturerscheinungen. Das Streben nach Harmonie ist tief im Shintoismus, aber auch im Bouddhismus verankert. Die eine Religion/Philosophie schliesst die andere nicht aus.

Nur gibt es heute dort Atomkraftwerke. Sind sie nicht schiere Unvernunft in einem Land, das derartigen Naturkatastrophen ausgesetzt ist? Ein Tanz auf dem Vulkan? Wir Menschen sind zu Zauberlehrlingen geworden. Erfinden immer mehr Dinge, die eine gefährliche und manchmal unkontrollierbare Eigendynamik entwickeln können.

Das Foto oben habe ich von einem Holzschnitt von Hokusai gemacht. Ein Kampf zwischen zwei Dämonen. Ich habe nirgendwo eine Abbildung und/oder eine Erklärung dieses Holzschnittes gefunden und kann auch leider nicht die japanische Schrift lesen, aber rechts, das ist meiner Meinung nach Naruto, der Feuer für seine Attacken benutzte. Der Holzschnitt hat Breitformat, auf diesem Foto fehlen leider der rechte und linke Teil.

ENDE

P.S., das ich heute hinzufüge. Die voraussehbare, verheerende Atomkatastrophe hat seitdem in Fukushima stattgefunden ...