Wie ein bockiger Esel

geschrieben vor 2 bis 3 Jahren

Ich bin ein Frühaufsteher. Um sechs Uhr bin ich in der Küche, um das Frühstück vorzubereiten. Heute galt mein erster Blick unseren beiden wunderschönen Teetassen, die im Ausguss standen. Dazu muss ich nun ein bisschen ausholen. Diese beiden Teetassen der Marke LENOX Hannah Platinum, eine weisse und eine cremefarbene, waren ein Geschenk meiner jüngeren Tochter an B. und mich. Aber mit der Zeit hinterlässt der Tee einen dunklen Rand oben. Er stört mich nicht, ich lasse ihn, aber gestern Abend sah ich, wie B. die Tassen mit heissem Wasser füllte, das überschäumte.

"Was machst du denn da?" fragte ich besorgt, "ich habe sie doch schon gewaschen."

"Ich will den Teerand wegbekommen."

"Und wie willst du das machen?"

"Ganz einfach: Mit Spülmittel und heissem Wasser."

"Pass nur auf, dass du nicht den hübschen Platinrand wegscheuerst!"

Er antwortete nicht, verliess die Küche, und nach einem letzten besorgten Blick auf meine geliebten Teetassen, während ich an all die Katastrophen dachte, die B.s Reinigungsaktionen schon zur Folge hatten, tat ich es ihm gleich.

Nun standen die Teetassen also immer noch mit Spülmittel und Wasser gefüllt im Ausguss. Sie B. zu überlassen, das kam nicht in Frage, ich säuberte sie mit dem kleinen Geschirrschwamm, spülte sie und trocknete sie ab. Und, o Wunder, der Rand war weg! Was ich ja nie geglaubt hätte!

Dann frühstückte ich. Dabei las ich "Le Point", eine französische Wochenzeitschrift, die B. für uns abonniert hat. Am Donnerstag vor Weihnachten haben wir sie nicht bekommen, ich schob es auf die schwierige Wetterlage, den Schnee, der vielerorts den Flugverkehr zum Erliegen brachte, auf irgendwelche Streiks. Wir erhielten sie auch nicht in den folgenden Tagen, erst am nächsten Donnerstag lag die Zeitschrift wieder in unserem Briefkasten.

"Ist das nun 'Le Point' der letzten oder dieser Woche?" fragte ich B.

Er sah auf das Datum und antwortete, dass sie vom 23. nuschel 30. Dezember gültig wäre.

"Vom 23 bis 30 Dezember, aha", antwortete ich. "Dann fehlt jetzt also die neue Nummer. Naja, vielleicht kommt sie ja morgen."

B. antwortete nicht. Und die neue Nummer lag weder am nächsten noch am übernächsten Tag im Briefkasten. Aber auch ich sagte nichts darüber. Zum Glück! Denn jetzt sah ich (endlich!) auf das Erscheinungsdatum der letzten Nummer, und da stand oben in winzigen Buchstaben: "Hebdomadaire d'information des jeudis 23 et 30 décembre 2010, n° 1997-1998" (Informations-Wochenzeitschrift der Donnerstage 23 und 30 Dezember 2010, N° 1997-1998). Diese Nummer war also für zwei Wochen bestimmt! Mir fiel auch wieder auf, dass sie ungewöhnlich dick war, mit einem Sonderteil über Ägypten.

Als B. herunterkam zum Frühstücken, beglückwünschte ich ihn herzlich zu den Teetassen: "Toll hast du das gemacht, chéri, die Ränder sind weg!"

Er grinste: "Natürlich sind sie weg, hast du etwa daran gezweifelt?"

"Na ja", gab ich zu und sagte schnell: "Ausserdem habe ich endlich begriffen, warum wir diese Woche keinen 'Le Point' erhalten haben. Die letzte Nummer ist für zwei Wochen gültig."

"Hatte ich dir ja gesagt."

"Na, ich hatte es nicht ganz geschnallt, du hast so genuschelt. Du hättest es mir wiederholen können, als du merktest, dass ich dich falsch verstanden hatte."

Jetzt lachte er: "Einen bockigen Esel lässt man besser in Ruhe."

Vielen Dank für den bockigen Esel, aber Recht hatte er schon; wenn der Esel nicht weiterlaufen will, nützt es nichts, auf ihn einzuschlagen, das macht ihn noch bockiger.

Dafür schlug ich jetzt selbst auf mich ein. Immer misstraue ich ihm, wenn er etwas sagt oder tut! Immer widerspreche ich ihm! Nie will ich ihm etwas glauben! Und B. ist so geduldig mit mir, so lieb und nachsichtig. Dabei mache ich auch Dummheiten, mir geht auch oft etwas schief. Vor acht Jahren ist mir seine Lieblingslampe aus der Hand gefallen, das Werk einer seiner Freundinnen, einer Künstlerin. Sie war in tausend Scherben, und der Lampenschirm war auch hinüber. Das ging ihm sehr nahe, aber er hat mir keine Vorwürfe gemacht.

Aber dann fielen mir auch wieder die Sachen ein, die ER mir ruiniert hat. Und dass auch ER mir nie etwas glauben will. Und diese Lampe, die mir hingefallen ist, habe ich ehrlich gesagt nie schön gefunden. Von wegen Kunstwerk: der Keramik-Fuss ähnelte ineinandergeschlungenen Würsten, und der (schlecht) bemalte Pergament-Lampenschirm war schon ganz vergilbt und fleckig. Und brüchig. Und bin ich nicht ebenfalls geduldig und lieb und nachsichtig mit ihm?

Erfreuliches Resultat: Ich fühlte mich wieder rundherum gut. Das Gleichgewicht war wieder hergestellt. Jetzt werde ich das Mittagessen vorbereiten, mit einem besonders leckeren Nachtisch für B. und mich!

ENDE