Der Brief erreichte mich an einem Donnerstag. Nichts deutete auf etwas ungewöhnliches hin und doch fühlte ich bereits den ganzen Tag eine gewisse Unruhe, die in dem Erhalt des Briefes ihre Bestätigung fand. Unentschlossen betrachtete ich ihn. Er hatte etwas offizielles an sich. Mochte mich sein Äußeres schon erschreckt haben, so jagte mir sein Inneres einen kalten Schauer über den Rücken. Ich stand im Begriff alles zu verlieren.

Ich hatte vor einigen Jahren mein altes Leben komplett aufgegeben und ein neues begonnen. Leider war dieses nicht sehr lukrativ. Um es anders aufzudrücken – ich war praktisch mittellos und so wollte man mir mein Haus wegnehmen. Es gab für mich einen Weg. Ich bräuchte nur das zu tun, worum mich von Zeit zu Zeit die unterschiedlichsten Menschen immer wieder baten. Aber ich wollte nicht mehr, ich konnte nicht mehr. Zu groß war die Angst davor zu sehen. Ich konnte Geister sehen. Das war keine Gabe, das war ein Fluch.

Verzweiflung drohte mich zu ersticken und genau diesen Moment wählte ein unangekündigter Besucher mir seinen Besuch abzustatten. Ein lautes Klopfen machte mich auf diesen aufdringlichen Menschen aufmerksam. Als ich die Tür öffnete wurden mir schlagartig zwei Dinge klar. Erstens, es gab schlimmeres als diesen Brief und zweitens, ich hätte die Tür nicht öffnen sollen. Man hatte mich gefunden. Selbst nach all den Jahren erinnerte sich immer noch jemand an mich. Nein, das war so nicht richtig. Nicht an mich, sondern an den Freak in mir.

„Sie sind schwer zu finden!", sagte mein unerwünschter Gast.

„Das liegt vielleicht daran, dass ich nicht gefunden werden will!", erwiderte ich abweisend.

„Darf ich trotzdem eintreten und Ihnen einen Vorschlag unterbreiten?" Er blieb höflich, war aber deswegen nicht willkommener.

„Ich denke nicht ...", erwiderte ich kalt.

„Bitte!" Ich wollte nein sagen und dennoch ließ ich ihn war es die Neugierde, vielleicht auch der Reiz es wieder einmal zeigen zu können, trotz der Angst. Er nahm an meinem kleinen Küchentisch platz und legte ein Foto vor mich hin. Aufkeuchend wich ich davor zurück.

„Ich weiß, man hat es ihnen schon einmal angeboten, aber ich ...", sagte er beschwichtigend, doch hart fiel ich ihm ins Wort.

„Sie hatten gehofft, ich hätte es mir anders überlegt? Tut mir leid. Ich fahre mit Ihnen nicht dort hin. Ich werde keine Fuß in dieses verdammte Haus setzten! Niemals!"

Ich wagte es nicht einmal den Namen des Hauses auszusprechen. Das Waverly Hill Sanatorium war berühmt. Eine traurige Berühmtheit, wenn man bedenkt das sich dort 63.000 Tote, zwei Selbstmorde und unzählige unerklärliche Vorfälle dazumal abgespielt hatten und auch scheinbar jetzt dort noch passierten. Doch das war längst nicht alles. Man munkelte, dass dort ein Chirurg seinen Patienten unaussprechlich, grauenvolle Dinge angetan hatte und dann war er aus unerklärlichen Gründe plötzlich verschwunden. Dort würde mich das Unaussprechliche in einer Dimension erwarten, dem ich nicht gewachsen wäre. Weit schlimmer noch als in Lyon. Ich schloss für eine Sekunde die Augen und war sofort wieder dort.

„Mich hat der Fall um Joseph Sanders schon schwer beeindruckt, aber das war nichts im Vergleich mit dem Waisenhaus in Frankreich!"

Seine Worte rissen mich aus meinen Gedanken. Die Sache in Frankreich wurde nie publik, woher wusste er davon? Vincent hatte damals dafür gesorgt, dass mein Name in keinem Bericht auftauchte. Niemand sollte eigentlich wissen, dass ich dort gewesen war. Ich war dort durch die Hölle gegangen und beinahe gestorben. Dort war das reine Böse gewesen und hatte mich mit sich in einen Abgrund gerissen. Noch heute quälen mich Alpträume deswegen.

„Mrs. Stern, es wäre für mich eine sehr große Ehre sie bei unserer Expedition dabei zu haben und ich verspreche Ihnen, es wird vollkommen ungefährlich für Sie.", versuchte der Mann noch einmal sein Glück mich umzustimmen.

Wäre er vor ein paar Jahren aufgetaucht, ich wäre nur zu gerne mit ihm gegangen. Stolz und überheblich war ich gewesen. Bildet mir ein etwas besonderes, einzigartiges zu sein, aber das war ich nicht. Ich war nur dumm gewesen.

„Was wissen Sie noch alles über mich?" Ich sah ihm direkt in sein Gesicht und beobachtete ihn scharf. Er wusste so vieles über mich und ich … ich kannte nicht einmal seinen Namen.

„Ich weiß, dass Sie ein sehr begabtes Medium sind. Ihre Begabung hat ihnen viel Ruhm und Ehre, aber auch genauso viel Kummer und Leid beschert. Ich …"

Er sprach es nicht aus, aber auch so ahnte ich, dass er auch über meine Aufenthalte in einer Nervenklinik bescheid wusste. Wenn ich mich dazu überreden ließ zu diesem Sanatrium zu reisen, wäre das mein sicherer Tod. Noch einmal würde ich so eine Geschichte wie in Lyon nicht überstehen können. Nicht noch einmal.

„Bitte gehen Sie!", forderte ich leise, ohne ihn anzusehen, und wies mit der Hand zur Tür. Der Mann erhob sich und legte eine Karte neben mich auf den Tisch.

„Falls Sie es sich anderes überlegen sollten, rufen Sie mich an. Wir würden natürlich alle Kosten übernehmen und Ihnen selbstverständlich ein Honorar zahlen!", versuchte er mich zu locken und verließ mein Haus. Ließ mich mit dem Foto und seiner Karte alleine und ohne es zu wollen glitt mein Blick erneut über das Bild. Fröstelnd strich ich mir über meine Arme. Es war dort, das Böse.

Alpträume quälten mich in der Nacht. Schreckliche Alpträume. Guillaume war wieder da und versuchte mich in seine Welt zu ziehen. Wieder lief ich durch das längst verlassene Waisenhaus verfolgt von ihm. Er jagte mich auf das Dach und dann fiel ich. Mein Sturz ging ins Bodenlose, doch bevor ich auf dem Boden aufschlagen konnte, erwachte ich. Ich war schweißgebadet und schaffte es kaum aufzuhören zu zittern. Es war als hätte ich Schüttelfrost.

Ich stand auf und trank ein Glas kaltes Wasser, dabei betrachtete ich mein Spiegelbild im Küchenfenster und mir wurde eines klar. Es würde niemals aufhören. Die Vergangenheit würde mich niemals loslassen, es sei denn ich stellte mich ihr. Wenn ich dort hinging. In dieses Sanatorium. Vielleicht schaffte ich es dann meine Ängste zu überwinden. Bevor ich es mir wieder anders überlegen konnte, rief ich den Mann der heute bei mir war an und versprach ihm mitzukommen.

Das Bild war nichts im Vergleich zur Realität. Furchteinflößend blickte es mit fensterlosen Augen auf uns herab. Es war als hätte die Zeit es erstarren lassen. Die Vergangenheit, Gegenwart und auch die Zukunft verschwammen hier zu einem Bild und selbst Menschen, die nicht meine Begabung hatten, fühlten ihre Anwesenheit, das konnte ich an den betroffenen Gesichter meiner Begleiter sehen. Sie wussten das sie hier waren. Die Geister aus der Vergangenheit.

Das Team bestand, neben Jason Reed, aus Tom Attkinson einem Computerspezialisten , Philipp Brown einem Kameramann , einer Psychologin Angela Simmons, und ein Medium Claudia Farmer. Sie alle spielten in ihrer Freizeit Geisterjäger und suchten vermeintliche Spukorte, sowie das Waverly Hill Sanatorium, auf. Vermutlich war es von Jason nicht sehr klug gewesen zwei von unserer Sorte hier her zu bringen.

Jedenfalls interpretiere ich Claudias giftigen Blick, mit dem sie mich gelegentlich musterte, wenn sie dachte ich würde es nicht sehen. Ich konnte es ihr nicht einmal übel nehmen, denn ich würde nicht anders empfinden, wenn man mir ungefragt ein anderes Medium vor die Nase setzte. Dabei diente ich nicht einmal als Bereicherung, sondern war lediglich die Zirkusattraktion. Das Auto hielt direkt vor dem ehemaligen Eingang des Sanatoriums. Aufgeregt stieg ich aus und blickte an der Fassade hoch.

Das Gebäude war fünfstöckig, hatte einen hellen, beinahe weißen Sockel. Weiter oben war es ziegelrot. Ich betrat als Vorletzte das Gebäude. Hinter mir blieb Claudia zurück. Scheinbar wollte sie die Atmosphäre des Hauses auf sich wirken lassen. Die anderen verteilten sich sofort und suchten nach Plätzen wo sie später das ganze elektronische Equipment aufgebaut wollten. Kameras mussten installiert und Kabel verlegt werden. Ich schenkte ihnen keinerlei Beachtung, sondern betrachtete interessiert die vielen Graffiti an der Wand. Sie bestanden aus unterschiedlichen Farben und Stilrichtungen, aber eines hatten sie alle gemeinsam - sie befassten sich alle mit dem Tod.

Plötzlich kam aus dem Nichts ein weißer Hund auf mich zugelaufen. Automatisch ging ich in die Knie und tätschelte sein Fell. Als ich mich wieder erhob, lief der Hund fort und ich wurde mir der Stille um mich bewusst. Egal was die anderen inzwischen getan hatten, sie hatten damit aufgehört und starrten stattdessen mich an.

„Man sagt hier geht der Geist eines toten Hundes um.", kam es stockend von Jason.

„Was … was war das?", fragte Angela geschockt. Sie sah furchtbar blass aus, aber nicht nur sie, sie alle hatten seinen Schatten gesehen und standen nun unter Schock. Diese Gruppe bestand nur aus Amateuren, die in ihrer Freizeit auf Geisterjagd gingen, aber noch nie zuvor waren sie tatsächlich einem begegnet. Bis heute zumindest und gerade fühlten sich diese Menschen damit hoffnungslos überfordert und ich konnte sie nur allzu gut verstehen. Ich wünschte mir selbst oft ich könnte sie nicht sehen.

Jason beschloss hier abzubrechen und erst am nächsten Tag zu beginnen. Sie alle waren durch die gerade passierten Vorfälle zu mitgenommen, um jetzt noch einmal in das Haus zurückkehren zu können. Ergeben ließ ich mich ins Hotel zurückbringen, wild entschlossen, sobald ich alleine war hier her zurückzukehren. Ohne die anderen. Ich brauchte keine Kameras, kein Publikum. Was ich brauchte war die Stille um ihnen zuhören zu können.

Natürlich hatte ich Angst und natürlich wusste ich, dass es verrückt war. Seit Guillaume war mir bewusst wie mächtig böse Geister werden konnten. Er hatte versucht mich zu töten, um mich für immer an sich zu binden und beinahe hätte er es auch geschafft. Wer weiß, welche Art von Geistern mich im Waverly Hills Sanatorium erwarteten?

So viele Tote und so viel Leid konzentriert an einem Ort, hatte zweifellos Spuren hinterlassen. Ich schloss die Hotelzimmertür hinter mir, bestellte ich mir ein Taxi und ließ mich bis zur Zufahrt des Sanatoriums bringen. Es würde schon bald dunkel werden und ich war ganz alleine hier. Ich hatte sogar vergessen eine Taschenlampe mitzubringen. Das war dumm von mir.

Ich kannte das Haus nicht und würde wahrscheinlich, wenn ich darin herumschlich, in einen Schacht fallen und mir den Hals brechen. Unentschlossen stand ich vor der Tür und biss auf meine Unterlippe. Was zur Hölle tat ich hier? Reichte mir das nicht, was ich bereits erlebt hatte? Plötzlich glaubte ich eine leise Stimme zu hören. Sanft lockte sie mich zu sich. Lockte mich ins Haus.

Das Haus lag verlassen, still und leer da. Nichts war zu hören, außer meinen eigenen Atemzügen. Die Schatten im Inneren wurden immer länger und wirkten bedrohlich auf mich und ich hatte das Gefühl in jeder dunklen Ecke lauerte etwas auf mich. Etwas das, wenn es mich kriegen würde, nie mehr von hier wegkommen ließe. Ich hätte nicht hier her kommen sollen, das wurde mir auf einmal klar. Aber ich war hier und es gab kein zurück mehr.

Ein leises Klappern drang von irgendwo oben an mein Ohr. Sie waren aufmerksam auf mich geworden und nun wollten sie mich kennenlernen. Wollten mich studieren. Mit klopfendem Herzen stieg ich Stufe um Stufe in den ersten Stock hoch. Die Treppe war mit Schutt und Staub überzogen und bei jedem Schritt den ich tat, knirschte es laut unter meinen Füßen. Von oben konnte ich durch eines der Fenster gerade noch das letzte Licht schwinden sehen.

Und mit Anbruch der Nacht erwachten sie. Es war als würde das Haus plötzlich lebendig werden. Von überall drangen Geräusche an mein Ohr. Geräusche die nichts menschliches an sich hatten. Was zum Teufel tat ich hier? Angespannt schloss ich die Augen und holte tief Luft. Es waren so viele zurückgeblieben. All die verlorenen Seelen, ich konnte sie alle spüren. Mein Weg führte mich bis in den fünften und somit letzten Stock. Dort waren sie am stärksten. Zuerst waren es nur Schatten die vor meinen Augen umher huschten.

Ich wollte sie dazu zwingen sich mir zu offenbaren und deshalb tat ich etwas, wo ich mir geschworen hatte es nie wieder zu tun und mir bei dem bloßen Gedanken daran schon schlecht wurde. Mit einem tiefen Atemzug legte ich meine Hand an die kalte Wand und wurde augenblicklich von einer Bilderflut beinahe erschlagen. Schmerz, Leid, Tränen all das sah ich, aber auch Freude, Lachen und Hoffnung. Es gab nicht nur Schrecken hier. Plötzlich erhielt ich einen harten Schlag in meine Magengrube. Aufkeuchend ging ich in die Knie. Ein Schatten fiel bedrohlich über mich.

„Was suchst du hier?" Eine Stimme stellte diese Frage, aber nicht laut, sondern lediglich in meinem Kopf.

„Ich …" Hier zögerte ich, denn ich hatte keine Antwort darauf.

„Du hast Angst davor zu sein was du bist!", erklang es wissend in meinem Kopf. Ich blickte hoch und sah sie. Es war der Geist einer jungen Frau. Sie trug eine altmodische Schwesterntracht und betrachtete mich genau, dabei sie schien alles sehen zu können. Selbst die Dinge, die ich sorgsam vor dem Rest der Welt tief in mir verbarg.

„Du wirst uns hier finden, aber dich selbst kannst du nicht einmal in dem größten Spiegel entdecken. Du bist verloren, wenn du weitergehst!"

Das war eine Warnung an mich, aber diese verlor insofern ihre Wirkung auf mich, da ich schon lange nicht mehr wusste wer ich war. Außerdem war meine Neugierde längst erwacht. Was würde ich finden, wenn ich weiterginge? Also ich ihr in eines der Zimmer. Dort streifte mich ein kalter Windhauch.

„Weist du wie lange ein Mensch zum Sterben braucht, wenn er mit einem Strick um den Hals von der Decke baumelt?"

Um meinen Hals legte sich eine unsichtbare Schlinge. Ich fühlte wie diese Schlinge mir die Luft abzuschnüren begann.

„Wenn du mich tötest ...", brachte ich heißer über die Lippen, dann musste ich trocken husten.

„Wird niemand deine Geschichten hören und erzählen können!"

Diese Worte zeigten Wirkung, jedenfalls glaubte ich das. Wer immer mich festgehalten hatte, ließ mich genauso plötzlich los, wie er mich gefangen hatte. Sobald ich wieder zu Atem kam, entdeckte ich sie vor mir. Es war eine Frau in einer altmodischen Krankenschwesterntracht und obwohl ihr Körper durchsichtig war, konnte ich sie klar und deutlich vor mir sehen. Sie ihren Kopf leicht zur Seite geneigt, dadurch konnte ich deutlich die linke Seite ihres Halses sehen. Immer noch war deutlich das Seil, mit dem sie sich das Leben genommen hatte, zu sehen.

„Ich habe mein Kind umgebracht!" Ihre Worte verursachte mir eine Gänsehaut. Sie gestand mir einen Mord und sie war ein Geist.

„Er hat mich nicht geliebt. Nicht geliebt!"

Mit diesen Worten löste sie sich in Luft auf. Der Spuk war vorbei, das merkte ich auch an der deutlich wärmeren Zimmertemperatur. Wer immer sie war, sie war fort. Ich verließ das Zimmer, in dem ich sie angetroffen hatte und folgte dem Flur. Kinderlachen empfing mich und plötzlich dachte ich an die vielen Kinder, die hier ihrer Krankheit erlegen waren. Sie waren an diesen Ort gebunden, weil er zu ihrem letzten Zuhause geworden war. Ich sah sie auf dem Dach spielen. Sie schienen glücklich zu sein und gerade wie ich mir überlegte zu ihnen zu gehen, spürte ich es.

Hier gab es eine Präsenz von einer Kälte und Boshaftigkeit, wie ich sie nicht einmal bei Guillaume verspürt hatte. Meine Hände wurden schweißnass. Es war dunkel und ich war vollkommen alleine hier. Und hier war auch dieses Es. Wollte ich mich dem wirklich stellen? Hatte ich überhaupt eine Wahl? Ich sah über das Treppengeländer in die Tiefe und sah nichts. Es war zu dunkel und dort war es. Mir wurden die Knie weich und ich musste mich setzten. Ich konnte nicht nach unten gehen. Es würde mich erwarten und mich verletzen und ich hatte davor eine Schweißangst.

Auf der Treppe erklangen laute, schlurfende Schritte. Etwas kam zu mir nach oben. Ich hielt mir die Hand vor dem Mund um nicht laut zu schreien. Alles in mir schrie ich sollte fliehen. So schnell ich konnte und soweit ich nur konnte. Ich verbarg mich in einer Nische und schloss fest die Augen. Was immer nach oben kam, war schon fast da. Mir wurde eiskalt. Die Temperaturen fühlten sich beinahe arktisch an und dann war es hier. Etwas strich über mein Gesicht.

„Ich kenne dich!", sagte eine unmenschliche Stimme und brachte mich noch mehr zu frösteln. Ja, das Böse erkannte mich. Ich war ihm nicht mehr fremd. „Ich wusste du würdest kommen, denn du gehörst mir!"

Für dieses Es bestand kein Zweifel, dass ich hier eines Tages erscheinen würde und Es hatte recht behalten. Ich war hier.

„Sie ist nicht ich! Sie liebt dich nicht so sehr wie ich es tue!", schrie eine hysterische Frau. Die Schwester war wieder erschienen und wie es aussah liebte sie diesen bösen Geist.

„Du bist Nichts im Vergleich zu ihr. Ich weiß alles über sie, denn Guilliaume hat mir von ihr erzählt!"

„Lass mich gehen!", flehte ich leise. Tränen hingen in meinen Wimpern, denn ich ahnte die Antwort bereits. Das Böse kam auf mich zu und dann umfing mich gnädige Dunkelheit.

Das Kamerateam hatte hervorragende Arbeit geleistet und einige sehr gelungene Aufnahmen gemacht. Es gab viel Material zu sichten. Aber nicht nur das. Dem Team war es auch gelungen ein paar vielversprechende Tonaufnahmen einzufangen. Das Waverly Hills Sanatorium war und blieb einer der unheimlichsten Orte, an dem sie jemals gewesen waren. Sie hatten jedes Stockwerk gründlich untersucht, waren auf dem Dach und in der Leichenhalle gewesen und auch durch die berühmte Todesrutsche liefen sie und stellten sich vor, wie es hier gewesen war, als das Krankenpersonal hier entlang ging um zur Arbeit zu gelangen und zugleich die Toten hier abtransportiert wurden.

Jason stellte es sich bereits vor, wie ihre Dokumentation für das Fernsehen aussehen würde. Einzig schade fand er nur, dass Laura Stern nicht mehr da war, denn sie war bereits in der ersten Nacht verschwunden. Sie wäre ein guter Aufhänger für die Geschichte gewesen.

„Sie war eben doch nur eine eingebildete Ziege!", meinte Claudia bissig.

Jason selbst schwieg dazu. Während der ganzen letzten Tage beschlich ihn immer wieder das unheimliche Gefühl sie wäre hier - Laura Stern. Er verließ als Letzter der Gruppe das Haus und nachdem er noch einen Blick ins Innere geworfen hatte, schloss er hinter sich die Tür. Für eine Mikrosekunde strich ein warmer Wind über sein Gesicht und er bildete er sich ein Lauras Parfum zu riechen. Kopfschüttelnd ging er zum Auto stieg ein und fuhr los.

Kaum hatten sie zuhause ihr Equipment ausgepackt, begann Jason auch schon die aufgezeichneten Daten zu sichten und machten dabei eine erschreckende Entdeckung. Er fühlte wie ihm bei der Betrachtung der allerersten Aufnahme ein kalter Schauer über den Rücken lief. Auf dem Bildschirm war sie zu sehen, wie sie suchend durchs Haus lief, doch plötzlich blieb sie stehen und sah direkt in die Kamera. Ihre Augen schienen ihn voller Angst anzustarren.

„Hilf mir!", bat sie, dann sah sie sich erschrocken um und verschwand.

Aufkeuchend wich Jason vom Bildschirm zurück, denn dicht auf den Fersen folgte ihr ein Schatten.