Septembergewitter und ein goldener Oktober

Viola Seitz wird während einer Bergtour in Südfrankreich von einem heftigen Gewitter überrascht. Sie findet Zuflucht in einem Steinhaus, in dem ein Deutscher wohnt: Lukas Wegener, der allerdings recht abweisend reagiert…

...

Viola blieb heftig atmend stehen und strich sich das lange schwarze Haar aus dem Gesicht. Der steinige Pfad wurde immer steiler und schmaler, war kaum noch als solcher auszumachen. Sie wusste nicht einmal mehr, wo sie sich befand. So anstrengend hatte sie sich den Ausflug ins Massiv des Esterel nicht vorgestellt. Ächzend kletterte sie die letzten Meter hoch - und stand auf einem pinienbewachsenen Plateau. Langsam überquerte sie es bis zum gegenüberliegenden Steilhang.

Der phantastische Blick über grüne Hügel und rote Felsen entschädigte sie für die Mühe. In weiter Ferne sah sie das Mittelmeer. Von dort kam sie her. Welch ein Unterschied! Hier die Einsamkeit, das durchdringende Zirpen der Grillen, der Duft nach Rosmarin und Thymian, dort die touristenüberflutete Côte d'Azur, der Strand, Kofferradios, Pommes und Sonnenöl - und die Anmache der selbsternannten Strand-Casanovas. Davor war sie geflohen.

Sie setzte sich unter eine Pinie und streckte die Beine aus. Sie würde sich eine Weile ausruhen, den Ausblick geniessen und sich dann wieder auf den Heimweg machen …

Viola musste eingeschlafen sein, denn als sie die Augen aufschlug, war ein warmer Wind aufgekommen, und vom Süden her trieb eine dunkle Wolkenwand auf sie zu. Ab und zu zuckte ein Blitz herunter. Noch schien dort, wo Viola sich befand, die Sonne, aber es würde nicht lange dauern, bis das Gewitter über ihr war. Und vor Gewittern hatte sie schon seit Kindertagen eine schreckliche Angst.

Erschrocken sprang sie auf. Würde sie noch Zeit genug haben, zu ihrem Wagen zurückzulaufen, der unten an der Strasse stand? Über eine Stunde hatte sie gebraucht, um hier hoch zu kommen. Aber dann sah sie einen bequemen Weg rechts von hier. Er sah aus wie eine Abkürzung.

Der Weg folgte zuerst dem Bergrücken, machte dann eine Rechtsbiegung und führte bergab. Sie schritt rasch voran. Schon hörte sie das Donnergrollen. Dann verschwand die Sonne, und die ersten Regentropfen benetzten ihr Gesicht. Viola hatte Glück. Vor ihr lag tatsächlich ein Haus. Ein einfaches Steinhaus. Davor machte sie einen Wagen mit deutschen Kennzeichen aus. Sie musste ein paarmal kräftig klopfen, ehe die Tür aufging. Ein Mann steckte den Kopf heraus und blickte sie unfreundlich an.

"Entschuldigen Sie", sagte sie beklommen, "aber ich habe mich verlaufen, und es scheint ein Unwetter aufzukommen. Könnte ich … das Ende bei Ihnen abwarten?"

Wortlos liess er sie herein. Und ebenso wortlos stellte er sich wieder an seine Staffelei, um weiterzumalen.

"Sie sind Maler?" fragte sie schliesslich, weil die Stille sie belastete.

"Hmm", brummte er nur, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Sie betrachtete ihn jetzt genauer. Er sah nicht übel aus: gross, gut gewachsen, attraktiv. Blaue Augen, sensibler Mund. Anfang bis Mitte Dreissig, schätzte sie. Wenn sein Gesicht nur nicht so finster wäre. Und rasiert hatte er sich heute bestimmt auch noch nicht. Etwas verletzend fand sie es schon, dass er sie wie Luft behandelte. Schliesslich konnte sie sich sehen lassen. Ihre Verehrer schwärmten üblicherweise von ihren langen Beinen und ihrer tollen Figur.

Doch genau das wollte sie ja eigentlich nicht mehr: von Männern angemacht zu werden, die nur das eine im Sinn hatten.

Ein Blitz zerriss die Luft, fast gleichzeitig mit einem ohrenbetäubenden Donnerschlag. Urplötzlich ging das Licht aus, und es schütterte wie aus Eimern. Obwohl es erst fünf Uhr war, war es fast nachtdunkel geworden. Nur die Blitze erhellten sekundenlang das Zimmer.

Der Mann hatte die Pinsel aus der Hand gelegt und kam auf sie zu. Sie sah seine schemenhafte Gestalt, die geschmeidig die Hindernisse umging. Angst stieg in Viola auf. Vielleicht hatte sie es mit einem Verrückten zu tun? Sie fühlte sich auf einmal wie ein Tier in der Falle.

Er zog eine Schublade auf: "Ah, da sind sie ja", murmelte er, und wenig später brannten zwei Kerzen auf dem Tisch. Dann holte er eine Flasche Wein und zwei Gläser: "Übrigens, ich heisse Lukas. Lukas Wegener."

Nein, gefährlich schien er nicht zu sein. Erleichtert lächelte sie und stellte sich nun ebenfalls vor: "Ich bin Viola Seitz."

Er schenkte ein und schob ihr ein Glas hinüber. "Sie haben sich also verlaufen. Woher kommen Sie denn?"

"Ich habe einen Bungalow in einer Ferienanlage in St. Raffael gemietet." Sie musste plötzlich lachen.

"Warum lachen Sie?"

"Ach, nichts. Ich musste daran denken, dass ich als Einkäuferin eines grossen Warenhauses durch die halbe Welt komme, dass ich mich problemlos in Mailand, Paris, London und sogar in Hongkong zurechtfinde - aber hier verlaufe ich mich."

Wieder krachte es, und Viola zuckte verängstigt zusammen.

"Sie haben doch nicht etwa Angst vor Gewittern?"

"Und wie, schon seit jeher." Sie biss die Zähne aufeinander.

"Dagegen gibt es nur ein Mittel. Man muss es ansehen, um keine Angst zu haben. Kommen Sie!"

Er zog sie mit ans Fenster. Die Pinien bogen sich im heftigen Wind. Weiss spritzte der herunterstürzende Regen auf. Überall vom weiten Himmel zuckten Blitze herunter, und der Donner rollte jetzt wie ein ununterbrochener Trommelwirbel. Das Schauspiel war beeindruckend.

"Das erste Gewitter nach dem langen heissen Sommer fällt meistens besonders heftig aus", erklärte er. "Ich erinnere mich an das vom letzten Jahr. Es war auch Anfang September, ich war gerade hier eingezogen."

"Sie wohnen also hier?"

"Ja, ich habe das Haus gemietet."

"Ganz allein?"

"Vor allem allein", erwiderte er schroff.

Von da an blieb er wieder stumm.

Endlich entfernte sich das Gewitter, der Regen hörte auf. "Ich möchte Sie nicht weiter stören. Wenn Sie mir nur sagen, wie ich wieder zur Strasse nach St. Raffael komme? Dort steht nämlich mein Wagen."

"Sie brauchen nur dem Weg zu folgen. Er führt zur Strasse hinunter."

Er begleitete sie hinaus, und sie sahen bestürzt, dass der sintflutartige Regen aus dem Weg ein einziges riesiges Schlammloch gemacht hatte.

"Da kommen Sie nicht durch, und mein Wagen nützt uns auch nichts. Sie müssen schon über Nacht bleiben", meinte Lukas knapp.

"Ich möchte Ihnen wirklich nicht zur Last fallen …"

"Sehen Sie vielleicht eine andere Möglichkeit? Runter kommen Sie da heute nicht mehr", sagte er geradezu beleidigend unfreundlich.

"Ich werde Ihnen die Nacht selbstverständlich bezahlen", bot sie an.

"Unsinn. Geld brauche ich nicht."

Sie atmete tief ein: "Hören Sie, es tut mir leid, Ihnen diese Unannehmlichkeiten zu bereiten, aber wir sollten doch versuchen, wenigstens höflich miteinander umzugehen."

"Sie haben Recht, entschuldigen Sie bitte." Nachdenklich sah er sie an. Sie hielt dem Blick seiner blaue Augen stand, und auf einmal lächelte er. Sein Gesicht war für einen Moment völlig verwandelt. Als hätte er eine Maske abgelegt. Die Wirkung war verheerend: Viola bekam weiche Knie, das Herz schlug ihr bis zum Hals. So blitzartig und heftig hatte sie sich in ihrem 28-jährigen Leben noch nie verliebt. Aber sofort änderte sich sein Ausdruck wieder: "Ich werde uns etwas zu essen machen", meinte er.

"Kann ich Ihnen dabei helfen?"

"Vielen Dank, aber ich mache das lieber allein."

"Könnte ich mir wohl irgendwo die Hände waschen?"

"Entweder hier im Ausguss oder draussen am Brunnen."

Sie ging zum Brunnen. Als sie zurück kam, war der Strom wieder da. Lukas' Omelett schmeckte vorzüglich. Der gemischte Salat war mit Knoblauch, mit Basilikum und Olivenöl angemacht, und hinterher gab es schmackhaften Ziegenkäse. Dazu tranken sie Roséwein. Am Ende der Mahlzeit gab es wieder einen Moment, in dem Lukas sich entspannte, aber gleich darauf stand er so hastig auf, dass der Stuhl fast umfiel. "Ich beziehe Ihnen oben das Bett frisch. Ich werde heute Nacht hier unten auf dem Sofa schlafen."

"Das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich werde auf dem Sofa schlafen", protestierte Viola. Doch er liess nicht mit sich reden.

Wovor hatte er Angst? fragte sie sich, als sie sich ins Kissen gekuschelt hatte. Was war geschehen, dass er sich in diese Einsamkeit zurückzog?

...

Am nächsten Morgen wurde sie von Kaffeeduft geweckt. Als sie herunterkam, stand Lukas schon vor der Staffelei. "Der Kaffee steht auf dem Herd", bedeutete er ihr kurz. "Sie können sich Brot aus dem Kasten nehmen. Butter und Marmelade finden Sie im Kühlschrank."

Wahrend sie frühstückte, beobachtete sie ihn. Sein Gesicht war noch abweisender als am Vortag. Das Bild konnte sie nicht sehen. Als sie alles wieder fortgeräumt hatte, ging sie um Lukas herum, um einen Blick darauf zu werfen. Es war der Ausblick, den sie am Tag zuvor so bewundert hatte: bewaldete Hügel und rote Felsen unter dem tiefblauen Sommerhimmel. Dahinter das funkelnde Meer.

"Das Bild ist wunderschön. Ich … ich würde es gern kaufen", sagte sie.

"Meine Bilder sind nicht käuflich", kam es scharf zurück.

Aber ... leben Sie denn nicht von Ihren Gemälden?"

"Nein. Malen ist nur mein Hobby. Der Weg ist übrigens wieder begehbar, ich habe vorhin nachgeschaut."

Das glich einem Hinauswurf. Sie spürte Zorn auf diesen ungehobelten Burschen, aber auch Schmerz über seine abweisende Haltung. An der Tür drehte sie sich noch einmal um: "Danke für Ihre Gastfreundschaft", meinte sie betont herzlich. "Ich würde mich gern mit einer Einladung zum Essen revanchieren. Würde es Ihnen morgen Abend passen, in St. Raf …"

"Machen Sie sich keine Gedanken, ich habe lieber meine Ruhe", unterbrach er sie schon.

Dann eben nicht, dachte Viola verärgert. Eine halbe Stunde später hatte sie ihr Auto wiedergefunden, und weitere zwanzig Minuten später liess sie sich in ihrem Ferienhaus ein Bad einlaufen. Sie beschloss, diesen unfreundlichen, seltsamen Mann schnellstens zu vergessen …

Aber so einfach war das nicht. Immer wieder dachte sie an das Bild, an diese fröhliche Sommerlandschaft, die so gar nicht zu Lukas' abweisendem Verhalten passen wollte. Dann sah sie wieder sein Lächeln vor sich, und für einen Augenblick spürte sie wieder dieses Ziehen in der Magengrube.

...

Als sie am Spätnachmittag vom Strand zurück kam, stand ein hochgewachsener Mann vor ihrem Bungalow. Erst auf den zweiten Blick erkannte sie Lukas. Er war rasiert, trug eine leichte Hose und ein frisch gebügeltes Hemd. Als er sie sah, kam er ihr entgegen, nahm ihr den Sonnenschirm und die Strandtasche ab.

"Das ist aber eine Überraschung. Wie haben Sie mich gefunden?"

"Ich wusste Ihren Namen und dass sie in St. Rafael einen Ferien-Bungalow gemietet haben. Ich hab mich durchgefragt."

"Wie schön, dass Sie gekommen sind", freute sich Viola.

"Ich wollte mich nur vergewissern, dass Sie gut heimgekommen sind. Und ich wollte mich entschuldigen. Ich habe mich Ihnen gegenüber aufgeführt wie der letzte Mensch."

"Das ist schon vergessen", lächelte sie ihm zu. Sie würde ihn hereinbitten, würde ihn um einen Augenblick Geduld bitten, um zu duschen und sich schön zu machen. Und dann würden sie essen gehen. Er hatte sich also doch entschlossen, ihre Einladung anzunehmen!

Aber er drehte sich schon um. "Dann ist ja alles in Ordnung. Ich wünsche Ihnen weiterhin schöne Ferien. Adieu, Viola."

Schon wieder hatte er nichts als eine kühle Abfuhr für sie übrig. Viola verstand diesen Mann immer weniger. Wie versteinert stand sie da, während er zu seinem Wagen hinüberging und sich hinter das Steuer setzte. Aber dann sagte sie sich, dass er sich doch nicht frisch rasiert und sein Hemd gebügelt hatte, nur um diesen Blitzbesuch zu machen? Kurz entschlossen lief sie zum Wagen und beugte sich zum geöffnete Fenster hinunter: "Bleiben Sie doch wenigstens zu einem Aperitif!"

"Nein, besser nicht." Rasch liess er den Motor an und brauste davon.

In dieser Nacht schlief Viola ausgesprochen schlecht. Sie dachte an die Männer, die es in ihrem Leben gegeben hatte. Man lernte sich auf einer Party, in einer fremden Stadt oder im Urlaub kennen, man flirtete, schlief ein paarmal miteinander und verlor sich irgendwann aus den Augen. Jeder achtete darauf, dass die Nähe zum anderen nicht zu gross wurde. Nur keine Komplikationen, nur nichts Einengendes. Der Kopf sollte für den Beruf und für die Karriere frei bleiben. Aber das Gefühl der Leere wurde nach diesen kurzen Abenteuern mit jedem Mal grösser …

Sie hatte beschlossen, dass Schluss war mit diesen auf die Dauer unbefriedigenden Affären. Dann lieber gar keine Männer mehr. Und jetzt platzte auf einmal dieser Lukas in ihr Leben und nahm ihr die Ruhe. Ja, sie würde ihn gern näher kennen lernen. Wirklich kennen lernen. Doch er schien mit der Liebe nichts im Sinn zu haben. Was war nur geschehen, dass er sich derart von seinen Mitmenschen abkapselte? Sie beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen.

...

Am nächsten Vormittag stand sie wieder vor seinem Haus und klopfte. Niemand öffnete, obwohl sein Wagen vor dem Haus stand. Hatte er vielleicht seine Staffelei unter den Arm genommen, um sein Bild in freier Natur zu Ende zu malen? Gespannt folgte Viola den Weg bis zum Plateau. Tatsächlich, da stand er, im Schatten einer Pinie, die Staffelei vor sich. Er arbeitete immer noch an seiner Landschaft. Viola rief leise seinen Namen.

Er wandte sich langsam um: "Ach, Sie sind es."

Beherzt sagte sie: "Ich weiss, dass ich Sie immer wieder störe. Aber ich möchte wissen, warum Sie hier wie ein Einsiedler leben."

"Und warum möchten Sie das wissen?" Wieder war er voll Abwehr.

Was sollte sie ihm antworten? Dass er sie interessierte? Dass sie sich unglaublich von ihm angezogen fühlte? Dass sie ihm helfen wollte? Würde er ihr glauben?

Plötzlich lächelte er: "Sie werden doch keine Ruhe geben, stimmt's? Mit Ihnen könnte ich tatsächlich darüber sprechen. Es ist eine ganz banale Geschichte. Die Welt geht davon nicht unter." Jetzt wurde er wieder ernst: "Ich war zwei Jahre mit einer Frau zusammen. Ich glaubte, dass sie mich genau so stark und bedingungslos lieben würde wie ich sie. Aber eines Tages zog Michaela aus. Sie hinterliess einen Brief, in dem sie mir erklärte, dass sie nicht mit einem Mann leben könnte, der nur an seine Arbeit denkt. Ich hatte mich als Unternehmensberater selbstständig gemacht und arbeitete tatsächlich wie ein Verrückter. Aber ich tat es auch für sie, für unsere Zukunft." Er schwieg und starrte vor sich hin.

"Und?" ermunterte Viola ihn leise zum Weitersprechen.

Lukas zuckte mit den Schultern. "Sie hat einen Monat später meinen besten Freund geheiratet. Die Sache lief schon seit einem halben Jahr. Ich habe nicht nur die Frau verloren, die ich liebte, sondern wurde auch von meinem besten Freund, dem ich vertraute, hintergangen. Danach habe ich alles aufgegeben. Mir fehlte die Motivation, um weiterzuarbeiten. Wozu? Für wen? Hier habe ich gelernt, wie wenig man zum Leben braucht: ein Dach über dem Kopf, ein paar Möbel, etwas zu essen. Ich bin genügsam geworden …"

"Trotzdem brauchen Sie etwas Geld: um die Miete zu bezahlen, für das Essen, die Malutensilien …"

"Dafür habe ich genug. Erstmal, jedenfalls. Ich habe mein Unternehmen günstig verkaufen können."

"Finden Sie nicht, dass es vielleicht an der Zeit ist zu verzeihen? Schon sich selbst zuliebe? Um wieder Frieden mit sich selbst und den anderen zu schliessen?"

Lukas hatte wieder seinen Pinsel in die Hand genommen und wendete sich seiner Staffelei zu. Er antwortete nicht.

"Soll ich Sie in Ruhe lassen?"

Er nickte langsam. "Ja", sagte er mit rauher Stimme. "Bitte."

"Morgen früh fahre ich nach Hamburg zurück. Meine Ferien sind zu Ende."

Sie hatte gehofft, er würde noch etwas sagen, doch Lukas reagierte mit keinem Wort - auch nicht, als sie davonging. Violas Herz wog eine Tonne. Mindestens. Den ganzen Nachmittag, die ganze Nacht hatte sie Sehnsucht nach Lukas. Aber sie sah und hörte nichts mehr von diesem komischen Kauz, und am nächsten Morgen machte sie sich traurig auf die lange Heimfahrt.

In Hamburg schleppten sich die Tage dahin. Verzweifelt fragte sie sich, warum sie sich ausgerechnet in einen Mann verlieben musste, der vor lauter Enttäuschung zu einem Menschenfeind geworden war - oder sich zumindest so verhielt. Denn da gab es immer noch sein warmes Lächeln, das ab und zu aufflackerte und so gar nicht zu dem Bild passen wollte, das er von sich geben wollte. Viola versuchte, sich mit Arbeit zu betäuben, aber zum ersten Mal funktionierte es nicht …

...

Es war Oktober geworden. Ein wunderschöner, goldener Oktober, wie er nicht alle Jahre zu erleben ist. Aber es gab nur einen Menschen, mit dem sie die Schönheit der Natur hätte geniessen können: Lukas. Doch Lukas war nicht da.

Nach einem besonders hektischen Tag hatte sie ein ausgiebiges Bad genommen und sass in ihrem bequemsten Bademantel im Schneidersitz auf dem Sofa, als es an der Wohnungtür klingelte. Seufzend stand Viola auf und öffnete.

Es war Lukas. Violas Herz hämmerte wie wild. Sie brachte kein Wort heraus, starrte ihn nur an. Schliesslich besann sie sich und trat einen Schritt zurück, um ihn hereinzulassen. Wie gut er aussah in seinem tadellosen Anzug. Und sie stand in ihrem alten Bademantel vor ihm …

"Lukas. Du bist … gekommen." Unwillkürlich duzte sie ihn. In Gedanken hatte sie es schon so oft getan. Aber er hatte sie schon so oft enttäuscht. Wie würde es diesmal enden? Sie versuchte, ihr Herz zu wappnen.

Lukas schaute sie die ganze Zeit schweigend an. Er lächelte und wirkte entspannt wie nie. All das Düstere war aus seinem Gesicht gewichen. "Deine Adresse habe ich im Telefonbuch gefunden. Ich bin nach Hamburg gekommen, weil ich dich einfach nicht vergessen konnte. Nicht dich und nicht das, was du mir gesagt hast. Ich war ein Ekel, ich weiss. Ich war drauf und dran, mich mit meiner Enttäuschung einzugraben. Es war auch viel verletzter Stolz dabei. Und natürlich hatte ich Angst, dass man mich noch einmal so verletzen würde. Ich weiss jetzt: es ist keine Lösung, alles in die Ecke zu schmeissen und vor den Problemen davonzulaufen. Aber wahrscheinlich brauchte ich diese Auszeit, damit sich alles setzen konnte. Und dann kamst du. Genau zur rechten Zeit. Viola, das ist für dich."

Er überreichte ihr ein grosses, flaches Paket und sah zu, wie sie das Papier entfernte. Zum Vorschein kam das Bild, das sie bei ihm bewundert hatte. Nur standen jetzt zwei Menschen vor dem Steilhang. Lukas und sie. Sie erkannte sogar das Sommerkleid wieder, das sie am letzten Tag getragen hatte …

"Danke, Lukas", sagte sie bewegt. Die anderen Worte, die ihr noch auf der Zunge lagen, brachte sie einfach nicht heraus.

"Ich habe hier in deiner Stadt eine Wohnung gemietet und bin dabei, berufliche Kontakte herzustellen. Es lässt sich ganz vielversprechend an. Aber ein Workaholic wie früher werde ich sicher nicht mehr. Ich werde Mitarbeiter haben, werde delegieren. Gott sei Dank weiss ich jetzt, wie wichtig es ist, Zeit für die Frau zu haben, die man liebt."

Unruhig ging er einige Schritte auf und ab. Dann blieb er vor ihr stehen und lächelte. Es war das Lächeln, dass sie über alles an ihm liebte: "Viola, wollen wir es zusammen versuchen? Wirst du denn Zeit haben für mich? Für uns? Und später für unsere Kinder? Denn ich liebe dich. Ich liebe dich, Viola."

"Ich liebe dich auch, Lukas." Es kam aus der Tiefe ihres Herzens. Sie schlang die Arme um seinen Hals und spürte die Wärme seines Körpers. Ja, auch sie würde sich die Arbeit anders aufteilen, würde weniger reisen. Die Liebe, dachte sie, macht alles möglich.

Und als er sie jetzt unendlich zärtlich küsste, da wussten sie beide, dass alles gut werden würde…

ENDE