Schwerhörig

geschrieben vor 3 Jahren.

B. und ich waren gestern zum Einkaufen in unserem kleinen Intermarché. B. ist ziemlich schwerhörig. Er hat ein nach Mass angefertigtes, teures Hörgerät, benutzt es aber nicht. Damit, sagt er, hört er vor allem seine eigene Stimme. Und es pfeift. "Ausserdem", sagte er noch, "BIN ICH DOCH GAR NICHT SCHWERHÖRIG!"

Er ist es aber. Damit er mich versteht, spreche ich langsam und sehr deutlich. Vor allem nicht mit zu hoher Stimme. Nicht mal allzu laut, aber doch lauter als mit normal hörenden Menschen. Ich fange immer mit seinem Namen an, damit er aufpasst.

"B." fange ich also an. Darauf dreht sich schon oft mal ein anderer Herr um, woraus zu schliessen ist, dass er denselben Vornamen trägt. Ich warte, bis "mein" B. mich ansieht und fahre dann fort. Zum Beispiel: "Es ist kein roher Schinken mehr im Haus. Möchtest du neuen haben?" Er isst diesen Schinken, nicht ich. Es ist mir zu viel Salz drin.

Meine Stimme muss im ganzen kleinen Supermarkt zu hören sein. Oft muss ich meine Frage ein- oder zweimal wiederholen. Es gibt so viele andere Geräusche hier; die anderen Menschen, die sich unterhalten, die Musik ... Jetzt wissen jedenfalls alle Bescheid, dass wir keinen Schinken mehr im Haus haben. Viele lächeln B. zu.

Und jetzt antwortet B. mir mit seiner angenehmen, ganz normalen Stimme: "Bien sûr qu'on prend du jambon, chérie." (Natürlich kaufen wir Schinken, Schatz.)

Jetzt denken doch sicher alle, dass bei mir etwas nicht in Ordnung ist, oder? Warum "schreie" ich, und er spricht ganz normal?

Anderes Beispiel: Um den Fernseher nicht zu laut stellen zu müssen, habe ich ihm einen Kopfhörer geschenkt. Damit hört er tadellos. Meistens stellen wir den Fernseher eh nur für den Wetterbericht und die Nachrichten an. Wenn ich eine Bemerkung zu dem Gehörten machen möchte, lege ich meine Hand auf sein Knie und neige mich ihm zu. Worauf er mich freundlich ansieht und höflich die linke Hörschale lupft, um mir zuzuhören. Es berührt mich immer sehr, dass er mir den Vorrang vor den Nachrichten gibt. Er lächelt, antwortet aber meistens nicht auf meinen Kommentar oder brummt nur ein wenig. Hat er mir überhaupt richtig zugehört? Schliesslich hat er die rechte Hörschale noch am Ohr, damit ihm nichts von den Nachrichten entgeht. Aber egal, ich habe meine Bemerkung machen können und bin zufrieden.

Ich habe ihm ein anderes, kleines und wesentlich, wesentlich preiswerteres Hörgerät besorgt, das es ganz einfach im Handel gibt. Man braucht es nicht mit teuren Knopfbatterien zu füttern, es wird elektrisch aufgeladen. Er trägt es nicht. Ich habe es an mir selbst ausprobiert. Also gut, auch da hört man erstaunlich laut die eigene Stimme, aber man hört auch die Stimme der anderen. Nur ist dieser Apparat wesentlich grösser als die sündhaft teuren Winzlinge, die im Ohr verschwinden. Es ist nicht zu übersehen. Oh, diese Eitelkeit! Als ob die anderen nicht sowieso merken, dass er schwerhörig ist. Spätestens dann, wenn er falsch oder gar nicht auf Fragen antwortet. Oder wenn er die geöffneten Hände hinter die Ohren legt, um besser zu hören. Aber das tut er nur bei mir, nie vor anderen!

Nun, wenn wir beide allein sind, in unserem stillen Haus, oder bei leiser Musik, ist das alles kein Problem. Aber wenn wir in einer grösseren Runde sind, schaltet er einfach ab. Das Erstaunliche ist, dass sein Gesichtsausdruck so wach und wohlwollend ist, dass jeder glaubt, er würde alles hören. Ausser natürlich, wenn man ihm eine Frage stellt. Manche erzählen ihm lange Geschichten und sehen nachher richtig glücklich und erleichtert aus. Sie erwarten auch gar keine Antwort, sicher denken sie, endlich jemand, der einen nicht ständig unterbricht, um seine eigene Geschichte zu erzählen. Manchmal schliesst B. auch die Augen, aber selbst das wirkt nicht schläfrig bei ihm, er wirkt im Gegenteil ungeheuer konzentriert. B. ist ein Phänomen, er ist auf seine Art so etwas wie ein Psychiater.

ENDE