Der Abend des vierten Tages

Eine Erzählung aus fernen Tagen

Gunda lag auf dem Divan, das leichte Wollplaid über ihren Beinen. Sie achtete kaum auf das vertraute Geräusch der Tonleitern und Etüden aus den beiden Unterrichtsräumen ihres Institutes, sie wartete auf Miranda.

Nebenan brach die Tonleiter ab. Fräulein Zander zählte laut und klatschte dazu den Takt mit den Händen. Gunda lächelte. Sie sah Miranda als achtjähriges Mädchen vor sich. Damals unterrichtete sie noch selbst die Anfänger. Miranda war die Begabteste und Liebenswürdigste von ihnen. Sie war im Laufe der Jahre zu einer Freundin geworden, die selbst Heinz gern abends in der Wohnung sah, wenn er müde aus der Klinik kam.

Gunda fröstelte, stand auf und näherte sich der Heizung. Sie strich über den schwarzen, spiegelnden Lack des Steinway-Flügels. Heinz hatte ihn ihr geschenkt, als er die Klinik ihres Vaters übernahm.

Sie hatte Heinz ohne Liebe geheiratet. Weil er Arzt war wie ihr Vater. In den ersten Jahren ihrer Ehe hatten sie auf ein Kind gewartet, das nicht kommen wollte, aber weder sie noch Heinz hatten je einen Arzt darum konsultiert. Nach dem Tod ihrer Eltern zogen sie in das schöne, alte Patrizierhaus, unter dessen sanft funkelnden Kristalleuchtern schon ihre Mutter aufgewachsen war und in dem sich ihr Vater wie ein grosser, unbeholfener Bär bewegt hatte.

Gunda wusste schon als junges Mädchen, dass sie nicht hübsch war. Ausser ihrer üppigen, dunklen Haarpracht besass sie nichts Anziehendes. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass Heinz sie lieben könnte, dass er sich vielleicht nach einer Frau sehnte, die nicht nur kühl und mit abgewandtem Gesicht nachts in seinen Armen lag.

Kurz vor ihrer Heirat hatte sie das Konservatorium mit einem ersten Preis verlassen. Sie wusste, dass ihre Begabung für eine Konzertkarriere nicht ausreichte, sie war nicht wirklich glücklich, bis sie Mirandas ausserordentliche Begabung entdeckte und förderte. Schon seit Jahren war keine Rede mehr davon, dass Miranda ihre Stunden bei Gunda bezahlte. Gewöhnlich verlange Gunda höchste Preise. Aber eines Tages würde Mirandas Name an den berühmtesten Konzertsälen der Welt angeschlagen sein, und sie, Gunda, war ihre Lehrerin und Förderin gewesen.

Jetzt klopfte es kurz, und Miranda trat ins Zimmer, noch atemlos vom raschen Laufen. Nach einigen Tonleitern, die ihre Finger gefügig machten, begann sie Maurice Ravels "Tombeau de Couperin" zu spielen: Das Präludium, die Fuge.

Gunda hörte unbeweglich und mit höchster Aufmerksamkeit im Hintergrund des Zimmers zu, entdeckte Unruhe im Spiel und hob die Hand. Miranda brach ab, sah auf und erklärte mit tonloser Stimme, dass sie ihr Studium aufgäbe, um einem Arzt in die Tropen zu folgen.

Gunda brauchte eine Weile, ehe sie den Sinn der Worte begriff. Dann ging sie erregt im Zimmer auf und ab und hielt Miranda mit leiser, mühsam beherrschter Stimme vor, dass sie nicht das Recht habe, aufzuhören.

"Ich weiss", erwiderte Miranda, der Gundas Stimme so trocken und aufgeregt wie das herbstliche Rascheln des Laubes erschien. "Ich bitte Sie um Verzeihung! Ich habe Ihnen so viel zu verdanken."

"Als ob die Rede davon wäre", entgegnete Gunda bitter, "aber du bist dazu berufen, viele Menschen glücklich zu machen mit deiner Kunst und hast nicht das Recht, irgendeinem Arzt in die Tropen zu folgen, um dich dort lebendig begraben zu lassen."

"Wenn ich ihm nicht folge", sagte Miranda, "mache ich den einzigen Menschen, den ich liebe, unglücklich."

Gunda empfand diesen Satz wie eine Wunde, aber sie sah das junge Mädchen ruhig an, und dieses erwiderte wild: "Es ist so wichtig, einen Menschen glücklich zu machen!" Aber ehe sie aus dem Zimmer stürzte, griff sie nach Gundas Hand und stammelte: "Verzeihung ... für alles!"

...

Gunda sah den Brief erst kurz vor dem Abendessen. Sie wunderte sich zuerst, denn Heinz rief sie gewöhnlich im Institut an, wenn er ihr etwas mitzuteilen hatte. Dann riss sie den Umschlag auf und zog den Bogen heraus.

Vier Tage verliess sie nicht das Haus. Sie hatte den Brief verbrannt, erinnerte sich aber an jedes Wort: "Ich hoffe inständig, dass du mir eines Tages verzeihen kannst. Miranda und ich werden fortgehen, um den Ärmsten der Menschen zu helfen."

Am Abend des vierten Tages ging Gunda ins Institut. Es war dort leer und still. Im Dämmerlicht setzte sie sich an den schwarz schimmernden Flügel. Sie dachte nicht an Heinz. Es waren Mirandas Hände, unter denen das Nocturne von Chopin aufblühte.

Als es ganz dunkel geworden war, stand sie auf, um Licht zu machen. Der grosse Spiegel mit dem goldenen Rahmen gab ihr das Bild einer alternden Frau zurück. Die spitze Magerkeit ihrer Mädchenjahre hatte sich im Laufe der Zeit in eine fast aristokratische Trockenheit verwandelt, aber die immer noch ungebändigten Haare, die ihr jetzt in die Stirn fielen, gaben ihr für einen Augenblick das Aussehen einer Zigeunerin.

Sie versuchte, noch einmal das Nocturne zu spielen, brach aber schon nach den ersten Takten ab. Miranda hatte sie endgültig verlassen. Sie wusste, dass es keine zweite Miranda unter ihren Schülerinnen gab.

...

Aber vielleicht... eines Tages... ein kleines, achtjähriges Mädchen ...

ENDE