Alte Familienfotos

Gestern geschrieben

Vor kurzem räumte ich meinen Schrank auf, und dabei fiel mir eine Mappe mit Familienfotos in die Hände. Ich hatte sie seit Jahren nicht mehr angesehen. Früher, bei meinen Grosseltern und später meinen Eltern, hingen sie noch eingerahmt an der Wand oder standen auf Schreibsekretären. Als ich einen Teil von ihnen erbte (wir vier Geschwister teilten sie unter uns auf) beschloss ich, sie in dieser Mappe aufzubewahren, um sie nicht mehr dem Licht auszusetzen, das ihnen ja bestimmt auf die Dauer nicht gut tut. Obwohl die schwarz-weiss-Fotos sehr viel widerstandfähiger waren und vielleicht auch noch sind als die späteren Farbfotos es zumindest in ihren Anfängen waren.

Dieses älteste und interessanteste der Familienfotos, das schätzungsweise um 1880 herum aufgenommen wurde, hat ein recht grosses Format (21x30cm) und trägt rechts unten die schwungvoll hingesetzte Signatur "Merck, Hannover". Wie sorgfältig sich die Familienmitglieder auf dieses Foto vorbereitet haben, auch bei den Posen wurde nichts dem Zufall überlassen. Und wie ernst sie alle ausschauen. Nichts ist hier spontan, niemand lächelt. Damals musste man noch minutenlang stillhalten für ein Foto, und sicher waren alle auch recht beeindruckt, es wurde halt noch nicht so schnell und immens viel herumfotografiert wie heute. Darauf zu sehen sind meine Ur-ur-Grosseltern mit ihren 10 Kindern und der Grossmutter. Mein Ur-ur-Grossvater wurde 1826 geboren, meine Ur-ur-Grossmutter 1835, und die Grossmutter der Kinder legt schützend ihren Arm um die Schulter eines entzückenden kleinen Mädchens mit artig aufgesteckten Zöpfen und einem sich bauschenden Festkleid.

Vor den Fotografen waren es die Kunstmaler, die mit Familienportraits diesen Wunsch der Menschen erfüllten, eine Erinnerung zu hinterlassen. Dafür musste man allerdings noch länger stillhalten, und kostspieliger war es auch. Der Vorteil: Es wurde ein farbiges Portrait. Der Nachteil, der allerdings sicher von allen Beteiligten als Vorteil ansehen wurde: Der Portraitierte sah meistens besser aus als in Wirklichkeit.

Aber gute Fotografen sind ebenfalls Künstler. Und auch sie korrigieren oft die Wirklichkeit, indem sie retouchieren. Zwischen Fotografie und Kunstmalerei gibt es schwimmende Grenzen...

ENDE