Jeanne

Eine kurze Geschichte, in den letzten Tagen geschrieben.

Es passierte vor etwa 10 Jahren, als B. einmal zum Briefkasten ging. Auf dem kurzen Weg dorthin kommt man an einem kleinen Appartementhaus vorbei, und dort sah er eine ältere Frau, die aussen an der Strassenmauer lehnte und weinte. Er blieb stehen und fragte, warum sie so traurig wäre. Darauf erzählte sie ihm, wie fremd und einsam sie sich hier fühlte. Und dann schüttete sie ihm ihr Herz aus. Es sei ihr Sohn gewesen, der unbedingt gewollt hätte, dass sie, seine verwitwete Mutter, ihr 40 Kilometer weit entferntes, geliebtes Häuschen aufgab, wo sie so nette Bekannte gehabt und mit allen Nachbarn so gut befreundet gewesen wäre, um in seine Nähe zu ziehen. Er hätte eine kleine Wohnung für sie in diesem Appartementhaus gefunden, aber hier würde sie niemanden kennen, ihr Sohn und ihre Schwiegertochter hätten wenig Zeit für sie, und ihre Enkel würde sie noch weniger sehen. Natürlich würden sie kommen, wenn sie Hilfe brauchte, aber einfach so, um sich mal ein bisschen mit ihr zu unterhalten - Pustekuchen!

B. legte mitfühlend seine Arme um ihre Schultern, während er ihr Mut zusprach. Wenn er gewusst hätte ... stöhnte er schon kurz danach. Denn Jeanne wurde zu einer richtigen Klammerin, was ihm bald zuviel wurde. Fast jeden Nachmittag klingelte sie bei uns. Sie kam traurig an, und es war immer dieselbe Litanei: Wie schlecht es ihr ginge, wie sehr sie es bereute, auf ihren Sohn gehört zu haben. Sie hätte überall Schmerzen, in den Schultern, den Handgelenken, den Beinen, eines Tages würde sie hinfallen und sich etwas brechen. Am liebsten würde sie sterben. Sie könnte auch nicht richtig Bekanntschaft mit den anderen Hausbewohnern machen, denn wenn sie nach draussen ginge, weil sie von ihrem Küchenfenster aus gesehen hätte, wie sie sich gerade so fröhlich miteinander unterhielten und dabei lachten, würden sie im Nu die Flucht ergreifen und in ihren Wohnungen verschwinden. Sie lachte dann selbst, was ja ein Zeichen ist, dass sie auch Humor hat.

Jeanne kam immer zwischen 4 und 5 Uhr nachmittags, wenn B. und ich gerade Domino spielten. Als sie das erste Mal kam und B., im Gegensatz zu mir, keine Anstalten machte, das Spiel zu unterbrechen, meinte sie gleich mit einem verständnisvollen Lächeln, dass wir ja nicht ihretwegen aufhören sollten, dass sie uns gern beim Spielen zuschauen würde. Sie fing sogar sehr schnell an, uns Ratschläge zu erteilen, was B. mächtig irritierte. Von da an täuschte er, kaum liess sie sich blicken, einen Schwächeanfall vor, um in seinem Zimmer in Ruhe die Zeitung oder ein Buch zu lesen. Auf diese Weise "erbte" ich Jeanne, die dann allerdings auch seltener vorbeikam.

Inzwischen weilt B. ja nicht mehr unter uns, aber Jeanne, das sagt sie mir immer wieder, würde ihn nie vergessen. Kurz nach seinem Tod bat sie mich um ein Foto von ihm, das nun in ihrem Wohnzimmer neben dem Foto ihres verstorbenen Mannes steht. Manchmal fühle ich mich etwas schuldig B. gegenüber, aber schliesslich hat er es sich selbst eingebrockt.

Jetzt bin ich es, die Jeanne einmal in der Woche besuche. Ihre Klagen sind immer noch dieselben: Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter kümmern sich nicht genug um sie. Sie hat Schmerzen. Eines Tages würde sie stürzen und sich etwas brechen. Am liebsten würde sie sterben! Ich habe seitdem auch die Bekanntschaft ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter gemacht. Beide sind sehr sympathisch, sie kümmern sich wirklich um Jeanne: Nie fehlt etwas in ihrem Kühlschrank, sie begleiten sie zum Arzt, zur Fusspflege, erledigen alles Amtliche für sie, eine Putzfrau kommt auch jede Woche, aber sie haben auch ihr eigenes Leben, ihre Kinder, die Enkel, und möchten auch manchmal wenigstens kurz verreisen. Und trotz ihrer ständigen Klagen geht es Jeanne gesundheitlich erstaunlich gut für ihre jetzt 84 Jahre: Blutdruck, Herz, alles in Ordnung. Es würde mich nicht wundern, wenn sie hundert würde! Es ist ja oft so, dass Menschen, die ständig klagen und davon reden, sterben zu wollen, diejenigen sind, die mit einem besonders starken Überlebenswillen ausgestattet sind. Im Augenblick ist Jeanne auch sehr deprimiert, weil ich ja bald fortziehen werde. Nun, wenn ich bei ihr bin und sie sich alles, was ihr Sorgen und Kummer bereitet, vom Herzen geredet hat, bekommt sie gute Laune und lacht. Ich bin also zu etwas gut, was mich dann auch freut. Und ausserdem hat sie mich ja zu dieser Geschichte inspiriert!

ENDE