Vergesslichkeit

geschrieben vor drei Jahren

Vorgestern machten uns unsere Freunde Denise und Alain einen Überraschungsbesuch: "Wir hatten ganz in eurer Nähe zu tun und dachten, wir kommen mal auf einen Sprung vorbei."

"Das ist eine sehr gute Idee", freuten wir uns.

Natürlich sprechen wir Französisch miteinander, was ich hier aber der Einfachheit halber ins Deutsche übersetze.

B. holte Bier für Alain und sich selbst aus dem Kühlschrank, ich kochte Tee für Denise und mich und stellte auch eine Schale mit Keksen auf den Tisch. Dann sassen wir zusammen auf der Terrasse und unterhielten uns wie immer sehr angeregt. Eine Unterhaltung mit Denise und Alain ist pure Freude. Jeder kommt dabei zu Wort. Es ist wie ein Ping-Pong-Spiel. Es geht hin und her, bis ...

"Gestern hat mich eine Biene gestochen, als ich hier im Garten den Lavendel erntete", erzählte ich und zeigte auf meinen Unterarm, der noch ein bisschen gerötet und geschwollen war. "Als es passierte, erinnerte ich mich leider nicht mehr an das Mittel, das man gegen diese Stiche anwendet, ich ..."

"Mit Essig einreiben", unterbrach mich Alain. "Achtung, weisser Essig, kein Weinessig!"

"Mit einer Zwiebel einreiben geht auch", warf Denise ein.

"Was ich sagen wollte," (das war wieder ich): "ich musste erst in mein Büro hochlaufen und in meinem Hausmittel-Buch nachsehen, welches Mittel ich das letzte Jahr gegen meine Wespenstiche angewendet habe: Ja, Eiswürfel und danach Zwiebeln. Ich lief wieder nach unten, musste erst B. erklären, warum ich so 'hysterisch herumrannte' und behandelte dann schnell meinen Arm. Ich hatte kostbare Zeit verloren, aber die Eiswürfel und die Zwiebel haben auch diesmal gut gewirkt. Der Arm schwoll nur wenig an, und gejuckt hat es sehr schnell nicht mehr."

Denise, Alain und B. hatten ebenfalls Geschichten über Insektenstiche parat, bis mir eine andere Geschichte einfiel: "Mein erster Mann und ich machten einmal Urlaub in Süd-Spanien. Ich hatte im Meer geschwommen und ging zurück zum Strand, als mich plötzlich etwas in den Fuss stach. Es war ein unglaublich schmerzhafter Stich. Wie heisst noch dieser Fisch ..."

"Ein Krebs ?" half Denise mir aus.

Alain: "Quatsch. Ein Fisch, hat Gisela gesagt. Eine Meduse?"

Denise: "Eine Meduse ist auch kein Fisch, haha. Vielleicht ein Seeigel?"

Alain kopfschüttelnd: "Ist ein Seeigel etwa ein Fisch ?"

Ich: "Na, es fällt mir sicher wieder ein. Ich lief so schnell es ging ans Ufer, wusste gar nicht, was mir da geschah. Bis mich ein grosser, robuster Hund überholte, der entsetzlich jaulte und winselte. Ihn hatte es offensichtlich auch getroffen. Also verflixt, wie heisst bloss dieser Fisch. Er vergräbt sich im Sand ..."

Alain: "Genau, ja, jetzt weiss ich, was du meinst. Er heisst, er heisst ..."

Ich: "Na, fällt uns sicher wieder ein. In der Apotheke sagte man uns, dass diese Stiche zwar aussergewöhlich schmerzhaft, aber sonst nicht gefährlich seien, es käme von allein wieder in Ordnung. Sie haben mir nur ein schmerzlinderndes Mittel gegeben."

Etwas später meinte Denise nachdenklich: "Euer Garten ist wirklich hübsch. Und die Rosen blühen auch noch so schön. Ich habe eine Freundin, die immer sagt, dass sie keine lebendigen Blumen abschneiden mag, ich habe nie einen Strauss bei ihr gesehen."

Ich: "Das verstehe ich sehr gut. Ich bin nämlich auch so."

Erst am nächsten Tag fiel mir ein, dass diese Freundin, von der Denise erzählte, doch ich selbst war ! Ob ihr das inzwischen auch eingefallen ist?

B. hat seit einigen Wochen so eine Beule am Ellenbogen. Eine Hydarthrose, auf Französisch (finde nicht die deutsche Übersetzung). Zwei Antibiotika-Behandlungen brachten sie nicht zum Verschwinden, sie wurde nur etwas weicher.

Denise und Alain sahen sich die Beule interessiert an, dann erzählte Denise von ihrer Tochter, deren Backe plötzlich angeschwollen war. Niemand wusste, warum. Der Arzt verordnete ein Antibiotikum, was sich als wirksam erwies.

Ich: "War es vielleicht ... ach, verflixt, wie heisst noch die Krankheit, wenn plötzlich die Backe anschwillt ... " Mir fiel nur das deutsche Wort ein: "Mumps".

Mumps, das Wort kannten sie nicht, und es dauerte eine Weile, bis Alain triumphierend ausrief: "Mais, ce sont les oreillons, bien sûr !"

B., der ja ziemlich schwerhörig ist, aber nie sein Hörgerät trägt, warf ab und zu eine Bemerkung ein, die aber nicht immer etwas mit dem gerade akuten Thema zu tun hatte, oft aber so interessant war, dass wir einen Schwenker zu diesem neuen Thema machten. Jedenfalls haben wir viel geredet - und viel gelacht. Trotz - oder gerade wegen - unserer Vergesslichkeit. Ist ja besser, als darüber zu weinen, nicht?

Als Denise und Alain schliesslich nach Hause fuhren, gab es vier Wörter oder Namen, an die wir uns nicht erinnern konnten. Der französische Name des so übel stechenden Fisches ist mir inzwischen wieder eingefallen, Vive. Im Internet habe ich die deutsche Übersetzung gefunden: Petermännchen.

Wir hatten auch noch über die jungen Leute mit den weissen Gesichtern und den schwarz geschminkten Lippen gesprochen, die sich ganz in Schwarz kleiden - ohne auf den Namen zu kommen, den man ihnen gab. Da habe ich mich auch im Internet schlau gemacht. Es ist der 'Style Gothique', die Gothik-Szene.

An die beiden anderen Worte kann ich mich leider nicht mehr erinnern.

Ach ja, das Gedächtnis lässt in unserem Alter (Denise, Alain und ich sind Anfang siebzig, B. über achzig) dramatisch nach. Allerdings muss man unseren Gedächtnissen zugute halten, dass sich in all den langen Jahren enorm viel dort angesammelt hat und immer noch ansammelt: Die Sprachen, die Allgemeinbildung, die Geschehnisse, die Namen. Ist es da erstaunlich, wenn es oft mit der Weichenstellung, die zum entsprechenden Ausdruck oder einem Eigennamen führen soll, nicht so klappt ? Sie sind noch da, aber im Moment unauffindbar. Nun ja, manches ist natürlich auch definitif verschwunden.

Noch ein Beispiel der Vergesslichkeit (oder ist es eher Zerstreutheit?). Gestern bereitete ich in der Küche das Abendessen vor. Dabei gingen mir auch andere Gedanken durch den Kopf. Ich musste daran denken, Tomaten auf dem Einkaufszettel zu notieren, hatte aber gerade nasse Hände. Durfte es später nicht vergessen. Müsste auch endlich meine Tochter anrufen. Also gut, nach dem Essen. Dann suchte ich die Küchenschere, um den Salat etwas klein zu schneiden. Sie lag nicht am gewohnten Platz. Hatte B. sie wieder einmal für seine Bastelarbeiten benutzt? Na, die Schere im Wohnzimmer würde es auch tun. Ich trocknete schnell meine Hände ab, und auf dem Weg ins Wohnzimmer nahm ich mir vor, gleich nach der Rückkehr in die Küche die Tomaten zu notieren, ehe meine Hände wieder nass wurden.

Dann stand ich im Wohnzimmer und fragte mich, was ich da eigentlich wollte?

Hier gibt's nur eins: Zurück in die Küche. Da sah ich den Salat, den ich kleinschneiden wollte. Natürlich, die Schere! Nur noch schnell vorher die Tomaten notieren. Und danach ? ...

ENDE