Träume

geschrieben vor drei Jahren

Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen, ich dachte sogar, ich hätte gar nicht geschlafen, aber das stimmt nicht. Denn ich träumte. Ich stand am offenen Fenster und sah hinaus. Es war Tag, die Sonne schien. Plötzlich stürzte ein junger Mann aus dem Haus gegenüber. Ich kannte ihn nicht. Er lief im Zickzack die Strasse hinunter. Ich sah ihn ganz gross, wie mit einer Lupe. Er lief so schnell und war überall gleichzeitig, und jetzt kam er schon wieder an meinem Fenster vorbei. Ich fragte mich wirklich, was mit ihm los war und überlegte noch, wer das sein könnte, und ob ich nicht den Nachbarn Bescheid sagen sollte, da lag ich plötzlich in meinem Bett, und es war Nacht. Also gut, es war ein Traum. Wieder lag ich eine Weile wach, und irgendwann sah ich zur Decke hoch. Die war ganz kaputt. Es waren keine Löcher drin, aber alles hatte sich verschoben, hatte Sprünge. Man sah eine dicke Schicht vom Isolationsmaterial. Ich nahm es zur Kenntnis, fand es aber nicht weiter schlimm. Ich weiss nicht, wieviel Zeit vergangen war, da lag plötzlich mein erster Mann neben mir im Bett. Er starrte die Decke an und riss die Augen auf: "Qu'est-ce que c'est que ça! Tu as vu le plafond?" Was ist denn das! Hast du die Decke gesehen?

"Pas grave", nicht schlimm, erwiderte ich schläfrig. Er fuhr im Bett hoch, zeigte auf die Decke, fuchtelte herum - und es war mir egal. Und dann wachte ich auf, weil der Wecker summte. Es war wieder ein Traum.

Zwei andere Träume habe ich nie vergessen, obwohl sie schon so weit zurückliegen. In einem Traum befand ich mich auf einem Schiff. Es war ein mächtiges Schiff, und wir kamen an einen engen Kanal, den das Schiff ansteuerte. Ich konnte es nicht glauben, da kommen wir ja nie durch, dachte ich, aber das Schiff fädelte sich perfekt ein und fuhr ruhig und majestätisch weiter. Rechts und links lagen eng nebeneinander Häuser und kleine Gärten. Und plötzlich sass ich vor einem dieser Häuser auf einer Bank. Neben mir lag eine Löwin, ihren Kopf ganz dicht an dem meinen. Ihr Maul stand halb offen, ich sah die scharfen Zähne, die Spuckefäden, wie in der Reklame im Fernsehen, wo ein Löwe sich über einen mit Karamel gefüllten Schokoladenstab hermacht, und wie in der Reklame blickten ihre Augen sanft und freundlich. Und sie schnurrte beim Ausatmen. Wenn ich mich nicht rühre, wusste ich, tut sie mir nichts. So sassen wir eine ganze Weile da. Die Löwin schnurrte, und ich rührte mich nicht. Gerade als ich anfing, mir Sorgen zu machen, wie ich hier wohl wegkäme, hörte sie auf zu schnurren - und ich wachte auf.

Also, ich nehme ja an, dass ich geschnarcht habe ...

Noch weiter zurück liegt mein schönster und beeindruckendster Traum. Ich stehe vor einer wunderschönen Landschaft, eine tiefe Ebene und im Hintergrund ein immenser Wald. Und plötzlich fangen die Farben an zu leuchten, zu vibrieren, als seien sie etwas Lebendiges. Jetzt sehe ich auch ein Schloss. Ich gehe darauf zu, betrete es, gehe durch die immensen, leeren Säle und komme schliesslich in einen hohen Raum, in dem ich die schönste Musik meines Lebens höre. Eine Musik, die ich noch nie gehört hatte, als wenn Mozart, Brahms und Bach miteinander verschmelzen. Und kein Mensch weit und breit. Dieser Traum hat mich den ganzen Tag glücklich gemacht. Und ich sage gleich dazu, dass ich nie Drogen genommen habe, denn ich habe einmal irgendwo gelesen, dass gewisse Drogen diese Art von Farben hervorrufen. Es hiess auch einmal, dass man nur in Schwarz-Weiss träumen würde, was später dementiert wurde. Ich habe eh nicht daran geglaubt, denn ich träume immer in Farben.

Das Foto oben hat nichts mit der Geschichte zu tun. Der kleine Matrose auf seinem Boot stammt aus meiner Keramik-Zeit, da habe ich Miniatur-Keramiken angefertigt, weil ich nur einen winzigen Brennofen hatte. Und der Hintergrund besteht aus einem Teil eines selbstgemalten Bildes.

ENDE