Mein neues Auto

Vor zwei Jahren geschrieben

Vor einer Woche kam der telefonische Bescheid vom Autohaus, dass mein neues Auto eingetroffen wäre. Ich könnte es abholen, wann ich wollte, müsste ihnen nur vorher Bescheid geben, damit sie es vorbereiten könnten. Man erklärte mir noch, was ich meinerseits zu erledigen hätte, dann verabschiedeten wir uns.

Meine Tochter hatte sich für den folgenden Mittwoch freigenommen und mit Arthur und Cyril, die schulfrei hatten, fuhren wir zusammen zum Autohaus. Ich sass auf dem Beifahrersitz, Arthur und Cyril hinten. Und ich dachte mit sehr gemischten Gefühlen auf meine einsame Rückfahrt mit meinem neuen Auto.

Während der Fahrt tauschten meine Tochter und ich die letzten Neuigkeiten aus, während Arthur und Cyril ihr goûter, ihre Nachmittagsmahlzeit, aus der Tüte holten. Etwas später stupste Cyril mich an: "Mamie, ich kriege die Plätzchen nicht aus der Packung, sie geht nicht weiter auf!" Ich nahm ihm die runde Packung, in der fladenförmige Plätzchen aufgestapelt waren, aus der Hand, versuchte nun meinerseits, sie weiter aufzureissen - ohne Erfolg. Aber helfen konnte ich ihm trotzdem: "Sieh mal, du brauchst nur unten auf den Boden zu drücken, die Plätzchen steigen dann hoch, und du kannst sie leicht herausnehmen." Ich zeigte es ihm.

Er bedankte sich erfreut, und wir hörten nichts mehr von ihm. Meine Tochter und ich konnten uns weiter unterhalten, und weil ich nicht auf den Verkehr zu achten brauchte, liess ich meine Blicke nach draussen schweifen - bis Arthur leidvoll aufschrie: "Aber Cyril, du isst ja alles auf! Ich will auch ein paar Plätzchen haben!"

Ich drehte mich um. Cyril hielt seinem älteren Bruder eilig das Päckchen hin, aber viel war tatsächlich nicht mehr drin. Arthur drückte nun die noch vorhandenen Plätzchen wieder nach unten und versuchte seinerseits, die Packung aufzureissen. Natürlich hätte er es toll gefunden, wenn er darin besser gewesen wäre als Cyril und seine Oma, aber er scheiterte, genau wie wir. Nachdem er mir einen verstohlenen Blick zugeworfen hatte, drückte er die Plätzchen rasch wieder nach oben und beeilte sich, den noch vorhandenen Rest aufzuessen.

Im Autohaus wurden wir ausserordentlich freundlich empfangen. Es dauerte eine Weile, bis die letzten Dinge geregelt waren (das Nummernschild, die Versicherung...). In der Zeit sahen Arthur und Cyril sich begeistert mit ihrer Mutter die ausgestellten Autos an, bevor sie sich schliesslich verabschiedeten und nach Hause fuhren. Arthur musste noch seine Schulaufgaben zu Ende machen.

Nachdem mein Kundenberater mir genau alle Funktionen meines neuen Autos erklärt hatte, begab ich mich ziemlich gestresst auf die Rückfahrt. Zuerst ging es nicht ohne einige Hopser ab, aber je weiter ich fuhr, desto einfacher wurde es. Das Ungewohnte war vor allem all die Elektronik. Wieviel hat sich in dieser Hinsicht in den letzten 14 Jahren geändert! Bei meinem alten Auto musste ich die Fenster noch runter- und raufkurbeln, musste Türen und Kofferraum per Hand auf- und zuschliessen. Hier genügen einfache Knopfdrucke. Im Augenblick muss ich noch jedesmal überlegen, auf welchen Knopf ich drücken muss, aber sicher gewöhnt man sich schnell an den Komfort. Ich hoffe nur, dass das alles gut und lange funktionieren wird, denn man hört in dieser Hinsicht von allerlei Pannen!

Schliesslich kam ich gut zu Hause an, aber als B. mein neues Auto sah, für ihn war es das erste Mal, rief er entsetzt aus: "Ah non, ce ROUGE !" (Also nein, dieses ROT!)

Ich erklärte ihm noch einmal, dass ich nur die Wahl zwischen Rot und Weiss hatte, denn für diese beiden Farben waren die Preise niedriger. Nach vierzehn Jahren mit meinem weissen Auto hätte ich halt Lust auf dieses wunderschöne Chile-Rot gehabt. "Wenn du drinnen sitzt, siehst du doch auch gar nichts davon", beruhigte ich ihn. Ausserdem, fragt er mich etwa jedes Mal, wenn er Pflanzen für den Garten kauft, ob sie mir gefallen?

Er ging noch einmal um's Auto herum, und plötzlich lachte er: "Ah, j'aime ta grenouille!" (Ah, ich mag deinen Frosch!).

"B., das Auto ist ROT, nicht GRÜN!"

Er zeigte auf das Nummernschild: "BK, béka, das ist Frosch auf Ungarisch, meine Liebe!"

Er hatte die Lösung gefunden, um sich im Auto, das er seitdem liebevoll den Frosch nennt, wohl zu fühlen, und darüber musste ich nun wieder lachen ...

P.S. Ich sollte vielleicht noch erklären, dass B. vor Jahren, als wir uns noch nicht kannten, seinen Führerschein zerrissen hat. Der Verkehr in Frankreich sei ihm zu gefährlich, erklärte er mir ernsthaft, am Steuer wäre er eine Gefahr für die anderen und sich selbst gewesen. Allerdings war er schon vorher kein sehr aufmerksamer Fahrer, er sah sich lieber die Landschaft an als auf den Verkehr oder Hindernisse zu achten. Als die Fremdenlegion noch in Algerien stationniert war, gelang es ihm sogar einmal, in der Sahara mit seinem Jeep die einzige Palme weit und breit anzufahren. Die Palme und er selbst (er wurde hinausgeschleudert) haben es gut überstanden, der Jeep erheblich weniger.

ENDE