Das Schneegestöber brachte draußen den Straßenverkehr fast zum Erliegen, doch Kommissar Bertram Schwarz war überhaupt nicht nach weißer Weihnacht zumute. Am Vortag hatte ihn ein heftiger Schmerz im rechten oberen Weisheitszahn geplagt und er hatte sich einen Arzttermin für achtzehn Uhr dreißig geben lassen. Mittlerweile hatten die Beschwerden sich gelegt und er hatte keine Lust in die Praxis zu gehen. Bestimmt würde der Arzt den Zahn ziehen wollen, auch wenn er noch zu retten sein sollte.

Das Telefon in der Polizeiwache in der Frankfurter Innenstadt klingelte und schreckte den Kommissar aus seinen trüben Gedanken auf. Ausgerechnet fünf Minuten vor Schichtende! Seine Kollegin war schneller und hob ab.

"An der Hauswand gegenüber hat sich gestern ein kletternder Weihnachtsmann befunden", brüllte eine aufgeregte Stimme so laut aus dem Hörer, dass Bertram Schwarz mithören konnte. "Jetzt sind es zwei."

wie viel Gläschen der Anrufer denn intus hatte.

"Diese Art Dekoration verstößt gegen kein Gesetz", entgegnete die Polizistin belustigt.

"Aber der zweite Weihnachtsmann bewegt sich!"

"Wir werden der Sache nachgehen", beteuerte die Kollegin mit beschwichtigender Stimme, notierte die Adresse und legte auf. Dann verdrehte sie enerviert die Augen.

"Ich kann kurz dort vorbeifahren. Es liegt auf meinem Weg", bot Bertram Schwarz großzügig an. Wenn er beschäftigt war, musste er nicht über seinen Zahnarzttermin nachdenken.

In diesem Augenblick kam die Ablösung durch die Tür. Bertram Schwarz zog seinen langen Wollmantel über die Uniform, band sich einen Schal um den Hals und setzte die dazugehörige Mütze auf. Dann verließ das Polizeirevier und stieg in sein Auto. Draußen war es bereits völlig dunkel. Wenige Minuten später erreichte er eine Mietskaserne aus den sechziger Jahren nahe der Kleinmarkthalle. An einem Balkon im zweiten Stock turnte eine dieser lebensgroßen Weihnachtsmann-Attrappen, die seit einigen Jahren modern waren. Von dem zweiten Weihnachtsmann fehlte jede Spur. Als Bertram Schwarz sich anschickte, um das Haus herumzugehen, bemerkte er, dass im Erdgeschoß eine Fensterscheibe eingeschlagen war. Während er noch vergeblich im fahlen Licht der Laterne den Neuschnee unter dem Fenster nach Spuren absuchte, drang eine weibliche Stimme an sein Ohr.

"Man hat bei mir eingebrochen!" Bertram Schwarz drehte sich um und schaute in das runde Gesicht einer harmlos aussehenden Frau mittleren Alters, die eine schwere Kaufhaustüte in der linken Hand hielt. Die rechte hatte sie vor Schreck erhoben. "Das war garantiert dieser Kerl, der mir gefolgt ist. Er hat bestimmt gedacht, dass ich es nicht merke. Aber ich gucke jeden Freitag den Tatort."

Die schlechte Laune des Kommissars war wie weggeblasen.

"Könnten Sie mir den Mann genauer beschreiben?"

"Er war groß, trug einen roten Mantel und hatte einen langen weißen Bart."

"Also ein Weihnachtsmann?", rekapitulierte Bertram Schwarz ernüchtert.

"Ja, genau! Heute kann man keinem mehr trauen."

Fast hätte Bertram Schwarz gelacht, so absurd war die Situation.

Gemeinsam gingen sie zum Eingang, die Frau schloss zuerst die Haustür auf und dann eine Wohnungstür, auf deren Klingelschild der Name Elisabeth Reinhard stand. Sie betraten eine beengte Diele, deren Wände eine altmodische Blümchentapete zierte. Es roch nach Weihnachtsgebäck und Möbelpolitur. Neugierig blickte Bertram Schwarz durch den offenen Türspalt in ein dunkles Wohnzimmer mit niedrigem Couchtisch, klobigen Sesseln und altdeutscher Schrankwand, zu der der neue Fernseher nicht recht passen wollte.

Die Hausherrin war bereits in der Küche verschwunden und Kommissar Schwarz folgte ihr. Die Fensterscheibe war eingeschlagen, Glasscherben lagen auf dem Boden und eisige Luft strömte in den Raum.

Zum Glück stellte sich heraus, dass in der Wohnung weiter kein Schaden angerichtet worden war und auch nichts Wertvolles fehlte. Der Einbrecher hatte nur einen Karton aus der Küche entwendet. Darin hatte sich ein Terrakotta-Engel befunden, den Frau Reinhard mittags auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt gekauft hatte.

"Können Sie mir den Engel bitte möglichst genau beschreiben", fragte Bertram Schwarz und zog sein Notizbuch heraus.

"So groß." Sie zeigte mit den Händen die Höhe einer Blumenvase. "Er war weiß, sein Kleid war rosa und in der Hand hielt er als Kerzenständer ein Geripptes."

Der Kommissar blickte irritiert von seinem Notizblock hoch.

"Ein Äbbelwoi-Glas!" Sie stieß die Worte heraus wie eine Kriegserklärung. "Ich wollte ihn meiner Tochter schenken."

Wieder musste sich Bertram Schwarz ein Schmunzeln verkneifen. Er hätte gern das Gesicht des Einbrechers beim Öffnen des Päckchens gesehen. Mit mühsam aufrechterhaltener Selbstbeherrschung versprach er der noch immer ganz aufgewühlten Frau, der Sache nachzugehen und bat sie, ihr Telefon kurz benützen zu dürfen, um die Ergebnisse seiner Ermittlungen durchzugeben. Der Akku seines Handys war nämlich fast leer.

"Ihr müsst doch ein Team vorbeischicken, hier ist tatsächlich eingebrochen worden", teilte der Kommissar der Nachfolgeschicht mit. "Ich bin ja auf dem Weg zum Zahnarzt." Aber beim Gedanken an den Bohrer verspürte er regelrecht Sehnsucht seinen Weg dorthin noch etwas auszudehnen. Kurz entschlossen notierte er die Rufnummer, die auf Frau Reinharts Telefon stand.

Draußen war das Schneegestöber klirrender Kälte gewichen. Bertram Schwarz hatte noch eine halbe Stunde Zeit. Es konnte sicher nichts schaden, dem Händler auf dem Weihnachtsmarkt einen Besuch abzustatten. Mit langen Schritten überquerte der Polizist die Schnellstraße und eilte zum Römer, obwohl er sich keinen besonderen Erkenntnisgewinn aus dem Gespräch mit dem Verkäufer des geraubten Weihnachtsgeschenks versprach.

Kein einziger Kunde stand vor der kleinen Verkaufsbude, in der aus Ton gebrannte Engel jeder Größe ausgestellt waren. Das Modell mit dem Gerippten war noch viel kitschiger als Bertram Schwarz es sich vorgestellt hatte. Kein Wunder, dass immerhin noch fünf Exemplare auf einen neuen Besitzer warteten. Hinter der Theke stand ein hageres Männlein und rieb sich die Hände. Dann hauchte er sie an, machte aber mit seiner roten Nase noch immer einen völlig verfrorenen Eindruck. Der Inschrift an der Markise entnahm der Kommissar, dass der Betreiber Michael Neubert hieß.

"Guten Tag, Herr Neubert", sprach er ihn an und präsentierte seinen Dienstausweis. "Sie haben heute Morgen einen dieser Engel an eine Hausfrau verkauft?"

Anklagend zeigte er auf das Corpus Delicti. Ein plötzlicher Windstoß trieb ihm den angenehmen Geruch von Tannengrün in seine Nase, ließ ihn aber vor Kälte erschauern.

"Kann sein! Aber Sie erwarten doch hoffentlich nicht, dass ich mich an alle meine Kunden erinnere?"

Interpretierte er zuviel in die Reaktion hinein oder hatte der Mann Angst vor der Polizei? Aber vielleicht hatte ja jemand anderer den Engel verkauft.

"Sind Sie ganz allein am Stand?", erkundigte er sich und musterte erneut die kitschige Ware.

"Meine Tochter arbeitet ebenfalls hier."

Der Mann deutete nach hinten, wo der Kommissar erst jetzt ein hübsches, ganz in Schwarz gekleidetes Mädchen mit pechschwarz gefärbten Haaren erkannte. Sie war so schlank, dass sie magersüchtig wirkte, ein Eindruck, der von ihrer blassen Haut und den dunkel geschminkten Augen noch verstärkt wurde. Ihrem Vater sah sie überhaupt nicht ähnlich.

"Sonntags hat sie frei. Dann hilft mir der Kai. Das ist mein Neffe."

Also gab es immerhin drei Personen, die die Terrakotta-Figuren unter das Volk zu bringen suchten.

"Ich habe noch eine ganz andere Frage", wagte der Kommissar einen letzten Versuch. "Haben Sie heute morgen einen Weihnachtsmann in der Nähe ihres Standes gesehen?"

"Hier laufen ständig Weihnachtsmänner herum", blaffte ihn der Händler an und zum Beweis seiner Behauptung deutete der er vage in die Menge, in der sich jedoch kein einziger Rotkittel befand. "Wir haben schließlich den 13. Dezember."

Genauer gesagt war es Freitag, der 13. Dezember.

Bertram Schwarz steckte eine Visitenkarte des Engel-Manns ein und erkundigte sich nach Telefonnummer und Adresse des Neffen, der zu allem Überfluss nicht in der Innenstadt, sondern in Bockenheim wohnte. Bevor er sich jedoch auf den Weg machte, eilte er zum Glühweinstand. Da er längst Feierabend hatte, konnte ihm niemand das Trinken verbieten. Vor einer Weihnachtskrippe ließ sich eine strahlende junge Japanerin von ihrem Begleiter mit einem dampfenden Glas fotografieren. Das fröhliche Gelächter, das ihn umgab zerrte dem Kommissar, dem es vor dem Zahnarzt graute an den Nerven. Endlich hielt auch er ein Glas in der Hand. Hastig trank er einen Schluck Glühwein und verbrühte sich den Mund. Auch der Weisheitszahn rief sich wieder schmerzhaft ins Gedächtnis.

Aber der Einbruch ließ ihm keine Ruhe. Es bestand wohl kein Zweifel daran, dass der Täter ein Weihnachtsmann war, der dem Opfer vom Römer bis nach Hause gefolgt war. Er hatte den neuen Flachbildschirm nicht mitgenommen, weil er es von Anfang an nur auf den Engel abgesehen hatte. Aber wer klaute so etwas Kitschiges? Wer setzte sich dem Risiko eines Einbruchs aus, um eine Figur im Wert von zehn Euro zu rauben, die er hätte ganz in der Nähe käuflich erwerben können? Oder unterschied sich dieser Engel von seinen Verwandten? Hatte Herr Neubert oder seine Tochter vielleicht den falschen Engel verkauft oder hingen sie derart an ihrer Ware, dass sie ihre Kunden anschließend beraubten?

Man sollte auch das Umfeld des Opfers unter die Lupe nehmen. Ganz vorsichtig um sich nicht wieder zu verbrennen reizen schlürfte Bertram Schwarz etwas Glühwein an seinem Weisheitszahn vorbei in sich hinein. Dann rief er mit dem Handy Frau Reinhard an und ließ sich die Telefonnummer ihrer Tochter geben. Die Energieanzeige seines Handys zeigte inzwischen nur noch einen halben Balken. Trotzdem wagte er einen neuen Versuch.

Erst nach dem fünften Klingeln wurde der Hörer abgehoben. Der Schwiegersohn war am anderen Ende der Leitung. Von ihm erfuhr Bertram Schwarz, dass dessen Frau noch nicht von der Arbeit zurück war und dass sie in den vergangenen Jahren bereits zwei - wie sein Gesprächspartner sich ausdrückte - grässliche Weihnachtsengel von der Schwiegermutter geschenkt bekommen hatte. Er gab sich keine Mühe, Bedauern über den Diebstahl des neuen zu heucheln und legte grußlos auf.

Es blieb also nur noch der Neffe, der überprüft werden sollte. Er hatte zwar heute nicht in der Bude gearbeitet, hatte aber vielleicht an einem anderen Tag etwas Sachdienliches mitbekommen. Meine letzte Chance, den Zahnarztbesuch aufzuschieben, dachte der Kommissar und leerte sein mittlerweile abgekühltes Glas in einem Zug. Nachdem er sein Glas-Pfand abgeholt hatte entschied er sich nicht nur wegen des schlechten Wetters mit der U-Bahn nach Bockenheim zu fahren. Der öffentliche Nahverkehr bot ihm auch einen guten Vorwand, um sich bei der Sprechstundenhilfe für seine Verspätung zu entschuldigen. Eigentlich sollte er nämlich in zehn Minuten auf dem Zahnarztstuhl sitzen.

Eine Viertelstunde später stand Bertram Schwarz vor dem leicht heruntergekommenen dreistöckigen Haus, in dem der Neffe des Standbetreibers wohnte. Leider reagierte jedoch niemand auf die Klingel. Bertram Schwarz wollte schon wieder gehen, als sein Blick auf die Mülltonnen vor dem Haus fiel. Mit vor Kälte steifen Fingern öffnete er den Deckel der Tonne für Restmüll, sah aber nur Küchenabfall, Erde und die traurigen Überreste erfrorener Balkonpflanzen. Auch in der Glas- und der Altpapiertonne fand er keinen Engel.

Ein Fenster im Erdgeschoß wurde geräuschvoll geöffnet und ein fast kahler Rentner lugte mit argwöhnischer Miene hinaus.

"Was habbe Sie eischentlisch mit unsere Mülltonne zu schaffe?"

Der Kommissar wollte den Mann schon anherrschen, dass es ihn nichts anginge, und er sich doch lieber um seine eigenen Angelegenheiten als um die Ermittlungsarbeit der Polizei kümmern sollte, besann sich aber im letzten Augenblick und entgegnete förmlich: "Ich wollte mit Herrn Kai Neubert sprechen, aber ..."

"Sie meine doch sischer de Kai Schneider? Ich hab`s immer gewusst, dass die Polizei den irschendwann hole duut", fuhr ihm der alte Mann ins Wort. "Und die Freund, die den besuche sind aach nicht viel besser."

"Sein Onkel verkauft Engel auf dem Weihnachtsmarkt", versuchte der Kommissar sich zu vergewissern, ob sie vom gleichen Mann sprachen.

"Ja, des iss en astännische Mann, nicht so ein ..."

"Wissen Sie zufällig, wann dieser Kai Schneider zurückkommt?", unterbrach Bertram Schwarz die Tirade.

"Nit vor um acht. Er iss Student abber momendan jobbt er als Weihnachtsmann uff de Zeil. Was sin des bloß fer Zeite..."

"Danke! Sie haben mir sehr geholfen", beteuerte Bertram Schwarz und hastete zur nächsten U-Bahn-Station.

Als er am Römer die Rolltreppe zum Markplatz hochfuhr, schlug ihm ein scharfer Wind entgegen. Er stellte den Kragen seines Mantels hoch, zog sich die Mütze tief ins Gesicht und vergrub die Hände in den Manteltaschen. Trotzdem fröstelte er in der schneidend kalten Luft. Zahlreiche Besucher hatten sich in der Zwischenzeit auf dem Weihnachtsmarkt eingefunden und er musste sich einen Weg durch die Menge bahnen, bis er endlich wieder den Engelstand erreichte.

"Warum haben Sie verschwiegen, dass ihr Neffe Sie heute in seinem Weihnachtsmann-Kostüm besucht hat?", stellte er Herrn Neubert zur Rede. Mit finsterem Blick und verschlossenen Lippen stand er hinter der Theke, seine Tochter wie ein schwarzer Schatten hinter ihm.

"Der war nur kurz in seiner Mittagspause da, um eine Bratwurst zu essen."

Fassungslos starrte Bertram Schwarz den Engelverkäufer an, der seinen Blick ungerührt erwiderte. War Herr Neubert wirklich so begriffsstutzig oder hielt er ihn zum Besten? Bevor er sich nach dem Laden, für den sein Neffe arbeitete erkundigen konnte blieb der Blick des Kommissars auf den Engeln mit dem Gerippten haften und er stutzte. Verwirrt schloss er die Augen, öffnete sie wieder und zählte erneut die Figuren. Es lag nicht am Glühwein. Er kam wieder zu dem Ergebnis, dass es nicht mehr fünf, sondern inzwischen sechs Engel waren.

"Wo kommt der sechste Engel her?", fragte er die Tochter des Budenbetreibers, der sich in der Zwischenzeit unbemerkt verkrümelt hatte.

Diese schaute sich vorsichtig nach allen Richtungen um. Die Schatten um ihre Augen waren noch dunkler als zuvor.

"Sie werden in China produziert." Ihre rauchige Stimme, die sie verschwörerisch gesenkt hatte, passte zu ihrer gruftigen Aufmachung. "Aber das bleibt unter uns."

"Die Engel mit dem Äbbelwoi-Glas sind beschlagnahmt!", erklärte der Kommissar verärgert. Wahrscheinlich würden sich in einem von ihnen Spuren von Heroin oder einer anderen Droge finden. "Selbstverständlich stelle ich Ihnen eine Quittung dafür aus."

Sein Handy meldete sich lautstark und er schrak zusammen. Eine ihm unbekannte Frankfurter Nummer blinkte auf dem Display. Trotzdem hob er ab, wenn auch mit einem flauen Gefühl im Magen.

"Hier Praxis Dr. Schilling", meldete sich eine barsche weibliche Stimme. "Wo bleiben Sie denn? Der Doktor erwartet Sie seit einer halben Stunde! Bald schließt unsere Praxis."

"Tut mir leid. Mir ist etwas Berufliches dazwischen gekommen. Ich habe Sie vor lauter Aufregung ganz vergessen." Tatsächlich hatte er die letzte Viertelstunde ausnahmsweise nicht an den Zahnarzt und seinen Bohrer gedacht. "Ich melde mich Morgen wegen eines neuen Termins", beteuerte der Kommissar automatisch, obwohl das Gespräch längst durch den Energiemangel unterbrochen worden war.

Er muss plötzlich niesen und drehte sich deshalb kurz zur Seite, sah aber aus den Augenwinkeln einen Weihnachtsmann, der mit einer schnellen Bewegung einen der Engel mit dem Gerippten in seinem großen, braunen Sack verschwinden ließ.

Bertram Schwarz wirbelte herum. Dabei streifte er aus Versehen eine Engelfigur, die herunterfiel und in tausend Scherben zerbrach. Jetzt waren es nur noch vier.

"Habe ich Sie auf frischer Tat erwischt! Kai Schneider!", entfuhr es ihm und er fingerte nach seinem Dienstausweis.

Plötzlich sah er ein Messer in der Hand des Weihnachtsmannes blitzen. Sein Herz machte einen Satz und schlug ihm dann bis zum Hals. Das Mädchen stieß einen unterdrückten Schrei aus, der Kommissar machte einen schnellen Ausfallschritt zur Seite und griff nach einem Terrakotta-Engel, den er dem Angreifer entgegenschleuderte. Der Weihnachtsmann duckte sich, der Engel verfehlte knapp den Kopf einer dicken Frau und zerschellte am Pfosten des Glühweinsstands. Bevor sein Gegner sich wieder gefasst hatte und flüchten konnte, packten ihn zwei kräftige Männer an den Schulten und drehten ihm die Arme auf den Rücken. Obwohl er sich nach Leibeskräften wehrte, legten sie ihm schließlich Handschellen an.

"Drogendezernat!", verkündete der jüngere von ihnen, während der andere dem Gefangenen den Jutesack abnahm, den dieser noch immer mit seiner freien Hand umklammerte.

Wütend riss Bertram Schwarz dem Weihnachtsmann seinen weißen Rauschebart vom Gesicht, um dessen Inkognito zu lüften. Er war auf die jugendlichen Züge eines Studenten gefasst. Aber vor ihm stand Michael Neubert mit vor Zorn funkelnden Augen, der die verbliebenen drei Engelfiguren fixierte.

"Seien Sie froh, dass wir ihn seit ein paar Tagen observieren. Wir hatten ihn schon seit langem in Verdacht, dass er dealt", mischte sich der ältere Drogenfahnder in einem besserwisserischen Tonfall ein. "Jetzt wissen wir auch, warum er sich gestern von seinem Neffen den roten Mantel geliehen hat."

"Der Kai hat damit nichts zu tun", erklärte die Tochter, die aus ihrer Erstarrung zu erwachen schien vorsorglich. "Und ich hatte natürlich auch keine Ahnung."

Ob man wohl Frau Reinhard den Engel zurückerstatten würde, damit sie ihre Tochter damit beglücken konnte? Der Kommissar schluckte hart und biss dabei die Zähne aufeinander. Wie ein Blitzschlag durchfuhr ein heftiger Schmerz seinen Weisheitszahn und er verzog das Gesicht. Er würde wohl nicht umhin kommen, am nächsten Tag den Zahnarzt zu konsultieren, aber momentan brauchte er auf den Schreck noch ein Glas Glühwein.