Cyrils eingeklemmte Finger

geschrieben vor drei Jahren

Vor ein paar Tagen rief ich Nicole an, die jetzige Partnerin meines ersten Mannes. Wir sind zu guten Freundinnen geworden. Sie berichtete mir, dass sie am letzten Sonntag meine (und natürlich meines Ex-Mannes) jüngere Tochter mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen Arthur (8) und Cyril (5) zu Besuch hatten.

"Und da ist dann das Unglück passiert", seufzte sie. "Cyril lief in den Vordergarten. Ich dachte, er wollte sich die Goldfische im kleinen Teich ansehen, er füttert sie so gern, aber er rannte auf die Gartenpforte zu. Er öffnete sie, was mir einen grossen Schreck einjagte, denn die Strasse ist gefährlich. Gewöhnlich schliessen wir die Pforte ab, wenn die Kinder da sind, diesmal hatten wir das unglücklicherweise vergessen. Ich rannte also nach vorn und konnte sie gerade noch vor Cyril zuwerfen. Nur hatte ich nicht gesehen, dass er schon seinen Finger dazwischen hatte, den er sich nun einklemmte. Das hat mir so etwas von leid getan, der arme Kleine. Ich hab ihn sofort ins Bad mitgenommen und kaltes Wasser über seinen Finger laufen lassen, um den Schmerz zu lindern und zu verhindern, dass er anschwoll. Es schien nicht wirklich schlimm zu sein, der Nagel wurde auch nicht blau, trotzdem ist so etwas ja sehr schmerzhaft. Aber Cyril hat nicht geweint, was mir sehr imponiert hat. Nachher werde ich mal bei ihnen anrufen und mich erkundigen, ob alles in Ordnung ist und mich noch einmal bei Cyril entschuldigen."

Ich beruhigte sie. Ein eingeklemmter Finger war immerhin besser als sich auf der Strasse von einem Auto überfahren zu lassen, selbst wenn es nur eine kleine Strasse mit wenig Verkehr ist, und wir sprachen dann von anderen Dingen.

Gleich danach rief ich bei meiner Tochter an. Es war Cyril, der abhob: "Hallo oui?" fragte er erwartungsvoll. Er geht für sein Leben gern ans Telefon.

"Hier ist Oma Gisela. Wie geht es denn deinem Finger, Cyril? Nicole hat mir erzählt, dass du ihn dir bei Opa in der Gartenpforte eingeklemmt hast. Sie hat mir auch gesagt, dass du nicht geweint hast. Du bist wirklich ein tapferer Junge!"

Erstaunlicherweise ging er nicht darauf ein, sondern fuhr rasch anklagend fort: "C'était la deuxième fois!" (Es war das zweite Mal!) Jetzt wollte wohl meine Tochter wissen, wer am Telefon war, denn er sagte: "C'est Mamie Gisela." Und zu mir: "Je te passe Maman." Und weg war er.

Meine Tochter und ich begrüssten uns, dann fragte ich sie: "Ist es nicht zu schlimm mit Cyrils eingeklemmten Finger? Nicole will dich nachher anrufen, sie macht sich Sorgen und Vorwürfe. Aber sie hat mir gesagt, dass er nicht geweint hätte, was ihr sehr imponiert hat."

Sie lachte ein bisschen: "Nein, nicht vor Nicole, aber als wir nachher im Auto waren, ist er gleich in Tränen ausgebrochen: 'Aie, aie, ça fait mal, ça fait mal!'" (Aua, aua, das tut weh, das tut weh!) Der Arme, am Vortag hatte er sich nämlich schon einen anderen Finger in der Autotür eingeklemmt. Zum Glück war es beide Male nicht wirklich schlimm, aber weh tut es schon. Wir haben darauf das Auto angehalten, und ich habe mich nach hinten gesetzt, um Cyril in die Arme zu nehmen und zu trösten."

Jetzt verstand ich natürlich, dass Cyril nicht auf mein Kompliment eingegangen ist. Aber mir wurde wieder einmal klar, dass das Leben eines kleinen Jungen, besonders, wenn er einen grösseren Bruder hat, nicht ganz einfach ist. Cyril tut alles, um besser und stärker zu sein als Arthur. Er bläst seinen Brustkorb auf, rollt mit den Schultern, spricht mit tiefer Stimme (wenn er daran denkt), will genauso gut sprechen und bessere Noten in der Schule haben als er. Und natürlich will er auch tapferer sein, wenn er sich weh tut. Das letztere klappt auch ganz gut, bis er seine Mama sieht und urplötzlich wieder zu einem kleinen, liebe- und trostbedürftigen kleinen Jungen wird, was seine Mutter und auch mich sehr bewegt, worüber er selbst aber alles andere als stolz ist. Arthur ist da viel cooler, aber er hat halt keinen grossen Bruder, dem er imponieren will (muss?). Er IST der grosse Bruder.

Als ich B. die Geschichte erzählte, müssen ihm einige Erinnerungen zurückgekommen sein, denn er hat gelacht und dann ein bisschen geseufzt, und mir erklärt, dass es das Testosteron ist, das daran schuld sei, dass schon die kleinen Jungen sich aneinander messen müssen. Der Höhepunkt der Testosteronproduktion sei mit 20 Jahren erreicht, danach nähme sie dann langsam ab. Also, da haben kleine Mädchen es zumindest in dieser Hinsicht doch leichter. Sie produzieren viel weniger Testosteron und unterliegen nicht oder erheblich weniger dem Diktat dieses Hormons.

P.S. von heute: Das Bild oben hat Arthur vor ? Jahren gemalt. Ist es ein Feuerwerk? Oder sind es Spinnen?

ENDE