1. Taormina

Ich hätte nicht erwartet, Holmes jemals wieder zu sehen und schon gar nicht im Hochsommer auf Sizilien. Aber letzten Monat hatte er mir unerwartet eine Depesche aus dem Sudan1 geschickt, in der er seine Absicht, Taormina Ende Juli zu besuchen angekündigt und den Wunsch geäußert hatte, meine Aufzeichnung unserer gemeinsamen Abenteuer zu begutachten. Wahrscheinlich befürchtete er, ich könnte meine Berichte zu romanhaft ausschmücken. Bei jedem anderen hätte ich vermutet, die Hitze auf dem Schwarzen Kontinent sei ihm schlecht bekommen. Aber Holmes unterstellte ich, dass er derartigen Kleinigkeiten wie Breitengraden und Jahreszeiten schlicht keine Bedeutung beimaß. Es bedurfte einiger Überredungskunst, um meinen Schwager davon zu überzeugen, dass er die Produkte seiner auf Reproduktionen spezialisierten Steinmetz-Werkstatt auch in dem sizilianischen Modeort2 anbieten sollte. Aber ich war erfolgreich.

Als mein Zug zwei Wochen später im prächtigen, in Jugendstilformen errichteten Bahnhof Taormina-Giardini einfuhr, war es so heiß, dass die Luft flimmerte. Ich hievte meinen Koffer die Stufen des Wagons herunter und hatte einige Mühe, offizielle und selbsternannte Kofferträger und Schlepper von Hotels und Restaurants abzuschütteln, die am Bahnsteig auf die Neuankömmlinge warteten. Die meisten von ihnen waren barfüßige Knaben und Jungendliche.

Als ich mir meinen Weg durch die Menge gebahnt hatte, blieb ich vor dem Bahnhof stehen. Mein Blick glitt zum azurblauen Meer herunter, auf dem sich die Sonne spiegelte und blieb auf drei Segelschiffen haften. Der Himmel war wolkenlos und von wunderbarer Klarheit. Einen weniger erfreulichen Anblick bot die Landschaft. Das Gras war verdörrt, die Erde vertrocknet, nur die Ohrenkakteen und die knorrigen Olivenbäume schienen noch zu leben.

Ein Esel, der einen bunt bemalten Karren zog trabte die Straße entlang. Auf dem Kutschbock saß ein von der Sonne verbranntes dürres Männlein, das mich mit schwarzen Augen beäugte als sei ich ein Wahnsinniger.

"Sie hätten Taormina im Frühling besuchen sollen. Dann blühen hier überall Blumen", sagte er, falls ich seinen sizilianischen Dialekt richtig verstand. Holmes, durchfuhr es mich und ich wollte ihn schon begrüßen. Aber der Sizilianer fuhr an mir vorbei. Ich schalt mich selbst einen Narren. Schließlich hatte ich Holmes meinen Ankunftstermin nicht ankündigt, da im Telegramm keine Adresse im Sudan angegeben war, an die ich hätte antworten können.

Ich winkte einen Kofferträger herbei und nannte ihm den Namen des Hotels, in dem Holmes absteigen wollte. Nach wenigen Minuten gelangte ich zu einem kleinen Palazzo mit Zinnen auf dem Dach und steiler Wendeltreppe. Als ich eintrat stand Holmes an der Rezeption und trommelte nervös mit den Fingern auf der Theke herum. Mit seiner hageren Figur, der ungesunden Hautfarbe und den Schatten unter den Augen sah genauso aus wie vor seiner Abreise nach Tibet. Auch innerlich schien er sich in der Zwischenzeit überhaupt nicht verändert zu haben.

"Sie kommen eine halbe Stunde später als ich erwartet habe", stellte er in einem missbilligenden Tonfall fest. Wie immer, wenn er keinen Fall bearbeitet, hatte offenbar eine düstere Stimmung von ihm Besitz ergriffen. "Ihr Zimmer ist schon vorbereitet. Wenn Sie Ihren Koffer ausgepackt haben, können wir in der Trattoria des Hotels eine Kleinigkeit essen."

"Mein Zug hatte Verspätung", entgegnete ich, tat Holmes aber nicht den Gefallen, nachzufragen, woraus er den planmäßigen Zeitpunkt meiner Ankunft geschlossen hatte.

Zwanzig Minuten später saßen wir bereits im Gastraum, der in einem Keller untergebracht war, in dem die Temperaturen sich kaum von der drückenden Hitze draußen unterschied. Wir bestellten gegrillten Schwertfisch und den Hauswein. Eigentlich hatte ich vor Holmes um einen Bericht seiner Erlebnisse der letzten Jahre zu bitten. Aber kaum hatte ich mir Wein aus der einfachen Glaskaraffe eingeschenkt, hörte ich schwere Schritte auf der Treppe, die meine Aufmerksamkeit erregten.

"Sherlock Holmes! Ich dachte, Sie sind tot", trompetete eine Stentorstimme auf Englisch in den Raum herunter. Sie gehörte einem untersetzten Mann mittleren Alters, der sich sehr aufrecht hielt und Holmes anstarrte wie ein Gespenst. Der Fremde war fast kahl, trug aber einen großen, buschigen Schnurbart. Seine Kleidung passte von den Lackschuhen bis zum Stehkragen wie angegossen. Doch trotz seiner korrekten Garderobe und seiner tadellosen Haltung wirkte er bekümmert.

"Nicht so laut!", raunte ich ihm zu und schaute mich nach den anderen Gäste um. Glücklicherweise waren sie alle ins Gespräch vertieft. Sonst hätte der Ausruf Holmes' Inkognito beendet.

"Mein Herr, Sie verwechseln mich", widersprach Holmes ungerührt. "Mein Name ist Sven Sigerson und ich habe Sie noch nie gesehen."

Ich fuhr halb in die Höhe, ließ mich aber wieder sinken, da Holmes sich nicht von der Stelle gerührt hatte.

"Aber erkennen Sie mich denn nicht wieder?", fragte der Unbekannte, der mittlerweile zu unserem Tisch geschritten war. "Ich bin Colonel Hayter. Sie haben mich zusammen mit Doktor Watson in Reigate besucht. Dort haben sie den Mord am Kutscher meiner Nachbarn aufgeklärt.3 Leider ist mir der Name des armen Jungen entfallen." Holmes signalisierte mit einem Achselzucken, dass er ihm nicht auf die Sprünge helfen konnte oder wollte. "Ich freue mich, Ihnen begegnet zu sein. Es haben sich vor einiger Zeit in meiner näheren Umgebung seltsame Dinge ereignet und ich wüsste gern, was Sie davon halten."

Auf Holmes' meist so reglosen Gesicht spiegelte sich der Kampf zwischen Vorsicht und Neugier wieder.

"Sie können mir gern berichten, was vorgefallen ist, aber nur unter der Bedingung, dass Sie mich Mister Sigerson nennen", sagte er schließlich und lud den Colonel ein sich zu uns zu gesellen.

Darauf hatte er nur gewartet.

"Wie Sie möchten, Mister Holmes! Entschuldigen Sie, das ist mir eben nur so herausgerutscht", stammelte er und ließ sich auf einem der schlichten Holzstühle nieder. "Doktor Watson hatte mich damals gewarnt, dass Sie reichlich exzentrisch sind, aber ..." Er ließ den Satz unbeendet. Sein Blick wanderte zu mir und seine Augen verengten sich.

"Es handelt sich um eine vertrauliche Angelegenheit."

"Das ist unser Landsmann Mister David Tristram", stellte Holmes mich vor. "Er hat mir schon bei mehreren Fällen assistiert. Ich habe keine Geheimnisse vor ihm."

Der Colonel öffnete den Mund, aber Holmes forderte ihn mit einer theatralischen Geste zum Schweigen auf.

"Sagen Sie nichts..." Holmes Blick glitt an der bulligen Gestalt unseres Gesprächspartners herunter. "Wenigstes ihre Finanzen können es nicht sein, die Ihnen Sorgen bereiten. Aber nach Ihrer Rückkehr aus Afghanistan konnten sich einfach nicht an das feucht-kalte Wetter in der Heimat gewöhnen. Daher traf es sich gut, dass Sie eine Erbschaft gemacht haben. So konnten Sie ihr Heim in Surrey verkaufen und ein Anwesen auf Malta erworben. Dort haben Sie viel Zeit am Schreibtisch verbracht, was Sie am Anfang einige Überwindung gekostet hat. Aber mittlerweile haben Sie Gefallen daran gefunden. Deshalb haben Sie sich auch eine Brille angeschafft, die sie früher nicht getragen haben, obwohl Sie seit langem kurzsichtig sind."

"Das grenzt an Zauberei!", entfuhr es Colonel Hayter verblüfft. Mit einer automatischen Handbewegung schob er seinen Kneifer auf dem Nasenrücken hoch.

"Das ist alles ganz unübersehbar", sagte Holmes bescheiden. "Bei meinem Besuch in Ihrem Haus ist mir Ihre gerötete Nase und ihr ständiges Hüsteln aufgefallen. Offenbar litten Sie damals unter einer chronischen Bronchitis, die Sie inzwischen völlig auskuriert haben. Die Hitze scheint Ihnen weniger zuzusetzen, sonst würden sie nicht in Juli nach Sizilien reisen."

Seine Laune hatte sich im Verlauf der Unterhaltung zusehends gebessert. Er war vor Energie kaum zu bändigen Es bedurfte nur einer kleinen Demonstration seiner Talente, um ihn aus seiner Schwermut zu reißen.

"Ich habe hier einen Regimentskameraden getroffen, den ich seit langem nicht mehr gesehen hatte", behauptete der Colonel.

Doch ein alter Soldat verwendete sicherlich kein Parfüm. Trotzdem verströmte unser Gesprächsteilnehmer einen leichten Veilchenduft.

"Ihre der neuesten Mode entsprechende, maßgeschneiderte Kleidung zeigt, dass sich nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch Ihre Finanzen in der Zwischenzeit gebessert haben", für Holmes mit dem Feuerwerk seiner brillanten Schlussfolgerungen fort. "Den auffälligen Ring an Ihrer linken Hand, den Sie früher nicht trugen hat Ihnen Ihr Verwandter, wie ich vermute Ihr Onkel mütterlicherseits vermacht. Das Wappen an Ihrer Krawattennadel verrät Ihren neuen Wohnort."

Es zeigte einen gelben Löwen auf rotem Schild, der eine Mauerkrone trug. Später erfuhr ich, dass es sich um das Emblem der Stadt La Valetta handelt.

"Warum ausgerechnet Malta?", erkundigte ich mich.

"Weil ich keine Fremdsprache lernen wollte", war die etwas unwirsche Antwort. "Was die Arbeit am Schreibtisch betrifft, so bin ich dabei, ein Buch über den Duke of Edinburgh zu schreiben." Mein verständnisloser Gesichtsausdruck ließ ihn stocken. "Sie kennen doch Prinz Alfred, den zweitgeborenen Sohn unserer verehrten Königin?"

"Ich lebe schon lange in Florenz und habe inzwischen den Überblick über die zahlreichen Nachkommen Königin Victorias verloren", begann ich, bevor ein Erinnerungsfetzen in mir aufstieg. "Der Admiral der Mittelmeerflotte?"

Unser Gesprächspartner nickte. Im gleichen Augenblick trat die resolute Wirtin an den Tisch, um unseren Fisch zu servieren, den ich vor Aufregung völlig vergessen hatte.

"Sie wünschen bitte, Signore?", fragte sie den Colonel in holprigem Englisch.

"Ich möchte das gleiche wie Sie", brummte er enerviert.

Holmes übersetzte die Bestellung und bat die Matrone, eine neue Weinkaraffe zu bringen. Dann stach er mit der Gabel in die knusprige Fischhaut. Sie zischte leise, während der Schwertfisch ein köstliches Aroma verströmte. Auch ich machte mich hastig über die Mahlzeit her. Man konnte bei Holmes nie wissen, ob er plötzlich aufsprang und seinen Teller im Stich ließ.

"Ich habe mich noch nie besonders für die Marine erwärmen können. Wasser ist mir ein zu unbeständiges Element", bekannte er, als die Karaffe und ein zusätzliche Gas auf dem blütenweißen Tischtuch standen und sah seinen Gesprächspartner aufmunternd an.

"Vor drei Wochen betrat ich gegen zwölf Uhr den Lesesaal der Bibliothek von La Valetta", setzte dieser seinen Bericht fort. "Vor einiger Zeit hatte ich dort die Bekanntschaft eines gewissen Peter O'Brien gemacht, der als Angestellter der Kolonialverwaltung im Gouverneurspalast arbeitete und oft seine Mittagspause in der Bücherei verbrachte. Er besserte nämlich seinen mageren Salär damit auf, dass er für jemanden eine Abhandlung über Caravaggios Aufenthalt auf Malta schrieb. Leider weiß ich nicht viel über meinen Bekannten, denn er redet nie über sich oder über seine Familie. Aber ansonsten ist er ein anregender Gesprächspartner. Außerdem hat er mich einem Kreis von kultivierten Landsleuten vorgestellt, der sich einmal im Monat im Haus eines der Mitglieder trifft. Dafür war ich ihm sehr dankbar."

"O'Brian kling irisch", stellte ich fest. Der Colonel verscheuchte eine Fliege bevor er zum Zeichen der Zustimmung nickte. "Hat nicht ein Ire vor einigen Jahren in Australien ein Attentat auf Ihren Admiral verübt?"

Wie Holmes las auch ich in der Zeitung vor allem die Kriminalberichterstattung.

"Das stimmt. Aber ist aber doch wohl kein Grund, einen Groll gegen alle Iren zu hegen." Der Colonel schaute uns tadelnd an, bevor er endlich sein Glas zum Mund führte. "Sie bringen mich mit Ihren Fragen völlig aus dem Konzept", sagte er dann leicht verärgert.

Ich zuckte entschuldigend mit den Schultern und fischte mit spitzen Fingern eine Gräte aus meiner Fischportion, um dem alten Soldaten nicht ins Gesicht schauen zu müssen. Er war so aufgeregt, dass er nur lustlos in seinem Essen herumgestochert hatte, das ihm inzwischen serviert worden war.

"An diesem Mittag traf ich meinen Bekannten nicht an. Auf seinem Arbeitsplatz lag ein dickes Buch über die Malerei des 17. Jahrhunderts, weshalb ich annahm, dass er den Raum nur kurz verlassen hätte. Während ich auf ein Buch, das ich bestellt hatte wartete, blätterte ich gelangweilt in dem Kunstband herum. Kurze Zeit später betrat ein kleiner, gedrungener Mann mit schwarzem Haar den Raum. Er ging zielstrebig auf mich zu und fragte mich mit schwerem Akzent, ob ich der Ritter von Malta sei. Zuerst vermutete ich, es mit einem Wahnsinnigen zu tun zu haben. Dann begriff ich, dass er mich mit Peter O'Brien verwechselte, weil ich auf dessen Platz saß. Ich wies den Fremden auf seinen Irrtum hin, er stieß einen leisen Fluch aus, entschuldigte sich dann halbherzig und stürmte so eilig aus dem Lesesaal, dass er fast mit dem Bibliothekar zusammengestoßen wäre."

"Sehen Sie Ihrem Bekannten ähnlich?", fragte Holmes.

Dann schob er ein Stück Fisch in den Mund und kaute gedankenverloren.

"Vielleicht könnte man uns von hinten verwechseln, denn er war in seinen jungen Jahren ebenfalls bei der Armee. Aber ich bin mindestens Zehn Jahre jünger als Peter O'Brien", antwortete der Colonel nachdenklich. "Ich hatte die Sache fast vergessen. Aber am nächste Morgen musste ich erfahren, dass man in der Wohnung meines Bekannten eingebrochen hatte. Er selbst war am Morgen zur üblichen Zeit zur Arbeit aufgebrochen, ist aber nicht dort angekommen und wurde seitdem von niemandem mehr gesehen."

"Faszinierend!", war Holmes' reichlich herzloser Kommentar. "Was wurde bei dem Einbruch gestohlen?"

"Daran entsinne ich mich nicht. Es war jedenfalls nichts Wertvolles darunter." Unser Gesprächspartner schaute finster in sein Glas, bevor er sich einen großen Schluck Wein genehmigte. "Außerdem gibt es noch etwas, was mir nicht gefällt: Als ich das nächste mal die Bücherei besuchte, winkte mich der Mitarbeiter an der Ausleihe zu sich und teilte mir mit, dass sich ein Mann nach meinem Namen und meiner Adresse erkundigt habe. Die Beschreibung seines Äußeren passte auf den seltsamen Gesellen, der mich als Malteser Ritter adressiert hatte. Zwar beteuerte der Bibliotheksmitarbeiter hoch und heilig, meine Anschrift nicht herausgerückt zu haben. Aber ich habe da meine Zweifel, denn der gute Mann ist sehr redselig."

"Sie haben ihn hoffentlich nach dem Namen des Mannes gefragt", unterbrach Holmes.

"Selbstverständlich." Die Züge des Colonels verdüsterten sich bei der Erinnerung. "Aber leider ist er nicht bei der Bibliothek registriert."

"Sie würden ihn aber wiedererkennen?"

Unser Gesprächspartner kratzte sich verlegen am Kinn.

"Da bin ich mir nicht sicher. Für mich sehen alle Südländer gleich aus."

Ich hatte mich schon die ganze Zeit gezwungen, langsamer als sonst zu essen, um nicht als einziger vor einem leeren Teller zu sitzen. Nun drohte mein Essen kalt zu werden und ich schnitt ein Stück von meinem Schwertfisch ab und schob es mir in den Mund.

"Ob die Malteser Ritter die Insel zurückerobern wollten?", sinnierte ich, nachdem ich den Bissen gekaut und heruntergeschluckt hatte.

"Es könnte mehr hinter der Sache stecken als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Auch befürchte ich, dass auf einer abgeschiedenen Insel im Verborgenen schreckliche Dinge geschehen können", bemerkte Holmes ohne zu zögern. Also schien ihm meine Bemerkung nicht zu weit hergeholt. "Aber ich habe noch eine Frage: Wer hat den Einbruch zuerst bemerkt?"

"Ein Polizist auf Nachtstreife. Er sah gegen ein Uhr morgens eine zerbrochene Fensterscheibe zweiten Stock, die bei seiner letzten Runde noch heil war. Daher klopfte er vehement an die Tür, bis ihm Hausmeister öffnete und weckte dann Peter O'Brians Familie. Auf dem Boden der Bibliothek lagen überall Bücher herum aber der Einbrecher hatte keine Spuren hinterlassen, an denen man ihn hätte identifizieren können. Auch hat er keinen Bewohner der Wohnung geweckt, die alle bereits zu Bett gegangen waren."

"Sie haben ja eine tüchtige Polizei in La Valetta. In London halten die Streifenpolizisten nicht nach defekten Fenstern in Mietshäusern Ausschau", bemerkte Holmes und zog ein Stück Fisch durch die Soße. "Habe ich das vorhin richtig verstanden und der Einbrecher ist durch ein Fenster im zweiten Stock eingestiegen?", vergewisserte sich er in einem ungläubigen Tonfall.

"Man sagt, er sei die Regenrinne hochgeklettert."

"Das war offenbar ein sportlicher Bursche. Ist er auch in andere Wohnung eingebrochen?"

"Seltsamerweise nicht! Dabei leben wohlhabendere Mieter im Haus."

"Dieser Einbrecher war kein Profi. Sonst hätte er einen Dietrich benutzt. Auch hätte sich ein Berufsverbrecher die Etagen hochgearbeitet", beurteilte Holmes und stocherte gedankenverloren in seiner Mahlzeit herum. "Trotzdem entnehme ich Ihren Worten, dass die Polizei den Einbruch nicht aufgeklärt hat?"

"Sie hat nicht die geringste Spur. Was aber noch schlimmer ist: Sie nimmt sie das Verschwinden des Hausherrn nicht ernst. Bevor sie keine Leiche hat, geht sie nicht von einem Gewaltverbrechen aus."

Colonel Hayter atmete tief durch und zog die Augenbrauen zusammen.

"Mister Holmes."

Ein eisiger Blick aus scharfen, grauen Augen brachte ihn zum Verstummen. Unser Gesprächspartner stellte sein Glas auf den Tisch, räusperte sich und holte tief Luft.

"Ich meinte natürlich Mister Sigerson. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Als alter Soldat bin ich nicht besonders ängstlich, aber das Verschwinden meines Bekannten hat mich doch ziemlich beunruhigt. Außerdem es gefällt mir einfach nicht, dass man mir nachspioniert. Ich wäre Ihnen daher sehr verbunden, wenn Sie sich der Sache annehmen würden. Wie Sie bereits wissen, bin ich nicht unvermögend. Am Geld soll es daher nicht liegen. Übermorgen kehre ich wieder nach Malta zurück. Ich wäre erfreut, wenn Sie in La Valetta bei mir Quartier nehmen würden."

Einen Augenblick lang herrschte Schweigen. Aber ich war sicher, dass Holmes' Vorliebe für ausgefallene Dinge über seine Vorsicht die Oberhand gewinnen würde.

"Sie haben Glück, dass ich mich zufällig für die auf Malta vorkommenden dunklen Bienen interessiere. Außerdem entbehrt dieser Fall nicht einiger interessanter Aspekte" Holmes machte eine kurze Pause, um einen Schluck Wein zu trinken. Dann schaute er mich fragend an. "Mister Tristram, würde es Ihnen etwas ausmachen, die Statuen Ihres Schwagers nicht in Sizilien, sondern auf Malta zu vertreiben?"

"Mit dem größten Vergnügen", entgegnete ich hocherfreut, obwohl ich bezweifelte, dass mir letzteres gelingen würde.

Höchste Zeit, in den verbleibenden eineinhalb Tagen sämtlichen Andenkenhändlern Taorminas den Musterkatalog der Firma Boldoni zu präsentieren, der Abbildungen von kitschigen Engeln und verkleinerte Repliken des David von Michelangelo enthielt. Aber bedauerlicherweise kam ich doch nicht dazu, weil Holmes mich bat, alle in Taormina verfügbaren Informationen über die den Ritterorden und Caravaggio zusammenzutragen.

1 Nach seinem Kampf mit Professor Moriaty war Holmes nach Florenz geflüchtet, wo er David Tristram kennengelernt hatte. Von Italien hatte ihn sein Weg über Tibet und Persien in den Sudan geführt.

2 Im späten 19. Jahrhundert wurde Taormina von Künstlern, wie Oscar Wilde geschätzt und war ein beliebter Winteraufenthaltsort europäischer Adliger.

3 Beschrieben im Fall: Der Junker von Reigate.

gFP_540253_ /13.01.2014 / Seite5