Die Brüste der Frauen - und anderes

geschrieben vor drei Jahren

...

Gestern unterhielten B. und ich uns wie immer angeregt beim Abendessen. Tagsüber war es sehr warm gewesen, wir hatten immer noch über 30°, und ich sagte: "Heute, und vor allem bei solchen Temperaturen, bin ich froh über meine kleinen Brüste. Wenigstens fällt es kaum auf, wenn ich keinen BH trage." Ich atmete tief durch und streckte mich behaglich. Tatsächlich trage ich nur noch äusserst selten einen Büstenhalter. Dieses Gefühl, eingeengt zu sein, war mir unerträglich geworden, und dann, sage ich mir, wer guckt da schon bei einer Oma wie mir noch hin?

B. lächelte mir zu. Auch er mag jetzt gern bequeme Kleidung. Früher trug er massgeschneiderte Anzüge, grosse Klasse. Jetzt läuft er am liebsten mit ausgeleierten Joggings herum. Nun ja, wenn wir zu Hause sind.

"Um mich zu trösten", fuhr ich fort, "sagte meine Mutter, die ebenfalls kleine Brüste hatte: 'Klein ist fein', was sie aber nicht daran hinderte, ein Taschentuch und später Pölsterchen in ihre Büstenhalter einzulegen. Nun ja, ihr Männer seht doch immer auf unsere Brüste."

"Und ihr Frauen auf unseren - hmm - zizi*..."

"Hmm, tja ..."

"Die französische Revolution hatte zumindest ein Gutes", fuhr er fort. "Diese lächerlichen, eng anliegenden, knielangen Hosen der Aristokraten, die an der entsprechenden Stelle oft ausgepolstert waren, sind von den Sansculottes abgeschafft worden. Den Sansculottes", betonte er noch einmal und sah mich dabei erwartungsvoll grinsend an. Sans culottes heisst ohne Hosen, und natürlich hätte es ihm einen Riesenspass bereitet, wenn ich empört ausgerufen hätte: "Was, liefen die Republikaner etwa ohne Hosen herum?"

Ich grinste zurück: "Diese Culottes - sicher abgeleitet vom Wort cul, der Po - das waren, wie du schon so schön sagtest, die Kniehosen der Aristokraten. Und die Sansculottes, das war der Spottname für die Republikaner, die lange Hosen trugen."

"Genau", meinte er enttäuscht.

"Meiner Grossmutter", sagte ich (es war genau gesagt meine Stief-Grossmutter), "hatte man als junges Mädchen die Brust fest umwickelt, um die Brüste unsichtbar zu machen. Das war Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie kam aus einer Pastorenfamilie, ich weiss nicht, ob das etwas damit zu tun hatte. Sie hat auch später nie einen Büstenhalter getragen, dafür war das Oberteil ihrer Kleider weit geschnitten. Ich habe sie erst kennengelernt, als wir 1947 aus Japan zurückkamen. Sie war eine wunderbare, fröhliche Grossmutter. Wir waren 7 Enkel und in den Sommerferien immer bei ihr willkommen. Natürlich hat keiner von uns sie je nackt gesehen, aber meine Mutter sagte einmal, dass ihre Brüste birnenförmig bis zur Taille hinabhingen. Die armen Brüste meiner lieben Grossmutter."

Wir haben eine alte Frau zur Nachbarin, die nachmittags gern zu einem Schwätzchen vorbeikommt. Jeanne ist 82 Jahre alt, hat sehr grosse Brüste und klagt oft, dass der Büstenhalter sie einengt. Als ich ihr erzählte, dass ich keinen BH mehr trüge, hat sie es auch versucht, aber nicht lange. Die Einengung durch den Büstenhalter war für sie erträglicher als das Gewicht, das die Brüste nach unten zog. "Ausserdem", erklärte sie uns, "sah es unmöglich aus!"

"Heute", sagte ich nun zu B., "lassen viele Frauen, die ihre Brüste zu klein finden, Silikon-Implantate vornehmen. Aber was tun sie später, wenn diese grossen Brüste sich als störend erweisen?"

"Die Implantate wieder herausnehmen lassen."

"Aber wie sehen dann die Brüste aus? Kriegt man das überhaupt wieder hin? Also, was man, wenn man jung ist, oft als Nachteil empfindet, kann sich im Alter durchaus als Vorteil erweisen. Ich denke da an die enormen Brüste dieser amerikanischen Schauspielerin, Pamela Anderson. Nach ihrer Scheidung hat sie die Implantate entfernen lassen."

"Da bist du aber gut informiert", lachte er.

"Das liest man doch in den Zeitschriften, und klar interessiert mich das auch. Aber ehrlich, diese enormen Brüste sehen doch irgendwie vulgär aus."

"Na ja ..."

"Nein, wirklich. Klein ist fein, wie meine Mutter sagte."

Als ich dann nach dem Essen die Küche in Ordnung brachte, dachte ich noch, dass meine Mutter das eigentlich gut gemacht hatte. Jedenfalls habe ich nie wirklich Komplexe wegen meiner recht kleinen Brüste gehabt, und jetzt bin ich sogar richtig froh über sie!

ENDE

*Übersetzung von zizi: Pimmel