Hab mein neues Auto eingeweiht

geschrieben vor zwei Jahren

Es passierte an einem Samstag. Ich war zum Glück ohne B. auf dem Markt. Es herrschte arg wechselhaftes Wetter, ihm war etwas schwindelig, und ich hatte ihm zugeredet, lieber zu Hause zu bleiben. Und das Malör fand auf der Rückfahrt statt, als ich den Parkplatz verliess. Nun muss ich erst einmal erzählen, dass den Zigeunern (Roma, Sinti, Gitanos, Gypsies ...?) schon seit langem ein Stellplatz für ihre Wohnwagen in unserer Gegend zusteht, ohne dass die betroffenen Gemeinden sich einig werden können, wo dieser Stellplatz, für den auch eine Strom- und Wasserversorgung vorgesehen ist, entstehen soll, denn kaum jemand möchte diesen Stellplatz so gern in seiner Nähe haben, während die Zigeuner ihrerseits die unmittelbare Nähe eines Ortes wollen. Um Druck auszuüben, fingen sie schliesslich an, freie Flächen in den Orten zu squatten, von denen sie regelmässig vertrieben wurden. Darauf besetzten sie mit ihren Wohnwagen öffentliche Parkplätze, was noch grössere Störungen auslöste. Als letztes war der Parkplatz unseres Wochenmarktes betroffen. Darüber waren natürlich weder die Händler, noch die Kunden begeistert. Einer der Gründe war, dass die Händler für den Strom- und Wasserverbrauch der Zigeuner bezahlen mussten, ein anderer, dass darüber hinaus viele Kunden fortblieben, weil es zu schwierig war, einen Parkplatz zu finden. Eines Tages waren aber die Zigeuner verschwunden, und seitdem begrenzen riesige, kantige Steine (beinahe schon kleine Felsbrocken) den Parkplatz. Es gibt auch nur noch eine Ein- und eine Ausfahrt, deren Barrieren nachts geschlossen werden, um den Parkplatz vor neuen Zigeuner-Invasionen zu schützen, denn ihren Stellplatz haben sie immer noch nicht erhalten!

Ich verliess also diesen Parkplatz und bog rechts in die kleine Strasse ein, in der zwei Autos sich nur mit Mühe kreuzen können. Man nimmt daher die Kurve so eng wie möglich. Nun ist mein neues Auto aber etwas breiter als das, das ich vorher hatte, und plötzlich hörte ich ein grässliches Schürfgeräusch. Mein Auto hatte den riesigen Stein angeschrammt, der an der Ecke stand!

Als unser Nachbar Jacques den beträchtlichen Schaden unten an der Autotür sah, lachte er und bemerkte fast bewundernd: "Eh bien, là, tu as bien étrenné ta nouvelle voiture!" (Also, da hast du ja dein neues Auto gut eingeweiht!)

Am Sonntag fand das Osteressen bei den Schwiegereltern meiner jüngeren Tochter statt. Auch da wurde mein so "gut eingeweihtes" Auto bestaunt. Gérard, dem Schwiegerpapa meiner jüngeren Tochter, fiel dabei sein letzter Unfall ein: "C'était il y à deux ans..." begann er. "Das war vor zwei Jahren. Ich fuhr zum Bastelgeschäft, parkte am Strassenrand und öffnete die Autotür, um auszusteigen. Es hab ein furchterregendes Getöse, ich wusste gar nicht, was los war. Als ich nach links sah, war meine Autotür verschwunden, abgerissen von einem Auto, das vorbeifuhr! Das junge Mädchen im anderen Auto war genau so erschrocken, aber zu meiner grossen Erleichterung nicht verletzt. Es war ja auch meine Schuld, ich hatte mich blöderweise nicht vergewissert, dass die Strasse frei war, bevor ich die Tür öffnete und habe mir noch lange danach Vorwürfe über meine Unvorsichtigkeit gemacht!"

Meinen Geschwistern erzählte ich am Telefon, was mir da passiert war. Worauf mein Bruder Walther sich an sein eigenes Missgeschick erinnerte: Als er vor 6 Jahren sein neues Auto abholte, ist er erstmal rückwärts in die grosse Schaufensterscheibe des Autohändlers gefahren, weil der Automatik-Getriebewählhebel anders beschriftet war, als er es gewohnt war. Sein Auto hat es gut überstanden, aber die Scheibe war im Eimer.

Bei diesen beiden Unfällen erlitten auch andere einen Schaden, was ja alles sehr viel komplizierter macht. So betrachtet hatte ich Glück, dass mein Unfallpartner ein Stein war, der nicht daran dachte, mir Schwierigkeiten zu machen. Ihm ist auch absolut nichts passiert, er hat sich nicht einmal von der Stelle gerührt. Dagegen sind Spuren meines Autolacks noch immer an ihm zu sehen! Bei der Gelegenheit stellte ich fest, dass auch andere Steine solche Spuren aufweisen, das Unglück betrifft also nicht nur mich!

Auch in einer anderen Hinsicht habe ich Glück: Ich bin Vollkasko versichert, und weil ich seit langen, langen Jahren die Versicherung nicht in Anspruch genommen habe, behalte ich sogar meinen Bonus.

Während der Reparatur, die einige Tage dauerte, bekam ich von der Werkstatt ein kleines Auto geliehen, une voiture de courtoisie, wie es hier so nett heisst. Es war knallgelb und klar stand da der Name der Werkstatt drauf. So fährt man dann auch Reklame für sie, was ich aber gern tat.

Jetzt ist mein Auto wieder wie neu, aber wie kompliziert und teuer sind solche Reparaturen geworden! Nun, nach dieser "Einweihung" wird doch sicher in Zukunft alles gut gehen, das will ich jedenfalls schwer hoffen!

ENDE

P.S. Januar 2014: Meine Hoffnung hat sich bis jetzt - ich klopfe auf Holz - bewahrheitet.