Kindergeburtstag

Eine Erzählung

Tim hatte seinen neuen Pullover an und eine saubere Hose. Jetzt hob ihn seine Mutter auf das Bett, kniete sich vor ihm hin und sagte fröhlich: "Heute bist du bei Florian eingeladen. Stell dir vor, du gehst zum ersten Mal zu einem Geburtstag. So ein grosser Junge bist du schon! Möchtest du die blauen oder die schwarzen Schuhe anziehen?"

Tim antwortete nicht. Er hörte dem Sing-Sang seiner Mutter zu, einem Sing-Sang, in dem Herzklopfen flatterte wie verschreckte kleine Vögel, und in dem noch etwas anderes war, etwas Atemloses, der Blick zum Vater hin, der gross und unbeweglich neben ihnen stand.

Die Mutter hatte Tim die Söckchen angezogen und nahm zwei verschiedene Schuhe in die Hand: "Blau oder schwarz?" fragte sie noch einmal. Tim sah stumm auf die Schuhe, die vor seinem Gesicht auf und ab tanzten, und die Mutter entschied heiter: "Also die blauen!" Sie fing einen seiner zappelnden Füsse ein und steckte ihn in den weit geöffneten Schuh.

"Gut siehst du aus, junger Mann", sagte sie schliesslich und stellte ihn mit einem kleinen Schwung auf die Füsse. "Fertig zur Geburtstagsfeier!" Sie sagte es froh, als sei sie selbst zum Geburtstag eingeladen und freue sich darauf.

"Hier ist das Geschenk." Sie drückte ihm ein bunt verschnürtes Päckchen in die Hand. "Das gibst du Florian. Und vergiss nicht, Guten Tag zu sagen."

Der Vater nahm Tim an die Hand, und Tim streckte die andere Hand nach der Mutter aus. Sie lachte ein wenig, das Vogelgeflatter war wieder zu hören, nun hockte sie sich vor ihn nieder und sagte: "Papa bringt dich zu Florian, ja? Du bist doch jetzt ein grosser Junge. Da muss Mama nicht immer mit."

Sie küsste ihn rasch und schob ihn dann mit dem Vater zur Tür hinaus. Und Tim ging folgsam mit dem Vater mit, nur das Gesicht wandte er seiner Mutter zu, er sah sie flehend an, bevor er anfing zu weinen.

Aus dem Fenster sah sie dann, wie er tapfer neben dem Vater herging, und der Vater ging viel zu schnell für den kleinen Jungen. Jetzt stolperte er, aber der Vater hatte ihn fest an der Hand. Er stellte die leichte Last wieder auf die Füsse und beugte sich zu ihm hinunter. "Hoppla", lachte er sicher, wie auf den gemeinsamen Spaziergängen. Gewöhnlich lachte dann auch Tim und benutzte ihre und des Vaters Hand als Schaukel. Sie konnte nicht sehen, ob er auch jetzt lachte. Sein dünner Hals bewegte sich ein wenig hin und her, und dann ging er wieder brav und eilig neben dem Vater her.

Sie liess die Gardine zurückfallen und setzte sich auf den Sessel. Sicher wird es Tim gefallen, dachte sie. Florian ist sein bester Freund, und Florians Mutter wird dafür sorgen, dass die kleinen Gäste sich wohlfühlen.

Als sie Florians Vater zurückkommen hörte, ging sie ihm bis zur Haustür entgegen. "Hat er geweint?" fragte sie besorgt.

Er schüttelte den Kopf. "Gar nicht", sagte er munter. "Ich hab dir ja gesagt, dass es besser ist, wenn du nicht mitkommst."

Sie versuchte, sich den Abschied vorzustellen. Wie Florians Mutter den Arm um Tims schmale Schultern gelegt hatte. Und Tim, der sicher gern geweint hätte, aber doch nicht weinen durfte, weil er doch jetzt ein grosser Junge war. Bei ihr hätte er geweint, oder gerade nur so ausgesehen, als ob er gern weinen würde, und um ihm die Tränen zu ersparen, wäre sie geblieben. Florians Mutter hätte sie bestimmt gern dabei gehabt.

Tims Vater nahm sie in die Arme und küsste sie. Er war zärtlich, aber sie spürte vor allem seine Ungeduld. "Einen Nachmittag ganz für uns allein", flüsterte er. Er biss sie zärtlich ins Ohrläppchen, sie fühle seinen Atem an ihrem Hals. "Komm", drängte er. "Denk nicht an Tim. Er denkt auch nicht an uns, er spielt mit den anderen."

Woher kam ihr nur auf einmal diese Erinnerung an Kindergeburtstage, an denen sie sich so entsetzlich allein fühlte und von der ersten Minute an auf die vertraute Stimme ihrer Mutter wartete, die sie abholen wollte. Erinnerte sich Tims Vater nicht daran? War er immer ganz und gar glücklich gewesen auf Kindergeburtstagen?

Sie lagen jetzt auf dem Bett. Da, wo Tim gegessen hatte, war noch eine kleine Kuhle zu sehen. Tims Vater hatte ihre Bluse aufgeknöpft und liebkoste zärtlich ihre Brüste. Sie waren voller geworden seit Tims Geburt, sie hatte ihn lange genährt. Wie gross und schwer und knochig kam ihr dieser Mann vor, irgendwie fremd, aber dann kam das Verlangen, und sie schlang die Arme um seinen Hals. Ja, er hatte recht, ein ganzer Nachmittag lag vor ihnen, ein ganzer Nachmittag, und neu daran war nur der kleine, bittere Geschmack ihres Verrates...

ENDE