Im Falle eines Seitensprungs

Rolf verbringt plötzlich verdächtig viel Zeit im Büro. Halb amüsiert, halb gekränkt vermutet seine Frau Cornelia eine Rivalin hinter seinem Arbeitseifer. Doch statt die Eifersüchtige zu spielen, geht sie eigene Wege ...

"Tut mir leid, Mutter, aber ich muss noch einmal los!"

Rolf war schon aufgestanden. Er richtete sich gerade auf, zog den Bauch ein und eilte, nachdem er Cornelia einen flüchtigen Kuss gegeben hatte, zur Tür.

Cornelia sah ihm nach: Ärgerlich, ein wenig amüsiert, aber vor allem beunruhigt. Ärgerlich, weil er es sich in letzter Zeit angewöhnt hatte, sie 'Mutter' zu nennen. Sie konnte das nicht leiden, fühlte sich damit auf einen Platz gedrängt, den sie gerade Rolf gegenüber niemals einzunehmen gedachte.

Amüsiert, weil Rolf auf einmal so eitel geworden war. Er dachte sogar daran, seinen Bauch einzuziehen. Und bei dem Gedanken kam die Unruhe wieder. Nein, ihretwegen hatte er sich bestimmt nicht so verwandelt. Es musste etwas mit Jennifer Seltmann zu tun haben, der jungen Unternehmensberaterin, die er vor zwei Wochen in die Firma geholt hatte.

Cornelia hatte sie einmal gesehen, als sie Rolf in der Firma abholte. Die Seltmann war gross und schlank, attraktiv und selbstsicher - und mindestens fünfzehn Jahre jünger als sie.

Seufzend räumte Cornelia den Tisch ab, trug das schmutzige Geschirr in die Küche, räumte es in die Spülmaschine. Ein langer, einsamer Abend lag vor ihr, Rolf kam in letzter Zeit selten einmal vor Mitternacht nach Hause.

Auf dem Weg zurück ins Wohnzimmer blieb sie vor dem hohen, schmalen Dielenspiegel stehen, um sich kritisch zu betrachten. Auch sie war gross und schlank, allerdings meistens nicht so schick angezogen wie Jennifer Seltmann.

47 Jahre. Zwei erwachsene Kinder, Stefan und Lisa, die beide aus dem Haus waren, einen Mann, der dabei war, sich in eine andere Frau zu verlieben. War ihr, Cornelias, Leben als Frau schon zuende? Rolf war drei Jahre älter als sie, aber ein Mann war wohl nie zu alt, um noch zu gefallen, selbst wenn er einen kleinen Hängebauch hatte und weniger Haare als früher.

War sie in seinen Augen schon die 'Frau ohne Alter', nur dazu da, ihre Lieben zu verwöhnen und ihnen häusliche Wärme und Sicherheit zu gewähren? Eine Frau, die keine eigenen Ansprüche mehr geltend machte? Das war ein schrecklicher Gedanke ...

"Sag mal, Mutti, was ist denn mit Paps los?" fragte Lisa, die zehn Tage später zu einem verlängerten Wochenende nach Hause gekommen war. "Wenn ich ihn nicht kennen würde, würde ich auf eine Frau tippen", gluckste sie.

"Sag bloss, es ist wahr?" fragte sie ungläubig, als sie das verkrampfte Lächeln ihrer Mutter bemerkte.

"Na ja, ich habe keine Beweise", räumte Cornelia ein, "aber Vati ist so, seit diese Jennifer Seltmann im Betrieb ist, du weisst doch, die Unternehmensberaterin." Und mit einem Rest von Humor fügte sie hinzu: "Sie scheint nicht nur die Firma, sondern auch Vati auf Trab zu bringen."

Lisa sah sie kritisch an: "Und was tust du dagegen?"

"Was soll ich tun?" Cornelia hob die Achseln. "Ausserdem bleibt sie ja auch nicht mehr so furchtbar lange."

Lisa starrte sie an, dann rief sie empört aus: "Was? Du siehst dir das ganz ruhig an und wartest, bis das Biest weggeht? Gestern ist Paps den ganzen Tag in der Firma gewesen, an einem Samstag!"

"Er sagt, dass er arbeitet. Vati hat immer viel gearbeitet ..."

"Aber doch nie bis Mitternacht!"

Lisa sah sie jetzt prüfend von oben bis unten an: "Hast dich eigentlich gut gehalten für dein Alter", fiel ihr respektloses, wenn auch durchaus liebevolles Urteil aus. "Vielleicht solltest du nur ein bisschen Rouge auftragen, ich meine, du bist so blass, und dann hast du ein paar graue Haare, meinst du nicht ..."

"Ich soll mich jetzt plötzlich schminken und mein Haar tönen lassen?" unterbrach Cornelia sie voll Abwehr. "Da käme ich mir doch richtig albern vor. Vati hat viel mehr graue Haare als ich, und ich habe mich nie daran gestört."

"Entschuldige, du hast völlig recht", gab Lisa zu. "Morgen werde ich mir diese Seltmann einmal angucken, da begleite ich doch Vati in die Firma." Cornelia studierte Betriebswissenschaften und interessierte sich für alles, was in der Firma ihres Vaters vor sich ging.

...

Am Montag Nachmittag war Lisa zum Kaffeetrinken wieder zurück und erstattete ihrer Mutter Bericht: "Also, die Seltmann ist gar nicht so übel, das muss man ihr lassen, aber Paps hättest du sehen müssen!" Sie verdrehte die Augen zum Himmel. "In ihrer Gegenwert führt er sich auf wie ein eitler Gockel. Es war direkt peinlich."

Dieser ehrliche Kommentar gab Cornelia einen kleinen Stich.

"Also, an deiner Stelle würde ich ihn eifersüchtig machen", hatte Lisa wieder einen Rat parat. "Lach' dir doch auch jemanden an!"

Cornelia winkte ab: "Ich mag nicht mit gleicher Münze heimzahlen. Das muss erst recht schiefgehen. Ich weiss, du meinst es gut, aber ich muss selbst herausfinden, was ich tun muss."

Sie merkte selbst, dass ihre Stimme auf einmal viel fester klang. Ihr Kampfgeist war endlich erwacht. Ja, sie würde etwas unternehmen!

...

Am nächsten Morgen - Lisa war am Vorabend wieder in ihre Universitätsstadt gefahren - sagte Cornelia am Frühstückstisch zu Rolf: "Weisst du was? Ich werde heute mal ins Kunstmuseum gehen, da war ich schon so lange nicht mehr!"

"Hm, gut, tu das." Rolf sah nicht einmal von seiner Zeitung auf.

Cornelia schenkte Kaffee ein und klapperte dabei vernehmlich mit den Tassen. "Ich dachte auch, dass ich eigentlich wieder arbeiten könnte. Seit die Kinder aus dem Haus sind, habe ich doch viel mehr Zeit. Ich weiss, es wird schwierig sein. Es gibt heute so viele arbeitslose Kunsthistoriker. Dazu kommt, dass ich zwar mein Diplom habe, aber nie berufstätig war. Trotzdem: Ich möchte es einfach mal versuchen."

"Hm, ja, gute Idee", kam es wieder hinter der Zeitung hervor.

Cornelia war wütend und verletzt. Gut, sie würde von jetzt an nichts mehr sagen, sie würde handeln!

Als sie das Museum betrat, überlief sie ein freudiger, erwartungsvoller Schauer. Wie oft war sie als Studentin hier gewesen!

Sie stand vor einem Marienbild des 15. Jahrhunderts und betrachtete es ganz versunken, als sie eine Stimme hinter sich hörte: "Cornelia?"

Ungehalten über die Unterbrechung wandte sie sich um, sah in warme braune Augen hinter einer goldumrandeten Brille: "Lothar, Lothar Baumgart. Welch ein Zufall!"

"Etwas Schöneres kann ich mir nicht vorstellen, als dir hier wieder zu begegnen. Wollen wir im Café gegenüber eine Tasse Kaffee trinken? Wie früher?"

"Seit wann bist du denn wieder hier?" fragte Cornelia, als sie sich im Café gegenüber sassen. "Warst du nicht in Süddeutschland?"

"Ja, ich bin meiner Frau zuliebe nach Süddeutschland gezogen und habe in München gearbeitet. Aber unsere Ehe ist vor einem Jahr geschieden worden, und da empfand ich es wie einen Wink des Schicksals, als man mir hier, im Kunstmuseum meiner Heimatstadt, eine Stelle als Konservator anbot."

"Das tut mir leid, das mit deiner Ehe", sagte sie mitfühlend.

"Ach, lassen wir diese unerfreulichen Dinge", seufzte er und lächelte ihr dann zu: "Erzähl mir lieber, wir es dir inzwischen ergangen ist."

"Du erinnerst dich sicher noch, dass ich Rolf geheiratet habe. Nun, wir haben zwei Kinder, die beide studieren. Stefan will Bauingenieur werden und etwas von der Welt sehen, und Lisa studiert Betriebswirtschaft."

"Und was hast du gemacht?"

"Ich war in erster Linie Hausfrau und Mutter."

"Und das bei deiner Begabung! Das ist doch jammerschade."

"Ach, es hat mir Freude gemacht, aber jetzt würde ich tatsächlich gern eine Beschäftigung in meinem ursprünglichen Beruf finden."

"Ich würde dir ja einen Vorschlag machen, aber ... es ist ein Haken dabei", meinte er nachdenklich.

"Sag nur!" Gespannt sah sie ihn an.

"Wir bereiten im Museum eine Ausstellung über byzantinische Kunst vor, und meine Mitarbeiterin fällt wegen Babypause aus. Könntest du für diese Mitarbeiterin einspringen?"

"Ist das wirklich dein Ernst?"

"Jetzt kommt der Haken: Ich weiss nicht, ob das Museum dich angemessen bezahlen kann."

"Mach dir darum keine Sorgen."

"Du willst also?"

"Natürlich will ich!"

"Wann kannst du anfangen?"

"Sofort, wenn du möchtest!" Sie lachte.

...

Von nun an änderte sich Cornelias Leben schlagartig. Morgens wachte sie mit der Vorfreude auf einen langen, spannenden, ausgefüllten Tag auf. Lothar und sie arbeiteten Hand in Hand, steckten sich gegenseitig mit ihrer Begeisterung an, und Cornelia kam abends erst spät nach Hause.

Eines Abends half Lothar Cornelia in ihre Jacke. Seine Hand verweilte etwas länger als nötig gewesen wäre, auf ihrer Schulter.

Plötzlich sagte er: "Weisst du, dass ich mir schon früher immer gewünscht habe, so mit dir zusammenzuarbeiten?"

Sie lächelte etwas erstaunt: "Ja, ich auch, Lothar. Wir haben uns immer gut verstanden, nicht?"

"Herrgott, wenn du damals nicht Rolf geheiratet hättest", murmelte er leise.

Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

Er lächelte schon, wenn auch resigniert: "Ich weiss natürlich, dass du Rolf liebst und dass ich nie eine Chance hatte. Warum habe ich dir das überhaupt gesagt?"

Er sah sie so unglücklich an, dass sie sich ihm näherte und ihm einen zarten Kuss auf die Wange gab: "Ich bin glücklich, dass wir uns wieder begegnet sind. Aber lieben, ja, lieben tue ich wohl nur Rolf."

...

Sie betrat das Haus und hänge ihre Weste in die Garderobe. Im Dielenspiegel sah sie eine Frau an, deren Wangen einen rosigen Hauch hatten und deren Augen glänzten. Hatte sie das Lothars Liebeserklärung zu verdanken? Ja, es tat gut zu wissen, dass sie geliebt und begehrt wurde. Es tat aber auch gut zu arbeiten, sich zu begeistern, etwas zu leisten und anerkannt zu werden. Sie fühlte sich auf einmal viel attraktiver und selbstsicherer.

Sie öffnete die Tür zum Wohnzimmer - und starrte überrascht Rolf an, der im Sessel sass.

"Du bist schon da?" fragte sie.

"Es ist beinahe acht", erwiderte er vorwurfsvoll.

"Ich weiss, es ist heute spät geworden."

"Musst du unbedingt so lange arbeiten?"

"Also hör mal, wie ist das denn mit dir? Du kommst oft noch viel später nach Hause!"

"Aber das ist doch nicht das Gleiche", behauptete er mit einer Stimme, die nicht sehr fest klang. "Ausserdem hab ich Hunger."

"Warum hast du dir nichts zu essen gemacht?"

"Es ist nichts im Kühlschrank!" Und leise fügte er hinzu: "Es ist alles anders, seit du arbeitest."

"Wir sind dabei, den Katalog für die Ausstellung zu schreiben. Ich muss übrigens noch ein bisschen an einem Text arbeiten. Ich bin im Museum nicht dazu gekommen."

"Jetzt? Vor dem Essen?" protestierte Rolf.

"Hör mal, tu uns einen Gefallen. Geh zum Italiener an der Ecke und hol uns eine Pizza."

"Ich?" fragte er ungläubig.

"Ja, du!" erwiderte sie ruhig, stellte ihren Laptop auf den Tisch und klappte ihn auf.

Er öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder und meinte schliesslich: "Na gut, wenn du meinst ..."

Er war es halt gewöhnt, dass alles bereit stand, wenn er nach Hause kam, sagte sie sich und spürte sogar so etwas wie Mitgefühl.

Sie hörte, wie Rolf nach einer Weile zurückkam, war aber so vertieft in ihre Arbeit, dass sie ihn allein in der Küche wirtschaften liess. Es dauerte eine ganze Weile, dann kam er mit dem Teewagen ins Zimmer und deckte ungeschickt den Tisch für zwei Personen.

"Fertig", sagte er schliesslich. "Kommst du jetzt essen?"

Seltsam berührt dachte sie auf einmal, dass sie für einen Abend ihre Rollen vertauscht hatten. Es war etwas in Bewegung geraten ...

...

Rolf sah das Gutachten durch, das Jennifer Seltmann ihm am Vortag übergeben hatte. Sie schlug interessante Lösungen für die Probleme des Betriebs vor, die er eingehend studieren musste. Mit einem Stich im Herzen dachte er daran, dass Jennifer Seltmanns Zeit im Betrieb fast abgelaufen war und dass er sie wahrscheinlich nie wiedersehen würde.

Wie oft war er bis Mitternacht in seinem Büro geblieben, sogar an den Wochenenden. Allein, um in Ruhe an Jennifer Seltmann denken zu können. Er ging Cornelia aus dem Weg, vermied es, mit ihr zusammen zu sein. Er fürchtete, dass sie ihm seinen Seelenzustand ansehen könnte. Alles war immer zwischen ihnen so klar, so durchsichtig gewesen. Aber selbst wenn er jetzt immerzu an Jennifer dachte, brauchte er doch auch Cornelia. Ein Leben ohne sie konnte er sich nicht vorstellen.

In seinem Grössenwahn hatte er geglaubt, im Zentrum ihres Lebens zu stehen. Jetzt war er nicht mehr so sicher. Seit Cornelia im Museum arbeitete, hatte sie sich verändert. Brauchte sie ihn überhaupt noch, um glücklich zu sein?

Und nun durchfuhr ihn ein anderer, ein schrecklicher Gedanke: Hatte Cornelia sich vielleicht in Lothar verliebt? So wie er in Jennifer Seltmann? Er hatte immer vermutet, dass Lothar früher einmal in Cornelia verliebt gewesen war, und jetzt war er geschieden, hatte Cornelia ihm erzählt.

Langbeinig und lächelnd betrat Jennifer einen Augenblich später den Raum. Er bat sie, Platz zu nehmen, räusperte sich und sagte: "Ich möchte Ihnen zu dem Gutachten gratulieren. Sie haben da eine bemerkenswerte Arbeit geleistet." Viel zu steif, zu förmlich, warf er sich sofort unzufrieden vor.

"Danke, Herr Ewerts. Ich habe eine Bitte an Sie. Ich weiss, dass ich bis Monatsende hier unter Vertrag stehe, das sind noch drei Tage. Aber es gibt nichts mehr zu tun für mich, und ich möchte gern meinen Verlobten begleiten, der für einen Monat in die Vereinigten Staaten fliegt. Wäre es möglich, dass Sie mich vorzeitig aus dem Vertrag entlassen?"

Ein Schlag mit der Keule hätte nicht betäubender sein können. Jennifer Seltmann war verlobt! Warum war er in zwei Monaten nicht darauf gekommen, dass es einen Mann in ihrem Leben geben könnte?

"Sie haben mir nie gesagt, dass Sie verlobt sind", brachte er mit Anstrengung hervor.

"Sie haben mich nie gefragt, und ich glaube nicht, dass ich verpflichtet war, Ihnen über mein Privatleben Auskunft zu geben."

"Nein, nein, natürlich nicht." Es gelang ihm sogar, zu lächeln. "Natürlich komme ich Ihrem Wunsch nach, und selbstverständlich werden Sie ihr volles Honorar bekommen."

Jetzt lächelte sie auch: "Danke, Herr Ewerts."

Sie sah Rolf nachdenklich an. Erst vor kurzem war ihr klargeworden, an hundert kleinen Dingen, dass er mehr für sie empfand als nur Achtung vor ihrer beruflichen Kompetenz. Sie wollte nicht noch drei Tage in die Firma kommen, ohne etwas zu tun zu haben, wollte ihn nicht auf die Folter spannen. Die Amerikareise kam ihr sehr gelegen. Ausserdem war er doch, wie sie wusste, durchaus glücklich verheiratet. Sie hatte sogar einmal seine Frau gesehen - und gemocht. Genau wie seine Tochter Lisa.

Als sie gegangen war, setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch. Zuerst empfand er nur eine schmerzliche Leere, aber zu seinem Erstaunen löste sich dann die quälende Anspannung der letzten Wochen. Er hoffte, dass er sich nicht allzu lächerlich gemacht hatte. Oder doch? Er sah an sich herunter. Diesen Anzug, diese Kravatte trug er doch nur, um Jennifer zu gefallen, um jünger zu wirken. Er erinnerte sich plötzlich, wie entgeistert ihn Lisa angesehen hatte, als sie das letzte Mal zu Besuch war. Und er spürte auf einmal das dringende Bedürfnis, seine Frau anzurufen und griff nach seinem Handy..

"Ja, Rolf?" meldete sie sich.

"Könnten wir uns zum Mittagessen in der Stadt treffen, Cornelia? Ich möchte dich sehen. Es ist so lange her, dass wir uns richtig miteinander unterhalten haben."

War es soweit? Wollte er sie um die Scheidung bitten? Cornelia stockte das Herz.

Lothar hatte rücksichtsvoll das Büro verlassen, und sie fragte leise: "Geht es ... um Jennifer Seltmann?"

Es blieb einen Augenblick still an anderen Ende der Leitung: "Du hast etwas gemerkt?" fragte er.

"Es war nicht schwer zu merken."

"Es tut mir so leid, Cornelia. Ich war ... dumm. Du musst mir aber glauben, wenn ich dir sage, dass nichts zwischen uns gewesen ist, selbst wenn es leider nicht ganz mein Verdienst war."

Armer Rolf, dachte sie plötzlich. War es nicht auch ihr Fehler, wenn er so anfällig geworden war für den Reiz einer anderen Frau? Es war eintönig geworden in ihrer Ehe, das sah sie jetzt ein. Aber das würde nun anders werden. Sie hatte an diesem Morgen die Bekannschaft eines Kunsthändlers gemacht, der eine Galerie in dieser Stadt eröffnen wollte. Er hatte ihr den Vorschlag gemacht, diese Galerie zu leiten. Im Museum konnte sie nicht mehr lange bleiben, Lothars Mitarbeiterin würde bald zurückkommen. Da kam dieses überraschende Angebot wie gerufen. Sie würde Rolf alles beim Mittagessen erzählen. Er würde staunen!

"Cornelia, bist du noch da? Ich brauche dich, ich liebe dich. Ich weiss nicht, was da plötzlich über mich gekommen ist ..."

"Es war auch meine Schuld, Rolf, und ich liebe dich auch." Wie sehr, das hatte sie vorhin gemerkt, als sie irrtümlich glaubte, dass er sie um die Scheidung bitten wollte.

Rolf atmete hörbar auf: "Ich werde sofort einen Tisch in unserem Lieblingsrestaurant reservieren. Wir waren schon viel zu lange nicht mehr dort. Ich hole dich dann im Museum ab, einverstanden?"

"Einverstanden. Bis gleich, Rolf!"

Lächelnd beendete sie das Gespräch. Ja, sie würden wieder zusammenfinden. Alles in einem war Jennifer Seltmann ein heilsamer Schock für ihre Ehe gewesen, und sie würde schon dafür sorgen, dass sich nie wieder Routine und Langeweile bei ihnen einschleichen würden ...

ENDE