Der Malkurs

Jacqueline und meine Zugvögel

Weil Nicole nicht aufhört, hin und her zu schwanken zwischen ihrer ursprünglichen Freundschaft zu mir und ihrer neuen Befürchtung, mein Ex-Mann und ich könnten uns wieder zusammentun (mal ist sie liebenswürdig, mal wendet sie sich abrupt ab, wenn wir uns draussen begegnen, obwohl ich ihr beteuert habe, dass ich nichts in dieser Hinsicht im Sinn hätte), war ich erleichtert und glücklich, wieder Kontakt zu meiner früheren Nachbarin Jacqueline aufnehmen zu können. Mit ihr verstand ich mich schon früher sehr gut. Sie ist seit langen Jahren Witwe, ihr (recht schwieriger) Mann starb, als ich noch hier wohnte. Danach war sie sehr glücklich mit einem neuen Partner, der leider inzwischen ebenfalls verschied. Jacqueline hat mit ihren jetzt 80 Jahren überall Schmerzen: Arthrose, Ischias... und trotzdem immer gute Laune. Sie nimmt mich zu einem kleinen Malkurs mit, der einmal in der Woche hier in der Wohnsiedlung stattfindet. Es ist ein uneigennütziger Kurs, in dem es recht ungezwungen zugeht, nur ein kleiner Beitrag für Allgemeinausgaben (Farben, Pinsel u.s.w.), ist ab und zu erwünscht. Es gibt dort nur wir "Alten", wir sind acht, manchmal auch weniger, und wir lachen und unterhalten uns mehr, als dass wir malen.

Trotzdem kommt es ab und zu vor, dass jemand malt. Unsere Lehrerin ist dann glücklich, ihre Ratschläge erteilen zu können. Manchmal ergreift sie - nachdem sie höflich um Erlaubnis gefragt hat, selbst den Pinsel, um etwas zu verbessern. Einmal kam es allerdings vor, dass sie Jacqueline zwar höflich um Erlaubnis bat, dann aber nicht aufhören konnte und schliesslich äusserst zufrieden das von ihr total fertig gemalte Bild betrachtete, während Jacqueline fassungslos daneben sass. Auf unserem gemeinsamen Rückweg hatte sie ihre Frustration immer noch nicht verwunden und sprach von nichts anderem. Und ich konnte ihr nur recht geben, aber es war halt ein Ausrutscher unserer Lehrerin, die von ihrer Begeisterung davongetragen wurde, und Jacqueline hat ihr inzwischen auch verziehen.

Was ich vor allem von unserer Lehrerin lerne, ist, dass es in Punkto Farben subtile Regeln gibt. So malt man zum Beispiel nie einen Himmel nur in Blautönen, man fügt vor allem in der Ferne auch ein Violett hinzu. Und die verschiedenen Grüntöne eines Baumes kann man mit einigen kleinen Orangeklecksen spektakulär beleben.

Das Bild oben - "Zugvögel" - habe ich sehr frei nach einem Foto gemalt, indem ich ihre Ratschläge befolgte. Unsere Lehrerin fand es ausgezeichnet (vielen Dank!), aber die kleinen Orangekleckse zu den verschiedenen Grüntönen der Baumblätter, die sie hinzufügte (nachdem sie mich um Erlaubnis gebeten hatte) sind leider auf dem Foto kaum zu erkennen. Ausserdem hat mein Bild Breitformat, so dass hier leider die horizontale Weite des Himmels fehlt.

Fortsetzung folgt...